Coronavirus-Pandemie in Frankreich: Lehrerstreiks weiten sich aus

Von Will Morrow
7. November 2020

Die Streiks und Proteste von Lehrern und Schülern in Frankreich weiten sich aus. Sie richten sich gegen die Politik der Macron-Regierung, Schulen ohne wirksamen Schutz offenzuhalten, so dass sich das Coronavirus ungehindert unter Schülern, Lehrern und ihren Familien ausbreiten kann.

In ganz Frankreich organisieren Lehrer, die mit katastrophalen Bedingungen konfrontiert sind, weiterhin Streiks auf lokalen Schulversammlungen. Abstandsmaßnahmen existieren im Wesentlichen nicht. Für gewöhnlich sind mehr als 30 Kinder in Klassenzimmern mit wenig bis gar keiner Belüftung zusammengepfercht. In den sozialen Medien kursieren Bilder von Hunderten von Schülern, die Seite an Seite in Cafeterien sitzen und durch die Gänge gehen.

Schüler verlassen ihre Schule in Cambo les Bains, Südwestfrankreich, Donnerstag, 5. November 2020 (AP Photo/Bob Edme)

Aus Angst, mit einer Ansteckung für den Tod von Angehörigen verantwortlich zu sein, organisieren Schülerinnen und Schüler Proteste an den Schuleingängen, um Abstandsmaßnahmen und die Schließung ihrer Schulen zu fordern.

Die Pandemie in Frankreich ist außer Kontrolle geraten. Am Donnerstag starben erneut über 800 Menschen, nachdem bereits am Dienstag 854 Menschen gestorben waren. Mehr als 60.000 Menschen haben sich in den letzten 24 Stunden infiziert und hunderte Patienten wurden in Notfallbetten aufgenommen. Die Gesamtzahl liegt nun bei über 4.000.

Am Donnerstag veröffentlichten die Lehrer des Collège Guillaume Budé in Paris eine Erklärung, in der sie verkündeten, dass 75 Prozent der Lehrer für einen Streik gestimmt hatten, um die Durchsetzung von Abstandsmaßnahmen zu fordern, damit das Virus sich nicht weiter ausbreitet. 20 Lehrer des Mozart-Gymnasiums in Le Blanc-Mesnil setzten am Mittwoch den Streik vom Vortag fort. In Montpellier stimmten die Lehrerinnen und Lehrer am Dienstag für einen unbefristeten Streik – solange, bis sichere Hygienebestimmungen in Kraft getreten sind.

Sara, die seit fünf Jahren Italienisch unterrichtet und nun eine Stunde außerhalb von Paris an drei verschiedenen Schulen unterrichtet, beschrieb gegenüber der World Socialist Web Site am Donnerstag die dortige Situation.

„Seit September gibt es überhaupt keine Hygienebestimmungen mehr. In einer Schule wird jetzt öfter geputzt, und wir haben Reinigungsgel und Masken in der Klasse. Ansonsten ist alles beim Alten: Es herrscht kein Abstand, die Kantine ist offen und überfüllt, die Korridore sind voll, die öffentlichen Verkehrsmittel sind voll.

Wenn sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Coronavirus infizieren, bleiben sie ein bis zwei Wochen zu Hause, aber oft werden wir nicht informiert. Ich stelle fest, dass Schüler meiner Klasse abwesend sind, und erst später, nachdem ich gefragt habe, erfahre ich, dass es Covid-19 war. Im Allgemeinen kennen nur die Schuldirektoren den Grund für die Abwesenheit der Schüler. Und alles geht einfach weiter, als ob nichts passiert wäre. Normalerweise wird die Klasse geschlossen, nachdem drei Schüler in derselben Klasse sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Aber auf diese Weise ist das schwer zu wissen.“

„Eine Schülerin meines Kollegen mit Vorerkrankungen bekam das Coronavirus und landete im Krankenhaus“, fährt sie fort. „Aber außer dem Schulleiter wusste niemand davon. Mein Kollege hat dem Kind weiterhin Hausaufgaben aufgegeben. Er erfuhr es nur durch Zufall, als die Eltern ihn schriftlich um die Hausaufgaben baten. So finden wir es dann heraus!“

Auf die Frage, welche Maßnahmen ergriffen werden sollten, um dieser Situation zu begegnen, sagt Sara: „Das Problem ist, dass seit September vom Beginn der Schulöffnungen an Maßnahmen hätten ergriffen werden müssen. Man hätte die Schülerinnen und Schüler in Gruppen aufteilen und die Schule in abwechselnden Blöcken besuchen lassen müssen. In meinem [Italienisch-] Unterricht kommen die Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Stufen. Und das ist bei jeder Sprache der Fall. Das bedeutet, dass es eine ständige Durchmischung der Schüler gibt. Es hätte nicht mehr als 10 bis 15 Schüler pro Klasse oder weniger geben dürfen, kombiniert mit einer strikten Abstandsregel. Jetzt liegen die Schüler den ganzen Tag buchstäblich aufeinander!“

„Es wären offensichtliche Maßnahmen gewesen“, sagt sie, „aber sie wurden nicht umgesetzt. Es werden Belüftungssysteme in den Klassen benötigt. Das fehlt völlig. Wie wichtig das ist, wissen wir jetzt. In meinem Klassenraum kann ich nicht einmal die Fenster öffnen. Sie wurden in vielen Schulen versiegelt, um Selbstmorde zu verhindern.“

Sara sagt, sie sehe viele wichtige Faktoren, die der Schulöffnungspolitik der Macron-Regierung zugrundeliegen. „Zunächst einmal“, sagt sie, „gab es Anfang September viele 'Ärzte', die sagten, dass es eine 'Strategie' sein könnte, das Virus unter der jüngsten Bevölkerungsgruppe zu verbreiten, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Ich glaube, das ist eines der Motive, denn selbst wenn die Schulen geöffnet würden, nur damit die Eltern zur Arbeit gehen könnten, erklärt das nicht das völlige Fehlen jeglicher Schutzmaßnahmen. Die ausgegebenen Baumwollmasken – die einzige ‚echte‘ Maßnahme – sind nicht wirksam.“

„Außerdem sind da noch die wirtschaftlichen Motive. Die Eltern müssen zur Arbeit gehen, und wir können die Kinder nicht zu Hause lassen. In der Grund- und Mittelschule ist es offensichtlich, dass wir Babysitter sind. Im Mai [nach dem ersten Lockdown] wurden die Schulen vor den Ferien für drei Wochen wieder geöffnet: Was sollte das für einen pädagogischen Nutzen haben?“

Die Verantwortung liege sowohl bei der Regierung und den Medien, als auch bei den Gewerkschaften, sagt Sara. „Vor den Ferien hieß es im Fernsehen trotz der zahlreichen Notstandswarnungen der Krankenhäuser: Genießen Sie Ihren Urlaub, wir haben alles unter Kontrolle. ... Die Gewerkschaften wussten sehr wohl, dass eine zweite Welle möglich ist. Aber es gab keine Initiative. Nichts. Völliges Schweigen über das Coronavirus.“

Die Gewerkschaften bestanden darauf, nicht zu einem Lehrerstreik aufzurufen, sondern Lehrern individuell zu raten, von einem Gesetz Gebrauch zu machen, das ihnen gestattet, unter gefährlichen Bedingungen der Arbeit fernzubleiben. Dies zielte bewusst darauf ab, unter Lehrern die Opposition gegen die Regierungspolitik zu isolieren und zu ersticken.

„In Wirklichkeit ist dieses Arbeitsgesetz sehr kompliziert“, erklärt Sara. „Man riskiert viel, und natürlich ist man auf sich allein gestellt. Um sich auf dieses Recht berufen zu können, müssen gewisse Bedingungen erfüllt sein. Im September war es praktisch unmöglich, weil die Schulen lediglich die (nicht vorhandenen) Regeln der Hygienebestimmungen anwendet haben“.

„Es ist jetzt notwendig, die Schulen zu schließen und das Online-Lernen wieder aufzunehmen. Das ist keine langfristige Lösung, sondern eine Übergangsmaßnahme, um die Epidemie in den Griff zu bekommen und an wirklich konkreten Massnahmen zu arbeiten, um den Unterricht zu ermöglichen“, sagt Sara. „Dies muss von unten organisiert werden, mit den Lehrern, die vor Ort sind.“

Die Gewerkschaften arbeiten aktiv daran, den wachsenden Kampf der Lehrer zu unterdrücken. Gestern veröffentlichte die nationale Bildungsgewerkschaft SUD eine Erklärung, in der zu einem landesweiten eintägigen Streik am kommenden Dienstag, dem 10. November, aufgerufen wird. Dies findet unter Bedingungen statt, unter denen Lehrer bereits Streiks an Schulen organisieren und sich Virus täglich Zehntausende weitere Menschen infiziert.

In Wirklichkeit haben die Gewerkschaften die Schulöffnungspolitik der Regierung von Anfang an unterstützt. Sie arbeiten mit Macron zusammen, um sicherzustellen, dass die Schulen geöffnet bleiben können, dass die Eltern weiterarbeiten können und dass die Gewinne weiter fließen können – egal, wie viele Menschen sterben. Der jüngste Streikaufruf zielt darauf ab, die Kontrolle über das zunehmend eigenständige Handeln der Lehrer zu behalten, um es besser ersticken zu können.

Die Lehrer müssen ihre Streiks stattdessen auf einer anderen Grundlage organisieren. In jeder Schule müssen unabhängige Aktionskomitees gebildet werden, die sich aus den Lehrern selbst zusammensetzen. Es muss ein Streik organisiert werden, um die sofortige Schließung von Schulen zu fordern, solange die Pandemie nicht gestoppt ist. Lehrern und mindestens einem Elternteil, das zur Kinderbetreuung zu Hause bleiben muss, müssen die vollen Löhne bezahlt werden. Enorme Ressourcen müssen in das Bildungssystem investiert werden, um qualitativ hochwertiges Lernen zu ermöglichen – das umfasst Online- und Kleingruppenunterricht, wie es von den Aktionskomitees selbst festgelegt werden muss.

Die Macron-Regierung hat ihre Feindseligkeit gegen jegliche Eindämmungsmaßnahmen des Virus in den Schulen deutlich gemacht. Am Mittwoch kündigte die Regierung an, dass sie eine Reduzierung der Klassenstärken in Erwägung ziehen werde, aber dies nur von Fall zu Fall und nur für die Schüler der obersten Stufen.

Auf Schülerproteste für die Schließung von Schulen reagiert sie mit Bereitschaftspolizei und Tränengas. Sie ist entschlossen, das Leben von Hunderttausenden für die Profite der Kapitalistenklasse zu opfern. Dieser mörderischen Politik der herrschenden Klasse muss die Arbeiterklasse ihre eigene unabhängige politische Perspektive entgegenstellen, die gestützt auf den Kampf für Sozialismus und eine Arbeiterregierung danach strebt, Leben zu retten.

Mehr lesen:

Katastrophale Corona-Entwicklung: Lehrer, Schüler und Eltern unterstützen europaweiten Schulstreik
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[05. November 2020]

Frankreich: Landesweiter Lehrerstreik am ersten Tag der Schulöffnungen
[04. November 2020]

 

Siehe auch:

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[6. November 2020]

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[30. Oktober 2020]

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