Die Profite vom August

3. September 2020

Im vergangenen Monat starben in den USA über 30.000 Menschen an den Folgen der Corona-Pandemie. Während Arbeitslosigkeit, Hunger und Armut zunehmen, führen die Unternehmen Massenentlassungen durch.

Gleichzeitig verzeichnete der US-Aktienmarkt den größten Anstieg im August seit 1986. Alle drei großen amerikanischen Aktienindizes sind seit ihrem Absturz Mitte März fünf Monate in Folge gestiegen. Der Vergleichsindex S&P 500 ist um 65 Prozent nach oben geklettert – der größte Fünfmonatsgewinn seit 1938.

Im August mehrte Amazon-Chef Jeff Bezos sein Vermögen auf 200 Milliarden Dollar. Tesla wurde, gemessen am Aktienwert, zum größten Autokonzern der Welt. Sein Börsenwert wuchs auf 465 Milliarden Dollar – und das persönliche Vermögen des Tesla-Vorstands Elon Musk auf über 100 Milliarden Dollar. Apple avancierte zum Spitzenkonzern der Welt mit einem Börsenwert von über 2 Billionen Dollar.

Seit die US-Notenbank die Großunternehmen im März in einem Bailout gerettet hat, konnte Apple seine Aktienkurse mehr als verdoppeln. Die Tesla-Aktien stiegen sogar um mehr als das Sechsfache.

Diese Zahlen zeigen den Charakter des Geldsegens an der Wall Street. Es findet eine so genannte „K-förmige“ Erholung statt, bei der eine Gruppe von Unternehmensriesen dank des rasanten Anstiegs der Aktienkurse enorme Gewinne erzielt, während der Großteil der Wirtschaft stagniert.

Im Jahr 1914, als im August nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Geschütze aufgefahren wurden, begann die Rüstungsindustrie – inmitten von Tod und Zerstörung in nie dagewesenem Ausmaß – Millionengewinne zu scheffeln.

In ähnlicher Weise dient die Corona-Pandemie, die Massen von Arbeitern in den USA und weltweit ins Elend stürzt, als Gelegenheit, um den gesamten kapitalistischen Staat für die bisher größte Umverteilung des Reichtums von unten nach oben zu mobilisieren.

Es gibt zwei unmittelbare Ursachen für den massiven Börsenanstieg im August. Erstens hat die Federal Reserve eine weitreichende Änderung in ihrer Einschätzung der Inflationsgefahr vorgenommen, mit dem Ziel, dauerhaft extrem niedrige Zinssätze zu gewährleisten.

Die US-Notenbank kündigte in der vergangenen Woche an, dass sie ihre geldpolitische Strategie ändern werde, um eine „durchschnittliche“ Inflationsrate von zwei Prozent anzustreben. Das bedeutet, dass die Fed nicht die Zinsen erhöhen muss, selbst wenn die Inflation die Zwei-Prozent-Marke erreichen und überschreiten würde. Damit kann sie durch den Erwerb von Vermögenswerten weiterhin Geld in die Finanzmärkte pumpen. Oder wie das Wall Street Journal es ausdrückte: „Für immer niedrige Zinsen“.

Aber noch wichtiger für den Börsenanstieg war die Abschaffung des wöchentlichen Arbeitslosenzuschusses in Höhe von 600 Dollar, der arbeitslosen Menschen im Rahmen des CARES-Gesetzes seit März gewährt wurde. Sowohl Demokraten als auch Republikaner ließen diese Corona-Nothilfe einfach auslaufen. Unter Umgehung der Haushaltshoheit des US-Kongresses unterzeichnete Trump letzten Monat ein Dekret, mit dem ein Teil des wöchentlichen Arbeitslosenzuschusses für einen begrenzten Zeitraum wieder eingeführt wurde. Dieser Schritt war jedoch weitgehend symbolisch und bringt den meisten Arbeitern keine Erleichterung.

Die Trump-Regierung hat mithilfe der Demokraten etwa 2 Billionen Dollar zur Rettung der Unternehmen bereitgestellt und gleichzeitig die begrenzten Hilfen für Arbeiter gestrichen. Gleichzeitig hat die Fed 4 Billionen Dollar in das Finanzsystem gesteckt, als Sicherheitsnetz für die Finanzmärkte.

Diese Maßnahmen gehen mit brutalen Angriffen auf die Arbeiterklasse einher. Alle Regierungen weltweit – mit der Trump-Regierung an der Spitze – zwingen die Menschen trotz der Gefahr für Gesundheit und Leben wieder an die Arbeit, damit die Profitakkumulation weitergehen kann.

Sie ignorieren das Schicksal von Millionen Arbeitern, die in Not sind und sogar in den kommenden Wochen zwangsgeräumt werden könnten. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, in einer zentralen Rede, die er diese Woche hielt, die Kürzung des Notzuschusses für Arbeitslose zu erwähnen.

Das liegt daran, dass die Kürzung dieser staatlichen Hilfen im Interesse der Konzerne und der Finanzaristokratie ist, denen die Demokraten und Republikaner dienen.

In der Zeit vor der Pandemie wuchsen die Sorgen, dass der Arbeitsmarkt „angespannt“ werden könnte. Der Ausbruch der Pandemie wurde genutzt, um dieses Problem zu lösen. Die Unternehmen leiteten Umstrukturierungen ein, in denen sie ursprünglich als vorübergehend angekündigte Maßnahmen dauerhaft umsetzen können, darunter Entlassungen, Lohnsenkungen und verstärkte Ausbeutung.

Die Spekulationsorgie an der Wall Street wird zwar von Trump als Beweis der Macht und Stärke des US-Kapitalismus gepriesen, doch in Wirklichkeit ist sie kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche.

In der Nachkriegsperiode beruhte der amerikanische und der Weltkapitalismus auf der Stärke des US-Dollars. Aber der amerikanische Dollar wird durch die endlose Versorgung mit billigem Geld durch die Fed untergraben. Ende Juli warnte Goldman Sachs, dass es „echte Sorgen“ über die Langlebigkeit des US-Dollars als Weltreservewährung sowie über die Stabilität des gesamten internationalen Währungssystems gebe, da die Regierungen ihre Fiat-Währungen abwerten würden [d.h. alle Währungen, die nicht an den Preis eines Rohstoffs gebunden sind und keinen inneren Wert haben]. Diese Warnungen häuften sich in den vergangenen Monaten.

Der US-Kapitalismus ist damit konfrontiert, dass die zunehmenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krisen mit dem wachsenden Widerstand, vor allem in der Arbeiterklasse, zusammenkommen. Alle Maßnahmen, die die herrschende Klasse als Reaktion auf die Krise ergreift und die den Klasseninteressen einer parasitären Oligarchie dienen, führen nur dazu, die Krise zu verschärfen.

Bis jetzt wurde die Reaktion auf die Pandemie von den sozialen Interessen der herrschenden Klasse dominiert. Doch jetzt betritt eine andere gesellschaftliche Kraft die Bühne: die Arbeiterklasse, die beginnt, den Kampf gegen die „Back-to-Work“-Kampagne der herrschenden Elite aufzunehmen.

Die mörderische Antwort des Kapitalismus auf die Corona-Pandemie hat vor den Augen der Welt enthüllt, wie bankrott diese Gesellschaftsordnung ist. Wenn die Arbeiter in den Kampf gehen, werden sie die Forderung nach der Enteignung der Kapitalistenklasse und der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft aufgreifen.

Nick Beams

 

Siehe auch:

Die soziale Krise, der Klassenkampf und die amerikanische Präsidentschaftswahl 2020
[31. August 2020]

Das Paradox des Börsenbooms
[11. Juni 2020]

Der Große Wall Street Raubzug von 2020
[29. April 2020]

Börsenkurse steigen, während Konzerne Massenentlassungen ankündigen
[20. Februar 2020]

 

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