Sieben Tage im Mai (1964): Als Hollywood einen drohenden Militärputsch vor Augen hatte

Von Joanne Laurier und David Walsh
28. Juli 2020

Am 1. Juni erklärte Donald Trump in einer Ansprache an das amerikanische Volk vor dem Weißen Haus: „Ich bin Ihr Präsident für Recht und Ordnung.“ Er bezeichnete die großangelegten, allgemein friedlichen Proteste als Reaktion auf die Ermordung von George Floyd und gegen Polizeigewalt als „Akt des Terrors im Innern“.

Wenn die Demonstrationen und Märsche nicht aufhören sollten, drohte Trump, sich auf das Aufstandsgesetz von 1807 zu berufen. Er werde auf den Straßen der amerikanischen Städte, einschließlich der Hauptstadt Washington, das US-Militär einsetzen. In Bezug auf Washington fuhr der Präsident fort: „Während wir hier sprechen, entsende ich Abertausende schwer bewaffnete Soldaten, Militärangehörige und Gesetzeshüter, um die Krawalle zu stoppen.“

Burt Lancaster und Kirk Douglas in Sieben Tage im Mai (1964)

Am folgenden Tag veröffentlichte die SEP (Socialist Equality Party, US) auf der World Socialist Web Site eine Erklärung, in der sie betonte, das Trump sich durch diese historisch beispiellose Drohung über die Verfassung hinwegsetze und versuche, „eine Präsidialdiktatur zu errichten“, gestützt „auf Militär, Polizei und rechtsextreme faschistische Milizen“.

Mehrere tausend Truppen der Nationalgarde aus elf Staaten wurden schließlich im Gebiet um die Hauptstadt zusammengezogen, um die bereits dort eingesetzten 1.200 Soldaten zu verstärken. Laut der New York Times warnten Vertreter des Pentagon, dass „Mr. Trump wahrscheinlich die 82. Luftlandeeinheit mobilisieren und einsetzen würde", wenn die Nationalgarde die Situation nicht kontrollieren könne.

Das politische Leben in den USA stand in diesem Moment auf Messers Schneide. Die Demokratische Partei unternahm nichts angesichts dieser Schritte Trumps in Richtung Diktatur. Auch von den Medien kamen kaum Reaktionen. Erst am 4. Juni erlaubte Trump den Rückzug der Truppen.

Szene aus Sieben Tage im Mai

Seitdem hat sich die Lage nicht beruhigt. Die SEP warnte: „Die Verschwörer im Weißen Haus schmieden weitere Pläne. Das Militär wartet ab und prüft seine Optionen. Die Polizei ist nach wie vor bis an die Zähne bewaffnet.“

Diese „Tage im Juni“ erinnerten viele an den amerikanischen Film Sieben Tage im Mai (Originaltitel: Seven Days in May)von 1964, der von John Frankenheimer mit den berühmten Schauspielern Kirk Douglas, Burt Lancaster, Fredric March und Ava Gardner gedreht wurde. Er handelt von einem versuchten Militärputsch in den USA und basiert auf dem Bestseller-Roman gleichen Titels von Fletcher Knebel und Charles W. Bailey II im Jahr 1962. Das Drehbuch wurde von Rod Serling (Twilight Zone) verfasst. Sieben Tage im Mai wurde damals von Kritikern und Publikum sehr wohlwollend aufgenommen, verärgerte jedoch das Pentagon, das FBI und die extreme Rechte. Sowohl die Ähnlichkeiten als auch die Unterschiede zwischen dieser Periode und heute fallen sofort ins Auge.

Frankenheimer verlegt die Handlung ins Jahr 1974. Der Generalstabschef des US-Militärs, James Mattoon Scott (Lancaster), ein egomanischer, autoritärer General der Luftwaffe, plant einen Militärputsch, um den gewählten Präsidenten Jordan Lyman (March) zu stürzen. Scott ist überzeugt, dass er die Nation vor einem Führer retten muss, der „nachgiebig gegenüber dem Kommunismus“ sei. Er glaubt, dass er einen günstigen Moment gewählt hat: Umfragen zeigen, dass nur 29 Prozent der Bevölkerung die Leistung von Präsident Lyman gutheißen, und die allgemeine Stimmung im Land ist von Unzufriedenheit geprägt.

Fredric March und Burt Lancaster

Die Regierung hat kürzlich einen umstrittenen Abrüstungsvertrag mit der Sowjetunion unterzeichnet. Die Eröffnungssequenz des Films zeigt eine Schlägerei zwischen Unterstützern und Gegendemonstranten vor dem Weißen Haus.

Scott tobt heftig gegen die Vereinbarung mit der Sowjetregierung und setzt seinen Umsturzplan in Gang, unterstützt von anderen Mitgliedern der Generalstäbe. Ein Adjutant, Marineoberst „Jiggs“ Casey (Douglas), bekommt Wind von dem Komplott und überzeugt schließlich den skeptischen Präsidenten von der drohenden Gefahr.

Nach Scotts Plan sollen eine geheime Einheit der US-Armee, ECOMCON, die Kontrolle über die Telefon-, Radio- und Fernsehsender des Landes übernehmen und gleichzeitig Unterstützer im Kongress einen Beschluss über den Abrüstungsvertrag verhindern. Der mächtige demokratische Senator aus Kalifornien Frederick Prentice (Whit Bissell) und der rechte Fernsehkommentator und Demagoge Harold McPherson (Hugh Marlowe) sind Scotts Komplizen bei der Umsetzung des Plans.

Obwohl er persönlich Lymans Politik ablehnt, ist Oberst Casey entsetzt über die Verschwörung. Auf die ernste Gefahr aufmerksam gemacht, versammelt Lyman einen Kreis vertrauenswürdiger Berater, um das Komplott zu untersuchen und darauf zu reagieren. Dazu gehören Art Corwin (Bart Burns) vom Geheimdienst, Finanzminister Christopher Todd (George Macready), sein langjähriger Freund und Berater Paul Girard (Martin Balsam) und Senator Raymond Clark aus Georgia (Edmond O’Brien).

Eleanor Holbrook (Ava Gardner)

Girard wird nach Gibraltar entsandt, um von Admiral Farley Barnswell (John Houseman) eine schriftliche Bestätigung über die Verschwörung zu erhalten, der aber ausweichend reagiert. Währenddessen fliegt Clark nach West Texas, um den mysteriösen „Standort Y“ zu finden, die geheime Basis, auf der die Stoßtruppen des Putsches für die Übernahme trainieren und auf ihren Einsatz warten.

Auf Antrag des Präsidenten besucht Casey etwas zögernd Eleanor Holbrook (Ava Gardner), Scotts ehemalige Geliebte, in der Hoffnung, belastende Beweise gegen den General zu erhalten. Tatsächlich bekommt er einige Liebesbriefe in die Hand, die Scott schaden könnten. Aber Lyman entscheidet sich letztlich dagegen, den Generalstabschef mit Hilfe eines Sexskandals loszuwerden.

Als Lyman den Marineoffizier Casey, eigentlich ein Bewunderer von Scott, fragt, was er von dem Vertrag mit der Sowjetunion hält, antwortet dieser, er sei damit nicht einverstanden. Dann fügt er hinzu: „Aber es ist Ihre Sache. Ihre und die des Senats. Sie haben den Vertrag vereinbart und der Senat hat zugestimmt. Wir vom Militär können es nicht in Frage stellen. Damit meine ich, wir könnten es zwar in Frage stellen, aber nicht dagegen kämpfen. Jedenfalls sollten wir das nicht tun.“

Der Präsident interpretiert dies auf seine eigene Weise: „Sie stehen also zur Verfassung, Jiggs?“ Mit Recht wird in dem Roman von Knebel und Bailey und im Film mehrmals über die US-Verfassung diskutiert oder auf sie verwiesen.

John Frankenheimer

Im Buch heißt es beispielsweise, dass sich Casey in einem „bescheidenen Terrassenhaus in Arlington [Virginia],“ die Augen reibt, die Lampe ausschaltet und „eine zerfledderte Kopie des Welt-Almanachs beiseitelegt. Es war das einzige Buch, das er in dem Haus finden konnte, das den Text der Verfassung der Vereinigten Staaten enthielt.“

Später heißt es über Senator Clark, er sitze „nur durch eine Wand vom Präsidenten getrennt“, im Weißen Haus, seine Füße auf ein Sofa gelegt, und lese „sorgfältig eine kommentierte Ausgabe der Verfassung der Vereinigten Staaten – was er seit seinem Rechtsstudium nicht mehr getan hatte.“

Der Filmlässt im Vorspann ein Bild des ursprünglichen Verfassungsentwurfs von 1787 abrollen.

Nachdem der Präsident sich davon überzeugt, dass es sich wirklich um einen bevorstehenden Putschversuch handelt und Beweisdokumente in der Hand hält, ruft er Scott zu einer Gegenüberstellung ins Weiße Haus. Lyman verweist auf die ans Licht gekommenen Fakten und wirft dem General der Luftwaffe unverblümt und wütend vor, „den militärischen Sturz der Regierung der Vereinigten Staaten“ zu planen. Er fährt fort: „Ich bin bereit, Sie, General, als das zu brandmarken, was Sie sind: Ein stolzer Egoist mit einem napoleonischen Machtwillen und ein Verräter durch und durch.“

Filmplakat für Sieben Tage im Mai

Auf einer Pressekonferenz, auf der Scotts Rücktritt angekündigt wird, in den letzterer nur widerwillig einwilligt, erklärt Lyman: „Traditionell und historisch haben die Amerikaner ihre Ansichten deutlich zum Ausdruck gebracht. Sollte eines Tages die Regierung versuchen, diese Ansichten willkürlich zu unterdrücken, wird sie ihre Staatsform ändern müssen. Sie wird aufhören, eine Demokratie zu sein.“ Dieser relativ vorsichtige Kommentar ist eine der stärksten Passagen im Film und spricht direkt die gegenwärtige Situation in den USA an.

Eines der Hauptthemen von Serling und Frankenheimer besteht darin, dass das Militär der gewählten Zivilregierung untergeordnet sein müsse, ein Prinzip, das von der Trump-Administration fast vollständig aufgegeben wurde, schon indem sie zahlreiche Pentagon-Spitzenbeamte ins Kabinett und auf andere wichtige Posten geholt hat.

Im Großen und Ganzen bleibt Sieben Tage im Mai auch 56 Jahre später noch relevant. Heute sind die Gefahren für die demokratischen Rechte, die vom amerikanischen Militär ausgehen, nicht geringer. Im Gegenteil: Sie sind zehnmal bedrohlicher als 1964.

Jahrzehnte des politischen und wirtschaftlichen Verfalls haben die amerikanische Demokratie erodieren lassen, und es ist kaum mehr als eine Hülle von ihr übrig geblieben. Höchstens oberflächliche und kurzsichtige Beobachter könnten aus der jüngsten Warnung von General James Mattis (Mad Dog) vor einem Militäreinsatz im Innern die Schlussfolgerung ziehen, dass das US-Militär der Fackelträger der Demokratie sei. Wohl kaum! Das Pentagon, das eine Brutstätte ultrarechter und faschistischer Elemente bleibt, hat sich lediglich dafür entschieden, nicht zu offen und vorzeitig in repressive und mörderische Operationen im Innern Amerikas hineingezogen zu werden.

John F. Kennedy mit dem Generalstab der US Army im Juli 1962

Dass Frankenheimers Film nach fast 60 Jahren immer noch sein Publikum fesselt, Empathie und Empörung hervorruft, spricht für seine Stärken. Dies liegt auch am allgemein hohen Niveau der Darstellung, an der Handlungsdichte und der anhaltenden Spannung.

(Interessanterweise gab es eine weitere Adaption des politischen Thrillers von Knebel-Bailey. 1983 sendete das sowjetische Fernsehen eine vierteilige Adaption von Seven Days in May mit dem Titel The Last Argument of Kings (Das letzte Argument der Könige), Regie Wiktor Kisin, nach einem Drehbuch des JournalistenWladimir Dunajew).

Kirk Douglas, Burt Lancaster und Fredric March spielen ihre Rollen glaubwürdig und mit großem Engagement. Nur vier Jahre zuvor hatte der prominente Filmstar der 50er und 60er Jahre Douglas mitgeholfen, die antikommunistische Hetzjagd der McCarthy-Ära in Hollywood zu beenden, indem er den auf der schwarzen Liste stehenden Drehbuchautor Dalton Trumbo für Spartacus (1960) anstellte und auf ihn vertraute. In Seven Days in May legt Douglas seine gelegentlichen theatralischen Marotten ab und zeigt sich als subtiler Charakterdarsteller.

Burt Lancaster stand noch deutlicher auf der Seite der Linken. Er begann den Frankenheimer-Film unmittelbar nach der Arbeit mit dem linken italienischen Filmemacher Luchino Visconti, mit dem er Der Leopard gedreht hatte -- ein Film, in dem ihm eine seiner denkwürdigsten Rollendarstellungen gelang. Später trat er in Executive Action (1973) auf, einem von Dalton Trumbo und Mark Lane gemeinsam verfassten Drama, das erzählt, wie die Kennedy-Ermordung von ultrarechten Elementen, Geschäftsleuten und Geheimdienstmitarbeitern geplant und durchgeführt worden sein könnte. Lancaster ist auch der Erzähler in The Unknown war (Der unbekannte Krieg), eine 20-teilige Serie von 1978, die den blutigen Konflikt zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion dokumentiert. Für die Dreharbeiten hielt er sich drei Wochen lang in acht sowjetischen Städten auf.

Bei seinen kurzen Auftritten in Seven Days in May verkörpert Lancaster überzeugend einen bestimmten amerikanischen Militärtyp, skrupellos, rücksichtslos und brutal in seiner technokratischen Effizienz; jemanden, der vor dem Mittagessen zehntausend Männer, Frauen und Kinder mit einem Bombenangriff ausrotten und dann pünktlich zu einem Termin um drei Uhr eintreffen könnte.

General Curtis LeMay

Als Mitglied einer älteren Generation war Fredric March vor allem in den 1930er und 1940er Jahren eine äußerst vielseitige und überzeugende Hollywood-Persönlichkeit, die mit Regisseuren wie Howard Hawks, Ernst Lubitsch, John Ford und George Cukor zusammenarbeitete. Er war der Star in einem der besten sozialkritischen Werke der Nachkriegszeit, in William Wylers Die besten Jahre unseres Lebens (The Best Years of Their Lives, 1946). March, immer ein bemerkenswerter, nachdenklicher Darsteller, verleiht seiner Rolle Tiefe und Intelligenz. Sein Präsident Lyman ist wesentlich stärker als die Figur im Roman.

Die drei Hauptprotagonisten werden sehr professionell von einer Vielzahl von Charakterdarstellern unterstützt, ein Anzeichen, über welche enormen Ressourcen die amerikanische Filmindustrie jener Zeit verfügte. Zu ihnen gehören Balsam, O’Brien, Macready, Marlowe, Bissell, Richard Anderson, Andrew Duggan und Helen Kleeb. Ava Gardner ist in ihrer Rolle als verschmähte Geliebte Scotts bemerkenswert. Sie erkenne jetzt, erzählt sie Casey, dass der General „nie wirklich etwas für mich empfunden hat. Jede Bewegung war berechnet … Ich glaube nicht, dass er jemals im Leben etwas riskiert oder dass er wirkliche Gefühle, eine echte Emotion entwickelt hat.“

Das Militär und das FBI reagierten nervös auf Sieben Tage im Mai. Ein Eintrag in Ronald Reagans FBI-Akte verrät die Besorgnis seines Büros, dass der Film als kommunistische Propaganda verwendet werden könnte und daher „schädlich für unsere Streitkräfte und Nation“ sei.

Am 20. März 1964 berichtet ein Memo über die Korrespondenz zwischen dem pensionierten Admiral Arleigh Burke und dem stellvertretenden Direktor William Sullivan vom FBI, in der die Filmdarsteller verleumdet werden: „Ein Korrespondent hat, so Admiral Burke, folgende Anschuldigungen gegen die Hauptdarsteller des Films erhoben: (1) Fredric March war zusammen mit seiner Frau Florence Eldridge Mitglied in etwa 20 kommunistischen Frontorganisationen; (2) Burt Lancaster ist ein „eifriger Anhänger Moskaus“ und war mit mehreren kommunistischen Frontorganisationen verbunden; und (3) Kirk Douglas und Ava Gardner wurden vor ein kalifornisches Komitee für ‘unamerikanische Aktivitäten‘ zitiert.“

Tokio brennt nach Brandbombenangriffen amerikanischer B-29 Bomber am 26. Mai 1945

Hollywood-Filme bemühten sich damals noch, trotz ihrer manchmal ungeschickten Herangehensweise (und trotz der lähmenden ideologischen Folgen der antikommunistischen Säuberungen) große politische und soziale Probleme anzugehen. So konkretisiert und verdichtet die Begegnung zwischen Lyman und Scott gewissermaßen einen dramatischen Zusammenstoß gesellschaftlicher Kräfte.

Der Kritiker Gerald Pratley stellt in seinem Werk zu Frankenheimers Filmen fest, dass gewisse „radikale“ Kommentatoren die „respektablen liberalen Positionen“ von March/Lyman kritisieren. Man kann zu Lymans Haltung und Einstellungen zweifellos Einwände vorbringen, aber Pratley liegt unserer Ansicht nach völlig richtig, wenn er Marchs Dialoge als „völlig authentisch und der damaligen Zeit entsprechend, zudem mit großer Ehrlichkeit und Überzeugung vorgetragen“ bezeichnet. „Sie erklären vielleicht vertraute Prinzipien neu, aber sie müssen erneut gesagt werden, auch wenn wir sie schon einmal gehört haben.“

Lyman spricht mit Nachdruck, aber es ist bemerkenswert, wie knapp ein erfolgreicher Putschversuch von Scott verhindert werden konnte. Nur durch eine improvisierte, ziemlich unsichere und amateurhafte Gegenanstrengung des Präsidenten und einer Handvoll Mitarbeiter wird er aufgehalten. Und sein Beinahe-Erfolg schien wirklich nicht weit entfernt!

Auf diese Weise vergegenwärtigt Sieben Tage im Mai dem Zuschauer die dunklen Seiten der damaligen Periode. Das Bild, das die Regierung John F. Kennedys (und seine Familie) der Welt darboten, war ein Bild von Jugendlichkeit, fortschrittlichem sozialem Denken und einem Bekenntnis zur Demokratie. Unter der dünnen glamourösen Oberfläche dieser Scheinidylle lauerte jedoch eine hässlichere, grimmigere, viel widersprüchlichere Realität.

Obwohl dies die Blütezeit des Nachkriegs-Booms in den USA war, ereignete sich hinter den Kulissen viel Unheimliches und Verschwörerisches. Tatsächlich überlagerte eine politisch reaktionäre Aktivität die andere. Noch bevor Kennedy im Januar 1961 an die Macht kam, warnte der scheidende Präsident Dwight D. Eisenhower die Regierungsbehörden, sich „gegen die unberechtigte Einmischung, ob gewollt oder nicht, durch den Militär-Industriellen Komplex“ zu wappnen. „Das Potenzial für den katastrophalen Aufstieg einer fehlgeleiteten Macht ist vorhanden und wird weiter bestehen.“ Knebel und Bailey widmen ihren Roman Eisenhowers Warnung.

Nach seiner Machtübernahme genehmigte Kennedy im April 1961 den Schweinebucht-Angriff auf Kuba, der darauf abzielte, die Regierung Fidel Castros zu stürzen. Nur aus Angst vor der sowjetischen Reaktion schreckte er vor einer umfassenden Invasion zurück. Er und sein Bruder Robert experimentierten mit verschiedenen Anschlägen, um Castro zu töten, und setzten dabei auch auf die Mafia. Unter der Kennedy-Regierung wurde die US-Intervention in Vietnam verstärkt, welche Bedenken der Präsident auch immer gehabt haben mag. Im Großen und Ganzen gingen Washingtons konterrevolutionäre globale Interventionen unvermindert weiter.

General Edwin Walker

Darüber hinaus gab es, was in Frankenheimers Film eine entscheidende Rolle spielt, gewalttätige Konflikte innerhalb des amerikanischen Staats. Kennedy hatte immer wieder Zusammenstöße mit US-Militärchefs und war tief besorgt über die Gefahr eines Putsches.

In Buch und Film werden mehrere Anspielungen auf die ultrarechten Ansichten verschiedener Militärs gemacht, insbesondere auf die eines gewissen Oberst John Broderick (John Larkin). Zu Beginn des Films bezeichnet einer von Caseys Militärkollegen Broderick als „guten Offizier“. Casey antwortet: „Für bestimmte Armeen. Für solche mit Stechschritt.“ Später meint Senator Clark voller Verachtung, dass Brodericks Ansichten „an Faschismus grenzen“.

Als Regisseur Frankenheimer sein Interesse an dem Filmprojekt Sieben Tage im Mai bekundete, das ihm Douglas' Geschäftspartner und Produzent Edward Lewis damals nahebrachte, bemerkte er, in Amerika sei die „Stimme des Militärs viel zu stark. …Wir hatten gerade acht Jahre mit Präsident Eisenhower hinter uns, acht Jahre, die meiner Meinung nach sehr entmutigend für das Land waren. Alle möglichen Fraktionen versuchten, die Macht zu übernehmen. Der Film bot die Gelegenheit zu veranschaulichen, welche ungeheure Macht der militärisch-industrielle Komplex ausübt.“ Später erklärte der Regisseur auch, er habe den Film als eine Gelegenheit gesehen, „einen Nagel in den Sarg von [Senator Joseph] McCarthy“ zu schlagen.

Das sind lobenswerte Anliegen, denen der Film weitgehend gerecht wird. Aber man sollte die Augen nicht vor den negativen politischen Einflüssen verschließen, die liberale Filmemacher damals größtenteils akzeptierten. Zu den als selbstverständlich vorausgesetzten Annahmen des Drehbuchs gehört der reaktionäre Antikommunismus, der in den USA wie eine Quasi-Religion staatlich gefördert wurde. Der Film – und ausgeprägter noch die Romanvorlage – sieht es trotz der beunruhigenden Ereignisse als erwiesen an, dass Amerika, wenn es Scott und seine Komplizen zurückweist, immer noch ein Leuchtfeuer von Demokratie und Freiheit sein kann und dass die Sowjetunion für Tyrannei, Lügen und Doppelzüngigkeit steht.

„Der amerikanische Liberalismus gründete sich sowohl politisch als auch intellektuell auf eine Lüge“, wie die WSWS in einem Kommentar zum 40. Jahrestag von Kennedys Ermordung feststellte.  „Er hatte die sozialen Tumulte der 1930-er und 1940-er Jahre überlebt, indem er einen faustischen Pakt mit der politischen Reaktion schloss. Der Antikommunismus wurde zur vorherrschenden Ideologie des US-Establishments und wurde von Demokraten und Republikanern gleichermaßen getragen.“ Und auch amerikanische Filmemacher, Schriftsteller und Künstler passten sich größtenteils daran an.

Ein weiterer problematischer Aspekt von Frankenheimers Film ist die Tatsache, wie wir 2002 in einem Nachruf auf den Regisseur feststellten, „dass der Präsident und seine Berater niemals daran denken, das amerikanische Volk zu warnen oder an es zu appellieren. Tatsächlich werden General Scott und die anderen Verschwörer am Ende lediglich gezwungen, zurückzutreten, ohne dass ihre Aktivitäten öffentlich gemacht worden sind. Der Präsident erklärt ausdrücklich, dass die Bevölkerung, die fast unter die Stiefel einer Militärdiktatur geraten wäre, über die Verschwörung nicht informiert werden dürfe. Dies würde die Ordnung stören.“ Es ist absurd und sozial unlogisch, einen Putschversuch, der von praktisch dem gesamten militärischen Oberkommando unterstützt wird, darzustellen und zugleich so zu tun, als wenn das Land als Ganzes politisch und sozial stabil wäre.

In Wirklichkeit waren es nicht die Filmschaffenden aus Hollywood, die das Rückgrat der Opposition gegen die Gefahr der extremen Rechten bildeten. Die Massenkämpfe, die in den 30er Jahren ausgebrochen waren, spielten noch eine große Rolle, und die Gewerkschaften stellten weiterhin eine bedeutende Kraft im amerikanischen Leben dar. Zugleich übte die Bürgerrechtsbewegung für die afroamerikanische Bevölkerung schon starken politischen und moralischen Einfluss aus.

Die Unzulänglichkeiten von Sieben Tage im Mai hängen zweifellos konkret mit der Entstehungsgeschichte zusammen. Kennedy, der in Streitigkeiten mit US-Militärchefs verwickelt war, hatte den Knebel-Bailey-Roman gelesen und schätzte ihn; er kritisierte schwache Aspekte, unterstützte jedoch seine Verfilmung.

Frankenheimer kommentierte später, dass er sicher sei, dass Vertreter des Pentagon „nicht glücklich waren, als sie hörten, dass wir es schaffen würden, aber sie wagten es nicht, uns zu zensieren.“ Der Regisseur bemerkte, er habe indirekt gehört, „Präsident Kennedy … wolle sehr gern, dass der Film gemacht würde. Pierre Salinger, der damals sein Pressesprecher war, war uns gegenüber sehr hilfreich, und als wir die Szenen vor dem Weißen Haus drehten, arrangierte er eine Reise des Präsidenten nach Hyannisport [in Massachusetts]. Ich kann Ihnen versichern, wenn das Weiße Haus den Film nicht gewollt hätte, hätten wir nicht die Erlaubnis erhalten, auch nur eine winzige Aufruhr-Szene davor zu drehen.“

Der amerikanische Kapitalismus stand Anfang der 1960er Jahre auf dem Höhepunkt seiner wirtschaftlichen und politischen Macht. Wie die WSWS 2003 erklärte, waren jedoch „die enormen Spannungen und Widersprüche, die Kennedy mit seiner Politik nicht im Zaum halten konnte, … bereits dabei, diese Grundlagen beiseite zu fegen“. Sieben Tage im Mai wurde im Sommer 1963 gedreht, die Kinoversion war für Dezember geplant. Die Freigabe wurde aber durch den Mord an Kennedy in Dallas am 22. November verzögert. (Aus dem gleichen Grund wurde die Theateraufführung von Stanley Kubricks Dr. Strangelove [Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben] verschoben.) Es ist schmerzliche Ironie, dass die realen Vorbilder für die fanatischen rechten Elemente im Militär- und Geheimdienstapparat, die in Frankenheimers Film fiktionalisiert wurden, ohne Zweifel in dieses Attentat verwickelt waren. Im Film ließ man sie einfach zurücktreten und verschwinden.

Die Filmfigur Scott wird allgemein als fiktive Version oder Kombination mehrerer führender militärischer oder ehemaliger Militärpersonen betrachtet, zu denen insbesondere Curtis LeMay, der von Kennedy zum Stabschef der Luftwaffe ernannt wurde und Edwin Walker, ein faschistischer General der US-Armee, gehören.

General LeMays Name ist berüchtigt für ein langes Register schrecklicher Verbrechen. 1945 führte er den Luftkrieg gegen Japan. Als er erkannte, dass die Japaner fast keine Luftabwehr mehr hatten, ließ er nach einem Bericht des Magazins New Yorker „in den frühen Morgenstunden des 10. März 1945 mit 325 Flugzeugen einen Feuerbombenteppich mit Gelierbenzin über Tokio abwerfen …. Die Mission war erfolgreich: Der Strategic Bombing Survey der Vereinigten Staaten schätzte, dass ‘in Tokio in einem Zeitraum von sechs Stunden wahrscheinlich mehr Menschen ihr Leben durch Feuer verloren, als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit.’“ In diesem ersten Bombenangriff wurden „fast siebzehn Quadratmeilen der japanischen Hauptstadt bis auf den Grund niedergebrannt, mit mindestens hunderttausend Toten und Hunderttausenden Verletzten.“

LeMay organisierte Feuerbombenangriffe „Nacht für Nacht bis zum Ende des Krieges, wobei damals 63 japanische Städte ganz oder teilweise ausgebrannt und mehr als eine Million japanische Zivilisten getötet wurden. Hiroshima und Nagasaki überlebten nur, weil Washington sie von Curtis LeMays Zielliste gestrichen hatte, damit sie atomar bombardiert werden konnten.“ Jahre später sagte er zu einem Kadetten: „Ich nehme an, wenn ich den Krieg verloren hätte, wäre ich als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt worden. Glücklicherweise waren wir auf der Siegerseite.“

Als späterer Kommandeur des Strategischen Luftkommandos (SAC) schlug LeMay zu Beginn des Kalten Kriegs 1949 in einem ersten Kriegsplan gegen die Sowjetunion vor, innerhalb von 30 Tagen den gesamten Vorrat von 133 Atombomben auf 70 sowjetische Städte abzuwerfen. Zur Zeit der Kubakrise im Oktober 1962 drängte LeMay auf die Bombardierung sowjetischer nuklearer Raketenstandorte auf Kuba und setzte sich für eine militärische Invasion ein. Wegen Meinungsverschiedenheiten über die Vietnam-Kriegspolitik verließ er schließlich die Luftwaffe (er drohte, Nordvietnam zurück in die „Steinzeit“ zu bombardieren). 1968 kandidierte er als Vizepräsidentschaftskandidat des äußerst rechten, rassistischen Gouverneurs von Alabama George Wallace für die Independent Party.

In Kubricks Film Dr. Seltsam gelten General Buck Turgidson (George C. Scott) und Brigadegeneral Jack D. Ripper (Sterling Hayden) als satirische Versionen von LeMay.

General Edwin Walker, der namentlich in Sieben Tage im Mai erwähnt wird, war ein Rechtsextremer und musste 1961 die US-Armee verlassen. Er war der einzige US-General, der im 20. Jahrhundert zurücktreten musste. Walker hatte versucht, die Truppen unter seinem Kommando in Deutschland mit Materialien der rechtsextremen John Birch Society und dem fanatisch antikommunistischen Christlichen Kreuzzug von Billy James Hargis zu indoktrinieren.

Danach beteiligte Walker sich weiter an politischen Veranstaltungen, die von Hargis und anderen ultrarechten Elementen organisiert wurden. Im September 1962 forderte er einen Aufstand aus Protest gegen den Versuch von James Meredith, einem afroamerikanischen Veteranen, als erster Schwarzer an der Universität von Mississippi zu studieren. Walker rief 10,000 „Patrioten“ aus allen Bundesstaaten auf, sich in Oxford, Mississippi, zu versammeln. Tausende Männer des Ku Klux Klan und andere Rassisten und Faschisten tauchten auf, bei den folgenden gewalttätigen Zusammenstößen wurden zwei Menschen gelyncht und Hunderte verletzt. Walker wurde verhaftet, aber die Anklage ließ man schließlich fallen. Auch er soll teilweise die Figur des Brigadegenerals Jack Ripper in Dr. Seltsam inspiriert haben.

Zur Darstellung dieser Psychopathen in Sieben Tage im Mai könnte man anmerken, dass Frankenheimer und Lancaster übertrieben stark Zurückhaltung geübt haben. Dennoch bleibt ihr Film eine offene und ehrliche Anklage gegen das Eingreifen des Militärs in die Innenpolitik, zeigt einige Konsequenzen und verteidigt die Demokratie und die US-Verfassung.

Wo stehen wir in Bezug auf diese Fragen fast 60 Jahre später? Das Kennedy-Attentat markierte einen historischen Wendepunkt. Eines der Ziele, die damit letztlich erreicht wurden, war die Verschiebung der US-Regierungspolitik nach rechts und die Einschüchterung der politischen Opposition. Es war nicht die letzte Verschwörung, sondern leitete eine Ära weiterer Verschwörungen ein, die zu solchen Episoden führte wie Watergate, Iran-Contra-Affäre, Amtsenthebungsverfahren gegen Clinton, Wahlbetrug im Jahr 2000 bis hin zu den bis heute ungeklärten Ereignissen am 11. September 2001. Unendliche Kriege, unaufhörliche Angriffe auf demokratische Rechte, das Anwachsen unvorstellbarer sozialer Ungleichheit – all das hat die dazwischen liegende Zeit zu einem großen Teil geprägt. Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem der Präsident der Vereinigten Staaten selbst der Anführer einer Verschwörung zum Sturz der verfassungsmäßigen Ordnung ist.

Mit Sieben Tage im Mai wurde daher lange nicht das letzte Wort gesprochen. Aber der Film führt eindringlich vor Augen, wie die Diktatur nach Amerika kommen und wer dies organisieren könnte.

Hier kann die deutsch synchronisierte Fassung abgerufen werden.

 

Siehe auch:

Staatsstreich in Washington: Trump führt Krieg gegen die Verfassung
[3. Juni 2020]

Ein Aufruf an die Arbeiterklasse! Stoppt Trumps Staatsstreich!
[5. Juni 2020]

 

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