Trump zur Corona-Pandemie: „Praktisch niemand“ betroffen

24. September 2020

Die Vereinigten Staaten haben nun den furchtbaren Meilenstein von 200.000 offiziellen Corona-Toten überschritten. Damit sind mehr Amerikaner an Covid-19 gestorben als im Ersten Weltkrieg, im Korea- und Vietnamkrieg zusammengenommen. Gemessen an der „Übersterblichkeit“ in den vergangenen Jahren liegt die tatsächliche Opferzahl bei über einer Viertelmillion. Weltweit wird die Zahl der gemeldeten Todesfälle vor Ende des Monats eine Million übersteigen.

Vor dem Hintergrund dieses entsetzlichen Blutzolls erklärte US-Präsident Donald Trump am Montag, dass das Virus „praktisch niemandem“ schadet. Bei einer Wahlkampfkundgebung in Toledo, Ohio, sagte er:

Es [das Coronavirus] betrifft ältere Menschen, ältere Menschen mit Herzproblemen und anderen Problemen. Wenn sie andere Probleme haben. Die sind wirklich betroffen. Das ist alles. ... Unter dem Alter von 18 Jahren – niemand. Sie haben ein starkes Immunsystem, wer weiß? ... Zieht euren Hut vor der Jugend, denn sie haben ein verdammt starkes Immunsystem. Aber es betrifft praktisch niemanden. Es ist eine erstaunliche Sache.

Trump endete mit der Forderung: „Öffnet eure Schulen. Alle, öffnet eure Schulen.“

Die Behauptung, dass die Pandemie nur „ältere Menschen“ betrifft, ist eine offene Lüge. Wie Aufnahmen von Bob Woodward belegen, hat Trump selbst im März zugegeben: „Jetzt stellt sich heraus, dass nicht nur alte Menschen“ von Corona betroffen sind. 20 Prozent oder mehr als 40.000 Menschen, die in den USA gestorben sind, waren unter 65 Jahre alt.

Welche gesundheitlichen Langzeitfolgen eine Corona-Infektion haben kann, ist bislang unbekannt. Wenn die Zahl der Todesopfer bis Ende des Jahres auf voraussichtlich 400.000 ansteigen sollte, wird „praktisch jeder“ von der Pandemie betroffen sein – sei es wegen eines Todesfalls oder einer schweren Corona-Erkrankung in der Familie, unter Freunden, Lehrern oder Kollegen.

Auch wenn man von Trump fast alles erwartet: Die Gleichgültigkeit, mit der er über den Tod von hunderttausenden Menschen spricht, ist erschreckend. Es würde jedoch den Kern der Sache verfehlen, seine Äußerung einfach als Ausdruck eines besonders soziopathischen Individuums im Weißen Hauses zu sehen. Trump spricht nicht nur für sich selbst, sondern für eine soziale Klasse.

Die Bereitschaft, den Tod von Hunderttausenden, vor allem älteren Menschen, hinzunehmen, folgt einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Logik. In den Ökonomisch-philosophischen Manuskriptenaus dem Jahre 1844, die Marx zu Beginn des Industriekapitalismus schrieb, erklärte er, dass die Einstellung des Kapitalisten zum Leben des Arbeiters vollständig von dessen Fähigkeit abhängt, Profit zu erwirtschaften, d.h. zu arbeiten.

Sobald er aus dem Arbeitsprozess und der Mehrwertschöpfung herausfällt, hat der Arbeiter „keine Arbeit, darum keinen Lohn, und da er nicht als Mensch, sondern als Arbeiter Dasein hat, so kann er sich begraben lassen, verhungern etc.“ Die kapitalistische Wirtschaft kenne nicht den unbeschäftigten Arbeiter, so Marx weiter: „Die Bedürfnisse des Arbeiters sind daher für sie nur das Bedürfnis, ihn während der Arbeit zu unterhalten, und so weit, dass das Arbeitergeschlecht nicht aus[sterbe].“ (Zweites Manuskript „Das Verhältnis des Privateigentums“, Hervorhebung im Original)

Diese theoretische Erkenntnis erlangt mehr als 175 Jahre später eine erstaunliche Realität. Der Arbeiter, der nicht mehr arbeiten kann, ist aus Sicht der herrschenden Klasse völlig nutzlos. Er produziert nicht nur keinen Gewinn, sondern beansprucht auch noch Ressourcen wie die Gesundheits- und Altersversorgung, die die Geldmittel schmälert, die sonst in den Finanzmarkt oder die Kriegsmaschinerie fließen könnten.

Das sind die Überlegungen, auf die sich die herrschende Klasse in ihrer Reaktion auf die Pandemie gestützt hat. Diese Einstellung zum massenhaften Tod von Menschen hat grausame Implikationen. Die Nazis hatten mit ihrer Politik der „Euthanasie“ systematisch kranke und behinderte Menschen getötet. Sie rechtfertigten ihre Verbrechen mit dem Konzept des „lebensunwerten Lebens“, d.h. Menschen, die angeblich kein Recht auf Leben hatten und deren Ermordung deshalb als positiv angesehen wurde.

Offen gesagt hat die herrschende Klasse die unverhältnismäßig hohe Gefährdung älterer und vorerkrankter Menschen durch das Virus schon immer als Vorteil betrachtet. Bevor die Pandemie ausbrach, wiesen unzählige Berichte von Think-Tanks der herrschenden Klasse darauf hin, dass mit der steigenden Lebenserwartung die Kosten der Gesundheitsfürsorge zunehmen und Arbeiter heute oft Jahre oder Jahrzehnte nach ihrer Pensionierung weiterleben. Sie warnten vor den Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Staatsfinanzen und die Militärausgaben.

Regierungen auf der ganzen Welt begegnen dem Schicksal älterer Menschen in der Corona-Pandemie mit krimineller Gleichgültigkeit. Letzten Monat veröffentlichte die New York Times einen Artikel über Belgiens Umgang mit der Coronakrise. Demnach wurden ältere Menschen in Belgien, das eine der höchsten Pro-Kopf-Todesraten aller Länder aufweist, von Krankenhäusern abgewiesen, obwohl diese nicht voll ausgelastet waren. Fast 6.000 Bewohner belgischer Pflegeheime sind gestorben.

In Schweden, das eine Vorreiterrolle bei der Strategie der „Herdenimmunität“ spielt, die angeblich auf den Schutz älterer Menschen konzentriert sein soll, starben besonders viele Menschen in Pflegeheimen, vor allem in Stockholm. Die schwedische Ministerin für Gesundheit und Soziales, Lena Hallengren, musste Ende April zugeben: „Wir haben es versäumt, unsere älteren Menschen zu schützen. Das ist wirklich schwerwiegend und ein Versagen der Gesellschaft als Ganzes.“

In Großbritannien wird die Zahl der Fälle aufgrund der von der Johnson-Regierung eingeführten Politik der „Herdenimmunität“ voraussichtlich auf über 50.000 pro Tag ansteigen. Das Queen’s Nursing Institute hat erschreckende Opferzahlen in Pflegeheimen in den Monaten April und Mai dokumentiert. In einem Bericht des Independent vom August hieß es, dass die Pflegeheime „unter ‚ständigen‘ Druck gesetzt wurden, Patienten mit Coronavirus aufzunehmen, während ihnen die Behandlung von erkrankten Bewohnern in Krankenhäusern und durch [Allgemeinärzte] auf dem Höhepunkt der Corona-Krise regelmäßig verweigert wurde“.

In den Vereinigten Staaten steht Trump zwar an der Spitze der mörderischen Politik der „Herdenimmunität“, erfreut sich aber der Unterstützung des gesamten politischen Establishments – von den Demokraten und der New York Times bis hin zum Magazin Jacobin, das den Demokratischen Sozialisten Amerikas (DSA) nahesteht. Am Wochenende hatte Jacobin in einem Artikel Trumps Corona-Politik unterstützt. Der Times-Kolumnist Thomas Friedman hatte schon früh den Satz geprägt: „Die Heilung darf nicht schlimmer als die Krankheit sein.“

Die logische Folge der Politik der „Herdenimmunität“ ist die notwendige „Normalisierung“ des Todes im gigantischen Ausmaß. Im März bezeichnetet die World Socialist Web Site die Reaktion der herrschenden Klasse auf die Pandemie als „böswillige Untätigkeit“. Die Regierungen haben bewusst entschieden, jegliche Maßnahmen gegen das Virus auf ein Minimum zu reduzieren, damit sich die Pandemie ausbreitet. In den letzten sechs Monaten hat sich diese Politik in eine noch gefährlichere Richtung entwickelt, die man als „soziale Euthanasie“ bezeichnen könnte.

Die Pandemie hat zwar biologische Ursachen, aber die Reaktion der Regierungen wird von sozialen Interessen und politischen Notwendigkeiten bestimmt. Die anfängliche Verharmlosung der Gefahr, die Ausnutzung der Pandemie, um eine massive Umverteilung zugunsten der Reichen zu organisieren, die Kampagne zurück an die Arbeit und in die Betriebe, die Schulöffnungen und die gesamte Strategie der „Herdenimmunität“ sind nicht nur das Ergebnis von Trumps Politik, sondern des kapitalistischen Systems.

Arbeiter beginnen, sich zu wehren. In den Vereinigten Staaten und weltweit gründen Lehrer, Autoarbeiter, Schüler und andere Teile der Arbeiterklasse Aktionskomitees. Die wachsende Wut und Kampfbereitschaft kam in den Massendemonstrationen gegen Polizeigewalt zum Ausdruck. Die große Mehrheit der Bevölkerung geht nach links. Die Politik der herrschenden Klasse kommt immer deutlicher ans Licht.

Letztlich läuft es darauf hinaus: Die Arbeiterklasse kämpft für das Leben, die herrschende Klasse steht für den Tod. Auf die Politik der „sozialen Euthanasie“ der herrschenden Klasse muss und wird die Arbeiterklasse mit einer sozialistischen Revolution antworten.

Joseph Kishore – Präsidentschaftskandidat der Socialist Equality Party (USA)

 

Siehe auch:

Trump tritt offen für Herdenimmunität ein
[18. September 2020]

Die Coronavirus-Verschwörung: Was wussten die US-Regierung, der Kongress und die Medien, und wann?
[12. September 2020]

Öffnung der Schulen treibt die Zahl der Covid-Todesfälle weltweit auf über eine Million
[23. September 2020]

 

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