Nach Brand in Moria: 13.000 Flüchtlinge obdachlos

Von Robert Stevens
11. September 2020

Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos in der östlichen Ägäis wurde durch ein Großfeuer weitgehend zerstört. Es ist das größte derartige Lager innerhalb der Europäischen Union. Laut Schilderungen in den sozialen Medien war das Feuer in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch kurz vor Mitternacht ausgebrochen.

Etwa 13.000 Männer, Frauen und Kinder haben keine Unterkunft und keine Nahrungsmittel mehr. Die Insassen waren gezwungen zu fliehen, da sich die Feuer an mehreren Stellen ausbreiteten. Es wurden keine Todesfälle gemeldet, allerdings gab es Verletzte durch eingeatmeten Rauch.

Am Mittwochabend brach ein zweites Feuer in einem anderen Teil des Lagers aus, der vom ersten Feuer noch verschont geblieben war. Associated Press berichtete, das zweite Feuer habe „den Großteil dessen zerstört, was noch übrig war, woraufhin nochmals tausende Menschen aus der Einrichtung strömten.“

Bewohner des Flüchtlingslagers Moria auf der nordostägäischen Insel Lesbos fliehen am Mittwoch, 9. September, vor einem zweiten Feuer (AP Photo/Petros Giannakouris)

Das „Registrierungs- und Aufnahmezentrum Moria“ wurde von der pseudolinken Syriza-Regierung gegründet, die von 2015 bis 2019 im Amt war. Flüchtlinge und Asylsuchende werden in den unerträglichen Verhältnissen des Lagers festgehalten, während sie auf die Abschiebung warten.

25 Feuerwehrleute trafen einige Zeit später mit zehn Löschfahrzeugen ein und versuchten stundenlang, den Brand zu löschen. Laut der Flüchtlingsorganisation „Stand By Me Lesvos“ erhielten ihre Partnerorganisationen zahlreiche Anrufe. In einem davon rief eine verängstigte Person: „Wo ist die Polizei, wo ist die Feuerwehr, wo sind alle? Wir verbrennen, unsere Zelte verbrennen. Alles verbrennt. Wir sind hier hergekommen, um zu verbrennen. Alles steht in Flammen.“

Lesbos liegt in direkter Nähe der türkischen Küste. In den Jahren 2015-16 trafen hier tausende von Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten in Afghanistan, Syrien und dem Irak ein. Laut InfoMigrants stammen 70 Prozent der Bewohner von Moria aus Afghanistan, allerdings sind Menschen aus insgesamt mehr als 70 verschiedenen Ländern dort.

Das Lager, das für nur 2.800 Menschen ausgelegt ist, war massiv überfüllt. Zuletzt befanden sich dort 13.000 Insassen. Alleine die Zahl der Kinder im Lager übersteigt mit 4.000 die Gesamtzahl der Menschen, für die es ursprünglich gebaut war.

Auf Videos ist zu sehen, wie Bewohner vor den Flammen um ihr Leben rennen. Viele trugen ihre restlichen Habseligkeiten in Tragetaschen, andere in Einkaufswagen. Hunderte versuchten, auf der Straße oder den umliegenden Feldern zu schlafen.

Flüchtlinge schlafen am Mittwoch, 9. September, außerhalb des niedergebrannten Lagers Moria auf der Insel Lesbos in der nordöstlichen Ägais (AP Photo/Petros Giannakouris)

Die Brandursache ist noch ungeklärt. Letzte Woche wurde der erste Fall von Covid-19 in dem Lager entdeckt. Innerhalb weniger Tage wuchs die Zahl auf 15 Fälle, bis zum Ausbruch des Brandes bereits auf 35. Die Hilfsorganisation Stand By Me Lesvos teilte mit: „Nachdem sich Corona ausgebreitet hatte, wurden keine angemessenen Maßnahmen getroffen. Zudem hat man die Bewohner nicht ausreichend informiert, weshalb eine Art Aufstand ausbrach …“ Angesichts von Bedingungen, in denen nicht einmal grundlegende Hygieneregeln und aufgrund der Überfüllung unmöglich Abstandsregeln eingehalten werden konnten, war es nur eine Frage der Zeit, dass es zu einem verheerenden Ausbruch kommen würde.

Laut der griechischen Nachrichtenagentur ANA waren die Brände ausgebrochen, nachdem sich einige der 35 betroffenen Familien geweigert hatten, sich in Isolation zu begeben. Angesichts der höllischen Zustände in dem Lager lässt sich erahnen, wie verheerend sich erst eine mehrwöchige „Selbstisolation“ auswirken muss. Tatsächlich waren viele der Insassen des Lagers froh, es niederbrennen zu sehen. Auf Videos war zu sehen, wie Flüchtlinge „Bye, bye Moria“ sangen.

Andere Quellen, darunter auch Flüchtlinge, machen faschistische Kräfte für das Feuer verantwortlich. Der BBC-Journalist Parham Ghobadi twitterte zwei Bilder von Kanistern, die laut Aussagen von Flüchtlingen von „rechtsextremen Griechen benutzt wurden, um das Lager Moria anzuzünden.“ In einem anderen Tweet hieß es: „Mehrere Flüchtlinge berichteten mir, ‚rechtsextreme Griechen‘ hätten das #CampMoria angezündet, nachdem Berichte aufgekommen waren, dass sich in der überfüllten Einrichtung das Coronavirus ausbreite.“ InfoMigrants veröffentlichte einen Kommentar eines Lagerinsassen aus den sozialen Medien, der erklärte: „Moria wurde von faschistischen Kräften angezündet.“

Eine weitere mögliche Erklärung besteht darin, dass es sich um ein Wildfeuer handelte. Starke Winde hatten zuvor an zwei anderen Orten auf der Insel Wildfeuer ausgelöst.

Die Bewohner flüchteten in Richtung der Hafenstadt Mytilene. Die erste Reaktion der Regierung unter der rechtskonservativen Nea Dimokratia bestand darin, Bereitschaftspolizei zu mobilisieren, die eine Blockade errichtete, um die Flüchtenden aufzuhalten. Einige von ihnen flohen daraufhin in die umliegenden Hügel.

Die Regierung hat eine rund sechs Kilometer lange Absperrung um das noch immer rauchende Lager gezogen. Aufgrund dieser brutalen Reaktion haben auch Hilfsorganisationen keinen Zugang. Die leitende Koordinatorin der Hilfsorganisation Becky's Bathhouse, Annie Petros, erklärte gegenüber dem Guardian, die Polizei habe sie daran gehindert, Verletzte von der Brandstelle zum Krankenhaus zu bringen.

„Als wir sahen, dass es brennt, fuhren wir so schnell wie möglich mit Wasser zum Lager und wollten Kranke ins Krankenhaus bringen“, erklärte Petros. „Was wir gesehen haben, kann ich kaum angemessen beschreiben. Ganze Menschenströme liefen zu Tausenden vom Lager weg. Sie liefen völlig still, verängstigt und traumatisiert durch dicken Rauch und den Gestank von brennendem Plastik.“

Weiter sagte sie: „Wir nahmen ein paar schwangere Frauen mit, die dringend Hilfe brauchten, und einen Jugendlichen mit einem gebrochenen Bein. Als wir uns Mytilene näherten, stießen wir auf Bereitschaftspolizisten, die den Weg versperrten, sodass niemand die Stadt erreichen konnte. Ich flehte die Polizisten an, aber ihr Kommandant ließ uns nicht durch. Wir riefen einen Krankenwagen, der sich aber weigerte, zu der Straßensperre zu kommen.“

Refugees4Refugees erklärte gegenüber dem Guardian, dass 30 Kinder noch immer vermisst würden.

Das Inferno von Moria war eine Katastrophe mit Ansage. Das Lager wird regelmäßig als „Hölle auf Erden“ beschrieben. Im Jahr 2019 bezeichnete Jean Ziegler vom Expertenkomitee des UN-Menschenrechtsrats als „Nachbau eines Konzentrationslagers auf europäischem Boden“.

Gegenüber der Website Teller Report beschrieb er die Bedingungen, die er letztes Jahr im Mai bei einem Besuch vorfand: „Die Menschen leben dort wie Tiere... 100 Menschen müssen sich eine Dusche und eine Toilette teilen. Sie ist oft verstopft und dreckig, Fäkalien liegen am Boden. Es gibt kein heißes Wasser, keine Schulen und nur zwei Ärzte für 5.000 Menschen!“

Während vor dem Ausbruch des Brandes etwa 13.000 Menschen in dem Lager lebten, waren es im Januar noch mehr als 20.000, d. h. die Zahl der Bewohner war statt viermal sogar sechsmal höher als die Maximalkapazität. Henry de Berker, ein Arzt des britischen National Health Service, erklärte gegenüber der Financial Times, es hätte damals „mehr als 1.000 unbegleitete Minderjährige“ in dem Lager gegeben. Weiter erklärte er: „In so elenden Bedingungen breiten sich Krankheiten schnell aus. Durchfall und Erbrechen können für körperlich geschwächte Menschen tödlich sein.“

Moria ist das brutale Symbol der Politik der „Festung Europa“, mit der die Europäische Union Migranten, Flüchtlinge und Asylsuchende abschrecken will. In den letzten zehn Jahren sind Zehntausende bei dem Versuch gestorben, das Mittelmeer zu überqueren. Aufgrund des schmutzigen Deals, den die Syriza-Regierung 2015 mit der EU und der Türkei ausgehandelt hat, wurden die Tausenden, die es nach Griechenland schaffen, in elende Internierungslager gepfercht, während die Behörden ihre Abschiebung vorbereiten.

Schon im Jahr 2016 brach in Moria ein Brand aus. Die WSWS schrieb damals: „Etwa 60 Prozent des Lagers wurden zerstört, darunter 50 große Schlafzelte, drei Container sowie Kleidungsvorräte. Auch in dem umliegenden Gebiet brachen zwei Feuer aus, bei denen fast vier Hektar Land mit Olivenbäumen nahe des Lagers zerstört wurden.“

Im September letzten Jahres schrieb die WSWS: „Berichten zufolge sind nach monatelangen Protesten und Unterdrückung durch die Bereitschaftspolizei zwei Brände ausgebrochen. Einer konnte gelöscht werden, doch der andere breitete sich schnell aus und griff auf große Teile des Lagers über.“ Eine Frau und ein Kind kamen bei dem Brand ums Leben. Einen Monat zuvor hatte die Regierung ihre Angriffe auf Migranten verschärft, wobei die Polizei auch gegen einen Protest von etwa 50 minderjährigen Asylsuchenden in Moria brutal vorgegangen war.

Im März dieses Jahres wurde bei einem weiteren Brand in Moria ein sechsjähriges Mädchen getötet. Das Feuer brannte eine Stunde lang nahe der Container, in denen die Flüchtlinge untergebracht waren. Die WSWS warnte, die Ausbreitung des Coronavirus auf Lesbos, Chios, Samos und Kos würde Moria und andere Einrichtungen „rasch in Todeslager verwandeln.“

Für die Opfer der Brandkatastrophe wird das Elend weitergehen. Statt sie in sicheren und angemessenen Unterkünften unterzubringen und menschlich zu behandeln, sollen sie laut der griechischen Tageszeitung Kathemerini „zeitweilig auf einer Fähre, zwei Schiffen der Marine und in Zelten untergebracht werden, wie [der griechische] Migrationsminister Notis Mitarakis am Mittwoch auf einer Pressekonferenz erklärte.“

 

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