Schulöffnung ohne Sicherheitsmaßnahmen bei steigenden Corona-Fällen

Von Marianne Arens und Gregor Link
25. August 2020

Mit 2034 Corona-Neuinfektionen hat der Tagesanstieg am Freitag zum ersten Mal seit Ende April wieder die 2000er Grenze überschritten. In dieser Situation bereiten Bund und Länder mit der kompletten Schulöffnung den Boden für die weitere Explosion der Fallzahlen und organisieren so die mörderische Durchseuchung der gesamten Bevölkerung.

Bundesweit gibt es eine große Anzahl einzelner Ausbruchsgeschehen – in den letzten sieben Tagen hatten nur noch 15 von insgesamt 294 deutschen Landkreisen keine Covid-19-Fälle zu melden. Damit sind nun nach den offiziellen Zahlen bereits 9272 Covid-19-Patienten gestorben, während sich die dokumentierten Infektionsfälle mit 233.575 der Viertelmillion nähern.

Eines der Bundesländer mit dem größten Anstieg neuer Fälle ist Hessen. Hier melden die Gesundheitsbehörden seit einer Woche täglich dreistellige Corona-Neuinfektionen. Allein in Offenbach befinden sich über 500 Personen in Quarantäne. Mittlerweile gibt es in Hessen keinen Landkreis und keine kreisfreie Stadt ohne Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen.

Besonders bedrohlich ist die Entwicklung in den Städten des Rhein-Main-Gebiets. So wurde etwa in Offenbach und Hanau in den vergangenen Tagen jeweils die kritische Schwelle von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner deutlich überschritten.

Unter diesen Bedingungen bedeutet die Öffnung der Schulen ohne ernsthafte Sicherheitsvorkehrungen die Schaffung von unzähligen potentiellen Superspreading-Events. Obwohl das Robert-Koch-Institut seit Wochen ausdrücklich vor „Menschenansammlungen in Innenräumen“ warnt, wird in Schulen und Kitas gerade dies tagtäglich praktiziert.

In Hessen wurden schon in der ersten Schulwoche ganze Schulklassen in Wiesbaden, in Bad Nauheim, in Büdingen und in Homberg (Efze) wieder in die häusliche Quarantäne zurückgeschickt, weil Corona-Infektionen bei einem Schüler festgestellt worden waren. In Frankfurt begann die zweite Schulwoche nach den Sommerferien am gestrigen Montag damit, dass an allen weiterführenden Schulen eine Maskenpflicht verkündet wurde.

Allerdings sind von neuen Corona-Fällen an den Schulen praktisch alle Bundesländer betroffen. Neben den zahlreichen Berichten aus Berliner und Hamburger Schulen waren letzte Woche auch in Schleswig-Holstein, kurz nach der Wiederöffnung, mindestens 16 Schulen von Infektionsfällen betroffen.

Auch in NRW gibt es besonders viele neue Corona-Fälle an den Schulen. In Bochum musste die ganze Willy-Brandt-Gesamtschule am gestrigen Montag geschlossen bleiben, da eine Lehrerin positiv auf das Coronavirus getestet worden war, die noch am Freitag in der Schule gewesen war. Im Kreis Minden-Lübbecke musste gleichzeitig der gesamte Grundschulverbund Lahde-Frille geschlossen werden, da es gleich in mehreren Klassen zu Covid-19-Fällen gekommen war.

Als große Ruhrgebietsstadt ist außer Dortmund auch Duisburg stark betroffen. Dort gibt es letzte Woche Corona-Fälle an acht Schulen. Es sind Grundschulen, Gesamtschulen und ein Berufskolleg. Gerade das Beispiel Duisburg beleuchtet die Tatsache, dass die Corona-Gefahr nicht von der sozialen Ungleichheit zu trennen ist: Die betroffenen Schulen liegen alle nahe beieinander in Duisburger Arbeitervierteln.

Laut Berichten reagierten die Schulen und betroffenen Klassen jedoch wenig systematisch, weil die Ausrüstung fehlt. Da die Grundschulen, wie Lehrer berichteten, zu wenige Masken hätten, wurden sie tageweise geschlossen, während das Berufskolleg nur einzelne, betroffene Klassen in Quarantäne schickte. Im Netz berichten zahlreiche Schüler von überfüllten Gängen, Klassenräumen und öffentlichen Verkehrsmittel und dokumentieren das mit Bildern.

Schule in NRW, Quelle: www.instagram.com/schuelerstreik_nrw/

Zugleich gehen die Testkapazitäten zuneige, weil die Regierung die Schulöffnung nicht mit der Schaffung neuer Labore und Testeinrichtungen verbunden hat. Aus diesem Grund drohen die Corona-Tests im Herbst mit Beginn der Kälteperiode knapp zu werden. Charité-Chefvirologe Christian Drosten hatte daher zuletzt eindringlich eine entsprechende Warnung ausgesprochen und bereits zuvor gefährdete Heimkehrer zur Selbstquarantäne aufgerufen.

Auf der Instagram-Seite Schülerstreik-NRW berichtet eine Schülerin eines Berufskollegs über einen bestätigten Corona-Fall an ihrer Schule. „Nur dieser Schüler und der direkte Sitznachbar sind nicht mehr in der Schule. Die Lehrer und der Rest der Klasse sind in der Schule, nachdem sie die ganzen letzten Tage zusammen in einem Klassenraum waren.“

Ähnliche Berichte über mangelnde Tests, fehlende Quarantäne und sogar Vertuschung von Corona-Fällen an Schulen erreichten die World Socialist Web Site bereits aus anderen Städten. Damit bereiten Regierungen und Behörden systematisch neue Explosionen der Infektionszahlen vor und setzen bewusst eine mörderische Politik der Durchseuchung um.

Politiker aller Parteien machten klar, dass sie die Schulen unter keinen Umständen wieder schließen oder umfassende Sicherheitskonzepte umsetzen werden. Dabei geht es ihnen nicht um die Schüler oder Eltern, sondern ausschließlich um die Interessen der Wirtschaft, die die Produktion wieder hochfahren will und deshalb die Unterbringung der Kinder ohne Mehrkosten sicherstellen will.

In Sachsen schließt die Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) neue Schulschließungen rundweg aus. Köpping sagte der Sächsischen Zeitung, sie rechne trotz steigender Corona-Infektionszahlen nicht mit einem zweiten Lockdown im Freistaat. Es werde „nicht dazu kommen, dass wir zu solchen Maßnahmen greifen müssen, wie wir sie hatten“, sagte die SPD-Politikerin am Samstag.

Die Schulen dürften keinesfalls wieder geschlossen werden, verkündet auch die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU). Sie hat sich aus dem Ministerium verabschiedet, um einen Platz als Botschafterin des neoliberalen Thinktanks INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) einzunehmen. Auf Facebook ist ihre Rede zu sehen, in der sie klar Stellung gegen neue Schulschließungen bezieht, um die Wirtschaft am Laufen zu halten: „Sollte diesmal wieder über Schließungen insgesamt diskutiert werden müssen, dann darf es dieses Mal nicht heißen: Schulen und Kitas zuerst, sondern dann muss gelten: Schulen und Kitas zuletzt.“

Zugleich wächst der Widerstand unter Schülern, Eltern und Lehrern gegen die unsicheren Schulöffnungen.

„Die Schulöffnung im Regelbetrieb macht mir schwer zu schaffen“, sagt Andrea aus NRW. „Meine dreizehnjährige Tochter ist in ihrer Klasse das einzige Kind mit Maske. Das wird nicht lange gut gehen.“ Für die Politik habe „das Ankurbeln der Wirtschaft Priorität“, fährt sie fort. „Mit der Wirtschaftslobby“ wolle sich offenbar „niemand anlegen“.

Die Schülerin des Berufskollegs, die zu einem Schülerstreik in NRW aufruft fragt: „Was muss denn erst passieren, damit sich etwas ändert? Manchmal denke ich echt: Muss erst jemand an Corona sterben, um die Schule zu schließen? Ich fühle mich von den Politikern etc. nicht ernst genommen, weil ich im Namen von Vielen sagen kann: Es geht nicht mehr!“

Der Aufruf der Sozialistischen Gleichheitspartei, Aktionskomitees zu gründen und einen Generalstreik gegen die mörderischen Schulöffnungen vorzubereiten, trifft in den sozialen Medien unterdessen auf große Resonanz.

„Lehrer und Schüler müssten bundesweit in den Streik treten!“, schreibt Ily M. auf Twitter. „Die politisch vorgegeben Schulöffnungen mit ihren völlig unzureichenden ‚Konzepten‘ scheitern ganz offensichtlich. Ich habe das Gefühl, nicht länger stillhalten zu können und unsere Kinder zum Opfer der Kultusminister zu machen. Ich denke, wir müssen uns organisieren und über einen bundesweiten Streik diskutieren – ansonsten verheizen die unsere Kinder und Lehrer.“

„Das gilt ebenso für Erzieher, Pflegefachleute und Ärzte“, sagt Sara, eine Pflegerin aus Berlin Mitte. „Es gibt kaum einen Berufsstand, der einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt ist als die Pflege. Was tun wir für uns, wenn politisch Verantwortliche nicht einmal für ausreichende Schutzkleidung sorgen und für uns auch keine Testung ermöglichen – machen wir so weiter?“

Anja, eine Sonderpädagogin, die selbst an Covid-19 erkrankt war und nun mit Folgeschäden zu kämpfen hat, stimmt diesem Aufruf zu: „Ja, bitte streikt! Werdet aktiv! Schutzmaßnahmen müssen sein – je mehr Schutz am Arbeitsplatz, desto weniger Glück braucht man, um sich nicht zu infizieren.“

 

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