Schüler in NRW gründen Aktionskomitee gegen Schulöffnung

Von Philipp Frisch
26. August 2020

Im Kampf gegen die gefährliche Rückkehr der Schulen in den ungesicherten Regelbetrieb haben Schüler in Nordrhein-Westfalen einen wichtigen Schritt zum Schutz ihrer Mitschüler, der Lehrer und ihrer Angehörigen unternommen. Am Schulzentrum im Dortmunder Stadtteil Hacheney haben sie am Sonntag ein Aktionskomitee gegründet, das die Schüler und Lehrer miteinander vernetzen soll, um gemeinsam gegen die Schulöffnung vorzugehen und für sichere Unterrichtsbedingungen zu sorgen.

Schüler drängen sich an dem Schulzentrum in Dortmund-Hacheney

Die beiden Gründungsmitglieder Berdan und Jan sprachen mit der World Socialist Web Site über die Gründung des Komitees und die Situation an Dortmunder Schulen. Beide sehen das Komitee vor allem als Antwort auf die rücksichtslose Politik der Schulöffnung. Als er vor zwei Wochen aus den Ferien zurückgekommen sei, habe Berdan sofort gesehen, dass die Öffnung der Schulen alle Beteiligten in Gefahr bringe. „Da dachte ich mir: ‚So geht es nicht weiter! Ich muss was tun!‘“

Ihm sei bewusst gewesen, dass er als Einzelner nichts an der Situation ändern kann. „Ich habe dann nach Gleichgesinnten gesucht und angefangen mit meinen Freunden zu sprechen. Mit einigen war ich mir sofort einig. Auch mit Jan habe ich gesprochen und uns war klar, dass man was machen muss“, sagt er. „Ich hatte schon im Internet nach Informationen gesucht und den Aufruf der SGP ,Stoppt die Schulöffnungen!‘ gefunden, dem ich in jeder Hinsicht zustimmen konnte. Dann habe ich auch andere Artikel, unter anderem die Resolution der amerikanischen SEP zum Thema auf der WSWS gelesen und das Material mit meinen Freunden diskutiert. Am Sonntag haben wir dann beschlossen, das Komitee zu gründen.“

Berdan

Gleich am Montag hätten sie begonnen, an ihrer Schule Plakate aufzuhängen und Flugblätter zu verteilen, in denen sie Mitschüler und Lehrer aufrufen, sich gegen die Schulöffnung zu stellen und sich am Komitee zu beteiligen. Auch das Plakat für die Online-Veranstaltung der IYSSE zum Thema am kommenden Sonntag hätten sie aufgehängt. „Gleich am ersten Tag hat unsere Aktion ganz schön Aufmerksamkeit erregt. Vor allem die Plakate und die Überschrift ‚Stoppt die Schulöffnungen! Bereitet einen Generalstreik vor!‘ haben zu einigen Diskussionen mit Mitschülern geführt, von denen viele gesagt haben, dass sie das genau so sehen“, berichtet Jan über ihre Erfahrungen am Montag.

Bisher habe das Gremium fünf Mitglieder. Berdan und Jan seien mit weiteren interessierten Mitschülern, auch an anderen Dortmunder Schulen, und Lehrern in Kontakt. „Einige haben gleich gesagt, dass sie mitmachen wollen. Andere sind noch zurückhaltend, haben aber gesagt, dass sie uns unterstützen“, so Berdan.

Die beiden gehen zu zwei unterschiedlichen Berufsschulen innerhalb des Schulzentrums Hacheney, an denen auch viele angehende Pflegekräfte unterrichtet würden, die in den Einrichtungen des Gesundheitswesen zum Teil direkt an der Front stünden. Sie selbst machen dort ihr Abitur mit Schwerpunkt Gesundheit. Sie hätten das Komitee nicht nur aus Sorge um die Gesundheit ihrer Mitschüler und Lehrer gegründet, erklärten beide, sondern auch wegen ihrer Familien.

Jan

Sowohl Jan als auch Berdan haben Angehörige, die zur Risikogruppe gehörten. „Meine Mutter hat eine Lungenerkrankung“, erklärt Berdan. „Ihre Arbeit als Reinigungskraft ist ohnehin schwer genug für sie, dann ihre Lunge – ich will nicht, dass sie sich mit Corona infiziert.“ Jan fügt hinzu: „Ich will auch meine Familie schützen, da gibt es ebenfalls Risikofälle und gleichzeitig will ich natürlich auch den Unterricht so organisiert haben, dass wir nichts verpassen und uns dann vor allem aber auch nicht in Gefahr bringen.“

Bisher hat das Komitee zwei zentrale Forderungen erhoben. Zum einen, dass Unterricht nur online oder in kleinen, festen Lerngruppen stattfinden darf, die räumlich getrennt und sicher untergebracht sind. Präsenzunterricht in Kleingruppen dürfe jedoch, so die zweite Forderung, nur dann überhaupt stattfinden, wenn die Verkehrsbetriebe den Einsatz von Bussen und Bahnen so aufstocken würden, dass ein gefahrlose Anreise möglich sei.

Schüler drängen sich in eine überfüllte U-Bahn

Am meisten Sorge bereitet Jan und Berdan die Situation in den öffentlichen Verkehrsmitteln. „Hier kommen täglich 6.000 bis 7.000 Schüler an und nur die wenigsten mit einem eigenem Auto. Auch einige Lehrer sind in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Wir fangen morgens alle etwa zur gleichen Zeit an. Die Situation in den Bussen und Bahnen ist katastrophal. Die Leute können keinen Abstand halten.“ Jan hat ein Foto aufgenommen, das keinen Zweifel daran lässt, dass Busse und Bahnen zu Brutstätten für das Virus werden.

Ihre Schilderung macht klar, dass eine rasante Ausbreitung des Virus unter Schülern und Lehrkräften auch im aktuellen Regelbetrieb in den Schulen praktisch vorprogrammiert und nur eine Frage der Zeit ist.

„So wie es laut Regelwerk laufen soll, läuft der Betrieb hier nicht“, sagt Jan. „Ich allein kann mindestens fünf Regelverstöße pro Tag beobachten. Beim Einsammeln von Arbeitsblättern kommen Lehrer und Schüler sich zum Beispiel regelmäßig nah. Oft kann der Abstand hier überhaupt nicht eingehalten werden.“ Wegen defekter oder verriegelter Fenster ließe sich außerdem nicht vernünftig lüften, berichtet Berdan. „In alten Klassenräumen, in denen wir bis vor Kurzem noch waren, gingen zum Teil nur ein oder zwei Fenster auf. Einige Klassenräume sind ganz gesperrt, was dazu führt, dass alles noch enger wird“, erklärt er weiter.

Das passt ins Bild. Erst kürzlich berichtete der Spiegel über eine wissenschaftliche Studie, die 363 Klassenräume in NRW untersucht hat. Nach Einschätzung der Studie müsste rund die Hälfte der Klassenräume geschlossen werden, weil sich schon nach einer Unterrichtsstunde mit geschlossenen Fenstern so viel CO2 – und damit potenziell gefährliche Aerosole – im Raum befanden, dass sie nach geltenden Arbeitsschutzbestimmungen als unhygienisch einzustufen seien.

Berdan und Jan beschrieben außerdem, dass mit Corona-Fällen an Schulen in völlig unverantwortlicher Weise verfahren werde. Jan sagt: „Wenn bei jemandem der Verdacht besteht, sich infiziert zu haben, gibt es einen Kurztest. Wenn der negativ ausfällt, werden die Leute zurück in den Unterricht geschickt. Bei positiven Tests kommen die Leute in Quarantäne, aber nur sie selbst.“ Das widerspricht allen wissenschaftlichen Empfehlungen, denn Schüler können sich in den Tagen vor dem Test bei dem positiven Schüler angesteckt haben und das Virus in der Klasse, in den Bahnen und zuhause weiterverbreiten.

Die Berichte von Jan und Berdan decken sich mit den Schilderungen von Schulleitern in NRW, die sich jüngst in einem Brandbrief an NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zur desolaten Lage in den Schulen geäußert haben.

Die Schulleiter beklagen in ihrem Brief, dass die Vorgaben des Bildungsministeriums an der Realität an den Schulen komplett vorbei gingen. Der Öffentlichkeit werde indessen „vorgegaukelt, wie verantwortungsvoll, vorausschauend und umsichtig das MSB [Ministerium für Schule und Bildung] arbeitet.“

Berdan und Jan berichteten, dass sie auch mit Lehrern gesprochen hätten. „Eine meiner Lehrerinnen hat mir von ihrer Situation erzählt. Das fand ich unglaublich“, erklärt Berdan. „Vor den Osterferien gehörte sie zur Risikogruppe und war entsprechend freigestellt. Sie hatte eine OP und litt danach an einer Immunschwäche. Außerdem wohnt sie mit ihren Eltern, ebenfalls Risikogruppe, in einem Haus. Mittlerweile sind die Regeln so geändert worden, dass sie aus der Risikogruppe fällt und zur Schule muss. Die Behörden begründeten das unter anderem damit, dass sie bei getrennten Wohnungen mit ihren Eltern ja nur den Hausflur teile.“

„Sie sagte mir, was sie dazu denkt. Die Regeln würden einfach geändert, damit die Zahl der Lehrer, die nicht am Unterricht teilnehmen dürften, so klein wie möglich bleibt. Dem Staat geht es darum, neue Arbeitskräfte auszubilden, sagt sie, und das dürfe nicht ins Stocken kommen. Die Alten wären ohnehin egal, weil die nicht mehr der Wirtschaft dienen könnten.“

Am Ende richteten sich Jan und Berdan mit einem Appell an Lehrer, Schüler und Eltern. Sie sollten sich am Kampf gegen die Schulöffnungen beteiligen und mit ihnen in Kontakt treten. „Aus moralischer Sicht ist das, was im Moment an den Schulen passiert, ziemlich verwerflich“, erklärt Berdan. „Weitere Schulen und auch Betriebe und Fabriken sollten Aktionskomitees gründen, um Schlimmeres zu verhindern.“ Jan fügt hinzu: „Unser Komitee ist für jeden offen, der ebenfalls der Meinung ist, dass die Schulöffnung, so wie sie jetzt abläuft, gestoppt werden muss.“

Die Sozialistische Gleichheitspartei und ihre Jugendorganisation, die IYSSE, laden am kommenden Sonntag zu einer Veranstaltung ein, auf der die Gründung von Aktionskomitees gegen die Schulöffnung diskutiert werden soll. „Die mörderische Politik kann nur durch die unabhängige Mobilisierung aller Arbeiter in einem bundesweiten Generalstreik gestoppt werden“, heißt es in dem Aufruf.

An der Veranstaltung werden auch auch Vertreter der internationalen Schwesterparteien der SGP teilnehmen, die ebenfalls für den Aufbau von Aktionskomitees in ihren Ländern kämpfen und Arbeitern helfen, sich auf der Grundlage einer sozialistischen Perspektive international zu vernetzen.

 

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