Trotzkis letztes Jahr

Teil 2

Von David North
25. August 2020

Dies ist der zweite Artikel einer mehrteiligen Serie. Der erste Teil wurde am 24. August veröffentlicht und der dritte am 1. September 2020.

Nach der Spaltung mit der Minderheit der Socialist Workers Party konnte Trotzki seine Aufmerksamkeit auf die Abfassung eines Manifests für die Notkonferenz der Vierten Internationale lenken, die als Reaktion auf die plötzliche Ausweitung des Krieges in Westeuropa einberufen worden war. Auf die rasche Eroberung Polens durch Nazi-Deutschland im Herbst 1939 folgte eine längere Pause im militärischen Konflikt, der sogenannte „Sitzkrieg“. Doch im April 1940 leitete Hitler eine neue Phase des Krieges ein. Die Wehrmacht rückte nach Westen vor, eroberte zunächst Norwegen und Dänemark und marschierte im Mai durch die Niederlande und Belgien nach Frankreich ein.

Trotzkis Manifest begann mit einem aufrüttelnden Appell an alle Opfer kapitalistisch-imperialistischer Unterdrückung.

Die Vierte Internationale wendet sich nicht an die Regierungen, die die Völker in das Gemetzel trieben, nicht an die bürgerlichen Politiker, die die Verantwortung für diese Regierungen tragen, und auch nicht an die Arbeiterbürokratie, die das kriegführende Bürgertum stützt. Die Vierte Internationale wendet sich an die arbeitenden Männer und Frauen, an die Soldaten und Matrosen, die ruinierten Bauern und die geknechteten Kolonialvölker. Nichts verbindet die Vierte Internationale mit den Unterdrückern, den Ausbeutern, den Imperialisten. Sie ist die Weltpartei der Werktätigen, der Unterdrückten und der Ausgebeuteten. An sie richtet sich dieses Manifest. [1]

Das Manifest wies alle offiziellen Erklärungen für den Ausbruch des Krieges zurück. „Entgegen den offiziellen Fabeln, die das Volk einlullen sollen, ist die Hauptursache des Krieges, wie aller anderen sozialen Übel – Arbeitslosigkeit, hohe Lebenskosten, Faschismus, koloniale Unterdrückung – das Privateigentum an den Produktionsmitteln und der bürgerliche Staat, der darauf beruht.“ [2] Wie im Ersten Weltkrieg lag dem Ausbruch des militärischen Konflikts die Rivalität unter den imperialistischen Mächten zugrunde.

Leo Trotzki

Die Hauptprotagonisten in diesem globalen Konflikt waren vorerst Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien, während Japan seine Interessen in Asien verfolgte. Doch im Hintergrund lauern die Vereinigten Staaten, die, wie Trotzki voraussagte, „in den ungeheuren Zusammenprall eingreifen [werden], um ihre Weltherrschaft aufrechtzuerhalten. Die Form und der Zeitpunkt des Kampfes zwischen dem amerikanischen Kapitalismus und seinen Feinden ist noch nicht bekannt – vielleicht nicht einmal in Washington. Ein Krieg mit Japan wäre ein Kampf um ‚Lebensraum‘ im Pazifischen Ozean. Ein Krieg im Atlantischen Ozean wäre, selbst wenn er unmittelbar gegen Deutschland gerichtet wäre, ein Krieg um das Erbe Großbritanniens.“ [3]

Trotzki wies Behauptungen zurück, dass die herrschenden Eliten den Krieg zur „Verteidigung des Vaterlandes“ führten. „Die Bourgeoisie“, so schrieb er, „verteidigt das Vaterland nie um des Vaterlandes willen. Sie verteidigt Privateigentum, Vorrechte, Profite. […] Der offizielle Patriotismus ist eine Maske für die Ausbeuterinteressen. Klassenbewusste Arbeiter schleudern diese Maske verächtlich beiseite.“ [4] Was die anmaßende Berufung auf demokratische Ideale betrifft, so waren diese nicht weniger betrügerisch als die patriotischen Erklärungen. Alle Demokratien, mit Großbritannien vorneweg, hatten dazu beigetragen, Hitler an die Macht zu bringen. Und sie alle haben einen wesentlichen Teil ihres Reichtums aus der brutalen Ausbeutung der Kolonialvölker bezogen.

Hitlers Regime war nichts anderes als „Imperialismus in Reinkultur“. Die heuchlerische Behauptung, die demokratischen Mächte würden den Faschismus bekämpfen, war eine eklatante politische Verzerrung von Geschichte und Realität.

Die demokratischen Regierungen, die seinerzeit Hitler für seinen Kreuzzug gegen den Bolschewismus priesen, erkennen heute in ihm eine Art Satan, der unerwartet aus den Tiefen der Hölle hervorbrach und gegen geheiligte Abkommen, Grenzen, Regeln und Vorschriften verstößt. Ohne Hitler wäre die kapitalistische Welt ein blühender Garten. Welch erbärmliche Lüge! Dieser deutsche Epileptiker mit einer Rechenmaschine in seinem Schädel und unbegrenzter Macht in seinen Händen fiel nicht vom Himmel und kam nicht aus der Hölle; er ist nichts als die Verkörperung der Zerstörungskräfte des Imperialismus. [5]

Trotzki wandte sich dann einer Untersuchung der Rolle zu, die das stalinistische Regime bei der Begünstigung des Kriegsausbruchs spielte.

Stalins Bündnis mit Hitler, das das Startsignal zum Weltkrieg gab und unmittelbar zur Knechtung des polnischen Volkes führte, ist ein Resultat der Schwäche der Sowjetunion und der Panik des Kremls vor Deutschland. Die Verantwortung für diese Schwäche trägt niemand anderes als der Kreml selbst: seine Innenpolitik, die zwischen der herrschenden Kaste und dem Volk einen Abgrund aufriss; seine Außenpolitik, die die Interessen der Weltrevolution denen der Stalin-Clique opferte. [6]

Ungeachtet der Verbrechen Stalins würde eine Invasion der Sowjetunion durch die Nazis – die Trotzki für unvermeidlich hielt – nicht nur das Überleben der Kreml-Diktatur, sondern auch das der UdSSR in Frage stellen. Die Eroberungen der Revolution, wie verzerrt und entstellt sie durch den Stalinismus auch sein mochten, durften den einfallenden Armeen des Imperialismus nicht preisgegeben werden. „Während sie einen unermüdlichen Kampf gegen die Moskauer Oligarchie führt“, verkündete Trotzki, „lehnt die Vierte Internationale entschieden jede Politik ab, die dem Imperialismus gegen die Sowjetunion helfen würde.“ Er fuhr fort:

Die Verteidigung der Sowjetunion fällt im Prinzip mit der Vorbereitung der sozialistischen Weltrevolution zusammen. Wir verwerfen ausdrücklich die Theorie des Sozialismus in einem Lande, diese Ausgeburt des unwissenden und reaktionären Stalinismus. Nur die Weltrevolution kann die Sowjetunion für den Sozialismus retten. Aber die Weltrevolution bringt unvermeidlich die Austilgung der Kremloligarchie mit sich. [7]

Trotzkis Analyse des Krieges umfasste die Entwicklungen in den kolonialen Besitztümern, von denen er überzeugt war, dass sie zu einem massiven Schauplatz globaler revolutionärer Kämpfe werden würden. „Der ganze gegenwärtige Krieg“, schrieb er, „ist ein Krieg um Kolonien. Die einen jagen danach; die anderen besitzen sie und lehnen es ab, sie aufzugeben. Keine Seite hat die geringste Absicht, sie freiwillig in die Unabhängigkeit zu entlassen. Die im Abstieg befindlichen ‚Mutterländer‘ sind gezwungen, so viel wie möglich aus den Kolonien herauszuziehen und ihnen dafür so wenig wie möglich zurückzugeben. Nur der direkte und offene revolutionäre Kampf der geknechteten Völker kann den Weg zu ihrer Befreiung eröffnen.“ [8]

Stalin und Ribbentrop beim Handschlag nach der Unterzeichnung des Deutsch-Sowjetischen Pakts

 

Trotzki untersuchte die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen in China, Indien und Lateinamerika. In jeder Situation und unter Berücksichtigung der spezifischen Bedingungen hing der Sieg des Kampfes gegen die imperialistischen Mächte von der Herstellung der politischen Unabhängigkeit der Arbeiterklasse von den korrupten und kompromittierten nationalen herrschenden Eliten ab. Die Theorie der permanenten Revolution – die die russische Arbeiterklasse 1917 an die Macht führte – behielt ihre volle Gültigkeit für die Arbeiterklasse in allen vom Imperialismus unterdrückten Ländern. Der Sturz der imperialistischen Herrschaft war untrennbar mit dem Kampf um Arbeitermacht und Sozialismus verbunden. Darüber hinaus gab es, wie das Beispiel Russlands gezeigt hatte, keine besondere Ordnung, die a priori festlegte, wann das eine oder andere Land über Bedingungen verfügte, die es der Arbeiterklasse erlaubten, die Macht zu erobern. Trotzki schrieb:

Die Perspektive der permanenten Revolution bedeutet keinesfalls, dass die rückständigen Länder das Signal der fortgeschrittenen abwarten müssen oder dass die Kolonialvölker geduldig auf das Proletariat der Metropolen warten sollen, sie zu befreien. Das Schicksal hilft dem, der sich selbst zu helfen weiß. Die Arbeiter müssen den revolutionären Kampf in jedem Lande, kolonial oder imperialistisch, entfalten, wo günstige Bedingungen dafür entstanden sind, und dadurch den Arbeitern anderer Länder ein Beispiel geben. Nur Initiative und Aktivität, Entschlossenheit und Kühnheit können die Parole ‚Arbeiter aller Länder, vereinigt Euch!‘ verwirklichen. [9]

In den abschließenden Abschnitten des Manifests kehrte Trotzki zu den zentralen theoretischen und politischen Fragen zurück, die er in der Anfangsphase des Fraktionskampfes gegen die kleinbürgerliche Minderheit aufgeworfen hatte und die ihn in den letzten Wochen seines Lebens beschäftigen sollten. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war durch den Verrat aller existierenden Massenorganisationen der Arbeiterklasse - ob sozialdemokratisch, stalinistisch, anarchistisch oder einer anderen Spielart des Reformismus - vorbereitet worden. Wie würde die Arbeiterklasse dann den Weg zur Macht finden?

Trotzki überprüfte die wesentlichen Bedingungen für die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse: eine Krise, die eine politische Sackgasse schafft, die die herrschende Klasse verunsichert; scharfe Unzufriedenheit mit den bestehenden Bedingungen in großen Teilen der Mittelklasse, die den Großkapitalisten ihre Unterstützung entzieht; die Überzeugung innerhalb der Arbeiterklasse, dass die Situation untragbar ist, und die Bereitschaft zu radikalen Maßnahmen; und schließlich ein Programm und eine entschlossene Führung innerhalb der fortgeschrittenen Teile der Arbeiterklasse. Aber jede dieser Bedingungen könne sich in unterschiedlichem Tempo entwickeln. Während sich die Bourgeoisie in einer politischen Sackgasse befinde und das Bürgertum nach Alternativen zu den bestehenden Verhältnissen suche, zeige die Arbeiterklasse – unter dem Einfluss vergangener Niederlagen – vielleicht eine Zurückhaltung, sich auf entscheidende Kämpfe einzulassen. Trotzki räumte ein, dass der Verrat in den Jahren vor dem Ausbruch des Krieges bei den Arbeitern eine Stimmung der Entmutigung erzeugt hatte. „Man sollte indessen die Stabilität oder Dauer solcher Stimmungen nicht überschätzen“, riet Trotzki. „Die Ereignisse schufen sie, die Ereignisse werden sie vertreiben.“ [10]

In Anbetracht des komplexen Zusammenspiels der widersprüchlichen Elemente einer grundlegenden gesellschaftlichen Krise hängt das Schicksal der Revolution letztlich von der Lösung der Krise der Führung ab. Bei der Auseinandersetzung mit diesem Problem stellte Trotzki hypothetisch zwei Fragen: „Wird die Revolution nicht auch diesmal verraten werden, da es ja zwei Internationalen [die sozialdemokratische Zweite Internationale und die stalinistische Kommunistische Internationale, auch Komintern genannt] im Dienste des Imperialismus gibt, während die echten Revolutionäre nur jene winzige Minderheit darstellen, mit anderen Worten: Werden wir noch rechtzeitig eine Partei vorbereiten können, die fähig ist, die proletarische Revolution zu führen?“ [11]

In seinem acht Monate zuvor im September 1939 verfassten Essay „Die UdSSR im Krieg“ hatte Trotzki darauf hingewiesen, dass sich der Ausgang des Zweiten Weltkriegs als entscheidend für die Bestimmung der Lebensfähigkeit der Perspektive der sozialistischen Revolution erweisen könnte. „Die Ergebnisse dieser Prüfung“, hatte er geschrieben, „werden zweifellos von entscheidender Bedeutung für unsere Einschätzung der modernen Epoche als Epoche der proletarischen Revolution sein.“ [12] Aber diese Aussage hatte den Charakter eines obiter dictum, einer beiläufigen Bemerkung, mit der legitimerweise der Ernst der Weltsituation und die Gefahren, die sie für die Arbeiterklasse darstellten, hervorgehoben werden sollte. Er sollte nicht als unveränderlicher historischer Zeitplan gelesen werden. In einem darauf folgenden Dokument, das im April 1940 geschrieben wurde, machte Trotzki einen kritischen Punkt über die Methodologie der marxistischen Analyse:

Jede historische Vorhersage ist grundsätzlich bedingt, und je konkreter sie ist, umso bedingter ist sie. Eine Prognose ist kein Schuldschein, der an einem bestimmten Tag eingelöst werden kann. Eine Prognose skizziert nur bestimmte Entwicklungstendenzen. Aber zusammen mit diesen Entwicklungstendenzen wirkt eine unterschiedliche Abfolge von Kräften und Tendenzen, die in einem bestimmten Augenblick vorzuherrschen beginnen. Diejenigen, die exakte Voraussagen konkreter Ereignisse haben wollen, sollten einen Astrologen konsultieren. Die marxistische Prognose hilft nur bei der Orientierung. [13]

Im Mai war klar, dass Trotzki versuchte, die Vierte Internationale auf der Grundlage einer Perspektive zu orientieren, deren Analyse über den Krieg und sein unmittelbares Ergebnis hinausging. Der Krieg war nicht nur der Höhepunkt der Krise der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg; er war auch der Beginn einer neuen Etappe in der Krise des kapitalistischen Systems und der Weltrevolution. Die Kader der Vierten Internationale mussten sich auf eine längere Zeit des Kampfes vorbereiten. „Natürlich“, räumte er freimütig ein, „kann und wird dieser oder jener Aufstand aufgrund der Unreife der revolutionären Führung mit einer Niederlage enden. Aber es geht nicht um einzelne Aufstände. Es geht um eine ganze revolutionäre Epoche.“

Welche Schlussfolgerung ergab sich aus dieser Einschätzung des Krieges als einem Wendepunkt in der Weltgeschichte?

Die kapitalistische Welt hat keinen Ausweg, wenn man nicht einen in die Länge gezogenen Todeskampf als solchen betrachten will. Man muss sich auf viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, von Krieg, Aufständen, kurzen Zwischenspielen des Waffenstillstandes, neuen Kriegen und neuen Aufständen gefasst machen. Eine junge revolutionäre Partei muss sich auf diese Perspektive gründen. Die Geschichte wird ihr ausreichend Gelegenheiten und Möglichkeiten verschaffen, sich zu bewähren, Erfahrungen zu sammeln und zu reifen. Je rascher die Reihen der Vorhut zusammengeschweißt werden, desto kürzer wird die Epoche der blutigen Erschütterungen sein, desto weniger Zerstörung wird unser Planet erleiden. Aber die große historische Aufgabe wird nicht gelöst werden, ehe eine revolutionäre Partei an der Spitze des Proletariats steht. Die Frage der Tempi und Zeitabschnitte ist von ungeheurer Bedeutung, aber sie ändert weder die allgemeine historische Perspektive noch die Richtung unserer Politik. Die Schlussfolgerung ist einfach: Die Arbeit der Erziehung und Organisierung der proletarischen Vorhut muss mit verzehnfachter Energie fortgesetzt werden. Gerade darin besteht die Aufgabe der Vierten Internationale. [14]

Fortsetzung folgt

[1] Leo Trotzki, „Der imperialistische Krieg und die proletarische Weltrevolution“ in: Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 211. (hier im Mehring Verlag erhältlich)

[2] Ebd., S. 213.

[3] Ebd., S. 218.

[4] Ebd., S. 221.

[5] Ebd., S. 224.

[6] Ebd., S. 228.

[7] Ebd., S. 231.

[8] Ebd., S. 234f.

[9] Ebd., S. 239.

[10] Ebd., S. 253.

[11] Ebd., S. 254.

[12] Leo Trotzki, „Die UdSSR im Krieg“, in: Verteidigung des Marxismus, Essen 2006, S. 17 (hier im Mehring Verlag erhältlich).

[13] Leo Trotzki, „Bilanz der finnischen Ereignisse“, in: Verteidigung des Marxismus, Essen 2006, S. 206.

[14] „Manifest der Vierten Internationale“, in: Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S.254.

 

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