Adler-Modemärkte melden Insolvenz an: Profitmaximierung auf Kosten der Beschäftigten

Von Elisabeth Zimmermann
15. Januar 2021

Die Adler Modemärkte AG mit 171 Filialen und 3350 Beschäftigten hat am 10. Januar einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung beim Amtsgericht Aschaffenburg gestellt. Als Grund gab das Unternehmen die Covid-19-Pandemie an. In Wirklichkeit wird diese genutzt, um bereits geplante Gewinnsteigerungen auf Kosten der Beschäftigten durchzusetzen.

Der anhaltende Corona-Shutdown und die Schließung der Märkte habe zu Umsatzeinbußen, einer Überschuldung des Unternehmens und mangelnder Liquidität geführt, lautet die offizielle Begründung. Es sei nicht möglich gewesen, ausreichende Finanzmittel über Kapitalinvestoren oder staatliche Unterstützungsfonds zu erhalten.

Eröffnung eines Adler-Modemarkts in Solingen 2015 (Bild: Adlerpraktikant2015 / CC BY-SA 4.0)

Doch noch Ende November letzten Jahres hatte der Mehrheitseigentümer der Adler AG, die S&E Kapital GmbH, die ihr Anteilspaket an einen Investor veräußern wollte, dem Unternehmen ein positives Zeugnis ausgestellt: „Das starke Management-Team der Adler Modemärkte AG hat vor Kurzem […] einen strukturierten Plan vorgelegt, wie das Unternehmen seinen Umsatz auf 560 Millionen Euro im Jahr 2023 bei einem EBITDA [Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen] von mehr als 70 Millionen Euro steigern will.“

Das Unternehmen sei gut positioniert und verfüge über die finanzielle Basis sowie die richtige Strategie, um aus dem aktuellen Marktumfeld als Marktführer bei den „Best Ager“ (der Bevölkerungsgruppe ab 55 Jahren) hervorzugehen und sich in Zukunft erfolgreich weiterzuentwickeln.

Auch wenn diese Bekanntmachung Teil des Verkaufsmarketings gewesen sein dürfte, war das Ziel klar. Der Gewinn vor Steuern und Abgaben sollte auf dem Niveau des erfolgreichen Jahres 2019 bleiben. Nur sechs Wochen später hat die Adler AG Insolvenz in Eigenverantwortung angemeldet.

Nun fürchten die Beschäftigten, allen voran die Verkäuferinnen und Verkäufer der 171 Filialen, um ihre Arbeitsplätze. Dies gilt insbesondere für die 142 Standorte in Deutschland. Die 24 Filialen in Österreich (mit rund 300 Beschäftigten) sowie in Luxemburg und der Schweiz sollen von der Insolvenz nicht betroffen sein, aber auch hier ist die Bedrohung mehr als akut.

Das Schutzschirmverfahren, die Insolvenz in Eigenverwaltung, bietet dem Unternehmensvorstand und Insolvenzverwalter enorme Möglichkeiten, Arbeitsplätze und erworbene Rechte der Beschäftigten abzubauen. Nach drei Monaten können alle Arbeitsverträge gekündigt und Tarifverträge für null und nichtig erklärt werden. Auch die Altersversorgung für die Beschäftigten steht zur Disposition.

Das Amtsgericht Aschaffenburg hat dem Antrag von Adler auf Insolvenz in Eigenverwaltung stattgegeben und Rechtsanwalt Tobias Wahl aus Mannheim zum vorläufigen Sachverwalter bestimmt. Er wird von den einschlägigen Medien wie dem Handelsblatt unter „Deutschlands besten Anwälten“ gelistet, vom Magazin Wirtschaftswoche als „Topanwalt des Jahres 2020 im Insolvenzrecht“. Mit anderen Worten, Wahl ist ein harter Sanierer, der Unternehmen oder Unternehmenskerne auf Kosten der Belegschaften „rettet“.

Das Unternehmen wurde 1948 in Annaberg in Sachsen gegründet. Der jetzige Hauptsitz befindet sich in Haibach in der Nähe von Aschaffenburg in Bayern. Der Gründer des Unternehmens, Wolfgang Adler, hatte es in den 1980er Jahren an den Metro-Konzern verkauft. Dann wechselte es zu mehreren Finanzinvestoren. Der Mehrheitsaktionär S&E Kapital hält etwa 53 Prozent der Aktien. Die Versuche, diesen Anteil zu verkaufen, blieben erfolglos.

Hinter S&E stecken die seit gut vier Jahren insolvente Steilmann SE (ebenfalls ein Modeunternehmen) und der Finanzinvestor Equinox. Der Aktienkurs der Adler-Modemärkte fiel am Montag, nach Bekanntwerden der Insolvenz, um 70 Prozent auf gerade noch 70 Cent.

1987 war der Bekleidungskonzern Adler in den Schlagzeilen, weil ein Streik von Näherinnen für bessere Arbeitsbedingungen beim Adler-Tochterunternehmen Flair Fashion in Südkorea blutig niedergeschlagen wurde. Auch die Löhne für Verkäuferinnen und Verkäufer bei Adler-Modemärkte selbst befinden sich auf relativ niedrigem Niveau. Aber selbst diese stehen jetzt durch das Insolvenzverfahren unter Beschuss.

Die Gewerkschaft Verdi erklärte in einer Stellungnahme: „Adler war nach unserer Kenntnis vor dem erneuten Lockdown bis Dezember ein kerngesundes Unternehmen.“ Sie erwarte deshalb, dass seine Sanierung ohne Personalabbau und ohne Filialschließungen erfolge und dass die Haustarifverträge, die Verdi mit Adler abgeschlossen hat, erhalten blieben.

Auch der für den Einzelhandel zuständige Sekretär beim Verdi-Bundesvorstand, Cosimo-Damiano Quinto, äußerte sich am 11. Januar gegenüber der Zeitung Junge Welt mit der Forderung, dass „eine Sanierung des Unternehmens ohne Personalabbau, ohne Filialschließungen und Beibehaltung der Haustarifverträge bei Adler“ durchgeführt werde.

Diese Erwartung ist völlig unglaubwürdig. Die Funktionäre von Verdi wissen ganz genau, dass eine Insolvenz in Eigenverwaltung harte Sanierungsmaßnahmen auf Kosten der Belegschaft bedeutet. Ihnen geht es nur darum, jeden Widerstand der Arbeiterinnen und Arbeiter zu unterdrücken und selbst auf Seiten der Geschäftsführung und des Insolvenzverwalters mit im Boot zu bleiben, um die Angriffe gegen die Beschäftigten durchzusetzen. Das ist die Rolle von Verdi und anderen Gewerkschaften bei allen Abbaumaßnahmen – von Unternehmen wie Lufthansa und Wisag bis zu Insolvenzverfahren wie bei Galeria Karstadt Kaufhof im letzten Jahr.

Das Insolvenzverfahren der Adler-Modemärkte ist nicht das erste und wird nicht das letzte sein. Schon zuvor strichen Firmen wie Esprit, Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn, Appelrath Cüppers, Hallhuber, Colloseum, Tally Weijl im Zuge von Insolvenzverfahren Arbeitsplätze, Löhne und soziale Rechte.

Nach einer Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) befürchten fast zwei Drittel aller Textil- und Modehändler in den Innenstädten die Zahlungsunfähigkeit. Bei Schuh- und Lederwarenhändlern sind es sogar 82 Prozent. HDE-Geschäftsführer Stefan Genth befürchtet, dass bis zu 50.000 Geschäfte Pleite gehen und 250.000 Arbeitsplätze in diesem Bereich abgebaut werden könnten.

Auch in Österreich sieht der Handelsverband in der Adler-Insolvenz „erst die Spitze des Eisbergs“, wie die Zeitung Der Standard berichtet. Ein Drittel der Handelsunternehmen hat befürchtet, bereits das Jahr 2020 nicht zu überstehen. Mittlerweile könne jeder vierte Händler eingehende Rechnungen nicht bezahlen. „6500 Händler sind in Österreich de facto pleite“, warnt Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands. Dadurch sind etwa 60.000 Arbeitsplätze bedroht.

Während die großen Konzerne wie Lufthansa, Tui und Co. viele Milliarden Euro erhalten, kommt bei den Handelsunternehmen bedeutend weniger an. Und was ankommt, landet bei den Banken und Gläubigern, nicht bei den Beschäftigten. Adler hatte im Frühjahr 2020 einen staatlich abgesicherten Hilfskredit über 69 Millionen Euro erhalten, bis Ende Oktober aber nur zwei Drittel davon in Anspruch genommen. Nun sei wegen eines Verlusts von 63 Millionen Euro in den ersten drei Quartalen die Insolvenz unausweichlich.

Die Deutsche Presseagentur (dpa) merkte in einem Artikel an, es sei auffällig, dass es bisher vor allem die Großen seien, „die trotz der Teil-Aussetzung der Insolvenzantragspflicht Schutz im Insolvenzverfahren suchen“. Der Kreditversicherer Euler Hermes habe im textilen Einzelhandel allein in den ersten neun Monaten 2020 insgesamt acht sogenannte „Großinsolvenzen“ von Unternehmen mit einem Umsatzvolumen von mehr als 50 Millionen Euro registriert. „Ein Grund dafür könnte sein, dass die Branchenriesen eher noch als kleinere Wettbewerber die Insolvenzverfahren auch als Sanierungswerkzeug nutzen, um Schulden loszuwerden, aus langlaufenden, teuren Mietverträgen herauszukommen und sich leichter von Mitarbeitern zu trennen.“

Die Adler-Beschäftigten müssen sich deshalb in von den Gewerkschaften unabhängigen Aktionskomitees organisieren und für die bedingungslose Verteidigung ihrer Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen kämpfen. Die Gelder, die aktuell an die Aktionäre der Großkonzerne verteilt werden, um die Profitgier im Zuge des Börsenbooms zu stillen, müssen eingesetzt werden, um die vollen Löhne und alle Arbeitsplätze der Beschäftigten zu sichern, während sie aufgrund der Covid-19-Pandemie zuhause bleiben.

Dies erfordert eine internationale sozialistische Perspektive, die die Interessen und Bedürfnisse der Arbeiter vor die Profitinteressen der Unternehmen und Banken stellt, sowie den Aufbau der Sozialistischen Gleichheitspartei.

 

Siehe auch:

Galeria Kaufhof Karstadt: Ausverkauf der Beschäftigten durch die Gewerkschaft Verdi
[1. Juli 2020]

Lufthansa: Bundesregierung fordert schnelleren Arbeitsplatzabbau
[11. November 2020]

Frankfurt/Main: WISAG entlässt zu Weihnachten 225 Flughafenarbeiter
[23. Dezember 2020]

 

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