Öffnung der Schulen treibt die Zahl der Covid-Todesfälle weltweit auf über eine Million

23. September 2020

Die Welt nähert sich einem düsteren Meilenstein: eine Million Tote durch Covid-19 seit Ausbruch der Pandemie. Was die Vereinigten Staaten angeht, so zählen sie bei nur 4,25 Prozent der Weltbevölkerung fast ein Fünftel der weltweiten Todesfälle, d.h. sie haben 200.000 Menschenleben verloren.

Die Öffnung der Schulen ist einerseits ein Ausdruck für die Bemühungen der herrschenden Eliten, die elementarsten Vorsichtsmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus aufzugeben. Andererseits kristallisiert sich daran der wachsende Widerstand von Arbeitern und Jugendlichen in der ganzen Welt gegen diese Politik.

In den Vereinigten Staaten warnen Experten für öffentliche Gesundheit vor einem „apokalyptischen Herbst“, der zu einem großen Teil auf die Öffnung von Schulen und Colleges zurückzuführen sein wird. Im bewussten Bemühen, diese Gefahr zu verbergen, zogen die Centers for Disease Control and Prevention am Montag Passagen aus den Richtlinien zurück, die sie nur wenige Tage zuvor herausgegeben hatten. In den Richtlinien hieß es, dass Covid-19 hauptsächlich durch Partikel in der Luft übertragen wird und: „Im Allgemeinen erhöhen Innenräume ohne gute Belüftung dieses Risiko.“

Am Montag kehrten in New York City, dem größten Schulbezirk der USA, 90.000 Kinder an Vorschulen und Förderschulen in die Klassenzimmer zurück. Nach einer Reihe von Protesten von Lehrern und Eltern in der vergangenen Woche, unter anderem an schlecht belüfteten Schulen, vertagte Bürgermeister Bill de Blasio (Demokratische Partei) die vollständige Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts für Hunderttausende von Schülern bis zum 29. September. Für alle anderen Schüler geht der Unterricht demnach in einer Woche wieder los.

Eine Lehrerin reicht dem 4jährigen Pedro Garcia an seinem ersten Schultag die Hand, New York am 21. September 2020 (AP Photo/Emilio Morenatti)

Die Öffnung der Schulen im ganzen Land hat bereits Tragödien provoziert. Allein in der vergangengen Woche sind mindestens drei Lehrerinnen gestorben. Hochschulen und Universitäten sind ebenfalls Hotspots, mit mindestens 90.000 Infektionen in den letzten Wochen. Während die Trump-Regierung an der Spitze dieser Politik steht, wird sie von den Demokraten, die in zahlreichen Bundesstaaten regieren und die größten städtischen Schulbezirke leiten, unterstützt und umgesetzt.

Brasilien zählt mit über 137.000 Toten die weltweit zweithöchste Zahl an Covid-19-Toten. Hier bezeichnet der faschistische Präsident Jair Bolsonaro jene Lehrkräfte, die streiken und gegen unsichere Bedingungen protestieren, als „linksextreme“ Minderheit, die nicht arbeiten will. Die angebliche Opposition jedoch, Bolsonaros Gegenspieler in der brasilianischen Sozialdemokratischen Partei (PSDB), plant, den Präsenzunterricht in Sao Paulo, dem mit zwei Millionen Schülern größten Schulbezirk auf dem amerikanischen Kontinent, bis zum 7. Oktober wieder aufzunehmen.

In ganz Europa werden Schulen trotz des Wiederaufflammens von Infektionen und Todesfällen geöffnet. Eine am Montag in Großbritannien veröffentlichte Umfrage ergab, dass bereits 82 Prozent der Schulen gezwungen waren, Schüler in die Selbstisolierung nach Hause zu schicken, weil sie keinen Test bekommen können. Premierminister Boris Johnson betont nachdrücklich, dass die Schulen um jeden Preis geöffnet bleiben müssen, auch wenn in den nächsten Wochen mit einem Anstieg der Zahl der Neuinfektionen auf über 50.000 pro Tag gerechnet wird.

In Frankreich kündigte das Bildungsministerium am Sonntag an, dass der Unterricht in Vor- und Grundschulen „weiterhin wie gewohnt stattfinden“ werde, selbst wenn ein Kind in einer Klasse positiv auf Covid-19 getestet wird. In Deutschland erheben Lehrkräfte und Erzieher Vorwürfe, dass Vertreter von Aufsichtsbehörden den Ausbruch von Infektionen absichtlich verschleiern.

In Südafrika, das auf Platz fünf der am schlimmsten vom Coronavirus betroffenen Länder steht, wird die ANC-Regierung diese Woche die Schulöffnungen vorantreiben, obwohl die Zahl der Neuinfektionen gerade nochmals stark gestiegen ist.

Was steht hinter diesem weltweiten Angriff auf Schüler, Lehrkräfte und pädagogischer Mitarbeiter und Erzieher?

Ob sie es zugeben oder nicht, kapitalistische Regierungen auf der ganzen Welt verfolgen die Politik der „Herdenimmunität“, d.h. das Virus kann sich praktisch ungehemmt verbreiten. Selbst konservative Schätzungen besagen, dass dies in den kommenden Jahren weltweit zu mehr als 23 Millionen Todesfällen führen wird.

Die USA und viele andere führende kapitalistische Länder haben dieses Konzept von Schweden übernommen. Schwedische Regierungsvertreter wussten, dass die Schulen zu Orten der Masseninfektion werden würden, aber sie hielten sie absichtlich offen, wie Schwedens Chefepidemiologe Anders Tegnell sagte, „um schneller eine Herdenimmunität zu erreichen.“

Regierungen in den USA, Frankreich, Großbritannien und anderen Ländern verweisen auf die Behauptungen schwedischer Regierungsvertreter, dass die geöffneten Schulen keinen nennenswerten Einfluss auf die Verbreitung des Virus gehabt hätten. Aber Schweden hat nicht nur eine der höchsten Covid-Todesraten, die Behörden haben inzwischen auch zugegeben, dass sie Infektionen bei Schulkindern nicht nachverfolgt haben. Und selbst größere Ausbrüche, die zur Schließung von Schulen führten, wurden in den offiziellen Fallzahlen nicht erfasst.

Die Back-to-School-Kampagne wird nicht von Erwägungen zur öffentlichen Gesundheit angetrieben, und sie orientiert sich gewiss nicht an den Bedürfnissen der Kinder. Die herrschende Klasse bezweckt damit etwas ganz anderes: Nachdem Billionen Dollar zur Stützung der Banken und Großkonzerne aufgewendet wurden, schicken die Regierungen die Kinder zurück in die Schule, damit ihre Eltern wieder die Gewinne erwirtschaften können, die zur Finanzierung dieses Schuldenbergs notwendig sind.

Die wachsende Erkenntnis, dass Regierungen auf der ganzen Welt Kinder und Lehrer absichtlich mit dem tödlichen Virus infizieren, ruft unter Pädagogen immensen Ärger und Widerstand hervor, mit Hunderten von Protesten auf der ganzen Welt gegen die Öffnung von Schulen und Bildungseinrichtungen.

Anfang August veröffentlichte die Socialist Equality Party ein Statement und forderte die Bildung von Aktionskomitees zur Vorbereitung eines landesweiten Streiks, um dieser mörderischen Politik Einhalt zu gebieten: „Die Lehrer fordern dieselben Maßnahmen, die auch Wissenschaftler und Epidemiologen anmahnen, um die Ausbreitung der Pandemie zu stoppen. Zwei völlig gegensätzliche gesellschaftliche Interessen prallen aufeinander: Die Lehrer kämpfen für ihr Leben, die herrschende Klasse für Profite und Tod.“

Seit diesem Aufruf zum Handeln hat sich ein globales Netzwerk von Sicherheitskomitees gebildet. In den gesamten USA wurden bereits Komitees gebildet, auch in den beiden größten Schulbezirken des Landes, New York City und Los Angeles. In Michigan, Texas und Florida wurden ebenfalls Komitees gegründet. Ähnliche Komitees gibt es auch in Deutschland, Großbritannien und Australien.

Diese Aktionskomitees sind unabhängig von den unternehmerfreundlichen Gewerkschaften, die den Widerstand gegen die Öffnung der Schulen unterdrücken. Die Forderungen der Sicherheitskomitees basieren nicht auf den Interessen der Kapitalistenklasse, die sich bereichert hat, während eine Million Menschen auf der ganzen Welt gestorben sind, sondern auf dem, was notwendig ist, um das Leben und Wohlergehen von Kindern, Erziehern und der gesamten Arbeiterklasse zu schützen.

In diesem Kampf fordern die Aktionskomitees die sofortige Schließung aller öffentlichen und privaten Schulen, einen vollen Einkommensschutz für alle Eltern und Betreuungspersonen, die mit ihren Kindern zu Hause bleiben, und eine Umverteilung der Billionen Dollar, die den Reichen zugeschlagen wurden. Letzteres dient der gesamten Finanzierung von öffentlicher Bildung, Online-Unterricht, Hochgeschwindigkeits-Internet, Ernährungsprogrammen, psychische Gesundheitsfürsorge, Unterstützung für Sonderpädagogik und alle anderen Ressourcen, die für die beste Qualität des Fernunterrichts erforderlich sind.

Die Rechte der Arbeiterklasse, auch das Recht auf Gesundheit, Sicherheit und Leben, hängen von der internationalen Koordinierung ihrer Kämpfe und der Entwicklung einer mächtigen sozialistischen Bewegung ab. Ihr Ziel ist die Enteignung der herrschenden Klasse und die Neuorganisation des Wirtschaftslebens auf der Grundlage sozialer Bedürfnisse und nicht des privaten Profits.

Die Socialist Equality Party (SEP) und ihre Jugendorganisation, die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE), stehen an der Spitze einer Mobilisierung der Arbeiterklasse in einem revolutionären Kampf gegen die Quelle allen Leidens, das durch die Pandemie verursacht wird: das kapitalistische System.Wir fordern alle Schüler und jungen Arbeiter, die Lehrkräfte und die gesamte Arbeiterklasse auf, sich dem Kampf für das Leben anzuschließen, der ein Kampf für den Sozialismus ist.

Genevieve Leigh

 

Siehe auch:

Netzwerk der Aktionskomitees für sichere Bildung hält erfolgreiches Auftakttreffen
[17. September 2020]

Behörden vertuschen Corona-Fälle an Schulen und Kitas
[21. September 2020]

„Herdenimmunität“: eine mörderische Pseudowissenschaft
[18. Mai 2020]

 

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