Oligarchie der USA profitiert von Corona-Toten

15. August 2020

Am vergangenen Mittwoch verzeichneten die USA einen makabren Doppelrekord: Auf der einen Seite starben 1.503 Menschen an Covid-19, auf der anderen erreichte der Aktienindex S&P 500 ein Mittagshoch, das es so noch nie gegeben hatte.

Am selben Tag verbrachte US-Präsident Donald Trump eine Stunde nach Börsenschluss nahezu die gesamte tägliche Besprechung der Corona-Taskforce damit, über die Lage auf dem Aktienmarkt zu schwärmen. Trump, dessen Reaktion auf die Pandemie mehr als 170.000 Tote gefordert hat, stellte die „Theorie“ des Weißen Haus zur Bekämpfung des Virus vor.

Anhand einer Präsentation, die der Direktor des Nationalen Wirtschaftsrats erstellt hatte, führte Trump den Anstieg der Aktienkurse darauf zurück, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen des Lockdowns in den USA geringer seien als in anderen Ländern.

„Die Börse hat heute wieder um beinahe 300 Punkte zugelegt“, prahlte Trump. „Unsere Wirtschaft entwickelt sich deutlich besser als in Europa – und das müssen die Menschen verstehen. Sie entwickelt sich besser als irgendwo sonst auf der Welt.“

Das Finanzvermögen sei seit März um 9 Billionen Dollar gestiegen, die Aktienwerte hätten um fast 50 Prozent zugenommen. „Das sind Zahlen, die es so noch nicht gab“, sagte Trump. Die Werte seien „unglaublich“.

Anhand der nächsten Folie ergänzte Trump: „Sie werden feststellen, dass der Rückgang der Wirtschaftsleistung aufgrund des Virus in den Vereinigten Staaten weit weniger schwerwiegend ist als bei vergleichbaren Nationen.“

Gemäß der von Trump genannten Zahlen ist das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA in den ersten sechs Monaten des Jahres um 10,6 Prozent gesunken, während die Eurozone einen Einbruch von 15 Prozent erlitt. Was der Präsident jedoch nicht erwähnte: In den Vereinigten Staaten liegt die Arbeitslosigkeit trotz des schwächeren Wirtschaftsabschwungs deutlich höher als in Europa.

Die Statistiken, deren Präsentation dem Präsidenten sichtlich Mühe bereitete, stimmen mit den Beobachtungen des US-amerikanischen Epidemiologen Michael Osterholm überein. Dieser erklärte, die Vereinigten Staaten seien deshalb das Epizentrum der Covid-19-Pandemie, weil die Beschränkungen wesentlich früher wieder aufgehoben wurden als in anderen Ländern, die das Virus wirksamer eingedämmt haben.

Osterholm stellte fest:

Wir [in den Vereinigten Staaten] haben den Lockdown schlicht aufgehoben, bevor das Coronavirus unter Kontrolle war. Viele andere Länder lockerten die Maßnahmen erst, als die Zahl der Infizierten deutlich abgenommen hatte. Das gilt auch für Orte, die im März und April starke Ausbrüche erlebten …

Die USA verzeichneten am 28. Mai den durchschnittlich niedrigsten Sieben-Tage-Wert seit dem 31. März. Zu diesem Zeitpunkt gab es 21.000 Infizierte bzw. lag die Zahl der täglichen Neuinfektionen bei 6,4 pro 100.000 Einwohner. Diese Quote war sieben- bis zehnmal höher als in Ländern, die Neuinfektionen erfolgreich eindämmen konnten.

Entsprechend ist die Zahl der Covid-19-Fälle in den USA fünfmal so hoch wie in der Europäischen Union.

Anders ausgedrückt: Trump pries in seiner Präsentation eine Politik, die mehr als 170.000 Menschen das Leben kostete, um sicherzustellen, dass die Aktienkurse weiter steigen. Experten für öffentliche Gesundheit stellten dazu kürzlich fest: „Wir hätten 99 Prozent der durch Covid-19 verursachten Todesfälle verhindern können. Aber wir haben es nicht getan.“

Darauf angesprochen, dass jeden Tag 1.000 Menschen am Coronavirus sterben, bemerkte der Präsident vergangene Woche: „Sie sterben, das stimmt. So ist das eben.“ Die Ausführungen des Präsidenten vom Mittwoch verliehen diesen Worten Nachdruck.

Wie die World Socialist Web Site erklärte, ist die US-amerikanische herrschende Klasse nicht darauf bedacht, das Leben der Bevölkerung zu schützen. Vielmehr ist sie bestrebt, den Reichtum der Finanzoligarchie zu verteidigen und zu vergrößern. Sofern sozialpolitische Aspekte überhaupt eine Rolle spielten, dienten sie nur als Vorwand, um der Finanzelite rund 6 Billionen Dollar in die Taschen zu pumpen. Eine Entscheidung, die von den Republikanern und den Demokraten gleichermaßen nahezu einstimmig unterstützt wurde.

Die Verantwortung für die ungeheure Zahl an Todesfällen liegt bei Präsident Trump. Allerdings wäre dieses Verbrechen ohne Komplizen nicht möglich gewesen. Die Entscheidung über die Wiedereröffnung der Wirtschaft blieb den Gouverneuren überlassen. Noch bevor die Pandemie eingedämmt werden konnte, wurden sowohl in republikanisch als auch in demokratisch geführten Bundesstaaten die Unternehmen wiedereröffnet. Viele demokratische Gouverneure, darunter die der Bundesstaaten Maine, North Carolina, Kansas und Colorado, verstießen dabei sogar gegen die vom Weißen Haus vorgegebenen Richtlinien.

Nun führt Andrew Cuomo, der demokratische Gouverneur von New York, eine Kampagne an, um Lehrer zurück in die Schulen zu zwingen. Als er vergangene Woche erklärte, alle Schulen des Bundesstaats könnten wieder öffnen, schuf er die Voraussetzungen für einen erneuten Anstieg der Pandemie. Kinder sollen nur deshalb wieder zur Schule gehen, damit Eltern den Profit erwirtschaften können, den die herrschende Klasse zur Rettung der Wall Street braucht.

Der von Trump verkündete „wirtschaftliche Erfolg“ kommt ausschließlich der Finanzoligarchie zugute. Für die überwältigende Mehrheit der US-amerikanischen Bevölkerung waren die ersten sechs Monate dieses Jahres eine Katastrophe. Die Zahl der Corona-Todesopfer nähert sich in rasantem Tempo der Marke von 200.000. Derzeit sind rund 30 Millionen Menschen in den USA auf Arbeitssuche. Das Auslaufen des Bundeszuschusses in Höhe von 600 Dollar pro Woche zusätzlich zum Arbeitslosengeld treibt Dutzende Millionen in Armut und Obdachlosigkeit.

Laut dem „Milliardärs-Index“, den die Finanznachrichtenagentur Bloomberg zusammenstellt, sind neun der zehn reichsten US-Milliardäre heute wohlhabender als noch vor einem Jahr. Diese zehn Personen haben im Laufe des vergangenen Jahres insgesamt 200 Milliarden Dollar verdient. Ihr Gesamtvermögen beläuft sich auf 906 Milliarden Dollar, ein Anstieg von 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Angeführt wird das Feld vom 187 Milliarden Dollar schweren Amazon-Chef Jeff Bezos, der auf Basis seines Vermögens im letzten Jahr zusätzlich 71 Milliarden Dollar verdiente. Der Firmenchef von Microsoft Bill Gates verdiente 8 Milliarden, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg 20 Milliarden und Tesla-Chef Elon Musk 48 Milliarden Dollar.

Der Kursanstieg an den Börsen und der Anstieg der Todesfälle verlief parallel. Am 23. März, dem Tag, an dem der Aktienmarkt seinen Tiefpunkt erreichte, waren in den Vereinigten Staaten 693 Menschen an Covid-19 gestorben. Seitdem sind fast 170.000 Todesfälle hinzugekommen.

Die Pandemie ist in den USA längst außer Kontrolle geraten. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Arbeiter die Lehren aus den letzten Monaten ziehen. Kommenden Monat werden Millionen Kinder und Jugendliche gezwungen sein, wieder zur Schule zu gehen, was die Zahl der Corona-Fälle unweigerlich in die Höhe treiben wird. Schätzungen, die von 300.000 Toten bis zum Ende des Jahres ausgehen, erscheinen fast optimistisch.

Solange die Kurse steigen, ist die die herrschende Klasse bereit, weitere Hunderttausende Todesfälle in Kauf zu nehmen. Deshalb müssen die Arbeiter ihr die Macht streitig machen.

Überall in den USA wächst unter Lehrern und Erziehern der Widerstand gegen die verfrühte Rückkehr an die Schulen. Der Kampf der Lehrkräfte muss mit dem Kampf der Arbeiter in Fabriken und Betrieben vereint werden, um die Sicherheit an den Arbeitsplätzen zu gewährleisten und nicht lebensnotwendige Produktion einzustellen, bis die Pandemie eingedämmt und ausgerottet werden konnte.

Die unzähligen Todesfälle durch das Coronavirus haben das mörderische Wesen des Kapitalismus offenbart und verdeutlichen, dass das Profitsystem dringend durch den Sozialismus ersetzt werden muss. Es ist eine Frage von Leben und Tod.

Andre Damon

 

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