Online-Forum der SEP (GB) am 5. September

Gründet unabhängige Sicherheitskomitees aus Lehrern, Erziehern, Eltern und Schülern! Für einen Generalstreik gegen die Wiedereröffnung der Schulen!

Erklärung der Socialist Equality Party (UK)
1. September 2020

Die Socialist Equality Party (SEP) ruft alle Lehrkräfte und Erzieher zur Teilnahme an unserem Online-Forum am 5. September auf, um ein Aktionskomitee für den Bildungsbereich ins Leben zu rufen. Ziel dieses Komitees wird es sein, all diejenigen zusammen zu bringen, die die unsichere Wiedereröffnung der Schulen ablehnen, und einen landesweiten Generalstreik vorzubereiten, um die Schulöffnungen zu stoppen.

Ab dem 1. September kehren mehr als 1,4 Millionen Lehrkräfte und fast 9 Millionen Kinder in unsichere Schulen zurück. Dies in einer Situation, in der das Virus sich weiter ausbreitet, der „R-Wert“ (die Reproduktionsrate) in vielen Gebieten schon über 1 liegt und wöchentlich Tausende von Neuinfektionen registriert werden. Mehrere Städte und Gemeinden beifinden sich im lokalen Lockdown, und Dutzende weitere sind gefährdet, da die Infektionsspirale immer weiter steigt.

Die konservative Regierung von Boris Johnson behauptet, die Schulen müssten schon aufgrund einer „moralischen Pflicht“ wieder geöffnet werden, und es gelte, das Recht der Kinder auf Bildung und das Kinderwohl sicherzustellen. Das ist eine Lüge! Die Tories haben für Kinder aus der Arbeiterklasse nichts als Verachtung übrig. Eine wütende Bevölkerung hat sie gezwungen, ihre Absetzung der kostenlosen Schulspeisung für 1,3 Millionen der ärmsten biritischen Kinder wieder zurückzunehmen. Die Regierung musste auch die Abwertung der Abiturnoten aufgrund eines sozial verzerrten Algorithmus wieder rückgängig machen. Auch Johnsons erste Absicht, die Schulen schon am 1. Juni wieder zu öffnen, stieß auf weit verbreitete Ablehnung.

Diese Regierung ist dafür verantwortlich, dass Zehntausende besonders gefährdete Menschen vorzeitig und einsam in einem Pflegeheim gestorben sind. Denjenigen Beschäftigten, die als „systemrelevant“ bezeichnet werden, wird wesentliche persönliche Schutzausrüstung (PSA) vorenthalten, was dazu geführt hat, dass die Pflegekräfte im National Health Service (NHS) den weltweit höchsten Anteil an Todesfällen aufweisen.

Die Schulen werden nur aus einem einzigen Grund wieder geöffnet: um das Bildungssystem als Kinderverwahranstalt zu nutzen, damit man die Eltern zurück an die Arbeit zwingen kann. Diese Politik wird vom Bestreben diktiert, nach der massiven milliardenschweren Rettungsaktion der Großkonzerne wieder Gewinne zu erwirtschaften. Damit einher geht eine Kampagne der öffentlichen Fehlinformation. Man verleumdet die Lehrer, schüchtert die Eltern ein und droht ihnen mit Geldstrafen und dem Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Weder von der Labour Party, noch von den Gewerkschaften ist Widerstand gegen die Tories zu erwarten. Sie beschränken sich höchstens auf „konstruktive Kritik“ an kleineren Problemen. So besteht der Labour-Führer Sir Keir Starmer darauf, dass Johnson „ohne Wenn und Aber“ die Schulen wieder öffne. Die Lehrer-Gewerkschaften haben fünf Kriterien als Test für eine sichere Wiedereröffnung von Schulen festgelegt, von denen kein einiges tatsächlich realisiert ist. Diese Forderungen werden nun ad acta gelegt, und die Lehrer-Gewerkschaft National Education Union (NEU) fordert jetzt nur noch einen „Plan B“ für die Covid-19-Ausbrüche, die das unvermeidliche Ergebnis der kriminellen Regierungspolitik und ihrer eigenen Kapitulation sein werden.

Die bevorstehende Katastrophe kann nur durch unabhängige Klassenaktion verhindert werden. Die Aktionskomitees werden Lehrer, Hilfslehrer und alle Erzieher mobilisieren, einen Appell an die Eltern und die breitesten Arbeiterschichten richten und Maßnahmen zum Schutz von Sicherheit und Leben beschließen.

Die Gegenseite hat keine Mühen gescheut, um einen wirksamen Gegenangriff der Arbeiterklasse zu verwirren, zu desorientieren und zu demobilisieren. Die Lügen der Regierung und der Medien zur Rechtfertigung der Schulöffnungen müssen aufgedeckt werden:

Lüge 1: Die Regierung handelt im Namen des Rechts der Kinder auf Bildung, besonders der sozial am stärksten benachteiligten.

Dies ist der Versuch, echte Bedenken der Lehrer und Eltern zynisch auszunutzen. Diese Regierung hat ihrerseits alles Erdenkliche getan, um das öffentliche Bildungssystem auszuhöhlen und herunterzuwirtschaften. Sie hat dafür gesorgt, dass Kinder aus der Arbeiterklasse in Armut geboren werden, ihr Leben lang bittere Not leiden und früher sterben als die aus den wohlhabenden Schichten. Der Schaden, den die Pandemie langfristig den Bildungsresultaten der Kinder zufügt, ist real, aber er kann überwunden werden, ohne Leben zu gefährden. Eine Finanzspritze in Höhe von mehreren Milliarden Pfund ist erforderlich, um Online-Lernen anzubieten, die Klassengröße zu reduzieren, Einzelunterricht zu ermöglichen, neue Schulen zu bauen, Lehrer einzustellen, Familien zu beraten, Nachhilfeprogramme zu entwickeln und allen Schulen modernste Ausrüstung zur Verfügung zu stellen. Die Regierung hat nicht die Absicht, irgendetwas davon umzusetzen. Alle Ressourcen der Gesellschaft werden den Banken, den Konzernen und den Superreichen zur Verfügung gestellt, während die Schulen um Masken und das Geld für zusätzliche Reinigungskräfte betteln müssen!

Lüge 2: Kinder sind für Coronaviren weniger anfällig und übertragen die Krankheit nur selten.

Premierminister Johnson und Bildungsminister Gavin Williamson behaupten kategorisch, dass die Wiedereröffnung von Schulen „nicht verhandelbar“ sei. Sie stützen sich selektiv auf bestimmte, ihnen dienliche Studien, die sie missbrauchen, um ihre Behauptung zu stützen, dass „Schulen der sicherste Ort für Kinder“ seien.

In Wirklichkeit kommen umfassende Studien mit großen Stichprobengrößen, die in den USA, Italien und Südkorea durchgeführt wurden, zu dem Schluss, dass Kinder Covid-19 leichter übertragen als Erwachsene. Eine Studie aus Chicago ergab, dass Säuglinge und Kleinkinder eine bis zu 100 Mal höhere Viruslast in Hals und Atemwegen tragen können als Erwachsene. Die Ausbreitung der tödlichen Krankheit in Israel wird weitgehend auf die Wiedereröffnung der Schulen zurückgeführt.

In Schottland hat die Wiedereröffnung der Schulen durch die Regierung von Nicola Sturgeon von der Scottish National Party (SNP) ab dem 11. August bereits zu Infektionen an fast 30 Schulen geführt. An einer Schule in der schottischen Stadt Dundee sind 21 Mitarbeiter und 2 Schüler, sowie 4 weitere Kontaktpersonen in ihrem Umfeld, an Covid-19 erkrankt.

Die viel zitierte Umfrage der Public Health England (PHE), die im August veröffentlicht wurde und angeblich bestätigen soll, dass es „nach der Rückkehr der Schüler nur sehr wenige Hinweise auf eine Übertragung des Coronavirus gibt“, besagt nichts dergleichen. Die Studie basierte auf 20.000 Schülern und Lehrern in 100 Schulen, die bis zum Ende des Sommersemesters beobachtet wurden. Von den 121 Personen, die von Ausbrüchen betroffen waren, waren 30 Kinder und 91 Schulbeschäftigte. Die Zahl der Kinder in den Schulen war minimal. Es war die Zeit der sozialen Distanzierung, und gefährdete Kinder und Mitarbeiter wurden zu Hause abgeschirmt. Viele Kinder und Schulbeschäftigte kamen in einem Teilzeit-Rhythmus in die Schule. Am wichtigsten war jedoch, dass sich Großbritannien immer noch in einem Lockdown befand und die Wirtschaft nur in begrenztem Maße wieder geöffnet wurde.

Aber im September kehren mehr als eine Million erwachsener Mitarbeiter und neun Millionen Kinder in die Schulen zurück. Sie fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und im Unterricht gibt es keine wirklichen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus. In den Vereinigten Staaten hat eine begrenzte und gestaffelte Wiedereröffnung der Schulen zwischen dem 9. Juli und dem 6. August bereits zu 180.000 Fällen von Covid-19 bei Kindern geführt, das ist ein 90-prozentiger Anstieg der Gesamtzahl der Fälle bei Kindern innerhalb von nur vier Wochen. Von den Kindern, die ins Krankenhaus eingeliefert werden, muss jedes dritte auf die Intensivstation, das sind im Verhältnis genauso viele wie bei den Erwachsenen. Sechs Prozent benötigen ein Beatmungsgerät. Seit Mai sind in den USA mindestens 90 Kinder an Covid-19 gestorben, viele davon ohne Vorerkrankungen.

Lüge 3: Schulen können „sicher“ wieder öffnen.

Für die Wiedereröffnung von Schulen sind keinerlei Schutzvorkehrungen vorgesehen, wie sie für die allgemeine Wiedereröffnung der Wirtschaft vorhanden waren. Die Kinder kehren in Klassenräume mit 30 Kindern zurück, wobei eine soziale Distanzierung unmöglich ist. Sie werden sich in Gruppen von bis zu 240 Kindern befinden, und viele Mitarbeiter berichten von noch weit größeren Gruppen.

Die in letzter Minute vorgenommene „Wende“ bei den Masken, die es Kindern in Sekundarschulen erlauben, den Mund-und-Nasen-Schutz nur auf dem Flur zu tragen (und dies nur in Gebieten mit hohen Infektionsraten), wird nichts zum Schutz der Kinder oder des Personals beitragen. Der Mund-und-Nasenschutz ist nur als Teil breiterer Maßnahmen wirksam, die auch die soziale Distanzierung und das Testen umfassen. Das Track-and-Trace-System ist ein Witz: Die Tests sollten allen Lehrkräften und Kindern vor der Wiedereröffnung der Schulen zur Verfügung stehen, aber die Schulen haben nur je 10 Testkits mit der Anweisung erhalten, sie nur „unter außergewöhnlichen Umständen“ zu verwenden. Ein Drittel des Testpersonals soll entlassen werden, und viele Ämter berichten, dass nur die Hälfte der Kontakte zurückverfolgt werden. Dabei bedarf es der wöchentlichen Tests des gesamten Schulpersonals, um sicherzustellen, dass das Virus nicht in Umlauf ist.

Es gibt keine zusätzlichen Mittel für die regelmäßige und „verstärkte Reinigung“. Die Schulen müssen dafür Personal aus ihren mageren Budgets bereitstellen. Die Schulen sind angewiesen worden, Händedesinfektionsmittel „sparsam“ zu verwenden! Die 1,5 Milliarden Pfund, die für den „Nachhilfeunterricht“ bereitgestellt wurden, reichen nicht annähernd aus, um die Budgetdefizite von über 5,4 Milliarden Pfund in den letzten drei Jahren auszugleichen.

Baut Sicherheitskomitees im Bildungswesen auf!

Das Educators Rank-and-File Committee wird völlig unabhängig von den Lehrergewerkschaften sein. Alle Gewerkschaften im Bildungsbereich unterstützen die Wiedereröffnung der Schulen.

Die Schließung von Schulen am 23. März war eine Reaktion auf den unabhängigen Widerstand von Personal und Eltern. Millionen nahmen an Umfragen teil, in denen die Schulschließung gefordert wurde, und viele Tausende Eltern weigerten sich, ihre Kinder weiter hinzuschicken. Widerstand gegen die breitere Wiedereröffnung von Schulen wurde auch von Eltern geleistet, die sich weigerten, ihre Kinder ab dem 1. Juni in die Grundschulen zu schicken. Die Gewerkschaften forderten lediglich eine Verlängerung des Lockdowns um zwei Wochen bis zum 15. Juni und unterstützen seither eine vollständige Wiedereröffnung.

Eine Petition von über 100.00 Eltern hat bereits die Rücknahme der Pläne zur Verhängung von Geldstrafen gegen diejenigen gefordert, die sich weigern, ihre Kinder in unsichere Schulen zu schicken. Als Reaktion darauf haben die Gewerkschaften lediglich einen „Dialog“ mit den Familien von Fall zu Fall gefordert. Unterdessen appellieren sie an die Tories, um in die „nationale Taskforce“ der Regierung aufgenommen zu werden, die sich ausschließlich auf die Erholung der Wirtschaft für die Reichen konzentriert.

In der Bevölkerung breitet sich große Wut und Unzufriedenheit mit der Rolle der Gewerkschaften und der Labour Party aus, die die Regierungspolitik unterstützen. In einer Umfrage, die die SEP letzte Woche durchgeführt hat, sprach sich die überwiegende Mehrheit der Befragten gegen die Wiedereröffnung von Schulen aus und unterstützte einen Generalstreik, um dies zu verhindern. Die Zusammenarbeit der Labour Party und der Gewerkschaften mit den Tories wurde als „entsetzlich“, „rückgratlos“, „eine Schande“, „skandalös“, „ekelhaft“ und „erbärmlich“ angeprangert.

Diese Ablehnung muss nun eine bewusste, organisierte Form annehmen, indem sich in ganz Großbritannien möglichst viele Lehrer, Erzieher und Schüler an der Gründung von Sicherheitkomitees beteiligen und diese mitaufbauen.

Mit dem Aufruf zu einem landesweiten Generalstreik schlägt die SEP folgende Forderungen vor, die in den Schulen, am Arbeitsplatz und in den Kommunen erhoben werden müssen:

Die katastrophalen Auswirkungen der Pandemie sind im Grunde ein soziales und politisches Problem, nicht nur ein medizinisches. Die Technologie und das medizinische Fachwissen sind vorhanden, um das Virus einzudämmen, aber im Kapitalismus ist alles den Profitinteressen der Konzern- und Finanzelite untergeordnet. Die Forderungen der SEP basieren nicht auf dem, was die Konzerne und Politiker für erschwinglich halten, sondern auf dem, was notwendig ist, um Gesundheit, Leben und Wohlergehen von Kindern, Lehrern und Erziehern sowie der gesamten Arbeiterklasse zu schützen.

Die von der SEP eingebrachte Initiative ist Teil einer internationalen Kampagne. Bisher hat es schon mehrere Meetings in den USA, in Europa und in Australien gegeben. Der Kampf gegen die Pandemie ist ein globaler Kampf, und die lebensbedrohende Wiedereröffnung der Schulen findet in jedem Land statt. Eine vereinte internationale Kampagne wird den Plänen der Bourgeoisie einen Schlag versetzen und das Selbstvertrauen der Arbeiterklasse stärken.

Wir rufen alle, die diesen Kampf führen wollen, dazu auf, sich für das Online-Forum am kommenden Samstag zu registrieren, sich für unseren Newsletter anzumelden und dem Aktionskomitee beizutreten. Helft mit, diese Erklärung so weit wie möglich über soziale Medien und unter Lehrkräften, Erziehern, Eltern und Schülern bekannt zu machen.

 

Siehe auch:

Stoppt die Schulöffnungen! Bereitet einen Generalstreik vor!
[31. August 2020]

Nein zur Wiedereröffnung der Schulen! Gründet Aktionskomitees zum Schutz von Schülern und Lehrern!
[1. Juni 2020]

Schüler in NRW gründen Aktionskomitee gegen Schulöffnung
[26. August 2020]

Ein bedeutender Schritt nach vorn: Autoarbeiter-Versammlung in Detroit beschließt Bildung von Aktionskomitees
[14. Dezember 2018]

 

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