Schulleiter von NRW prangern unsichere Schulöffnung an

Von Marianne Arens und Carola Kleinert
26. August 2020

„In großer Sorge“ richten sich die Schulleiter von NRW in einem Offenen Brief an die Landesregierung von Armin Laschet (CDU) und seine berüchtigte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Sie bezeichnen die rücksichtslose Öffnung aller Schulen als „Feldversuch“ und ziehen folgendes Fazit: Die Regierung kommt ihrer „Verantwortung für Vorsorge und Gesundheitsschutz gegenüber den Schülerinnen und Schülern, den Lehrkräften und den Schulleitungen im Land nicht nach“.

Schüler drängen sich an einem Schulzentrum in Dortmund-Hacheney

Das auf Facebook veröffentlichte Schreiben der Schulleitungsvereinigung Nordrhein-Westfalen (SLV NRW), das zu Recht als „Brandbrief“ bezeichnet wird, macht die große Lüge deutlich, es gehe bei den Schulöffnungen um das Wohl der Kinder. Vielmehr weisen die Schulleiter an Beispielen nach, dass die Corona-Vorgaben des Ministeriums für Bildung (MSB) – regelmäßige Fensterlüftung, Abstand halten, Maskenpflicht und kleine, feste Gruppen – in der Praxis gar nicht durchführbar sind. Vor allem fehlt es an Lehrkräften und geschultem Personal, um den Unterricht in kleinen Gruppen auch nur halbwegs vernünftig zu realisieren.

Als „fragwürdig“ wird das Versprechen der Regierung bezeichnet, dass mehr Lehrer und Vertretungskräfte eingestellt werden sollen. Dazu heißt es: „In den Schulen arbeiten schon jetzt viele Menschen als Lehrerinnen und Lehrer, die keine abgeschlossene Lehrerausbildung haben und als ‚Seiteneinsteiger‘ gelten. In den strukturschwachen Regionen oder in Brennpunktschulen herrscht zum Teil ein immenser Lehrermangel, so dass Stundentafeln schon in der Vor-Coronazeit nicht abgedeckt werden konnten.“

Vorgaben des Ministeriums wie Abstandhalten und Stoßlüften scheiterten schon an Schulhäusern, in denen sich Fenster nicht öffnen ließen, und an vollen Klassenräumen. Dazu sagte Harald Willert, Vorsitzender des Schulleitungsverbands, dem Sender SWR: „Uns haben Mails von Schulleitern erreicht, die berichten, dass Fenster zugeschweißt seien oder Direktoren vom Schulträger keine Griffe bekämen.“ Zu der vorgeschriebenen Hygiene schreiben die Schulleiter, schon in der Ferienzeit, bei der viel gerühmten „Förderung von Kindern in den Sommerferien“, habe das Fehlen von Hausmeistern und Reinigungskräften dazu geführt, dass entweder die Lehrer und Eltern selbst putzen mussten, oder Lerngruppen ersatzlos gestrichen wurden.

„Die Arbeitsbedingungen vor Ort in den Schulen scheinen dem MSB nicht bekannt zu sein oder sie werden ignoriert“, heißt es in dem offenen Brief. „Aber der Öffentlichkeit wird vorgegaukelt, wie verantwortungsvoll, vorausschauend und umsichtig das MSB arbeitet.“ In Wirklichkeit schiebe die oberste Schulbehörde „die gesamte Verantwortung an Gesundheitsämter, Schulträger und Schulleitungen“ ab.

Der Brandbrief hat in den sozialen Medien viele zustimmende Kommentare bekommen.

Auf Facebook schrieb eine „Mutter zweier Gymnasialkinder“, sie könne die geschilderten Missstände klar bestätigen. Jedoch fehle ihr in dem Brief „noch die klare Forderung nach dem konsequenten Dauereinsatz der Masken im Unterricht! Bei diesem Debakel in den Schulen mit null Unterstützung durch das MSB ist die Solidaritäts-Maske der einzige minimale Schutz, den die Schüler UND die Lehrer ernsthaft in Anspruch nehmen können! Hier wird der Feldversuch auf die Spitze getrieben, wenn sich Laschet mit dem Auslaufen der Maskenpflicht ab September durchsetzt. Auf Kosten der Gesundheit der Schüler! Jeder einzelne hat das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Man kann nicht warten, bis sich Kinder infizieren und mit diesen Indikatorkindern dann den Rest schützen. Das ist verantwortungslos! Gerade in NRW, das regelmäßig mehr als ein Viertel der Neuinfektionen stellt.“

Jana Walther schreibt: „Alle, Lehrer, Eltern, die Schüler selbst, wissen, wie es an Schulen wirklich zugeht. Und das ist NICHT die Schuld der erwähnten Personengruppen. Was Leben und Gesundheit der Lehrer und Schüler den Kultusministern und Ministerpräsidenten wert sind, zeigt sich deutlich im derzeitigen Umgang mit den Risikogruppen. Selbst Kinder, die zur Risikogruppe gehören werden in einigen Bundesländern in die Schule gezwungen, ganz zu schweigen von dem seelischen Druck, dem Lehrer und Kinder ausgesetzt sind, die zu Hause Risikopatienten haben. Der Präsenzunterricht gehört ausgesetzt“.

Mehr und mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass Bundes- und Landesregierungen seit dem Ende der Sommerferien faktisch eine ungebremste Politik der Corona-Durchseuchung von Schulen, Hort- und Kita-Einrichtungen betreiben. Ungeachtet neuer Corona-Ausbrüche und entgegen aller Warnungen seriöser Virologen sorgen Schulbehörden, Gesundheitsämter und Politiker dafür, dass der Schulbetrieb im Interesse der Wirtschaft läuft, auch wenn sie damit das Leben und Wohlergehen von Kindern und Pädagogen sowie ihren Angehörigen gefährden.

Corona-Fälle an Schulen und Kitas in Deutschland, Quelle: https://www.google.com/maps/d/embed?mid

Mittlerweile gibt es immer neue Infektionsfälle an Schulen und Kitas. Am gestrigen Dienstag registrierte die Twitter-Initiative #BildungAberSicher im Ganzen 467 betroffene Einrichtungen, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. Das waren 158 mehr als eine Woche zuvor. Am 19. August, nur eine Woche nach Ferienende, befanden sich laut Schulministerium bereits 524 Lehrkräfte und rund 5.000 Schüler in Quarantäne. Bis zu diesem Tag wurden 30 Coronafälle unter den Lehrkräften sowie 306 Fälle unter Schülern bestätigt.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Berlin, wo es seit Schulbeginn über 40 Corona-Fälle an verschiedenen Schulen gab, während die Schulsenatorin Andrea Scheeres (SPD) darauf besteht, dass die Schulen offen bleiben. Sie kritisierte sogar die Schulleitung des Gerhard-Hauptmann-Gymnasiums, weil diese die Schule wegen einer Covid-19-infizierten Lehrerin für einen Tag lang geschlossen gehalten hatte. Diese Maßnahme sei „unverhältnismäßig“, so die Senatorin des rot-rot-grünen Berliner Senats.

Ein Bericht auf dem Lehrer-Portal news4teachers dokumentiert eine Reihe von Fällen, bei denen Corona-Infektionen an den Schulen durch die Eltern, und nicht etwa die Schulleiter oder die Behörden, öffentlich bekannt geworden sind. Offenbar stehen die Schulen stark unter Druck, auch bei Auftreten der hochansteckenden und lebensgefährlichen Corona-Infektion alles so weiterlaufen zu lassen „als ob nichts wäre“.

Es „mehren sich Zweifel“, so die Autoren, „ob überhaupt ein Interesse daran besteht, das Infektionsgeschehen an den Schulen vollständig aufzuzeigen“. Ein Beispiel betrifft ein Schulzentrum in Wuppertal mit rund 2.500 Schülern. Eine Mutter richtete sich an die Westdeutsche Zeitung, nachdem ihr Sohn über einen Infektionsfall an dieser Schule berichtet hatte. Dies wurde der Zeitung von der Stadt Wuppertal bestätigt. Der Schulbetrieb wurde nicht unterbrochen, Quarantänemaßnahmen gab es weder für die betroffene Klasse noch für irgendwelche Lehrer; allein das positiv getestete Kind wurde in Quarantäne geschickt.

Wie news4teachers konstatiert, ist dies kein Versehen, sondern ausdrücklich gewollt. Das Portal nennt eine ganze Reihe ähnlicher Fälle von bewusster Vertuschung durch die Behörden. Es zitiert den Wuppertaler Schuldezernenten mit den Worten: „Auch wenn derzeit in Europa, Deutschland und bei uns in Wuppertal die Fallzahlen steigen, müssen wir die Schulen wieder öffnen. Die Frage, ob es sinnvoll oder ein Schritt ins Chaos ist, stellt sich nicht. Es gibt keine Alternative.“

Die Autoren kommen zum Schluss: „Corona-Infektionen werden an den Schulen offenbar systematisch „gar nicht erfasst. Mehr noch: Berichte legen nahe, dass Corona-Infektionen unter Schülern und Lehrern mitunter keinerlei Konsequenzen für den Schulbetrieb haben. Sollen die Schulen um jeden Preis offengehalten werden?“

Wie hoch der Preis ist, das zeigt sich an der täglichen Corona-Statistik. In den letzten sieben Tagen haben sich laut offiziellen RKI-Zahlen fast 8.500 Menschen neu angesteckt. In dieser einen Woche sind 40 Covid-19-Patienten verstorben.

Gleichzeitig erweist sich die bei Corona-Leugnern beliebte Behauptung, diese Menschen seien nur „mit“ und nicht „an“ Corona gestorben, immer klarer als falsch: Einer Studie deutscher Pathologen zufolge, die am Dienstag bekannt wurde, habe sich bei insgesamt 154 Obduktionen gezeigt, dass nur 14 % eigentlich an Vorerkrankungen gestorben seien, aber bei 86 % die Krankheit Sars-CoV-2 die entscheidende Todesursache gewesen sei.

 

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