Polnische Schüler streiken für Stopp des Präsenzunterrichts

Von Clara Weiss
15. Oktober 2020

Am Montag begannen die Oberschüler in Polen einen landesweiten einwöchigen Streik für den Stopp des Präsenzunterrichts in den Schulen. Dieser Streik, den die nationalen und internationalen Medien fast völlig totgeschwiegen haben, wurde hauptsächlich in den sozialen Medien unter dem Hashtag #uczniowskiprotest und der Parole „Wir haben Angst“ organisiert.

Die Schüler verweigern den Schulbesuch entweder ganz oder erscheinen schwarz gekleidet. Es wurden zwar keine Teilnehmerzahlen bekannt, doch im Gespräch mit der WSWS erklärten Schüler, die Mehrheit ihrer Mitschüler habe sich am Streik beteiligt. Unter Lehrern und Eltern habe der Streik eine überwältigende Unterstützung. Am Montag und Dienstag gehörten Hashtags im Zusammenhang mit dem Streik auf Twitter zu den am meisten verwendeten. Eine Petition, die Hybridmodelle oder strengere Sicherheitsvorkehrungen in Schulen, jedoch nicht das Ende des Präsenzunterrichts forderte, wurde bis zum Mittwochmorgen mehr als 36.600-mal unterzeichnet.

Der Streik folgt auf eine Welle von Schulbesetzungen in Griechenland. Polen befindet sich, wie ganz Europa, mitten in der zweiten Welle der Pandemie. Während die Zahl der täglichen Infektionen am 17. September bei 837 lag, stieg sie am 10. Oktober auf 5.300 und am Dienstag erneut auf über 5.000. Das sind etwa zehnmal mehr als die Zahl der täglichen Neuinfektionen während der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr. Mit 135.000 Infizierten bei weniger als 40 Millionen Einwohnern hat Polen eine der höchsten Infektionsraten in Europa.

Der Epidemiologe Jakub Zieliński von der Universität Warschau bestätigte letzte Woche: „Wir verlieren die Kontrolle über die Pandemie. In zwei Dritteln aller Fälle wissen wir nicht, wo die Infektion herkommt. Allerdings wissen wir, dass sie in der Mehrheit der Fälle von Kindern ausgehen, die in der Schule waren.“ Zieliński erklärte außerdem, es sei möglich, dass es in Polen zehnmal so viele Fälle gebe wie offiziell zugegeben wird.

Dennoch weigert sich die Regierung der rechtsextremen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) entschieden, die Schulen nach deren Wiederöffnung am 1. September erneut zu schließen. Nur wenige Schulen sind wieder zum Fernunterricht übergegangen.

Der 31-jährige Grundschullehrer Kamil Pietrzyk, der an Covid-19 gestorben ist. (Quelle: Facebook, Kamil Pietrzyk)

Während der letzten Woche sind mindestens zwei Lehrer und ein Schüler an Covid-19 gestorben. Der Tod des 31-jährigen Grundschullehrers Kamil Pietrzyk, der in seiner Freizeit Gedichte schrieb und als Kulturjournalist tätig war, löste besondere Erschütterung aus. Nur wenige Tage zuvor war in der nordpolnischen Kleinstadt Osiek ein 44-jähriger Lehrer an Covid-19 gestorben.

Am Montag wurde schließlich gemeldet, dass ein 20-jähriger Schüler einer weiterführenden Schule aus Bydgoszcz, einer mittelgroßen Stadt im Norden Polens, am Coronavirus gestorben ist. Der Schüler, der Berichten zufolge Vorerkrankungen hatte, besuchte die Schule bis zum 2. Oktober und kam fünf Tage später ins Krankenhaus. Sein Fall ähnelt dem schrecklichen Tod eines 19-jährigen Studenten aus den USA, der wegen Komplikationen an dem Virus starb. Diese Fälle widerlegen die Behauptung, dass „nur“ alte Menschen an Covid-19 sterben würden.

In dieser Situation haben die Schüler die Initiative ergriffen, um den Betrieb an den Schulen zu stoppen und dadurch ihre eigene Gesundheit und die ihrer Angehörigen und Lehrer zu schützen.

Julia erklärte gegenüber der WSWS: „Ich nehme an dem Streik teil, weil ich will, dass die Regierung ihr Vorgehen in dieser Frage ändert. Für die Sicherheit von Schülern, Lehrern und ihren Familien ist das enorm wichtig in dieser Pandemie, die das Leben und Gesundheit von so vielen Menschen in Gefahr bringt. Das alles hat auch negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit dieser Gruppen.“ Julia wies darauf hin, dass die meisten Eltern und Lehrer und immer mehr junge Menschen den Streik unterstützten.

Aleksandra, eine Schülerin aus Lublin, bestätigte Julia: „Ich nehme an dem Streik teil, weil ich Angst um meine eigene Sicherheit und die Sicherheit meiner Verwandten habe. Einige von ihnen haben leider Begleiterkrankungen oder eine Schwäche des Immunsystems.“

Es sei schwer zu sagen, wie viele Schüler in Lublin an dem Streik beteiligt sein, allerdings habe die Mehrzahl ihrer Bekannten und Freunde teilgenommen.

Über die toten Lehrer und den Schüler erklärte Aleksandra: „Es ist wirklich verantwortungslos und traurig, dass so viele junge Leute ihren Schutz selbst in die Hand nehmen müssen, indem sie auf die Straße gehen. Seit Anfang September hatte die Regierung den Schülern immer nur eins gesagt: ,Es gibt keinen Grund, die Schulen zu schließen‘. Braucht es wirklich noch mehr solcher Tragödien, um zu begreifen, dass Schulen die Hauptquelle für Infektionen sind?“

Sie berichtet von einem Schüler in ihrer Klasse, der mit jemandem Kontakt gehabt habe, der an Covid-19 erkrankt war. Doch als die Lehrerin den staatlichen Gesundheitsdienst informiert hätte, der für die landesweiten Tests zuständig ist, sei ihr dort gesagt worden, sie solle den Schüler nicht testen lassen, weil er „keine Symptome zeigt“. Aleksandra sagt: „Sowohl die Schule als auch der staatliche Gesundheitsdienst ignorieren diejenigen, die an Covid-19 erkranken, solange sie ,keine Symptome haben‘.“

Andere berichteten in den sozialen Medien von ähnlichen Vorfällen. Ein polnischer Arbeiter schrieb auf Twitter: „In der Schule eines meiner Kollegen ist eine Schülerin sehr krank geworden. Sie war kreidebleich und hat schließlich das Bewusstsein verloren. Zuvor hatte sie Kontakt mit jemandem, der in Quarantäne war. Die Schule hat alles vertuscht und niemanden darüber informiert.“

Ein anderer Twitter-Nutzer schrieb, dass eine Schülerin, deren Eltern positiv getestet worden waren, vom staatlichen Gesundheitsdienst gesagt bekommen hätte, sie solle die Quarantäne verlassen, weil sie selbst keine Symptome habe.

Die volle Verantwortung für die massiven Infektionen und Todesfälle liegt bei der herrschenden Klasse Polens. Genau wie die kapitalistischen Regierungen im Rest der Welt setzt auch die polnische PiS-Regierung praktisch eine Politik der Herdenimmunität durch. Sie lässt das Virus ohne Rücksicht auf Todesopfer oder langfristige medizinische, psychologische und soziale Folgen von Masseninfektionen und Todesfällen in der Bevölkerung wüten.

Während die offizielle Todesrate in Polen bisher relativ niedrig war, müssen die an Covid-19 Erkrankten in einem Gesundheitssystem ums Überleben kämpfen, das nach der Wiedereinführung des Kapitalismus und jahrzehntelanger Sparpolitik in Trümmern liegt. Zu Beginn der Pandemie waren die Krankenhäuser bereits mit lediglich einer Handvoll Covid-19-Patienten überlastet. Ganze Städte verfügten über keine funktionierenden Beatmungsgeräte.

Die Regierung hat sich im Mai für eine frühe Wiedereröffnung eingesetzt, um zu garantieren, dass die Ausbeutung der Arbeiterklasse fortgesetzt und die hoch umstrittene Präsidentschaftswahl im Juli abgehalten wird, die von dem antisemitischen und rechtsextremen Wahlkampf von Andrzej Duda dominiert wurde. In Schlesien weigerte sich die Regierung von Anfang an, die Kohlegruben zu schließen, und bereitete damit den Boden dafür, dass die Region zum Epizentrum der Pandemie in Polen wurde.

Allerdings ist für diese Politik nicht nur die PiS verantwortlich. Die dem Namen nach liberale Oppositionspartei Bürgerplattform hat die PiS in jeder Hinsicht unterstützt, indem sie jeden echten Widerstand der Arbeiterklasse gegen diese Politik blockiert und mit der Regierung zusammengearbeitet hat, um sicherzustellen, dass diese Politik umgesetzt wird. Die Gewerkschaften wiederum haben eine zentrale Rolle dabei gespielt, die Regierung abzustützen, indem sie den landesweiten Lehrerstreik von 2019 verraten haben. Jetzt haben sie noch nicht einmal symbolisch ihre Unterstützung für den Schülerstreik erklärt und versuchen stattdessen, jede breitere Mobilisierung der Lehrer und anderer Teile der Arbeiterklasse gegen die unsichere Wiedereröffnung zu verhindern.

Arbeiter und Jugendliche in Polen sind mit politischen und internationalen Aufgaben konfrontiert. Die Wiederöffnung der Schulen ist ein integraler Bestandteil der Strategie, mit der die Kapitalistenklasse in Europa und Amerika auf die Pandemie reagiert. Um weiterhin Profite aus der Arbeiterklasse herauszupressen und die gewaltigen Rettungspakete für die Konzerne vom Frühling zu finanzieren, müssen die Arbeiter zur Rückkehr in die Fabriken und Betriebe gezwungen werden. Ohne die erzwungene Schulöffnung wäre diese Politik nicht durchführbar.

Arbeiter und Jugendliche müssen unabhängige Kampforganisationen aufbauen, die die Interessen der Arbeiter über das private Profitstreben stellen, um ihre Gesundheit und ihre sozialen Rechte zu schützen. Wir rufen unsere Leser in Polen auf, die Erklärungen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale über die Reaktion der Arbeiterklasse auf die Pandemie zu studieren, einschließlich der Erklärungen der International Youth and Students for Social Equality (englisch) und der Sozialistischen Gleichheitspartei gegen die Schulöffnung. Wer mit diesen Erklärungen übereinstimmt, sollte sich noch heute mit uns in Verbindung setzen.

 

Siehe auch:

Die weltweite Kampagne zur Wiedereröffnung der Schulen und die internationale Strategie der Arbeiterklasse
[5. September 2020]

700 Schulen in Griechenland besetzt: „Schulen sind Zeitbomben für die öffentliche Gesundheit!“
[1. Oktober 2020]

Corona: Maskenpflicht im Bundestag, aber Schulen und Kitas bleiben ungeschützt
[7. Oktober 2020]

Großbritannien: Schule oder Uni für fast jede zweite Corona-Infektion verantwortlich
[6. Oktober 2020]

 

Commenting is enabled but will only be shown on the live site.