Die Haltung der WSWS zur Wissenschaft

Von Bryan Dyne
13. November 2020

Am 25. Oktober sprachen führende Mitglieder des IKVI und Mitarbeiter der WSWS auf einer Online-Kundgebung zum Relaunch der WSWS. Hier der Beitrag von Bryan Dyne, der für die WSWS zu wissenschaftlichen Themen schreibt.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um über die Haltung der WSWS zur Wissenschaft zu sprechen. In den letzten neun Monaten kam dies am klarsten in unserer Berichterstattung über die Coronavirus-Pandemie zum Ausdruck. Schon in unseren ersten Artikeln im Januar haben wir die medizinische Bedeutung dieses neuen Virus und seiner gesellschaftlichen Aspekte sehr sorgfältig analysiert. Wir schrieben über die politische Situation und auch über die Epidemiologie des Virus selbst.

Im Gegensatz dazu haben die Trump-Administration, die Demokraten und ihre internationalen Amtskollegen die Wissenschaft im Wesentlichen ignoriert. Alle versuchten, die mit der Ansteckung verbundenen Gefahren herunterzuspielen und zu verbergen. Wir waren buchstäblich die einzige politische Tendenz, die sehr früh vor den Gefahren für die Arbeiterklasse warnte, sollte sich das Virus auf der ganzen Welt ausbreiten, und global koordinierte Notfallmaßnahmen auf die sich ausbreitende Coronavirus-Pandemie forderten.

Diese Warnungen haben sich auf tragische Weise bestätigt: Weltweit sind mehr als 1,15 Millionen Menschen durch die Pandemie gestorben, und das soziale Leben von Milliarden Menschen ist aus den Fugen geraten.

Die Andromeda-Galaxie: Eine Balkenspiralgalaxie, die etwa 2,5 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt liegt und schätzungsweise eine Billion Sterne enthält.

Diese Zahlen zeigen, dass die moderne Gesellschaft an einem grundlegenden Widerspruch leidet: Während die Medizin in den letzten hundert Jahren immense Fortschritte machte, stehen ihrer Anwendung im täglichen Leben unter dem Kapitalismus große Hindernisse im Weg. In einer rational und wissenschaftlich geplanten Welt würde eine sich abzeichnende und möglicherweise eine Pandemie auslösende Krankheit nicht wochen- und monatelang verharmlost werden, um den Aktienmarkt zu schützen. Stattdessen würden sofort alle verfügbaren Ressourcen eingesetzt, um den Erreger einzudämmen, die Infizierten zu behandeln und die Existenz von hunderten Millionen Menschen zu sichern, die von den wirtschaftlichen Auswirkungen betroffen wären.

Die Kluft zwischen dem, was nach Meinung der Wissenschaft dem Wohl der Menschheit dient, und der Realität im Kapitalismus zeigt sich auf jedem Gebiet der Wissenschaft – in der Medizin, Physik, Biologie und Astronomie, um nur einige zu nennen. Als wir vor Kurzem über die Probensammlung der Raumsonde OSIRIS-Rex auf einem Asteroiden berichteten, schrieben wir: „Es ist kaum vorstellbar, wie viele wertvolle Erkenntnisse noch innerhalb unserer Lebenszeit gewonnen würden“, wenn die für Kriege und Profite vergeudeten Ressourcen in wissenschaftliche Forschung und Entdeckung fließen würden.

In einem allgemeineren Sinn legen wir großen Wert auf die Wissenschaft, seit wir 1998 die WSWS ins Leben riefen, weil die Arbeiterklasse nach unserer festen Überzeugung nur Fortschritte erzielen kann, wenn sie über ein tiefes Verständnis der Welt verfügt.

Diesen Punkt haben Marxisten immer betont. Die Entwicklung der Gesellschaft als Ganzes basiert auf der Entwicklung der Produktivkräfte, die die Wissenschaft voranbringt, und deren Fortschritte wiederum die Entwicklung der Produktivkräfte antreiben. Die Technologie, die uns diese Veranstaltung ermöglicht, das Internet, ist zu einem großen Teil so allgegenwärtig geworden, weil Anfang der 1990er Jahre die transnationale Produktion aufkam, die die Fähigkeit, Informationen zu speichern und von überall in der Welt darauf zuzugreifen, zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit machte.

Dabei geht es jedoch nicht nur darum, dass beispielsweise ein Autoarbeiter die Mechanik, Elektrotechnik, Materialwissenschaft und Thermodynamik kennt, die ein Auto möglich machen. Es ist notwendig, nicht nur an Naturphänomene wissenschaftlich heranzugehen, sondern auch an die ebenso komplexen historischen und sozialen Prozesse, die unser Leben bestimmen – die objektiven Gesetze der kapitalistischen Entwicklung.

Das ist umso notwendiger, weil wir eine permanente Verherrlichung des Irrationalismus erleben, sei es durch die Kultivierung von Rückständigkeit und religiösem Obskurantismus oder die Propagierung postmodernistischer Ideologie. Arbeiter müssen den Kampf gegen all jene aufnehmen, die die Möglichkeit objektiver Erkenntnis leugnen, und die behaupten, die Realität würde irgendwie durch die Sprache erschaffen. Wäre dem so, hätte Trumps Behauptung im Sommer, „wenn wir weniger testen, werden wir geringere Fallzahlen haben“, das Ende der Pandemie bedeutet.

Die Arbeiter müssen auch den Kampf gegen alle Versuche aufnehmen, sie mit unwissenschaftlichen Begriffen wie ‚Rasse‘ zu spalten. Wie wir auf der WSWS ausführlich dargelegt haben, gibt es keine Grundlage für das Konzept verschiedener menschlicher „Rassen“, weder nach den Erkenntnissen der Anthropologie, die auf starke Migrationsbewegungen und Vermischung schon vor hunderttausenden von Jahren hinweisen, noch in der DNA selbst, die es nicht erlaubt, die „Rasse“ oder Nationalität einer Person festzustellen.

Die WSWS hat auch der ständig wachsenden existenziellen Bedrohung durch den Klimawandel besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Ähnlich wie die Pandemie kennt der Klimawandel keine nationalen Grenzen und ist von Natur aus eine internationale Frage. Wie in vielen wissenschaftlichen Arbeiten der letzten Zeit zu diesem Thema betont wurde, kann der globalen Erwärmung und ihren aktuellen und künftigen katastrophalen Folgen nur Einhalt geboten werden, wenn die weltweite Energieerzeugung und Verkehrsinfrastruktur neu organisiert werden und neue Technologien entwickelt werden, um den Ausstoß von Kohlendioxid zu beenden.

Wir bestehen auch darauf, dass der Kampf für eine sichere Umwelt eine Lösung der Klimakrise durch eine starke Verminderung des „Bevölkerungsüberschusses“ nicht akzeptieren kann. Solche malthusianischen Positionen leugnen die Tatsache, dass es nicht die „Menschheit“ ist, die die Biosphäre der Welt an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat, sondern der Kapitalismus und sein Nationalstaatensystem. Sie torpedieren alle ernsthaften Bemühungen, der globalen Erwärmung entgegenzuwirken.

Unter dem unerbittlichen Druck seiner inneren Widersprüche führt der Kapitalismus die Menschheit an den Rand des Abgrunds und produziert Seuchen, Weltkrieg, Umweltzerstörung und Diktatur. Dieselben Widersprüche bringen aber auch die Kraft für den Sturz des Kapitalismus hervor: die internationale Arbeiterklasse.

Wie Trotzki vor 94 Jahren schrieb: „Technik und Wissenschaft haben ihre eigene Logik: die Logik der Erkenntnis der Natur und ihrer Beherrschung im Interesse des Menschen. Doch Technik und Wissenschaft entwickeln sich nicht in einem Vakuum, sondern in der menschlichen Gesellschaft, die aus Klassen besteht. Die herrschende Klasse, die besitzende Klasse, kontrolliert die Technik und durch sie die Natur“ („Radio, Science, Technique and Society“, aus dem Englischen).

Unsere Artikel über wissenschaftliche Themen, die auf der neugestalteten WSWS leichter zugänglich sind als bisher, versuchen, diese objektiven Prozesse stärker ins Bewusstsein zu heben. Sie vermitteln der wachsenden Opposition von Millionen von Arbeitern und Jugendlichen das Wissen und Verständnis, dass eine fortschrittliche Entwicklung der Wissenschaft – und der Menschheit als Ganzes – von einer neuerlichen revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse abhängt. Unsere Bewegung vereint unter ihrem Banner das Streben nach wissenschaftlicher Wahrheit in all ihren Formen und den Kampf für den Sozialismus – ein international koordiniertes, wissenschaftlich geplantes Wirtschaftssystem, das auf Gleichheit und der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse beruht.

 

Siehe auch:

Der Relaunch der World Socialist Web Site und die Zukunft des Sozialismus
[27. Oktober 2020]

Der Relaunch der WSWS und der Kampf gegen den Faschismus
[3. November 2020]

 

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