Wachsende Wut unter Beschäftigten im Gesundheitswesen

Von Markus Salzmann
28. Juli 2020

Nina Böhmer, Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken, erschienen bei HarperCollins, Juli 2020

Die Corona-Pandemie hat weltweit schonungslos die krassen Mängel der Gesundheitssysteme bloßgelegt. Mangel an notwendigen Krankenhausbetten, medizinischen Geräten, Schutzausrüstung und Personal war und ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Nachdem die Regierungen im Interesse der Wirtschaft nach und nach die elementarsten Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 aufheben, steigen die Fallzahlen an. Kliniken und Pflegeeinrichtungen werden erneut zu Infektions-Hotspots.

Am schwersten betroffen sind die Beschäftigten im Gesundheitswesen. Ärzte, Pflegepersonal und andere Angestellte in Kliniken, Pflegeheimen und weiteren Einrichtungen riskieren Gesundheit und Leben. Laut den Vereinten Nationen entfallen weltweit auf Beschäftigte im Gesundheitswesen mehr als 1,4 Millionen oder etwa zehn Prozent aller Covid-19- Fälle. Amnesty International veröffentlichte am 13. Juli einen Bericht, laut dem in 79 Ländern mehr als 3000 medizinische Fachkräfte an Covid-19 gestorben sind. Aufgrund der schlechten Datenlage in einigen Ländern dürfte diese Zahl tatsächlich noch deutlich höher liegen.

Die miserablen Bedingungen für Patienten und Beschäftigte sind nicht erst durch die Pandemie entstanden. Sie sind vielmehr das Ergebnis jahrzehntelanger Angriffe auf die öffentliche Gesundheitsversorgung. In Deutschland haben Regierungen unterschiedlicher Couleur flächendeckend privatisiert und marktwirtschaftliche Regularien eingeführt, die Krankenhäuser ausschließlich auf Profitmaximierung trimmen. Selbst während der Pandemie fordern Politiker und Wirtschaftsvertreter die Schließung weiterer „unrentabler“ Kliniken.

Gegen diese Politik regt sich wachsender Widerstand. In den USA, Israel, Frankreich und anderen Ländern kommt es zu Streiks gegen schlechte Löhne, miserable Arbeitsbedingungen und die Gefährdung von Leib und Leben. Das kürzlich in Deutschland erschienene Buch „Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken“ von Nina Böhmer ist ungeachtet seiner Schwächen ein Ausdruck der Wut, die die Beschäftigten im Gesundheitswesen verspüren.

Böhmer, Jahrgang 1992, ist seit ihrer Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin 2012 in Berliner Kliniken tätig. Sie spricht in ihrem Buch über „Pflegenotstand, Materialmangel, Zeitnot – was in unserem Gesundheitssystem schiefläuft“. Böhmer verbreitete ihre „Wutbotschaft“ zunächst über Facebook. Dort erhielt sie für ihre Beiträge viel Unterstützung, sie wurden von Zehntausenden geteilt. Auslöser war die Reaktion der Bundesregierung auf die Pandemie.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hob die Personaluntergrenzen in Kliniken auf, d. h. eine Pflegekraft musste nun teilweise noch weit mehr Patienten versorgen als zuvor. Darüber hinaus sollte medizinisches Personal bei Verdacht auf eine Corona-Infektion nicht wie alle anderen 14 Tage in Quarantäne, sondern weniger. Gleichzeitig mangelte es massiv an Schutzausrüstung. So sollte das Personal „Mundschutz und Schutzkittel für mehrere Patienten benutzen“.

Die zynische Begleitmusik von Spahn und anderen Politikern war eine Kampagne zur Aufwertung der Berufsgruppen in medizinischen Einrichtungen. Während zahlreiche Menschen Pflegekräften und Ärzten ehrlich und mit Dankbarkeit für ihre Arbeit applaudierten und sie unterstützten, kam von Seiten der Regierung nur Heuchelei. Böhmer sagt dazu: „Diesen Quatsch hören meine Kollegen und ich nun schon seit Jahren.“

Böhmer schildert in ihrem Buch die Arbeitsbedingungen, die sie während ihrer Ausbildung und danach in verschiedenen Kliniken und auf verschiedenen Stationen antraf. Sie beschreibt mangelhafte hygienische Zustände, die allzu oft Ursache der Übertragung verschiedener Keime sind.

Im Kapitel „Nachtschicht“ schreibt sie über die Erfahrungen von Pflegekräften während des Nachtdienstes. Für sie selbst wurden diese Schichten zum „Albtraum“. Sie berichtet von einer gewerkschaftlichen Studie aus dem Jahr 2015, laut der zwei Drittel der Beschäftigten im Nachtdienst allein auf der Station waren. Im Schnitt betreute jeder von ihnen 26 Patienten, auf jeder sechsten Station waren es mehr als 30 und in vier von hundert Stationen war eine Person für 40 oder mehr Patienten zuständig. „Mit Pflege, wie ich sie mir vorstelle, hat das nicht viel zu tun. Es fördert nicht die Gesundheit der Patienten, aber ruiniert die der Schwestern und Pfleger.“

In Pflegeheimen, in denen Böhmer als Leasingkraft tätig war, ist die Situation ebenso dramatisch. Die Verrichtung physisch und psychisch schwerer Arbeit bei einer dauerhaften personellen Unterbesetzung bringt die Pflegekräfte an ihre Grenzen. „Ein, zwei Mal fing ich sogar mitten im Dienst an zu weinen“, erklärt die Autorin. Dabei merkt sie an, dass es nicht darum gehe, bestimmte Einrichtungen schlecht darzustellen. „Es ist schlicht und ergreifend das System.“

Besonders schwerwiegend ist der Mangel an Schutzausrüstung. „Wir Krankenschwestern und Pfleger fühlten uns verarscht und verhöhnt“, so Böhmer. In sämtlichen Kliniken waren FFP2- und FFP3-Masken, die bei der Versorgung von Patienten zwingend notwendig sind, Mangelware. Die Leitungen wiesen die Mitarbeiter an, mit dem vorhandenen Material sparsam umzugehen. Dies bedeutet, dass Einmalprodukte teilweise über Tage hinweg genutzt werden. Ein wirksamer Schutz vor der Verbreitung des Erregers ist so natürlich kaum mehr gegeben.

Böhmer zitiert den Kommentar eine Krankenschwester: „Ich arbeite auch in der Pflege und fühle mich wie in einem Krieg, indem die Bauern (wir, die Pfleger) zuerst geopfert werden!!! Ich fühle mich wie der letzte Dreck! Schon immer arbeiten wir am Limit mit der totalen Unterbesetzung, keine Wertschätzung.“

Eine andere Kollegin nahm in ihrer Verzweiflung benutzte Schutzkleidung mit nach Hause und trocknete sie im Backofen.

Ähnlich verhält es sich mit den Tests. Während Wissenschaftler von Anfang an Massentests forderten, gab es zunächst zu wenig Tests und Auswertungsmöglichkeiten. Mittlerweile sind rund 30 Prozent der Testkapazitäten ungenutzt. Böhmer beschreibt den Fall einer Kollegin, die beim Auftreten von Symptomen eine wahre Odyssee durchlief, um überhaupt einen Test machen zu können. In den Medien sind seit Beginn der Corona-Krise zahlreiche ähnliche Fälle bekannt geworden.

In der Krisenzeit wurde der Öffentlichkeit der prekäre Zustand des Gesundheitssystems zunehmend bewusst. „Zeitnot, Überlastung, Burnouts, Verschieben freier Tage, Überstunden ohne Ende – das war für uns Pflegerinnen und Pfleger Normalität.“

Zu dem personellen Notstand hatten die massiven Einsparungen der letzten Jahre geführt. „Allein zwischen 2002 und 2007 wurden 30.000 Pflegestellen in Deutschland gestrichen“, merkt Böhmer an. Hinzu kam die Einführung der sogenannten Fallpauschalen, die die Konkurrenz unter Kliniken anheizte und jede Behandlung auf einen monetären Wert reduzierte.

Böhmers Buch spiegelt die Erfahrungen aller Beschäftigten im Gesundheitswesen wieder. Nach ihrem „Wut-Posting“ hatte sie Tausende Nachrichten von Pflegekräften aus ganz Deutschland erhalten, die ihre eigenen Erfahrungen mit schlechter Bezahlung und extremen Arbeitsbedingungen schilderten. „Offenkundig war ich nicht die einzige Krankenschwester mit Wut im Bauch“, folgerte Böhmer.

Neben den ehrlichen und eindrücklichen Schilderungen über die Lage in Kliniken und Pflegeheimen hat das Buch der Krankenschwester auch Schwächen. Gesundheitsminister Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel werden zurecht für ihre Ignoranz und Untätigkeit kritisiert, aber für die miserable Lage des Gesundheitswesens ist nicht nur die aktuelle Bundesregierung verantwortlich.

Gerade in Berlin hat der Rot-rot-grüne Senat die öffentlichen Kliniken ausbluten lassen, während er mit seiner strikten Lockerungspolitik für steigende Infektionszahlen sorgt. SPD und Linkspartei haben während ihrer Regierungszeit 2002 bis 2011 die soziale Infrastruktur der Hauptstadt regelrecht zerstört. Dabei arbeiteten sie eng mit der Gewerkschaft Verdi zusammen, deren Funktionäre größtenteils Mitglieder der Regierungsparteien sind. Das zeigt, dass in dieser Frage alle Parteien dieselbe Politik verfolgen. Leider geht das Buch am Ende kaum über einen Appell an Regierung und Politik hinaus, die Dinge zum Wohle der Beschäftigten und der Gesellschaft als Ganzer zu verbessern.

In einem Interview mit dem Stern antwortete Böhmer auf die Frage, welche konkreten Veränderungen sie sich im Gesundheitssystem und insbesondere in den Krankenhäusern wünsche: „Ich würde mir wünschen, dass die Krankenhäuser mehr Personal einstellen können, damit wir nicht mehr diesen hohen Arbeitsaufwand und Zeitdruck haben. Und dass das ganze Gesundheitssystem nicht mehr auf Profit ausgerichtet ist, sondern die Gesundheit und der Patient im Vordergrund steht. Deshalb habe ich das Buch geschrieben, weil es eben nicht nur um Corona geht.“

Der Kampf für eine solche Veränderung kann nicht mit Appellen an die Vernunft von Politikern und Parteien geführt werden. Er erfordert einen politischen Kampf und die unabhängige Mobilisierung der Arbeiterklasse zum Sturz des Kapitalismus auf der Grundlage eines sozialistischen Programms.

 

Siehe auch:

Coronakrise: In Krankenhäusern, Pflegeheimen und Betrieben wächst der Widerstand
[2. April 2020]

Zahlreiche Covid-19-Todesfälle in Pflegeheimen
[6. April 2020]

Die fahrlässige Reaktion der Regierungen auf die Pandemie gefährdet Gesundheit und Sicherheit von Pflegekräften
[22. Juli 2020]

 

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