USA: Fast 20.000 Corona-Infizierte bei Amazon und Whole Foods

Von Tom Carter
5. Oktober 2020

Am vergangenen Donnerstag gab das Management von Amazon in einem Blog-Beitrag ohne viel Aufhebens zu, dass in den USA 19.816 Mitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet wurden, darunter Arbeiter in den Warenlagern sowie des Tochterunternehmens Whole Foods.

Amazon-Arbeiter protestieren gegen unsichere Arbeitsbedingungen, Staten Island (New York), 30. März 2020 (AP Photo/Bebeto Matthews)

Vor dieser Ankündigung hatte sich das Management monatelang geweigert, der Forderung der Arbeiter nach Bekanntgabe dieser Informationen nachzukommen.

Die International Amazon Workers Voice der World Socialist Web Site rief die Arbeiter am 23. April in einer Erklärung zur Gründung von Aktionskomitees auf und forderte als erste grundlegende Sicherheitsmaßnahme die Veröffentlichung der Infektionsstatistiken. Es wurde zudem darauf hingewiesen, dass sich das Unternehmen systematisch weigerte, die Arbeiter über die Anzahl der erkrankten Mitarbeiter zu informieren.

In den folgenden Monaten wurde Arbeitern, die diese Information einforderten, entweder erklärt, das Management würde darüber keine Aufzeichnungen führen oder könne die Daten aus rechtlichen Gründen nicht bekanntgeben, da sich das Management angeblich um die Privatsphäre der Arbeiter sorge. Den Arbeitern wurde erklärt, die Gesamtzahl der Infizierten sei „nicht besonders aussagekräftig“, und die Sicherheitsvorkehrungen, die Amazon in den Logistikzentren eingeführt habe, würden sich gut bewähren.

Im Mai erklärte Dave Clerk, leitender Vizepräsident für internationale Angelegenheiten bei Amazon, er wisse nicht, wie hoch die Gesamtzahl der Infektionen sei. In einem Interview mit der CBS-Sendung 60 Minutes erklärte er außerdem: „Ich habe die Zahlen momentan nicht zur Hand, und sie sind ohnehin nicht besonders aussagekräftig.“ Dabei arbeitet Clark für ein Unternehmen, das seine Arbeiter in den Warenlagern ununterbrochen überwacht.

Im Mai forderten Justizminister verschiedener Bundesstaaten von Amazon die Bekanntgabe der Gesamtzahl der Infizierten; das Unternehmen weigerte sich jedoch die Zahlen zu veröffentlichen.

Während Amazon die tatsächliche Zahl der Infektionen verheimlichte, wurde seitens des Managements behauptet, die Gegenmaßnahmen gegen das Virus in den Warenlagern würden „wirken“. Amazon-Sprecherin Lisa Levandowski erklärte im Mai gegenüber CNN Business: „Unsere harte Arbeit im Bereich soziale Distanzierung zahlt sich aus.“ Sie deutete damit an, die Arbeiter wären vor Infektionen geschützt.

Jetzt, wo das Unternehmen die Informationen nach eigenem Gutdünken und zum selbst gewählten Zeitpunkt veröffentlicht, erweisen sich sämtliche Ausreden, die den Arbeiter präsentiert wurden, schlicht als Lügen.

Während sich das Management weigerte, die für die Sicherheit der Arbeiter notwendigen Daten zu veröffentlichen, versuchten diese, sich die Informationen in den sozialen Netzwerken selbst zu beschaffen. Bei einer Zählung kamen sie auf 2.000 Fälle. Die ehemalige Amazon-Beschäftigte Jana Jumpp, die im Juni der World Socialist Web Site ein Interview gab und ihre Versuche schilderte, eigene Statistiken zusammenzustellen, erklärte damals, dass die verfügbaren Informationen nur „die Spitze des Eisbergs“ seien.

Als Amazon die Daten am Donnerstag in Form eines Blog-Beitrags veröffentlichte, tat das Unternehmen so, als hätten die Forderungen der Arbeiter nichts damit zu tun. Amazon inszenierte sich absurderweise als Pionier der Transparenz und drängte andere Unternehmen, ähnliche Daten zu veröffentlichen. Dazu heißt es: „Allgemein verfügbare Daten würden es uns erlauben, unseren Fortschritt zu messen und die besten Vorgehensweisen über Unternehmen und Branchen hinweg auszutauschen.“

Amazon hat in spektakulärer Weise von der Entscheidung profitiert, die Arbeiter trotz der schwelenden Pandemie weiterarbeiten zu lassen. Während die Konkurrenz in Schwierigkeiten geriet, weitete Amazon seine Dominanz über beträchtliche Teile der globalen Logistikinfrastruktur aus. Der Börsenwert des Unternehmens stieg von 920 Milliarden Dollar zu Beginn des Jahres auf 1,6 Billionen Dollar bis zum 1. Oktober. Das entspricht 34 Millionen Dollar pro erkrankten Arbeiter.

Das Vermögen von Amazon-Chef Jeff Bezos, dem reichsten Mann der Welt, stieg im September auf mehr als 200 Milliarden Dollar; das ist ein Zuwachs von etwa 87 Milliarden Dollar seit Jahresbeginn. Diese Summe entspricht etwa 4,35 Millionen Dollar für jeden erkrankten Arbeiter.

Amazon veröffentlichte zusätzlich zur Gesamtzahl der Infizierten Statistiken, die angeblich zeigen, dass die Infektionsrate unter Amazon-Arbeitern unter dem Durchschnitt der jeweiligen Bundesstaaten liegt, und gratulierte sich selbst für die Bemühungen zur Sicherheit der Mitarbeiter. Dieser Unsinn entspricht in etwa dem Niveau einer Pressekonferenz von Präsident Trump – denn es steht vollkommen außer Frage, dass man bei der Arbeit in einem Warenlager zusammen mit Hunderten Kollegen einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt ist als in den eigenen vier Wänden. Die Daten sind ohnehin zweifelhaft, da keine systematischen Tests durchgeführt werden.

Im Bundesstaat Minnesota offenbaren die Statistiken von Amazon, dass sich pro 1.000 Arbeiter durchschnittlich 32 mit dem Corona-Virus infiziert haben. Für den Bundesstaat lag die Rate bei 19 Fällen pro 1.000 Einwohnern.

Das Management hat zwar die Gesamtzahl der Infizierten bekanntgegeben, allerdings reichen diese Daten noch lange nicht aus, damit die Arbeiter fundierte Entscheidungen zur Frage treffen können, ob der Gang zur Arbeit sicher sei und die Sicherheitsmaßnahmen an den Arbeitsplätzen ausreichten.

Inmitten einer tödlichen Pandemie gibt es absolut keinen legitimen Grund, warum aktuelle Informationen über Verdachts- und positive Fälle, gemeldete Symptome, ausstehende Tests und präventive Quarantänen nicht allen Arbeitern an allen Arbeitsstätten zur Verfügung gestellt werden sollten. Tatsächlich brauchen Arbeiter diese Information, um Maßnahmen zu treffen, damit ihr Arbeitsplatz sicher ist. Sie zu unterdrücken dient ausschließlich dazu, den Widerstand der Arbeiter ins Leere laufen zu lassen und ihnen ein falsches Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, während die Profite weiter fließen.

Jana Jumpp erklärte am Freitag gegenüber der International Amazon Workers Voice: „Es ist eine Schande, dass sie das erst jetzt veröffentlichen. Ich hätte gern weitere Details. Wie viele Fälle gab es in jeder Einrichtung? Wie viele Menschen mussten wegen engem Kontakt in Quarantäne? Wer ist für die Tests in den Einrichtungen verantwortlich? ... Es kommt mir vor, als würde die Sache gerade erst ins Rollen geraten.“

Ein Amazon-Arbeiter aus Baltimore erklärte gegenüber der International Amazon Workers Voice: „Die Zahlen schockieren mich nicht, weil ich irgendwie geahnt habe, dass die Zahlen verheimlicht werden, genau wie es der Präsident macht. Alles ist in Ordnung, alles wie immer. So sieht es aus.“

Über das Warenlager, in dem er arbeitet, berichtete er: „Ich habe seit vielen Wochen darum gebeten, dass eine Kontaktverfolgung vorgenommen wird. Wenn jemand in meinem Arbeitsbereich fehlt, weil er Covid-19 hat, würde ich erwarten, dass man uns das mitteilt, damit wir uns testen lassen können. Niemand hat mir auch nur einmal etwas dazu gesagt, obwohl ich später herausgefunden habe, dass ein Kollege, mit dem ich eng zusammengearbeitet habe, sich mit dem Virus angesteckt hatte. Funktioniert diese Kontaktverfolgung überhaupt?“

Amazon hat nicht bestätigt, wie viele Arbeiter an dem Virus gestorben sind, doch laut einem Bericht vom Mittwoch geht NBC News von mindestens zehn Toten aus.

Aus Angst vor dem Widerstand der Arbeiter hat das Amazon-Management nach den zahlreichen Arbeitsniederlegungen im April und Mai erfahrene Vertreter des staatlichen Unterdrückungsapparats angeheuert. Sie sollen die Arbeiter besser überwachen, ihrem Widerstand zuvorkommen und ihn unterdrücken. Das Unternehmen verletzt außerdem systematisch die Privatsphäre seiner Arbeiter, indem es sie über soziale Netzwerke und interne Mailinglisten ausspioniert.

Mit seinem lebensgefährlichen Umgang mit der Pandemie setzt des Managements nur seine miserable Bilanz in punkto Arbeitssicherheit der letzten Jahre fort. Amazon wurde sowohl 2019 als auch 2018 von der US-Arbeitsschutzbehörde als eines der zwölf unsichersten Unternehmen eingestuft. Die Behörde beschrieb Amazon als ein Unternehmen, das „Arbeiter und Kommunen durch gefährliche Praktiken in Gefahr bringt“.

Laut einem Bericht des Center for Investigative Reporting, der am Dienstag veröffentlicht wurde, kam es bei Amazon im Jahr 2019 zu 14.000 ernsthaften Verletzungen von Arbeitern. Das entspricht der unglaublichen Zahl von acht ernsthaften Verletzungen auf 100 Arbeiter pro Jahr, was doppelt so hoch ist wie der sowieso schon erschreckende Durchschnitt in der Logistikbranche.

Die Zahlen decken sich mit jenen, die der International Amazon Workers Voice vorliegen. Alleine in einem Lagerhaus in Texas soll es innerhalb von zwei Jahren zu 567 ernsthaften Verletzungen gekommen sein. Eine der Betroffenen ist auch die Amazon-Whistleblowerin Shannon Allen, die nach ihrer Verletzung obdachlos wurde und auf dem Parkplatz der Firma in ihrem Wagen wohnte.

Durch die Pandemie sind die Arbeitsplätze von Amazon-Arbeitern nur noch unsicherer geworden, da das Risiko einer Ansteckung mit dem tödlichen Virus die Gefahren während der Arbeit noch weiter erhöht.

Die Enthüllung, dass bei Amazon bereits Zehntausende von Mitarbeiter erkrankt sind, wird die Empörung der Arbeiter über die mörderische „Back-to-Work“-Kampagne, sowie die Wiedereröffnung der Wirtschaft, was beides auf der ganzen Welt umgesetzt wird, nur weiter steigern.

Wenn du Unterstützung bei der Gründung eines Aktionskomitees an deinem Arbeitsplatz benötigst, dann nimm Kontakt auf zur WSWS und der International Amazon Workers Voice!

 

Siehe auch:

Jeff Bezos an die Amazon-Beschäftigten: Der Laden muss weiterlaufen
[25. März 2020]

Amazon-Arbeiter streiken gegen mangelnden Infektionsschutz
[30. Juni 2020]

 

Commenting is enabled but will only be shown on the live site.