USA: Weniger Tests und Öffnung der Schulen trotz fünf Millionen Covid-19-Fällen

Von Benjamin Mateus
11. August 2020

In etwas weniger als zwei Wochen ist die Zahl der bestätigten Covid-19-Fälle in den USA um eine weitere Million gestiegen. Am 6. August wurde der fürchterliche Rekord von fünf Millionen bestätigten Fällen erreicht.

Bis Montagmorgen gab es in den USA 5.187.611 bestätigte Infektionen und 165.000 Todesopfer. Die Zahl der aktiven Fälle lag bei 2.367.820, und mehr als 50.000 Menschen werden wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt. Nachdem die Quote der positiv getesteten Fälle im Juni den Tiefpunkt von 4,5 Prozent erreicht hatte, liegt sie seit mehreren Wochen bei acht Prozent. Und dies obwohl die Trump-Regierung behauptet, es würden mehr Tests durchgeführt.

Weltweit gibt es mittlerweile mehr als 20 Millionen bestätigte Covid-19-Fälle, die Zahl der Toten liegt bei 736.000. 26 Prozent aller Fälle und 22,6 Prozent aller Todesopfer entfallen auf die USA, obwohl sie nur 4,25 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Pro Kopf gerechnet gibt es nur in Brasilien, Peru und Kolumbien mehr Fälle pro Tag als in den USA (mit etwa 163 Infektionen pro einer Million Menschen).

Grundschüler in Goldey (Texas) am 5. August (AP Photo/LM Otero)

Erschreckenderweise prognostiziert das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) an der medizinischen Fakultät der University of Washington, dass in den USA bis zum 1. Dezember 295.011 Menschen sterben werden. Das Institut rechnet damit, dass in den nächsten 113 Tagen 135.000 Menschen der Krankheit erliegen werden, was 1195 Todesopfern pro Tag entspricht. Diese Schätzungen gehen davon aus, dass das Tragen von Schutzmasken uneinheitlich sein wird und dass sich die Hälfte aller Schulbezirke in den einzelnen Bundesstaaten für Online-Unterricht statt für Präsenzunterricht entscheiden wird.

Der Direktor des IHME, Dr. Christopher Murray, bestätigte, dass die Zahl der geschätzten zusätzlichen Toten bis zum 1. Dezember um 49 Prozent auf eine Gesamtzahl von 228.271 sinken würde, falls nahezu die ganze Bevölkerung Masken tragen würde. Sollte die Maskenpflicht gelockert werden, könnte die Zahl der Toten auf über 391.000 ansteigen. Die allgemeine Mobilität ist laut Auswertung von Handydaten im Vergleich zu den Werten vor der Pandemie um 25 Prozent gesunken. Auf dem Höhepunkt der landesweiten Einschränkungen war die Mobilität sogar um 55 Prozent unter die Verhaltensmuster vor der Pandemie gesunken.

Die Prognosen des IHME über die Zahl der Infizierten und Toten durch die Pandemie waren bisher eher zu konservativ. Allem Anschein nach wird der Übergang vom Herbst zum Winter auch erhebliche Auswirkungen auf die Dynamik der Mensch-zu-Mensch-Übertragung haben.

Angesichts des anhaltenden Anstiegs der Neuinfektionsraten und der Todesfälle sowie des Fehlens eines national, geschweige denn international koordinierten Plans zur Ausweitung von Tests, Kontaktverfolgungen, Quarantänen und Behandlungen, haben die Bestrebungen zur Wiedereröffnung der Schulen in den USA einen mörderischen und verbrecherischen Charakter.

Karte der weltweiten Covid-19-Fälle pro Kopf

In Indiana, Mississippi und Louisiana wurden bereits Schulen wieder geöffnet. Hier gab es schon ab dem ersten Tag bestätigte Fälle von Covid-19, sodass sie wieder geschlossen wurden oder Schüler und Lehrer in Quarantäne gehen mussten. Die Erfahrung hat obendrein die Behauptung widerlegt, eine Öffnung der Schulen mit Präsenzunterricht sei sicher. Tatsächlich bahnt sich ein rapider Anstieg der Zahl von Infektionen und Toten an.

Das deutlichste Beispiel dafür ist wohl Florida, wo die Gesamtzahl der Fälle am Samstag um 8.500 auf über 530.000 angestiegen ist.

Nachdem die Schulbehörde von Hillsborough eine Erklärung veröffentlicht hatte, laut der ihr Schulbezirk die Vorgaben für einen sicheren Präsenzunterricht bei der Wiedereröffnung der Schulen nicht erfüllt, herrschte sie Richard Corcoran, der Bildungsminister von Florida, an, sie müsse sich „an das Gesetz halten, ganz einfach“. Gouverneur Ron De Santis, der sich für die Wiederöffnung der Schulen besonders stark gemacht hatte, wies die Direktoren der Gesundheitsbehörden in ganz Florida derweil an, keine Empfehlungen oder Risikoeinschätzungen an die Schulbehörden mehr herauszugeben.

In Texas wurde am 5. August als erstes der Schulbetrieb in drei ländlichen Schulbezirken wieder aufgenommen. Während sich einige Schulbezirke im Raum Dallas darauf vorbereiten, mit dem Herbst-Unterricht zu beginnen, diskutieren Regierungsvertreter, ob an öffentlichen Schulen Daten über Covid-19-Fälle erhoben werden sollten. Der Sprecher der Education Association von Texas, Frank Ward, erklärte: „Die Frage der Datenerhebung wird von unserer Behörde noch immer aktiv debattiert. Wir rechnen damit, in den kommenden Wochen mitteilen zu können, ob und welche Daten benötigt werden, und wie sie gespeichert werden sollen.“

Mehrere relativ problemlose Wiederaufnahmen des Schulbetriebs in Europa und Asien wurden als Beispiele dafür angeführt, dass das Ansteckungsrisiko unter schulpflichtigen Kindern gering sei. Allerdings ist die Ansteckungsrate pro Kopf in diesen Ländern deutlich niedriger als in den USA, während ihre Überwachungssysteme viel besser in der Lage sind, Neuinfektionen zu entdecken und nachzuverfolgen.

Vergleich der neuen Tests und der neuen Fälle in den USA

Es ist bemerkenswert, dass ein Ausbruch an einer israelischen Schule im Mai, der mit zwei Fällen von Covid-19 begann, zu 153 positiv getesteten Schülern und 25 positiv getesteten Beschäftigten führte. 87 davon gehörten zu engen Kontakten außerhalb der Schule. Damals lag die Zahl der täglichen landesweiten Neuinfektionen seit mehreren Tagen unter 30.

Es gibt nur wenige Studien über Kinder, weil sie angesichts ihrer günstigeren Folgeerscheinungen seltener getestet werden. Laut der US-Seuchenschutzbehörde CDC kam es bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren zu mehr als 200.000 Fällen von Covid-19. Allerdings sind weniger als ein Prozent aller Todesfälle durch Covid-19 jünger als 18 Jahre. Es gab 342 Fälle eines Syndroms, das an die Kawasaki-Krankheit erinnert (auch unter dem medizinischen Fachbegriff Multisystemisches Entzündungssyndrom bei Kindern bekannt); sechs von ihnen sind gestorben.

Aktuelle Ergebnisse haben in der Diskussion um die Schulöffnungen jedoch sichtbar gemacht, dass Kinder anfällig für Infektionen sind und das Virus weiterverbreiten können. Dr. Christine M. Szablewski vom Gesundheitsministerium des Bundesstaates Georgia hat eine Studie veröffentlicht, laut der die Hälfte der positiv getesteten Kinder in einem Zeltlager zwischen sechs und zehn Jahre alt waren. Sie kam zu dem Schluss: „Diese Untersuchung ergänzt die Beweise, die zeigen, dass Kinder jeden Alters anfällig für Infektionen mit Sars-CoV-2 sind und, im Gegensatz zu früheren Berichten, eine wichtige Rolle bei der Übertragung spielen könnten.“

Durch den offenen Charakter der Gemeinden und die umfangreichen Interaktionen zwischen Counties und Bundesstaaten drohen in allen Gebieten neue Ausbrüche. Dr. Tina Hartert von der Vanderbilt University School of Medicine erklärte gegenüber dem Wall Street Journal: „Unsere Schulen sind kleine Mikrokosmen unserer Städte, in denen sie sich befinden: Was in den Städten passiert, passiert auch in den Schulen. Bis es eindeutige Daten gibt, müssen wir anhand der Daten anderer Atemwegserkrankungen der letzten Jahrzehnte annehmen, dass Kinder sehr gute Überträger sind. Es gibt wenig Grund zu der Annahme, dass es bei diesem Virus anders sein sollte.“

Die American Academy of Pediatrics veröffentlichte diese Woche einen neuen Bericht, laut dem alleine in den letzten zwei Juliwochen mehr als 97.000 Kinder positiv auf das Coronavirus getestet wurden.

Laut einer Analyse der Kaiser Family Foundation besteht bei einem von vier Arbeitern bei einer Infektion ein erhebliches Risiko für eine schwere Erkrankung. 1,47 Millionen bzw. 24 Prozent aller Lehrer haben Vorerkrankungen, durch die sich das Risiko einer ernsten Erkrankung erhöht. Dazu kommen Millionen von Senioren, die in Haushalten mit schulpflichtigen Kindern leben.

Allem Anschein nach befinden sich die USA während dieser Pandemie im Blindflug, obwohl das Weiße Haus stolz auf die große Zahl der bisher durchgeführten Tests verweist. Anlass zu großer Sorge macht die Tatsache, dass die Zahl der täglichen Tests in den USA während der letzten Wochen deutlich zurückgegangen ist. Am 24. Juli, als die Zahl der täglichen Neuinfektionen den Rekordwert von 75.204 erreichte, wurden am gleichen Tag 926.876 Tests durchgeführt. Seither ist diese Zahl stark zurückgegangen, am 8. August waren es nur 665.0929. Am gleichen Tag meldeten die USA 53.923 Neuinfektionen.

Selbst die Washington Post musste am 6. August zugeben: „Die Zahl der neuen Corona-Fälle geht zwar zurück, nachdem sie ihren Spitzenwert von über 75.000 erreicht hat. Doch der Rückgang wird von Problemen bei Tests und Datenerhebungen in den großen Bundesstaaten verzerrt.“

Präsident Trump hat mehrfach geklagt, zu ausgiebige Tests würden die Infektionsstatistiken künstlich hochtreiben. Für den explosionsartigen Anstieg der bestätigten Fälle machte er die Ausweitung der Tests verantwortlich. Die Bestrebungen, die Schulen wieder zu öffnen, sind Teil der mörderischen Back-to-Work-Kampagne der Regierung. Es gibt daher allen Grund zur Annahme, dass die Regierung im Auftrag der Wirtschaftselite auf kriminelle Weise versucht, das wahre Ausmaß der Pandemie zu verheimlichen.

 

Siehe auch:

SEP (USA): Für einen landesweiten Generalstreik gegen die Wiedereröffnung der Schulen
[6. August 2020]

Bilanz eines Monats: 7,2 Millionen Coronafälle, 165.000 Tote
[5. August 2020]

Aktienrallye und Massensterben
[17. Juli 2020]

 

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