Interview mit einem Fleischarbeiter:

„Wir wissen nie, wie viele Stunden wir arbeiten“

Von Michele Hell und Marianne Arens
24. Juli 2020

Die Zahl der weltweiten Corona-Infektionen hat 15 Millionen überschritten, und weit über 600.000 Menschen sind gestorben. Während in Südkorea und im Iran die befürchtete zweite Welle anrollt, steigt auch in Deutschland die Zahl der Neuinfizierten stetig an. Am Donnerstag haben mehrere Bundesländer den höchsten täglichen Anstieg seit zwei Monaten, seit dem Peak der Pandemie, gemeldet.

Bei insgesamt rund 204.000 Infektionen sind mehr als 9100 Menschen an Covid-19 gestorben. Nach der Masseninfektion in einem Wiesenhof-Betrieb in Niedersachsen wurden am Donnerstag mehrere neue Ausbrüche gemeldet, so in einer Augsburger Kita und unter Erdbeerpflückern in Swisttal bei Bonn. Obwohl dort 20 osteuropäische Erntehelfer erkrankten, wird die Ernte nicht gestoppt, und der Betrieb läuft ungehindert weiter, genau wie in der Hähnchenschlachterei Wiesenhof.

Wie die World Socialist Web Site immer wieder aufzeigt, hat die Pandemie eine eindeutige soziale Dimension. Sie betrifft in besonderem Maße Arbeiter, die keine Möglichkeit haben, Pandemie-Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, sich zu isolieren und ihre Familien vernünftig zu schützen. Ihr Leben und ihre Gesundheit sind auch schon ohne SARS-CoV-2 durch Überausbeutung, Arbeitsstress und Billiglohnarbeit besonders gefährdet.

Im Zusammenhang mit dem Großschlachthof Tönnies in Rheda-Wiedenbrück haben sich über 2000 Personen angesteckt, und erst langsam kommt ans Licht, was die Pandemie für die Arbeiter bedeutet.

Im ZDF-Morgenmagazin berichtete eine Journalistin, die mit polnischen Tönnies-Arbeiterinnen telefoniert hatte, dass die Werksvertrags-Arbeiter, die sich einen ganzen Monat in Quarantäne isolieren mussten, kaum mit Essen versorgt wurden. Wie die Arbeiterinnen erzählten, erhielten sie einmal „für 16 Leute, die in der Wohnung lebten, vier Kartoffeln und drei Möhren“. Sie konnten sich nur ernähren, weil sie über Facebook polnische und deutsche Unterstützer erreichten, die sie mit Lebensmitteln versorgten.

Die Frauen berichteten über üble Ausbeutermethoden und Beispiele reiner Willkür: Wenn jemand bei Tönnies verschlafen hatte und zehn Minuten zu spät kam, dann zog ihm der Subunternehmer 100 Euro vom sowieso schon extrem geringen Lohn ab.

Ein anderer Arbeiter berichtete, dass ihm sein Subunternehmer in der Zeit der Quarantäne mehrere hundert Euro abgezogen habe. Zuletzt habe er ihm ein Dokument zum Unterzeichnen vorgelegt: Eine Art Blanko-Vertrag über die Einführung von Kurzarbeit, jedoch ohne Angabe von Dauer oder Datum, ab wann das gelten solle. Dieser Tönnies-Arbeiter sollte mit seiner Unterschrift bestätigen: „Der Mitarbeiter ist mit der Einführung von Kurzarbeit ab … [offen gelassen] einverstanden.“

Unter welchen Bedingungen zahlreiche Fleischarbeiter tätig sind, zeigt auch ein Bericht, den die World Socialist Web Site von einem rumänischen Arbeiter über eine Facebook-Gruppe erhalten hat. Das Interview, das die tägliche Ausbeutung dokumentiert, zeigt, wie dringend es ist, dass deutsche Arbeiter sich endlich vom Gängelband der nationalistischen DGB-Gewerkschaften befreien und sich mit ihren osteuropäischen Kollegen solidarisieren.

Der Arbeiter, der seit zwei Jahren in einer Wurstproduktion in Nürnberg arbeitet, ist bei einem Personaldienstleister angestellt. Die Deutschübersetzung ist dank der Hilfe einer rumänischen Übersetzerin entstanden, die berufsmäßig mit osteuropäischen Wanderarbeitern zu tun hat.

„Ich freue mich sehr, dass sich endlich jemand für das Leben der Arbeiter in den Schlachthöfen interessiert“, heißt es gleich zu Anfang. „Ich habe Ihre Fragen sorgfältig gelesen und werde gerne und ehrlich antworten, wie die Dinge stehen.“

Der Arbeiter berichtet: „Ich arbeite die meiste Zeit bei einer Temperatur von 4 Grad Celsius.“ Mit dieser Tätigkeit sei kein einziger Arbeitskollege zufrieden, „und auch nicht mit der Bezahlung … Wir sind manchmal schon fast erfroren in der Fabrik, wenn keine Arbeit da war und das Band sehr langsam lief. Doch in der Regel läuft das Band so schnell, dass wir kaum mithalten können. Dann werden meine Hände vom schnellen Arbeiten taub.“

Dennoch wolle er sich über die Bedingungen nicht beschweren, „wenn wir nur entsprechend bezahlt würden. Ich arbeite dort jetzt seit zwei Jahren und wurde mit 9,15 pro Stunde eingestellt, seither bekomme ich 20 Cent mehr. Also arbeite ich heute bei 9,35 Euro brutto pro Stunde.“

Dieses Geld sei praktisch vollständig verplant. Von seinem Lohn gehen fast 400 Euro für Miete, 20 Euro für Strom, 25 Euro für Internet, 60 Euro für ein Bus-Abo und 20 Euro als Ratenzahlung für einen Laptop ab. „300 Euro schicke ich meiner Tochter. Sie studiert, und mein Sohn steht gerade vor seinem Abi, und auch er möchte studieren. Der Rest geht fast vollständig für mein Essen drauf.“

Der Arbeiter setzt hinzu: „Ich habe großes Glück mit dem deutschen Staat, da ich Kindergeld bekomme. Ansonsten könnte ich mit meinen zwei Kindern nicht über die Runden kommen.“

Wie er berichtet, erhielt er zuletzt knapp 1300 Euro netto für 192 Stunden. „Und wir haben noch nie zuvor so viel von dieser Firma erhalten. Normalerweise variiert mein Lohn zwischen 950 und 1100 Euro.“

Was die Unterbringung angeht, schreibt er: „Jeder wohnt zur Miete, wo er kann. Eine Unterkunft wird uns nicht zur Verfügung gestellt, eine Wohnung zu finden ist schwer und teuer. Neunzig Prozent meiner Kollegen haben eine Bleibe über Vermittler gefunden, was zwischen 500 und 600 Euro kostet.“ Er jedoch habe es vorgezogen, eine Wohnung für sich alleine zu suchen.

„Fakt ist, dass diese Arbeit zu diesen Bedingungen nicht gerecht vergütet wird“, betont der Arbeiter. „Ganz zu schweigen davon, dass nicht alle Arbeitsstunden vergütet werden, und wenn wir samstags arbeiten, werden wir zu dem gleichen Stundensatz bezahlt wie unter der Woche.“

Er habe eine vernünftige Abrechnung angefordert, aber nicht erhalten. Die Begründung lautete, dass die Liste über die geleisteten Arbeitsstunden die Namen aller Mitarbeiter enthalten würde, und dass dies mit dem Datenschutz nicht vereinbar sei.

Über die Wurstfabrik, in der er arbeitet, äußert er sich positiv. Er habe nur gute Worte. „Sie hat uns ein Esszimmer zur Verfügung gestellt, in dem wir ruhig speisen können. Sie sorgt dafür, dass unsere Arbeitsmittel sauber sind. Wir haben unseren eigenen Umkleideraum mit Spind und allem, was wir brauchen (Schutzhandschuhe, Maske, Einweghandtuch, Seife).“

Die Schilderung zeigt auch den Mechanismus der Werksverträge, der es deutschen Unternehmern erlaubt, die ganze Verantwortung für Bezahlung und Arbeitszeiten auf die Subunternehmer und Arbeitsvermittler abzuwälzen. Gleichzeitig stammt das positive Urteil zweifellos auch daher, dass dieses Unternehmen die Pandemie offenbar nicht, wie viele andere, auf die leichte Schulter nahm.

Der Arbeiter schätzt sich glücklich, bisher nicht an Corona erkrankt zu sein. Er schreibt: „Bei uns in der Fabrik gab es bisher keinen Fall. Die Hygienevorschriften werden strikt eingehalten, und das gefällt mir. Ich habe auch in Rumänien im Lebensmittelbereich gearbeitet und weiß genau, worum es geht. Im Werk ist ein ausreichendes Belüftungssystem vorhanden. Wir tragen Schutzmasken und halten den notwendigen Abstand ein.“

Er setzt hinzu: „Ich verstehe bloß nicht, warum wir so schlecht bezahlt werden. Alle Kollegen sind mit der Vergütung unzufrieden, und auch damit, dass viele Stunden einfach nicht vergütet werden.“

Er bezeichnet es als „Glück“, dass er zusätzlich einen Minijob in einem Restaurant gefunden habe, „damit ich überleben und meinen Kindern in Rumänien Geld schicken kann … Enttäuscht bin ich aber darüber, dass ich so viel arbeite und mir selbst doch nichts leisten kann. Ich bin aus Rumänien weggegangen, um eine bessere Arbeit zu suchen. Ich arbeite gern, aber ich hätte auch gern etwas Geld in der Tasche.“

Er bedauere es, niemanden zu haben „mit dem ich Deutsch sprechen kann“. Auch auf der Arbeit seien die meisten Kollegen aus Russland oder Rumänien. Weiter schreibt er: „Ich spreche kein Englisch, aber ich spreche und verstehe ein wenig Deutsch. Ich wünschte, ich könnte so schnell wie möglich Deutsch lernen.“

Wie er berichtet, besucht er einen Deutschkurs, und dafür hat er in letzter Zeit sogar den Minijob sausen lassen. „Guten Abend!“ schreibt er auf Deutsch. Er ergänzt: „Ich habe vergessen zu erwähnen, dass ich für den Sprachkurs alle zwei Monate 195 Euro bezahlen muss.“

Mehrmals kommt der Arbeiter auf das Thema Überstunden zurück. Er berichtet: „Wir wissen nie, wie viele Stunden wir arbeiten, und wann die Arbeit endet. Wir beginnen um 7:00 Uhr früh; manchmal arbeiten wir bis 14 Uhr, manchmal bis 15, 16 oder 17 Uhr.“ Normal vorgesehen sei eine Fünf-Tage-Woche, aber das Schlimme sei, dass sie oft samstags arbeiten müssten, „weil wir auch dann 9,35 Euro pro Stunde und keinen Cent mehr bekommen“.

Der Bericht zeigt auch auf, wie viel Mehrarbeit die Schlachtarbeiter zu Spitzenzeiten der Pandemie leisten mussten. So hätten sie im Mai drei Samstage hintereinander arbeiten müssen. „Ich fühlte mich gedemütigt, denn unser Chef servierte uns damals in der Pause eine Brezel oder ein Sandwich, weil er wusste, wie viel [oder wie wenig] man uns bezahlt. Wir wollen ein anständiges Gehalt, und keine Brezeln oder anderen Unsinn. Schließlich bringen wir Essenspakete von zu Hause mit. Und dann kriegen wir samstags eine Brezel!“

Zum Abschluss schreibt er: „Vielen Dank, und ich hoffe, dass den Arbeitern in den Schlachthöfen ein wenig Gerechtigkeit widerfahren wird.“

 

Siehe auch:

Wiesenhof-Hähnchenschlachterei trotz Corona-Ausbruch weiter in Betrieb
[22. Juli 2020]

Schlachtfabrik Tönnies wieder angelaufen
[18. Juli 2020]

Bildet Sicherheitskomitees an jedem Arbeitsplatz, um Leben zu retten!
[23. Juli 2020]

 

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