Berlinale-Film „Schwesterlein“ für Oskar-Verleihung nominiert

Von Bernd Reinhardt
8. Januar 2021

Der Schweizer Film „Schwesterlein“ der beiden Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, der auf der Berlinale 2020 seine Weltpremiere feierte, wurde für die Oskar-Verleihung in der Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ nominiert, die voraussichtlich am 25. April 2021 stattfinden wird. Die Filmbesprechung der WSWS erschien zuerst am 20. März 2020.

In den letzten Jahren hat sich ein kleiner Teil der Mittelschichten erfolgreich nach Karriere und Wohlstand gereckt. Der größere, darunter viele Künstler, lebt in zunehmend unsicheren sozialen Verhältnissen und kommt unmittelbar mit Armut in Berührung. Diese Polarisierung zeigt sich besonders deutlich seit Beginn der Corona-Pandemie.

Hält Geschwisterliebe, fragt der Schweizer Film Schwesterlein (Stéphanie Chuat und Véronique Reymond), wenn der Bruder gerade krank und pflegebedürftig wird, während die Schwester in die reiche Oberschicht aufsteigen könnte?

Der Film, der auf der letzten Berlinale seine Weltpremiere feierte, wurde mit dem Zürcher Filmpreis ausgezeichnet und für die Oskar-Verleihung in der Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ nominiert, die voraussichtlich am 25. April 2021 stattfinden wird. In die deutschen Kinos kam der Film nur für vier Tage Ende Oktober, bevor der nächste Lockdown beschlossen wurde.

Sven (Lars Eidinger), Schauspieler an der Berliner Schaubühne, ein gefeierter Hamlet, ist unheilbar krank und wird nicht mehr lange leben. Zunächst noch voll Hoffnung, bereitet er sich auf die Wiederaufnahme der erfolgreichen Hamlet-Inszenierung vor. Schwester Lisa (Nina Hoss) hilft, wo sie kann, und holt ihn vorübergehend in die Schweiz, wo ihr Mann Martin (Jens Albinus) noch Direktor einer Eliteschule ist. Die Rückkehr nach Berlin ist fest geplant.

Nina Hoss als Lisa in "Schwesterlein" (Bild: Vega Film)

Als Martin die Nachricht erhält, man wolle seinen Vertrag verlängern, willigt er ein, ohne sich mit Lisa abzusprechen. Er hätte keine Wahl gehabt, erklärt er später. Dasselbe erklärt auch Regisseur David (gespielt vom Künstlerischen Leiter und Regisseur der Berliner Schaubühne Thomas Ostermeier). Er müsse Hamlet absetzen, er habe ein Haus zu füllen und Sven sei zu geschwächt. Später lehnt er ohne äußere Not Lisas einfaches Dialogstück ab, das sie für Sven geschrieben hat: eine moderne Fassung des Märchens Hänsel und Gretel.

Die scheinbaren Alternativlosigkeiten erweisen sich als soziale Entscheidungen: Auch der hin- und hergerissene David distanziert sich letztlich von der glanzlosen Welt und ihren existenziellen Problemen, zu der auch Sven jetzt gehört. Der Film trifft den richtigen Ton gegenüber der Karrieristen-Welt, so in der Szene, wo Elite-ElternChampagner schlürfen und Schulleiter Martin gestelzt fragen, ob er seine Kinder auch schon in dieser Schule angemeldet habe.

Die beiden Kinder von Lisa und Martin haben sich aber längst mit dem kranken Onkel angefreundet. Als Lisa mit ihnen nach Berlin zurückkehrt und Martin versucht, die Kinder per Entführungsaktion zurückzuholen (was er „als das Beste für ihre Zukunft“ bezeichnet), scheitert er am Widerstand vor allem der etwas älteren Tochter. Die Kinder in diesem Film sind Teil der neuen Generation, die gegen die soziale Ungleichheit und Kälte der kapitalistischen Gesellschaft zu rebellieren beginnt. Dass die Zukunft à la Martin im verschneiten, kalten Winterkurort in der Schweiz gezeigt wird, ist ein passendes Bild.

Mit Ironie werden gewisse Künstlerkreise bedacht. Lisas Mutter (Marthe Keller), eine leicht demente ehemalige Schauspielerin, wendet sich gegen Lisas Märchenstück und lässt nur das belehrende „politische Theater“ von Brecht gelten, alles andere sei „kleinbürgerlich“. Ihre Lebenshaltung ist typisch für ehemalige 68er, die die sozialen Gegensätze im Allgemeinen kritisieren, aber gleichzeitig einen ichbezogenen, gehobenen Lebensstil pflegen. So will sie nicht mal für die Kinder kochen. Aber wenn sie gerade mal Lust verspürt, einen Kuchen zu backen, ist der natürlich angebrannt.

Auch Martin macht gelegentlich ironische Bemerkungen über die reichen Eltern der Eliteschule. Erst die besondere Situation um Sven zwingt ihn, wirklich Farbe zu bekennen. Plötzlich ist da ein Graben zwischen ihm und Lisa, den beide unter „normalen“ Umständen nie für möglich gehalten hätten. Svens Elend, so leid es Martin tut, soll nicht seine Karriere behindern. Martins Sorge um die Kinder ist letztendlich die eigene Angst vor dem sozialen Abstieg: vielleicht Leiter einer Brennpunktschule in Berlin, nicht auszudenken. Lisa muss entsetzt feststellen, dass Svens Existenz auch von Martin nur noch als Ballast gesehen wird. Man bekommt als Zuschauer plötzlich eine Ahnung, wie es in der Nazi-Zeit möglich war, von lebensunwerten „Ballastexistenzen“ zu sprechen.

Lisas soziale Einstellung beeinflusst ihre Haltung zur Kunst, ohne dass es ihr zunächst bewusst ist. Da ist eine Sehnsucht nach wirklich Substantiellem. Der hartnäckige Willen, die letzte Zeit des Bruders menschenwürdig zu gestalten, bringt ihr die verloren geglaubte Kreativität zurück: Hänsel und Gretel – zwei Geschwister halten zusammen im dunklen Märchenwald der gefühlskalten Gegenwart. Sie kämpfen gegen die süßen Verlockungen der bösartigen, kapitalistischen „Hexe“ und besiegen sie.

 

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