Die WSWS und der Kampf für eine revolutionäre Führung in Lateinamerika

Von Tomas Castanheira
7. November 2020

Die WSWS veröffentlicht die Reden führender Mitglieder des IKVI und Mitwirkender an der WSWS bei der Online-Kundgebung vom 25. Oktober anlässlich des Relaunchs der WSWS am 2. Oktober 2020. Die folgenden Bemerkungen machte Tomas Castanheira, der im Namen der Sozialistischen Gleichheitsgruppe in Brasilien sprach.

Der Relaunch der World Socialist Web Site ist eine wichtige historische Errungenschaft der trotzkistischen Bewegung. Die neugestaltete WSWS wird bei der Entwicklung einer revolutionären Perspektive für die Arbeiterklasse in Brasilien und Lateinamerika eine wichtige Rolle spielen.

Die lateinamerikanische Region befindet sich in einer tiefen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Krise, die sich durch die Covid-Pandemie enorm verschärft hat.

Obwohl in Lateinamerika nur 10 Prozent der Weltbevölkerung leben, sind hier ein Drittel aller Covid-19-Todesfälle weltweit zu verzeichnen.

Die erschreckende Zahl von mehr als 380.000 Todesopfern steigt weiter an. In Ländern wie Brasilien, Argentinien, Mexiko und Kolumbien verlieren täglich mehrere hundert Menschen an Covid-19.

Dies ist das Ergebnis der regelrecht kriminellen Politik der kapitalistischen Regierungen bei der Bekämpfung der Pandemie. Ihre Reaktion war mörderisch. Tests wurden so gut wie gar nicht angeboten; Arbeitern wurde es nicht ermöglicht, Abstandsregeln einzuhalten; Krankenhäuser sind schlecht ausgerüstet und überfüllt. Es gab auch Fälle von Korruption, bei denen zur Bekämpfung der Pandemie bestimmte Ressourcen in die eigene Tasche gelenkt wurden.

Arbeiter und Jugendliche protestieren in São Paulo

Gleichzeitig hat die Pandemie die Volkswirtschaften Lateinamerikas, die bereits seit sechs Jahren praktisch ein Nullwachstum verzeichnen, zerrüttet. Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik prognostizierte für das Jahr 2020 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Region um 9 Prozent.

Die Gesamtzahl der in Armut lebenden Lateinamerikaner wird voraussichtlich von 186 Millionen auf 231 Millionen steigen, und 80 Prozent der Bevölkerung der Region werden mit weniger als 500 Dollar im Monat auskommen müssen.

Die Arbeitslosigkeit steigt rasant. Laut UNO wird sie in 2020 gegenüber 2019 um 5,4 Prozent steigen, neunmal so stark wie nach dem weltweiten Finanzcrash 2008.

In Brasilien ist zum ersten Mal mehr als die Hälfte der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter arbeitslos. Unter Jugendlichen ist die offizielle Arbeitslosenquote doppelt so hoch wie in der übrigen Bevölkerung.

Der jungen Generation der lateinamerikanischen Arbeiterklasse bietet der Kapitalismus keinerlei Perspektive.

Auf der anderen Seite mehrt sich der Reichtum der kapitalistischen Oligarchie, trotz des Rückgangs der Realwirtschaft und der verheerenden Bedingungen für die Massen. Das Vermögen der 73 Milliardäre in der Region wuchs allein in den ersten fünf Monaten der Pandemie um fast 50 Milliarden Dollar. Das sind 10 Milliarden Dollar mehr als das gesamte BIP Boliviens im Jahr 2019.

Diese Entwicklungen in der objektiven sozialen Krise werden das Bewusstsein von Hunderten von Millionen Menschen stark beeinflussen.

Ein kürzlich erschienener Artikel in The Economist mit dem Titel „Lateinamerikas neue Arme“ artikulierte die tiefe Besorgnis der herrschenden Klassen der Welt über die sich entwickelnde politische Situation. Er kam zu dem Schluss: „Der Zorn der dutzende Millionen von neuen Armen ist begründet. Sie werden sich wohl nicht passiv in ihr Schicksal ergeben. Das wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich die Politik der Region prägen“.

Es geht nicht darum, ob sie „sich in ihr Schicksal ergeben“ werden; sie wehren sich bereits dagegen. Die Massenproteste gegen soziale Ungleichheit, die Ende 2019 Länder wie Chile und Ecuador erschüttert haben, sind in den letzten Monaten wieder deutlich aufgeflammt.

Ihre Verärgerung über die katastrophale Covid-Politik trug noch dazu bei, dass Millionen von Arbeitern und Jugendlichen in Chile, Kolumbien, Ecuador und Bolivien erneut auf die Straße gingen, um gegen Polizeigewalt, autoritäre Regime und ihre Austeritätspolitik zu protestieren. Auch militante Streiks der Arbeiterklasse, von Beschäftigten bei Kurierdiensten bis hin zu Krankenschwestern, haben sich in der gesamten Region, von Mexiko bis Brasilien, ausgebreitet.

Die wachsende Forderung der arbeitenden Massen nach sozialer Gerechtigkeit kann im Rahmen der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse nicht erfüllt werden.

Während die herrschende Klasse als Ganzes nach rechts geht, nehmen die verbliebenen bürgerlichen nationalen Regierungen, die während der so genannten „Rosa Welle“ in den 2000er Jahren in mehreren lateinamerikanischen Ländern an die Macht gekommen waren, zunehmend reaktionäre Positionen ein.

Die Regierung von Andrés Manuel López Obrador in Mexiko hat ebenso wie die Regierung des faschistischen Präsidenten Brasiliens, Jair Bolsonaro, Lügen verbreitet und einen organisierten Kampf gegen die Pandemie verhindert, während sie die Arbeiter an kontaminierte Arbeitsplätze zwingt, um Profite zu erwirtschaften und die Privilegien der parasitären kapitalistischen Oligarchie zu garantieren.

Unter der Führung des Peronisten Alberto Fernández entwickelt sich Argentinien zu einem Land, wo die Covid-19-Todesfälle am schnellsten zunehmen, da sich die Krankheit in den villas miserias, den armen Arbeitervierteln, ausbreitet.

In Brasilien regiert die Arbeiterpartei (PT) Bundesstaaten, die mit am stärksten vom Coronavirus betroffenen sind, und ordnet nun die Wiedereröffnung von Schulen an. Sie reagiert auf die wachsende soziale Krise, indem sie sich dem Militär zuwendet und Nationalismus propagiert.

Von der Rückkehr von Morales‘ MAS („Bewegung zum Sozialismus“) in Bolivien an die Macht ist nichts anderes zu erwarten. Sie wurde gewählt während rebellischer Proteste von Arbeitern und Bauern, doch außer Lebensmittelgutscheinen und einem nationalen Einheitspakt mit den Faschisten hat sie nichts anzubieten.

Die World Socialist Web Site hat einen konsequenten Kampf gegen jede Unterordnung der Arbeiterklasse unter die nationale Bourgeoisie geführt. Sie hat entlarvt, dass die radikale und sogar sozialistische Rhetorik von Individuen wie Hugo Chávez aus Venezuela nur eine betrügerische Tarnung für ihre kapitalistische Politik und ihre Anpassung an den Imperialismus ist.

Die WSWS hat auch die kleinbürgerlichen Theorien der Pseudolinken und der Erben des Vereinigten Sekretariats der Pablisten, die diese Regierungen als einen neuen Weg zum Sozialismus anpriesen, widerlegt.

Dieser Kampf gründet sich auf die Prinzipien, die das Internationale Komitee der Vierten Internationale in seinem langwierigen Kampf gegen den pablistischen Revisionismus verteidigt hat.

Die Pablisten haben ein breites Spektrum kleinbürgerlicher und bürgerlich-nationaler Führungen, wie den Castroismus und Peronismus, als politischen Ersatz für das Proletariat und seine Partei, die Vierte Internationale, unterstützt. Dies hat beim Verrat an den revolutionären Kämpfen der lateinamerikanischen Arbeiterklasse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle gespielt.

Wir stehen am Beginn der Periode, die das Internationale Komitee wissenschaftlich als „das Jahrzehnt der sozialistischen Revolution“ bezeichnet hat. Das große Ziel, der Aufbau einer wirklich revolutionären Führung in der Arbeiterklasse, erfordert, dass wir uns die Geschichte dieser Kämpfe aneignen.

Die WSWS in ihrer neuen und weiterentwickelten Form trifft auf die zunehmenden Kämpfe der Arbeiter und Jugendlichen in Lateinamerika. Sie bewaffnet diese Bewegung mit der historischen Erfahrung und dem revolutionären Programm der trotzkistischen Bewegung, verbindet sie mit der globalen Bewegung der internationalen Arbeiterklasse und legt die Grundlagen für Sektionen des IKVI in allen Ländern.

 

Siehe auch:

Der Relaunch der World Socialist Web Site und die Zukunft des Sozialismus
[27. Oktober 2020]

 

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