Der Relaunch der World Socialist Web Site und die Zukunft des Sozialismus

27. Oktober 2020

Diesen Bericht hielt David North zur Eröffnung der internationalen Online-Kundgebung anlässlich des Relaunchs der WSWS, die am Sonntag, den 25. Oktober, stattfand. David North ist Leiter der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site und nationaler Vorsitzender der Socialist Equality Party in den USA.

Im Namen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale möchte ich die Leser und Unterstützer der World Socialist Web Site willkommen heißen, die an dieser internationalen Online-Kundgebung zur Feier des Relaunchs der WSWS teilnehmen.

Das Relaunch-Projekt, das sich über weit mehr als ein Jahr erstreckt hat, beinhaltete intensive technische, künstlerische, politische und theoretische Arbeit. Es ist nun etwas mehr als drei Wochen her, dass die neue Version der Website am 2. Oktober 2020 online ging. Seit diesem Datum gab es etwa 2.300.000 Besuche auf der Website und mehr als drei Millionen Seitenaufrufe. Die Redaktion ist natürlich erfreut über die Resonanz auf die neu gestaltete Website. Aber wir erkennen an, dass die rasch wachsende Leserschaft der World Socialist Web Sites keine Selbstzufriedenheit rechtfertigt. Das IKVI sieht sich veranlasst, diese Reaktion kritisch zu untersuchen, d.h. die objektiven Prozesse zu identifizieren, die sich in der deutlichen Zunahme der täglichen Leserschaft der WSWS niederschlagen.

David North

Die Reaktion auf die WSWS spiegelt einen Prozess der politischen Massenradikalisierung unter den Bedingungen der größten Krise seit den 1930er Jahren wider. Die Pandemie hat den sozialen, wirtschaftlichen, politischen und moralischen Bankrott des kapitalistischen Weltsystems aufgedeckt. Mehr als eine Million Menschen sind durch das Covid-19-Virus getötet worden. Allein in den Vereinigten Staaten nähert sich die Zahl der Todesopfer einer Viertelmillion. Bis zum Ende des Jahres wird die Zahl der Amerikaner, die den Folgen einer Infektion erlegen sein werden, sicherlich über 300.000 liegen. Doch selbst während die Pandemie in weiten Teilen der Welt außer Kontrolle gerät, ist das zentrale Anliegen der kapitalistischen Regierungen nicht die Eindämmung des Virus, sondern der Schutz der Profite. Diese kriminelle Priorität liegt der Einführung der mörderischen Strategie der „Herdenimmunität“ zugrunde, der Duldung und sogar der aktiven Förderung weit verbreiteter Ansteckungen, ungeachtet der Zahl an Menschenleben, die dies kosten wird.

Die Pandemie ist, wie die World Socialist Web Site seit Beginn des Ausbruchs erklärt hat, ein „auslösendes Ereignis“, das wie der Ausbruch des Ersten Weltkriegs alle Widersprüche des kapitalistischen Systems enorm verschärft und zur Explosion gebracht hat. Die beiden Hauptklassen in der Gesellschaft – die Kapitalistenklasse und die Arbeiterklasse – werden in einen immer direkteren und brutaleren Konflikt getrieben, während jede dieser beiden Kräfte versucht, die Widersprüche in ihrem eigenen Interesse zu lösen. Die Methoden und die Politik, mit denen die kapitalistischen Eliten versuchen, die Krise zu überwinden, sind die Unterdrückung der Demokratie, der Faschismus und der Krieg, die alle auf die maximale Ausbeutung, Atomisierung und Verarmung der werktätigen Massen ausgerichtet sind. Als Antwort darauf ist die Arbeiterklasse gezwungen, sich auf den Weg des revolutionären Kampfes zu begeben.

Dies ist der politische und historische Kontext, in dem der Relaunch der World Socialist Web Site stattgefunden hat. Aber die Anerkennung des objektiven historischen Prozesses, dessen Ausdruck die Entwicklung der WSWS ist, bedeutet nicht, dass der Relaunch der WSWS, ganz zu schweigen von der ursprünglichen Gründung der Website vor fast 23 Jahren, das automatische Ergebnis blinder historischer Kräfte gewesen wäre.

Die World Socialist Web Site ist das Ergebnis der bewussten Bemühungen der Kader des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, die Krise der revolutionären Führung zu lösen. Die WSWS wurde erstmals im Februar 1998 veröffentlicht. Seit der Auflösung der Sowjetunion waren erst sechs Jahre vergangen. Für die unzähligen Spielarten des antimarxistischen Revisionismus und der kleinbürgerlichen Linken traf der Zusammenbruch des bürokratischen Regimes sowie die Ohnmacht der Arbeiter- und Gewerkschaftsbürokratien in der ganzen Welt auf einen Paroxysmus der Verzweiflung. Die „Midnight in the Century“ war angebrochen.

Die politische und historische Situation wurde vom Internationalen Komitee ganz anders eingeschätzt, das weder überrascht noch im Geringsten entmutigt war, als sich Trotzkis Vorhersage erfüllte, dass von den alten und reaktionären bürokratischen Organisationen „kein Stein auf dem anderen“ bleiben würde. Ungeachtet des Zusammenbruchs des Stalinismus und der Verwesung der alten nationalen reformistischen und gewerkschaftlichen Organisationen blieb das kapitalistische System von seinen unlösbaren Widersprüchen geplagt. Die Aufgabe, vor der die Vierte Internationale stand, bestand darin, sich auf die nächste Phase der Krise des Kapitalismus und die Erneuerung der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse vorzubereiten.

Diese historisch begründete Perspektive unterschätzte nicht die enormen Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt. Die trotzkistische Bewegung verstand den immensen Schaden, der dem politischen Bewusstsein und Selbstvertrauen der internationalen Arbeiterklasse durch jahrzehntelange Verbrechen und Verrat durch Stalinismus, Sozialdemokratie, Maoismus und die unternehmerfreundlichen Gewerkschaften zugefügt worden war, und bagatellisierte ihn nicht. Darüber hinaus war es eine unbestreitbare Tatsache, dass diese Verbrechen und Verrate die Idee des Sozialismus in weiten Teilen der Arbeiterklasse zutiefst untergraben und sogar diskreditiert hatten. Es würde Zeit, den Druck objektiver Ereignisse und das Entstehen einer neuen Generation erfordern, damit die Wunden der Vergangenheit würden heilen können.

Aber in diesem Prozess erkannte das Internationale Komitee seine eigene entscheidende Rolle an. 1993, während meines ersten Treffens in Kiew mit dem großen sowjetrussischen Historiker Wadim Rogowin – der damals am ersten Band seiner Geschichte des Kampfes der von Trotzki geführten linken Opposition gegen die stalinistische Bürokratie arbeitete – fragte er mich, wie die Erneuerung einer sozialistischen Bewegung erreicht werden könne. Ich erklärte, dass das Internationale Komitee entschlossen sei, den Kampf für das Programm des Trotzkismus mit dem Wiederaufbau einer echten sozialistischen Weltanschauung und Kultur innerhalb der Arbeiterklasse zu verbinden. „Das ist ein sehr hochgestecktes Ziel“, antwortete Wadim, und er zeigte seine Unterstützung für diese Perspektive, indem er sieben Bände seines großen historischen Werkes Gab es eine Alternative? vorlegte. Wadim, der seinen letzten Band dem Internationalen Komitee widmete, erlebte den Start der World Socialist Web Site mit, bevor er im Herbst 1998 an Krebs starb.

Seit der Erstveröffentlichung der Website hat es mehr als 8.000 tägliche Ausgaben der WSWS gegeben. Ursprünglich wurde sie an fünf Tagen in der Woche publiziert und relativ schnell auf sechs Tage pro Woche umgestellt. Kein einziger geplanter Veröffentlichungstermin wurde versäumt. Eine solche Hartnäckigkeit ist nur möglich, wenn eine Publikation von einer in der marxistischen Theorie verwurzelten Perspektive und der bewussten Aneignung der großen historischen Erfahrung der Vierten Internationale im revolutionären Kampf geleitet wird.

Im Juli 1998, weniger als ein halbes Jahr nach dem Start der World Socialist Web Site, wurden die politischen und intellektuellen Grundlagen und Motive für ihre Arbeit wie folgt definiert:

1. Das Beharren des IKVI auf dem Primat des Internationalismus als Grundlage der politischen Strategie und taktischen Organisation der Arbeiterklasse.

2. Der kompromisslose Charakter des Kampfes, den das IKVI gegen die Vorherrschaft der reaktionären Arbeiterbürokratien in der Arbeiterklasse führt.

3. Die Betonung der Wiederbelebung einer echten sozialistischen politischen Kultur innerhalb der Arbeiterklasse als wesentliche intellektuelle und, man könnte hinzufügen, „geistige“ Prämisse einer neuen internationalen revolutionären Bewegung. […]

4. Der Kampf gegen Spontanismus und politischen Fatalismus im Zusammenhang mit der Entwicklung der Krise des Kapitalismus, des Klassenkampfes und der sozialistischen Revolution. [1]

Die Beständigkeit und das Wachstum der World Socialist Web Site zeugen von der Richtigkeit dieser Grundprinzipien sowie der marxistisch-materialistischen Weltanschauung und des trotzkistischen politischen Programms, auf denen sie beruhen.

Aber selbst die fortschrittlichste wissenschaftliche Theorie und das revolutionärste Programm können nicht verwirklicht werden, wenn nicht dafür gekämpft wird. Das marxistische Programm und das hohe Niveau des politischen Bewusstseins, das für die Entstehung einer sozialistischen Massenbewegung erforderlich ist, können sich innerhalb der Arbeiterklasse nicht spontan entwickeln. Die Entwicklung einer revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse, die zutiefst von einer sozialistischen Weltanschauung und Kultur geprägt ist, erfordert die unnachgiebige und beharrliche Aktivität der marxistischen Kader.

Nach fast 23 Jahren kontinuierlicher und ununterbrochener Veröffentlichung der World Socialist Web Site kann die Arbeit der Kader des Internationalen Komitees der Vierten Internationale mit Recht als „beharrlich“ und „unnachgiebig“ bezeichnet werden. Die Veröffentlichung der WSWS erforderte während dieser mehr als zwei Jahrzehnte die tägliche Zusammenarbeit von Kadern, die auf verschiedenen Kontinenten leben.

Die Mitarbeiter der WSWS bestehen aus Kadern mit einem breiten Spektrum an politischer Erfahrung. Einige der regelmäßigen Autoren der Website – Genossen wie Barry Grey, Patrick Martin, Nick Beams, Wije Dias, Chris Marsden, Peter Schwarz, Ulrich Rippert, David Walsh, Larry Porter und Fred Mazelis – sind seit vielen Jahrzehnten, ja sogar seit einem halben Jahrhundert und länger, in der revolutionären Arbeit engagiert. Viele weitere Autoren, und ihre Zahl wächst rapide, sind neue Mitglieder in den Sektionen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale. Und es gibt Genossen, die jetzt regelmäßig Beiträge zur WSWS leisten und die hart daran arbeiten, neue Sektionen des Internationalen Komitees in den Ländern und Regionen einzurichten, in denen sie leben.

Eine Website lebt nicht nur von Autoren. Die WSWS wird von einem internationalen Kader getragen, der sich um die technische Wartung der Website kümmert, die Artikel Korrektur liest und sie dann auf der Website postet. Und unter Bedingungen, in denen die WSWS einen täglichen Kampf gegen die Zensur durch große Konzerne führen muss, greifen Parteikader auf der ganzen Welt auf unzähligen Social-Media-Plattformen ein, um die Veröffentlichungen der Seite einem globalen Publikum bekannt zu machen. Und diese Arbeit wird durch die Bemühungen unzähliger engagierter Leser und Unterstützer der World Socialist Web Site unermesslich gestärkt.

Natürlich könnte die Publikation der WSWS ohne die finanziellen Mittel, die von ihren treuen Lesern und Unterstützern zur Verfügung gestellt werden, nicht aufrechterhalten werden.

Terenz, ein großer Dramatiker der Antike, schrieb: „Ich bin ein Mensch; nichts Menschliches, glaube ich, ist mir fremd.“ Diese universelle Perspektive kommt im Inhalt der WSWS zum Ausdruck. Die Bandbreite der Berichterstattung umfasst eine breite Palette von Themen, Ereignissen und Erfahrungen. Die WSWS orientiert sich zuallererst auf die internationale Arbeiterklasse. Solange die Arbeiterklasse unter der Herrschaft des Kapitalismus bleibt, muss der zentrale Fokus der WSWS darauf liegen, der Arbeiterklasse eine detaillierte Berichterstattung und Analyse der politischen Ereignisse und sozialen Kämpfe zu bieten.

Sie muss die Arbeiter lehren, den Unterschied zwischen einem echten revolutionären Programm und den falschen Programmen zu erkennen, die von den politischen Agenten der herrschenden Klasse produziert werden. Die WSWS muss das historische Bewusstsein der Arbeiterklasse kontinuierlich schärfen, was für eine korrekte Orientierung und Reaktion auf zeitgenössische Ereignisse unerlässlich ist. Die trotzkistische Bewegung toleriert nicht die Verfälschung und Verunglimpfung der mit Blut bezahlten historischen Eroberungen der Vergangenheit, seien es die der sozialistischen Oktoberrevolution in Russland oder die der beiden großen bürgerlich-demokratischen Revolutionen, die auf den Schlachtfeldern der neuen amerikanischen Republik gekämpft wurden.

Die WSWS ist bestrebt, die wissenschaftlichen Kenntnisse und das kulturelle Bewusstsein der Arbeiterklasse so weit wie möglich zu erhöhen. Es gibt keinen Aspekt der Kultur, der nicht in den Wirkungsbereich der Arbeiterklasse fällt. Das Klassenbewusstsein wird durch intellektuelle Auseinandersetzung und Einfühlung in die unterschiedlichsten menschlichen Erfahrungen bereichert und geschärft.

Das Ziel der WSWS ist es, das Bewusstsein der internationalen Arbeiterklasse auf das Niveau anzuheben, das für ihre Vereinigung und die globale Koordination ihres Kampfes zur Durchführung der sozialistischen Weltrevolution und zur Befreiung der Menschheit – aller Ethnien, Nationalitäten, Religionen und Hautfarben – von allen Formen der Unterdrückung erforderlich ist.

Heute werden wir Redner hören, die eine entscheidende Rolle in der Arbeit der World Socialist Web Site gespielt haben. Die Liste der Redner ist notwendigerweise zeitlich begrenzt. Daher sprechen sie als Vertreter einer gewaltigen kollektiven Leistung.

Damit möchte ich unseren ersten Redner vorstellen.

[1] David North, Bericht an die Eröffnungssitzung des Achtzehnten Plenums des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, 20. Juli 1998

David North

 

Siehe auch:

Willkommen zum Relaunch der World Socialist Web Site!
[2. Oktober 2020]

 

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