Trotz steigender Covid-19-Todesraten: Biden und die Demokraten wollen Schulen im neuen Jahr schnellstmöglich wieder öffnen

Von Jerry White
4. Januar 2021

Im gesamten US-Bundesgebiet – von San Diego, Tacoma und Denver bis Chicago, Atlanta und Washington D.C. – planen dutzende große Schulbezirke, den Unterricht in den ersten Wochen des neuen Jahres wieder aufzunehmen, obwohl Gesundheitsexperten für Januar hinsichtlich der Coronavirus-Pandemie „Anstieg auf Anstieg“ vorhersagen. Das Virus hat in den USA bereits rund 360.000 Menschenleben gekostet.

Mit fast 70.000 Todesfällen in den letzten 30 Tagen und einem Rekord von 3.725 Todesfällen am 29. Dezember war der Dezember der tödlichste Monat seit Beginn der Pandemie, so die Johns Hopkins University. „Die nächsten Monate werden schrecklich“, sagte Dr. Jonathan Reiner, Professor für Medizin an der George Washington University, gegenüber CNN. „Wir werden 3.000, vielleicht sogar mehr Menschen pro Tag verlieren, wahrscheinlich bis weit in den Februar hinein.“

Pädagogen aus Metro Atlanta demonstrieren mit einer Sargattrappe (Organization of DeKalb Educators)

Der designierte Präsident Joe Biden griff diese grausige Vorhersage in seiner kurzen Ansprache am Dienstag auf, als er sagte: „Wir werden in den kommenden Monaten Zehntausende Menschenleben verlieren.“ Infektionen über die Feiertage, fügte er hinzu, „werden die Zahl der Todesopfer im Februar in die Höhe schnellen lassen“ und „wir werden vielleicht erst im März eine Besserung erleben“.

Doch Biden schlug keine Notfallmaßnahmen vor, um diese Katastrophe zu verhindern. Im Gegenteil: Er wiederholte seinen Plan, die meisten Schulen bis Mitte April zu öffnen, was das Leben von Millionen Kindern und Lehrern gefährdet. Um dies zu unterstreichen, hat Biden den Schulinspektor von Connecticut, Miguel Cardona, einen lautstarken Befürworter der Schulöffnungen, als seinen Bildungsminister ausgewählt.

Eine letzte Woche in der Zeitschrift Science veröffentlichte Studie über staatliche Eindämmungsmaßnahmen in 41 Ländern hat ergeben, dass die Schließung von Schulen und Universitäten die Ausbreitung von Covid-19 um 38 Prozent reduzierte. Die Schließung von nicht lebensnotwendigen Ladengeschäften reduzierte die Übertragung um 18 Prozent. Doch die Biden-Regierung hat einen nationalen Shutdown strikt ausgeschlossen. Stattdessen ist Biden wild entschlossen, die Schüler in die Klassenzimmer zurückzuschicken, damit ihre Eltern wieder an die Arbeitsplätze getrieben werden können, um für die Konzerne Profite zu erarbeiten.

Der in Großbritannien aufgetauchte neue und noch infektiösere Virusstamm, der nun auch in den USA, Japan, Deutschland und anderen Ländern entdeckt wurde, scheint unter Kindern – die bislang niedrigere Infektionsraten als Erwachsene hatten – übertragbarer zu sein. Nach Angaben des Office for National Statistics in Großbritannien weisen Schüler der an weiterführenden Schulen, insbesondere der Jahrgangsstufen 7 bis 11, die höchste Infektionsrate in der Gesamtbevölkerung auf.

Miguel Cardona (UConn.edu)

Laut Forschern der London School of Hygiene and Tropical Medicine ist es „unwahrscheinlich“, dass ein weiterer landesweiter Shutdown in Großbritannien die Übertragungsraten reduzieren wird, wenn nicht auch Schulen und Universitäten geschlossen würden. Dies berichtete die britische Daily Mail. Dennoch werden die meisten britischen Schüler am 11. Januar wieder zur Schule geschickt.

In den Vereinigten Staaten waren zum 21. Dezember laut dem Bildungsportal Education Week in nur zehn US-Bundesstaaten, sowie Puerto Rico und dem District of Columbia Schulen vollständig oder teilweise geschlossen. Gleichzeitig haben vier Staaten – Iowa, Florida, Arkansas und Texas – angeordnet, dass alle Schulen Präsenzunterricht erteilen müssen, unabhängig von den lokalen Inzidenzraten. Die restlichen 36 Staaten haben die Entscheidung den einzelnen Schulbezirken überlassen.

Mit dem Übergang zur Biden-Regierung bemühen sich demokratische Gouverneure und Bürgermeister von Großstädten in Zusammenarbeit mit den Lehrergewerkschaften jedoch, die Schulen wieder vollständig zu öffnen. Dies begann mit der Entscheidung des Bürgermeisters von New York City, Bill de Blasio, den größten Schulbezirk der USA Ende November wieder zu öffnen und damit einen Präzedenzfall für Schulen im ganzen Bundesgebiet zu schaffen.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass der ansteckendere Virusstamm in Südkalifornien nachgewiesen wurde, wo die Krankenhäuser in Los Angeles bereits überlastet sind. Trotzdem hat der demokratische Gouverneur Gavin Newsom Pläne für eine landesweite schrittweise Schulöffnung angekündigt, um „unsere Kinder sicher zurück in die Klassenzimmer zu bringen“.

Newsom behauptet wahrheitswidrig, dass dies keine signifikanten Auswirkungen auf die Kinder haben wird, und ignoriert die Tatsache, dass selbst die Modellierungen des Bundesstaates insgesamt eine Verdopplung der Krankenhausaufenthalte und einen 60-prozentigen Anstieg der Covid-19-Intensivpatienten bis zum 29. Januar voraussagen.

Während Los Angeles und San Francisco aufgrund des weit verbreiteten Widerstands von Pädagogen und Eltern die Wiederaufnahme des Unterrichts verzögert haben, hat der Schulausschuss von San Diego am Montag eine Einigung mit der Lehrergewerkschaft ratifiziert, die die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts in der nächsten Woche im San Dieguito Union High School District vorsieht. Die Einigung verschiebt die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts für 12.900 Schüler der Mittel- und Oberstufe vom 4. Januar auf mindestens den 27. Januar. Grundschüler dürfen zurückkehren, wenn die einzelnen Schulen einen Sicherheitsplan vorlegen, der vom Staat und den lokalen Regierungen genehmigt wird.

Mit Blick auf Newsoms Behauptung, dass Hilfsgelder über 2 Milliarden Dollar – 450 Dollar pro Schüler – den Schulen ein sicheres Öffnen ermöglichen würden, kommentierte ein Leser auf der News-Site Deadline: „Der Bundesstaat durchlebt gerade einen Albtraum von Infektionen und prognostiziert, dass der Januar sogar noch schlimmer wird. Was zum Teufel denkt man sich dabei! Sicher wiederöffnen! Es ist unverantwortlich, Lehrer und Kinder mit ihren Familien in Gefahr zu bringen, bevor sie den Impfstoff bekommen können!!! Wie wär‘s, wenn man das Geld verwenden würde, um die Kinderbetreuung für diejenigen zu erweitern und zu verbessern, die das jetzt zum Arbeiten brauchen!!!“

In Chicago sollen Lehrer und Mitarbeiter der Kleinkindbetreuung, sowie der Förderschulprogramme am 4. Januar in den Unterricht zurückkehren, während die Schüler in diesen Klassen am 11. Januar zurückkehren sollen. Die Lehrer und Mitarbeiter der Mittelschulen bis Klasse 8 sollen am 25. Januar zum Dienst zurückkehren, während die Schüler dieser Klassen am 1. Februar wieder in der Schule sein sollen. Beaufsichtigt wird diese Operation von Bürgermeisterin Lori Lightfoot (Demokraten). Sie täuschte Besorgnis darüber vor, dass Kinder mit Migrationshintergrund durch ausschließlichen Fernunterricht schulischen Herausforderungen ausgesetzt sind – obwohl die Demokraten jahrzehntelang verheerende Haushaltskürzungen und Schulschließungen durchgeführt haben.

Der demokratische Gouverneur Jay Inslee aus dem Bundesstaat Washington hatte am 16. Dezember erklärt: „Es wird Zeit, die Kinder wieder in die Klassenzimmer zu bringen.“ Nun werden die staatlichen Schulen von Tacoma am 19. Januar damit beginnen, ihre 30.000 Schüler zurückzubringen, beginnend mit zwei Tagen Präsenzunterricht für Vorschulkinder.

Für die öffentlichen Schulen von Seattle wurde letzte Woche angekündigt, dass Vorschulkinder, Kindergartenkinder, Erstklässler und Schüler mit Behinderungen im März zum Präsenzunterricht in die Klassenzimmer zurückkehren werden. Dies berichtete die Seattle Times am 18. Dezember.

Die zwei größten Schulbezirke von Minnesota – Anoka-Hennepin und St. Paul – haben angekündigt, die Schulen am 19. Januar bzw. am 1. Februar wieder zu öffnen, und zwar nach neuen Richtlinien, die der demokratische Gouverneur Tim Walz bekanntgab. Sie würden es ermöglichen, dass der Präsenzunterricht in den Grundschulen im ganzen Bundesstaat bereits am 18. Januar beginnt.

Lehrerin aus DeKalb protestiert gegen Schulöffnung (Organization of DeKalb Educators)

Ähnliche Pläne gibt es für Denver (ab 11. Januar), Washington DC (Anfang Februar), Detroit (11. Januar) und Atlanta (ab 25. Januar). Im Bezirk DeKalb, der zum Großraum Atlanta gehört, versammelten sich am Dienstag 300 Lehrer und ihre Unterstützer in Stone Mountain, um dagegen zu protestieren, dass das Personal am 4. Januar in die Schulgebäude zurück gezwungen werden soll. Die Pläne der Regierung sehen außerdem vor, von der Vorschule bis zur zweiten Klasse sowie in den sechsten und neunten Klassen ab dem 19. Januar mit dem Präsenzunterricht zu beginnen, während bis zum 25. Januar auch alle anderen Schüler zurückgekehrt sein sollen.

Pädagogen, die am Weihnachtstag ihren Kollegen Patrick Key – einen Grundschulkunstlehrer aus dem benachbarten Cobb County – an Covid-19 verloren hatten, trugen eine Sargattrappe und Schilder mit der Aufschrift „Ich kann nicht vom Grab aus unterrichten“ und „Masken sind Wegwerfartikel, Lehrer nicht“. Andere Schilder prangerten die „Wahl“ zwischen Überleben und dem Verdienen eines Lebensunterhalts an.

Die Organization of DeKalb Educators, der örtliche Ableger der Gewerkschaften Georgia Education Association und der National Education Association (NEA), rief zu dem Protest auf, um „über die Details der Pläne für den Präsenzunterricht größere Klarheit zu bekommen“, wie eine Lokalzeitung berichtete. Unter Eltern wird hingegen bereits ein „virtueller Sitzstreik“ am 7. Januar diskutiert und eine Petition in Umlauf gebracht, die reinen Online-Unterricht fordert, bis die Fälle zurückgehen und Impfstoffe allgemein verfügbar sind.

Pädagogen, Eltern und Schüler im gesamten US-Bundesgebiet und weltweit nehmen den Kampf gegen die Schulöffnungen zunehmend in die eigenen Hände, indem sie von den Gewerkschaften unabhängige Aktionskomitees für sichere Bildung aufbauen. Solche Komitees wurden bereits in Kalifornien, Michigan, Texas, New York und anderen Bundesstaaten gebildet, sowie weitere in Australien, Großbritannien und Deutschland. Die Gewerkschaften hingegen sind mit Biden und den anderen jeweiligen nationalen Regierungen verbündet und unterstützen deren Back-to-School-Kampagne.

Doch Lehrer können nicht allein kämpfen. Sie müssen ihren Kampf mit breiteren Teilen der Arbeiterklasse vereinen, einschließlich der Arbeiter in der Autoindustrie, bei Amazon und anderen Logistikunternehmen, im Gesundheitswesen und in anderen Sektoren der Wirtschaft. Es ist notwendig, einen politischen Generalstreik vorzubereiten, um Schulen und nicht lebensnotwendige Betriebe zu schließen. Anstatt die Banken und Riesenkonzerne zu retten, müssen stattdessen Billionen investiert werden, um Arbeiter und Kleinunternehmen vollständig zu entschädigen und Hochgeschwindigkeits-Internet, moderne Mittel für Distanzunterricht und spezialisierte Unterstützung für Eltern und Schüler zu garantieren.

Dieser Kampf wird Arbeiter in einen direkten Konflikt mit Biden und den Demokraten bringen, die – ebenso wie Trump und die Republikaner – die Interessen der Wall Street verteidigen. Um eine politische und sozialistische Massenbewegung gegen beide Parteien der Konzerne aufzubauen, sollten Lehrer der Socialist Equality Party bzw. ihrer deutschen Schwesterpartei SGP beitreten und sie als Führung in den kommenden Kämpfen der Arbeiterklasse aufbauen.

Wir rufen alle Lehrer und schulischen Mitarbeiter, die Leben retten, Schulen schließen und ihre Rechte verteidigen wollen, dazu auf, noch heute dem Netzwerk der Aktionskomitees für sichere Bildung beizutreten und sich unter diesem Link zu registrieren. Kontaktiert uns noch heute und baut die Facebook-Gruppe des Netzwerks der Aktionskomitees für sichere Bildung auf. Um zu erfahren, wie ihr Mitglied der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) werden könnt, kontaktiert uns noch heute hier.

 

Siehe auch:

Die Klassendynamik des Spekulationsbooms an der Wall Street
[31. Dezember 2020]

 

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