Covid-19-Impfungen in der Türkei: Bereits vor Impfbeginn ein einziges Fiasko

Von Barış Demir
19. Januar 2021

Noch bevor die Impfkampagne überhaupt begonnen hat, führt die Regierung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und ihre mörderische Politik der „Herdenimmunität“ in ein einziges Fiasko.

Zuvor war angekündigt worden, dass Ende Dezember mit den Impfungen begonnen werden sollte und bis Ende Januar 20 Millionen Dosen des Impfstoffs zur Verfügung stehen würden. Der Gesundheitsminister Fahrettin Koca erklärte am 7. Januar, die Regierung habe eine endgültige Vereinbarung über „50 Millionen Dosen Totimpfstoff“ für ein Land mit 83 Millionen Einwohnern getroffen. Er fügte hinzu, dass nur ein „erster Teil der 3 Millionen Dosen an die Lager geliefert wurde“.

Nach einer Kabinettssitzung am Montag vergangener Woche erklärte Präsident Erdoğan, dass die Impfungen am Donnerstag oder Freitag beginnen würden, gab aber keine Erklärung darüber ab, warum die Impfungen noch nicht begonnen hatten.

Die Hauptversorgung mit dem Impfstoff in der Türkei wird aus drei Millionen Sinovac-Impfstoffdosen aus China bestehen, die bereits eingetroffen sind. Wie die WSWS kürzlich berichtete, „zeigen erste Ergebnisse einer kleinen Studie in der Türkei mit 7000 freiwilligen Probanden eine Wirksamkeit von 91,25%; 78% nach einem Versuch mit 12.000 freiwilligen Probanden in Brasilien.“ Am Montag gaben indonesische Beamte eine 65-prozentige Wirksamkeit für Sinovac-Studien in diesem Land bekannt.

Covid-Impfstoff (Stock image credit: Envato)

Gesundheitsminister Koca erklärte am 8. Januar außerdem: „Heute haben wir erneut eine Sitzung für einen Impfstoff auf mRNA-Basis abgehalten und den neuen Versorgungsplan überprüft. Wir haben einen Vertrag für garantierte 4,5 Millionen Dosen und darüber hinaus bis zu 30 Millionen weitere Dosen unterzeichnet.“ Es wird zwar vermutet, dass es sich dabei um den Impfstoff der Hersteller Pfizer/BioNTech auf mRNA-Basis handelt, allerdings gab er nicht an, wann der Impfstoff geliefert werden soll. Mit weiteren Impfstoffherstellern, deren Produkte bereits in vielen Ländern zum Einsatz kommen, hat die Türkei kein Abkommen getroffen.

Während die Türkei also etwa 160 Millionen Dosen benötigt, wurden nur 80 Millionen bestellt. Bislang wurden nur drei Millionen Dosen geliefert, und eine Massenimpfung steht noch immer aus. Zudem macht die Regierungsspitze keine sicheren Aussagen darüber, wann, wie viele Dosen und für wen der Impfstoff in der Türkei verfügbar sein wird.

Unter diesen Bedingungen entfachte die live übertragene Impfung eines regierungsfreundlichen Sängers namens Alişan einen Sturm der Entrüstung in den sozialen Medien. Professor Çağhan Kızıl, der im Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen tätig ist, tweetete: „In welcher ‚Prioritärengruppe‘ befindet sich diese Person mit einem Mikrofon in der Hand, während Arbeiter des Gesundheitswesens und Menschen über 65 noch nicht vollständig geimpft worden sind? Welcher Impfstoff wurde ihm verabreicht?“

Da die Pandemie, wie überall auf der Welt, noch immer außer Kontrolle ist, warnen Experten und Wissenschaftler in der Türkei, dass Covid-19 noch lange eine Gefahr darstellen wird. Ein vollständiger Lockdown sowie ein umfassender Einkommensausgleich sind notwendig, um den vermeidbaren Tod von Zehntausenden zu verhindern, bevor die Impfungen wirken können.

Es wird immer deutlicher, dass die Ankündigung eines frühzeitigen Beginns der Impfkampagne nur als Rechtfertigung für die Lockerung oder gänzliche Aufhebung der ohnehin ungenügenden Maßnahmen oder des Lockdowns in der Türkei dienten. Die Banken und die Regierung beabsichtigen die Aufhebung aller Maßnahmen und die Öffnung der Schulen pünktlich zum neuen Halbjahr am 15. Februar, um die Eltern und Sorgeberechtigten wieder zurück an die Arbeit zu zwingen.

Trotz eines Rückgangs der offiziellen Zahlen infolge der Schließungsmaßnahmen bleiben die Infektionen und Todesfälle in der Türkei auf einem erschreckend hohen Niveau. Die Zahl der täglichen Infektionen sank in den letzten Tagen von 8.500 auf etwa 6.500. Auch die offizielle Zahl der täglichen Todesfälle ist von einem Rekordwert von 259 am 23. Dezember auf etwa 165 gesunken.

Um genau zu sein, gibt es keinen Grund, den Zahlen des inzwischen diskreditierten Gesundheitsministeriums Glauben zu schenken. Bis vor kurzem weigerte es sich, genaue Daten über die Pandemie zu veröffentlichen und machte eine willkürliche, unwissenschaftliche Unterscheidung zwischen „Fällen“ und „Patienten“, um eine Meldung asymptomatischer oder leicht symptomatischer Fälle als Covid-19-Infektionen zu vermeiden. Die wachsende Wut in der Bevölkerung über diese Vertuschung zwang die Regierung zur Veröffentlichung von Daten, die scheinbar sämtliche Infektionen ab November repräsentieren.

Das Team der Londoner Forschungsgruppe TotalAnalysis, das seit dem Ausbruch der Pandemie die offiziellen Covid-19-Daten aus über 200 Ländern auswertet, veröffentlichte den sogenannten Covid Data Transparency Index (CDTI). Dem Index zufolge befindet sich die Türkei auf Platz 97 von 100 Ländern, noch hinter Serbien, Turkmenistan und Nordkorea.

Es wurde festgestellt, dass „trotz der jüngsten Verbesserungen die Daten der Türkei nicht den internationalen Standards entsprechen, sodass es für die Öffentlichkeit schwierig ist, sinnvolle Vergleiche zu ziehen. Zum Beispiel enthält das Verzeichnis die tägliche ‚Rate von Lungenentzündungen bei Patienten‘, schließt zugleich aber globale Zahlen wie Positivitäts- und Sterblichkeitsraten aus.“

Da sich die Regierungen international nicht auf Menschenleben, sondern auf die Rettung von Profiten konzentrieren, ist die Markteinführung der Impfstoffe überall von Chaos und Inkompetenz geprägt. Die WSWS stellte bereits fest: „Während sich die Corona-Pandemie weiterhin unkontrolliert über den europäischen Kontinent ausbreitet, wird das von der Europäischen Union organisierte Impfprogramm weithin als Debakel anerkannt.“

Bis zum 5. Januar wurden in Frankreich nur 5.000 Menschen geimpft, in Italien 260.000, in Spanien 139.000 und in Dänemark 63.000. In den Vereinigten Staaten, wo die Markteinführung des Impfstoffs durch Verzögerungen gehemmt wird, ist die Situation ähnlich. Hinsichtlich der Impfung bedienen sich die herrschende Klasse und die Regierung in der Türkei einer faulen und nationalistischen Medienkampagne, um ihre gescheiterte Reaktion auf die Pandemie und die Impfpolitik zu verschleiern und die wachsende Wut in der Öffentlichkeit umzulenken.

Die Gründer des deutschen Unternehmens BioNTech, Prof. Dr. Uğur Şahin und Dr. Özlem Türeci, werden in den Medien regelmäßig als türkische Erfolgsgeschichten gepriesen. Şahin und Türeci waren zunächst auf der Titelseite des Spiegel und anschließend des Time Magazine zu sehen. Şahin, der CEO von BioNTech und türkischer Staatsbürger, hat es rasch in die Forbes-Liste der Milliardäre geschafft. Mit einem Nettovermögen von 4,2 Milliarden Dollar zählt er zu den führenden deutschen Milliardären.

Die Profiteure der Pandemie stellen die andere Seite des Impfstoff-Fiaskos dar, in dem Hunderttausende Menschen einen vermeidbaren Tod sterben, während die Markteinführung von Impfstoffen stagniert.

Diese Zustände erzeugen eine tiefe Wut in der Arbeiterklasse und in den sozialen Medien über die vorherrschenden Bedingungen. Der Biologieprofessor Emrah Altındiş vom Boston College erinnerte an den Präzedenzfall Jonas Salks, der sich bewusst gegen eine Patentierung seines Impfstoffs gegen Polio entschieden und erklärt hatte: „Das Patent auf diesen Impfstoff gehört der Menschheit. Könnten Sie die Sonne patentieren?“ Altındiş fügte hinzu: „Milliarden von Menschen werden keinen Zugang zu dem Pfizer-Impfstoff haben, der 95-prozentigen Schutz bietet, a) wegen der Kapazitätsgrenze des produzierenden Unternehmens, b) der Patentrechte und c) der Kosten des Impfstoffs.“

Der von der WSWS veröffentlichte Artikel „Pandemie-Profiteure: Forbes erweitert Liste der globalen Milliardäre um 50 Healthcare-Unternehmer“, der unter den Kommentaren auf Twitter geteilt wurde, erhielt starken Zuspruch, weil es sich hierbei um den einzigen auf Türkisch veröffentlichten Artikel handelte, der diese Profiteure entlarvt.

Damit nicht weitere Millionen Menschen um des kapitalistischen Profits willen sterben, sind die Mobilisierung der Arbeiterklasse und die Durchsetzung der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie dringend notwendig. Dies erfordert den Einsatz der Wissenschaft zum Wohle der Menschheit, nicht für den privaten Profit. Dafür muss die internationale Arbeiterklasse mobilisiert werden, um die Pharmagiganten und jeden großen Industriezweig in öffentliches Eigentum umzuwandeln, das den sozialen Bedürfnissen dient und als Teil des Kampfes für den Sozialismus unter demokratische Kontrolle gestellt werden muss.

 

Siehe auch:

Türkei: Neue Zahlen enthüllen katastrophale Auswirkungen der Politik der „Herdenimmunität“
[16. Dezember 2020]

Türkei: Studierendenproteste trotzen polizeistaatlicher Willkür
[9. Januar 2021]

 

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