Fast sieben Millionen Erwachsene in Deutschland überschuldet

Von Elisabeth Zimmermann
17. November 2020

In Deutschland kommt fast jeder zehnte Erwachsene mit seinem Einkommen nicht über die Runden. Das zeigt der gerade veröffentlichte Schuldneratlas 2020 der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Diesem Bericht zufolge sind über 6,85 Millionen Menschen über 18 Jahren überschuldet.

Der Schuldenatlas analysiert und dokumentiert die Höhe der privaten Überschuldung einer Person, die Rechnungen über einen längeren Zeitraum nicht bezahlen, Kreditraten mehrmals nicht bedienen kann oder Privatinsolvenz anmelden muss.

Der Atlas verzeichnet einen geringen Rückgang zum Vorjahr. Allerdings sind darin die längerfristigen Auswirkungen der Pandemie noch gar nicht berücksichtigt: Der Atlas stützt sich teilweise auf Basiswerte des Statistischen Bundesamts aus dem letzten Jahr bis Mai 2020 und eigene Hochrechnungen für das Jahr 2020. Ein nächster Bericht wird zweifellos noch einmal massiv gestiegene Zahlen aufweisen.

Im Vergleich zum letzten Bericht im Vorjahr sind knapp 70.000 Menschen weniger überschuldet, ein Rückgang von knapp einem Prozent. Dies trifft allerdings nicht auf alle Regionen zu: Die höchsten privaten Überschuldungsraten nach Städten und Landkreisen überschneiden sich oft mit den Regionen, in denen hohe Armut herrscht. So gibt es auch eine Reihe von Städten, unter anderen im Ruhrgebiet, wo die Überschuldung von Privatpersonen bzw. Privathaushalten angestiegen ist, so in Herne und Gelsenkirchen auf über 18 Prozent und in Duisburg auf 17,5 Prozent. Die Stadt mit der höchsten privaten Überschuldung ist Bremerhaven mit 21,8 Prozent.

Andrang bei einer Lebensmittel-Tafel in München

Bundesweit warnen die Forscher von Creditreform vor „der Ruhe vor dem Sturm“. Angesichts der tiefen wirtschaftlichen Krise, die sich in Folge der Corona-Pandemie entwickelt, gehen sie davon aus, dass die private Überschuldung und der Anstieg von Privatinsolvenzen sich in der nächsten Zeit enorm verschärfen werden. Der Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, Patrik-Ludwig Hantzsch, sagt voraus, dass die Folgen der Pandemie gravierender sein werden als die der Weltwirtschaftskrise 2008–2009.

Seit Ausbruch der Pandemie haben etwa 700.000 Menschen ihren Job verloren (Stand: Ende August 2020). Viele weitere Hunderttausende Arbeitsplätze sind bedroht. Mehr als sieben Millionen Menschen waren oder sind in Kurzarbeit. Nach Schätzungen von Creditreform kämpfen etwa zwei Millionen Freiberufler und Soloselbständige um ihre Existenz.

Fast 15 Millionen Haushalte in Deutschland müssen mit geringeren Einkommen zurechtkommen. Sie müssen trotzdem Miete zahlen, Kitagebühren überweisen und Lebensmittel einkaufen. Diejenigen, denen ihr Einkommen schon zuvor kaum zum Nötigsten gereicht hat, stehen immer öfter vor der Alternative, ob sie ihre Rechnungen bezahlen oder Essen auf den Tisch bringen sollen.

Die Corona-Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen verschärfen das Anwachsen der sozialen Ungleichheit. Auch die Forscher von Creditreform gehen davon aus, dass die Schere zwischen Arm und Reich durch die Pandemie weiter auseinander driftet und sich am einen Ende die Schulden im gleichen Maß aufhäufen wie am anderen Ende die großen Vermögen. Sie weisen darauf hin, dass im Frühjahr vor allem Jobs im Niedriglohnbereich verloren gingen, in der Gastronomie oder bei Taxiunternehmen, um nur einige Bereiche zu nennen. Auch befristete Stellen von Berufseinsteigern und „Minijobern“ waren und sind stark betroffen.

Ein wichtiger Grund, den Creditreform seit einiger Zeit als wesentlich für die Überschuldung von Privatpersonen und Privathaushalten anführt, ist die stetig wachsende Zahl von langfristigen Geringverdienern. 2020 sind 640.000 Überschuldungsfälle auf längerfristige Niedrigeinkommen zurückzuführen. Diese Zahl hat sich fast verdreifacht seit dem Jahr 2015, als es 230.000 Überschuldungsfälle aus diesem Grund gab und diese Kategorie zum ersten Mal eingeführt wurde. Diese Fälle sind für neun Prozent aller privaten Überschuldungen verantwortlich.

Verantwortlich für das rasante Anwachsen des Niedriglohnbereichs sind die Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze, die die SPD/Grünen-Regierung von Gerhard Schröder und Joschka Fischer im Jahr 2005 mit Unterstützung der Gewerkschaften einführte. Welche massiven gesellschaftlichen Auswirkungen diese Politik hatte, dazu führt der Schuldneratlas folgende Zahlen des Statistischen Bundesamts an:

„Gut jede und jeder fünfte abhängig Beschäftigte (21 Prozent) in Deutschland arbeitete im April 2018 im Niedriglohnsektor. Damit wurden rund 8 Millionen Jobs unterhalb der Niedriglohnschwelle (11,05 Euro brutto je Stunde) entlohnt. […] Mit 1,5 Millionen wurden die meisten Niedriglohnjobs im Handel gemeldet, im Gastgewerbe waren es 1,2 Millionen. Damit lagen gut zwei Drittel (67 Prozent) aller Beschäftigungsverhältnisse im Gastgewerbe im Niedriglohnbereich, mehr als in jeder anderen Branche. Zum Vergleich: Im Handel lag der Niedriglohnanteil bei 29 Prozent, am zweithöchsten war der Anteil in der rund 310.000 Beschäftigte zählenden Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft mit 54 Prozent.“

Durch die Corona-Pandemie wird die Lage noch einmal erheblich verschärft, und zahlreiche junge Menschen verlieren gerade ihren Job oder Ausbildungsplatz. Insbesondere Studierende, die neben ihrem Studium arbeiten müssen, können kaum Ersatz für weggefallene Nebenjobs in der Gastronomie und ähnlichen Bereichen finden. Ihre prekäre Situation wird sich vor allem im Bericht des nächsten Jahres widerspiegeln. Im aktuellen Schuldenatlas 2020 ging die Zahl überschuldeter junger Menschen im Vergleich zum Vorjahr um 303.000 auf 1,1 Millionen zurück.

Allerdings ist die Überschuldung bei älteren Menschen stark angestiegen. In der Altersgruppe ab 50 bis 59 Jahren stieg sie um 73.000 auf 1,3 Millionen Fälle, bei den 60- bis 69-Jährigen um 84.000 auf 725.000 Fälle, und bei der Altersgruppe ab 70 Jahren um 89.000 auf 425.000 Fälle. Diese Überschuldungszahlen geben einmal mehr den Blick frei auf die wachsende Altersarmut und die soziale Dimension der Pandemie: Ältere Menschen, die von ihrer Rente nicht leben können, müssen zusätzlich arbeiten, obwohl sie als Senioren von vorneherein zur Risikogruppe der besonders Gefährdeten gehören.

Bezeichnenderweise hat die Anzahl der geringfügig Beschäftigten in den Altersgruppen ab 60 Jahren sehr stark zugenommen, da viele in dieser Gruppe von ihrer Rente nicht leben können. Noch deutlicher zeigt sich die wachsende Überschuldung bei den „im Nebenjob geringfügig Beschäftigten“. Hier betrug der Anstieg seit 2003 rund 691 Prozent.

In einem Extrakapitel geht die Studie von Creditreform auf die extrem hohe Überschuldung privater Verbraucher in den USA und Großbritannien ein. Beide Länder sind besonders schwer von der Corona-Pandemie betroffen. In den USA sind aufgrund der kriminellen Politik der „Herdenimmunität“, die von beiden kapitalistischen Parteien, den Republikanern und Demokraten vertreten und durchgesetzt wird, inzwischen mehr als 250.000 Menschen an Covid-19 verstorben. In Großbritannien sind offiziell über 65.000 Todesopfer zu beklagen, wobei die Dunkelziffer aber weit höher liegt.

In beiden Ländern wird wie auch hier die Corona-Pandemie benutzt, um extreme Angriffe auf Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen durchzuführen. Die Überschuldungsquote in den USA wird in der Studie von Creditreform mit 21,7 Prozent angegeben. Fast 58 Millionen Menschen können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. 30 bis 40 Millionen sind von Zwangsräumungen bedroht. Über 41 Millionen Arbeiter haben seit März dieses Jahres ihren Job verloren. Die tatsächliche Arbeitslosenquote beträgt mindestens 20 Prozent. Bereits vor Corona litten 37 Millionen Amerikaner an Hunger. Inzwischen ist ihre Anzahl weiter angestiegen. Zig Millionen sind auf Nahrungsmittelunterstützung von Foodbanks angewiesen.

In Großbritannien beträgt die private Überschuldungsquote laut Creditreform 19,6 Prozent und betrifft 10,5 Millionen Menschen. Die Arbeitslosigkeit ist in diesem Jahr von vier auf zehn Prozent gestiegen. Über 14 Millionen Menschen leben in Armut. Die Situation wird sich für Millionen von Arbeitern nach dem Auslaufen von staatlichen Unterstützungsmaßnahmen (ähnlich der Kurzarbeitergeld-Regelung in Deutschland) Ende Oktober noch weiter verschärfen.

Auch in Deutschland zeigen sich die Auswirkungen von Armut, Arbeitslosigkeit, Niedriglohnarbeit und Überschuldung in einem immer größeren Andrang bei den Lebensmitteltafeln. Laut der letzten Erhebung aus dem Jahr 2019 nutzten bundesweit 1,65 Millionen Menschen die Tafeln, um preisgünstig Lebensmittel zu erwerben. 44 Prozent sind Erwachsene, 30 Prozent Kinder und Jugendliche, 26 Prozent Senioren. Besonders die Anzahl der Älteren wie auch der Kinder und Jugendlichen ist innerhalb eines Jahres alarmierend um zwanzig bzw. zehn Prozent angestiegen.

Das enorme Ausmaß der sozialen Ungleichheit, das sich in der privaten Überschuldung von Millionen Menschen ausdrückt, wird durch die Maßnahmen der kapitalistischen Regierungen auf der ganzen Welt seit Ausbruch der Corona-Pandemie noch weiter verschärft. Direkt im Frühjahr wurden Hunderte von Milliarden an Euros, Dollars oder Pfund den Konzernen und Banken als sogenannte Hilfspakete in den Rachen geworfen. Es diente dazu, die Aktienkurse hoch zu halten, damit sich die Reichen und Reichsten noch weiter bereichern konnten.

Die Corona-Pandemie hat eine klare soziale Komponente. Während Millionen von Arbeitern mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit für die Aufrechterhaltung der Wirtschaft und Schulen trotz der Gefahren durch Covid-19 bezahlen müssen, wachsen die Vermögen der Superreichen weiter ins Unermessliche.

 

Siehe auch:

Die objektiven Ursachen der sozialen Ungleichheit
[19. Oktober 2020]

Die Profite vom August
[3. September 2020]

Armut in Deutschland: Stromsperre für 289.000 Haushalte
[10. Oktober 2020]

 

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