Aufruf zur Bildung von Aktionskomitees an Schulen und Betrieben gewinnt Unterstützung

Von Gregor Link
3. September 2020

Am Sonntag veranstaltete die Sozialistische Gleichheitspartei gemeinsam mit den International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) eine Kundgebung mit dem Titel: „Stoppt die Schulöffnungen! Bereitet einen Generalstreik vor!“. Sie wurde auf Youtube innerhalb kürzester Zeit Zweitausend Mal aufgerufen und im Live-Chat von Lehrern, Schülern und Eltern lebhaft diskutiert.

Stoppt die Schulöffnungen! Bereitet einen Generalstreik vor! – Online-Veranstaltung von IYSSE und SGP

Die Sprecher, darunter Pädagogen und führende Mitglieder der SGP und ihrer internationalen Schwesterparteien, erklärten, dass an Schulen, in sozialen Einrichtungen und in der Industrie Aktionskomitees gegründet werden müssen, um der weitverbreiteten Opposition gegen die Durchseuchungspolitik der Regierung einen bewussten Ausdruck zu verleihen und einen Generalstreik vorzubereiten.

Die Kampagne der SGP und der IYSSE, die mit einer wachsenden Bewegung unter Jugendlichen und Arbeitern zusammentrifft, stößt in den sozialen Medien, sowie an immer mehr Schulen, Pflegeeinrichtungen und Betrieben, auf große Resonanz. Unter Familien, deren Mitglieder zur sogenannten „Risikogruppe“ zählen und mit Vorerkrankungen zu kämpfen haben, herrscht angesichts der in aller Regel unterschiedslosen Präsenzpflicht regelrechte Verzweiflung.

Eine dieser Menschen ist Daniela, die selbst als „Hochrisikopatientin“ gilt und deren Namen wir geändert haben. Sie hat an der Veranstaltung live teilgenommen und zeigt sich über die Beiträge der Kundgebung sehr erfreut: „Ich kann nur persönlich sagen: Hört euch das alle an! Vieles wird dort so gesagt, wie es tatsächlich ist.“

„Meine persönliche Meinung zum Thema Schulöffnung“, fährt sie fort, lautet: „Es ist unfassbar unverantwortlich, was hier gerade im ganzen Land geschieht. Da versuchen wildfremde, machtgierige Menschen über Leben und Tod zu bestimmen – Das geht nicht!“ Dass die Risikopersonen in die Planungen des Präsenzunterrichts „nicht mit einbezogen wurden“, zeige, dass es den verantwortlichen Politikern und Behörden „scheinbar völlig egal ist, ob Mama oder Papa zuhause schwer erkranken“.

Seit Ende Januar verfolgt Daniela die weltweite Ausbreitung der Pandemie mit wachsender Besorgnis. „Ich habe schon sehr früh in diversen Foren kommentiert, dass doch bitte an alle Bürger in Deutschland so schnell wie möglich kostenlos Mundschutzmasken verteilt werden müssen. Nichts ist seitdem passiert, einfach nichts! Null Vorbereitung auf so eine Pandemie. Deshalb mache ich persönlich unserem ‚Krankheitsminister‘ auch einen sehr großen Vorwurf.“

Insgesamt, so Daniela, „wurde viel zu lange mit so Vielem gewartet“. „Es mussten erst etliche Menschen auf die Intensivstation, bevor endlich die Maskenpflicht in den Supermärkten eingeführt wurde. Dass die ‚Masken jetzt fallen‘, finde ich sehr beunruhigend. Ich bin schon froh, dass einige Schulen auf diesen Schutz trotzdem nicht verzichten werden, auch wenn es unangenehm ist.“

Danielas 19-jähriger Sohn zählt ebenfalls zur Gruppe der besonders gefährdeten Risikopatienten. „Es ist verdammt schade, dass unsere Kinder – und dazu gehört ja auch mein eigener Sohn – dieses Desaster, das in die Geschichte eingehen wird, miterleben müssen. Weil die Ferien nicht dazu genutzt wurden, das ‚digitale Lernen‘ besonders für die Risikogruppen fit zu machen, muss er sich jetzt alles selbst erarbeiten und dem Stoff hinterherlaufen.“

Ebenso wie Daniela lehnt auch Dirk die Schulöffnungen unter unsicheren Bedingungen ab. „Ohne Worte – das ist unfassbar, was da läuft“, schreibt er auf Youtube live während der Kundgebung:

„Für Eltern, Lehrer und Kinder aus Risikogruppen ist das unerträglich.“ Kinder und Erwachsene müssten gleichermaßen vor dem Virus geschützt werden, findet er. „Meine Frau ist Krankenschwester und ich [gehöre zur] Risikogruppe, mein Sohn ist zehn Jahre alt. Wenn ich erkranke, kann meine Frau in der Klinik nicht mehr helfen, da Sie dann unseren Sohn betreuen muss“, erklärt er und fügt bitter hinzu: „Das ist in NRW wohl der Wunsch der Regierung?“

„Die Risikogruppen brauchen den Schutz definitiv“, bekräftigt Daniela. „Genauso sollten jetzt aber alle geschützt werden – auch die Lehrkräfte. Den Ansatz, in den Klassen sehr kleine Gruppen zu bilden, zum Beispiel für diejenigen, die einem systemrelevanten Beruf nachgehen, finde ich sehr gut. Damit werden nämlich automatisch die Klassen ausgedünnt und das Risiko einer Ansteckung minimiert.“

Der User „Aumann“ - ein Schüler – kommentiert im Livestream: „Bei uns sind die Lehrer eigentlich alle der Meinung, dass die Schutzmaßnahmen unzureichend sind – Schüler- und Elternvertretung sowieso. Aber die Schulleitung zieht das allein durch. In unserer Klasse sind wir dreißig Schüler und Lehrer ohne Maske in einem Raum, danach sind 150 Leute ohne Maske auf dem Pausenhof und schließlich 120 in einem Bus, der nur für 90 zugelassen ist. Soll das normal sein?“

In der vergangenen Woche hatten Schüler in Dortmund an ihrem Schulzentrum ein Aktionskomitee gegründet, um gemeinsam gegen die Schulöffnungen vorzugehen und für sichere Unterrichtsbedingungen zu kämpfen.

„Eine Freundin von mir hat [der Kundgebung] zugehört und ist schwer begeistert, ich fand sie auch sehr interessant“, sagt Tatyana, eine alleinerziehende Mutter aus NRW. „An unserer Schule trägt man nur noch im Gebäude und auf dem Schulhof Maske, zusätzlich haben wir bunte Kreise auf dem Schulhof für die Abstände.“ Die Schulleitung, berichtet Tatyana, hatte – offenbar unter dem Einfluss der Schulbehörden und des Bildungsministeriums – vor den Sommerferien erklärt, „Covid-19 sei nicht gefährlicher als die saisonale Influenza und es gäbe keine nennenswerten Toten“. Tatyanas schwer vorerkrankter Sohn solle also zur Schule kommen.

Kathrin Ş, eine Mutter aus Sachsen, ist mit derselben Situation konfrontiert: „Bei uns findet der Unterricht ohne Maske und Abstand statt!“, berichtet sie. „Ich habe einen Schulanfänger und hätte ihn so gerne in die Schule gehen lassen, aber so geht das nicht! Die schwerste Entscheidung in meinem Leben. Dabei wäre es so einfach mit Lüftungssystemen, Abstand und Maske.“

An Lehrer und andere Eltern appelliert Kathrin: „Bitte helft uns Eltern! Ich kann nicht mehr.“ Der „psychische Druck“, der von Medien und staatlichen Stellen ausgeübt werde, „ist enorm“: „Beleidigungen, Vorwürfe der Kindesmisshandlung, nur weil ich mein Kind schützen möchte. Ich bin so traurig.“

Userin „Mooni“ bestätigt Kathrins Erfahrungen: „Es gibt viele Eltern, die Kinder jetzt zuhause betreuen und sie nicht in die Kita bringen“. Unterstellungen, man wolle „die Kinder absichtlich ‚isolieren‘“, findet sie „unfassbar dreist und ignorant.“

„Der Wind hat sich gedreht, jetzt sollen alle einfach die Regeln aus dem Lockdown vergessen – auf einmal ist es in bestimmten Kontexten egal“, schließt sie. „Das ist alles sehr unglaubwürdig. Kein Wunder, dass jetzt Chaos herrscht!“ Mit Blick auf die bevorstehenden Massenentlassungen in der Industrie sagt Mooni: „Das Gesellschaftssystem ‚braucht‘ Arbeitslose, um Arbeiterinnen und Arbeiter auszubeuten: ‚Arbeitslos‘ als Stigma, das keiner haben will.“

Unter Verweis auf die Beiträge der Sprecher erinnert Daniela abschließend an die Regierungspolitik der vergangenen Wochen und Monate und stellt Forderungen auf, um der Pandemie und der kapitalistischen Krise entgegenzutreten:

„Maßnahmen wie der Mundschutz im Unterricht wurden zum Teil außer Kraft gesetzt. Man hat die Zeit in den Ferien scheinbar nicht genutzt, um Dinge zu verändern und etwa für ausreichende Belüftung zu sorgen. Schulen und Kindergärten sind derzeit eine ‚Brutstätte‘ für diese Viren – Es gibt und gab in der Vergangenheit immer wieder Ausbrüche an Schulen.“ Man müsse in diesem Zusammenhang von einer absichtlichen „Durchseuchung“ sprechen, folgert sie.

„Der Präsenzunterricht sollte in der Zeit der Corona-Pandemie ausgesetzt oder nur in sehr kleinen, überschaubaren Gruppen stattfinden. Lehrer sollten mehr Geld bekommen und auch eine vernünftige, digitale Ausstattung sowie ein vernünftiges Internet sollte ermöglicht werden. Eltern und Familien sollten in dieser Zeit eine umfassende, finanzielle Unterstützung erhalten, damit keine Schieflagen entstehen. Ganz allgemein sollten mehr Fachkräfte, z.B. Lehramtsstudenten, bei guter Bezahlung eingestellt werden, damit digitales Lernen überhaupt erst möglich gemacht werden kann. Einen Punkt finde ich besonders brisant: Die Krise trifft viele Menschen aus ärmeren Schichten! Und das darf meiner Meinung nach einfach nicht sein!“

Facebook-Nutzer Vic findet diese „Forderungen sehr konsequent“. Man müsse „klar benennen, wie mörderisch das ist, was abläuft. Und dass wir uns das nicht gefallen lassen dürfen.“

 

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