Häufung von Corona-Fällen bei Toledo Jeep und in anderen Betrieben

Bildet Sicherheitskomitees an jedem Arbeitsplatz, um Leben zu retten!

Aufruf der Sicherheitskomitees der FCA-Werke Jefferson North, Sterling Heights und Toledo Jeep
23. Juli 2020
Autoarbeiter des FCA-Montagewerks Warren Truck in Detroit [Foto: WSWS]

Wir publizieren hier den gemeinsamen Aufruf dreier Aktionskomitees für mehr Sicherheit, gegründet von Arbeitern amerikanischer Fiat-Chrysler-Werke (FCA).

Der Autoarbeiter-Newsletter der WSWS unterstützt Arbeiter der Autoindustrie und anderer Branchen bei der Gründung von Sicherheitskomitees. Setzt euch mit dem Autoarbeiter-Newsletter in Verbindung (siehe unten) oder schreibt eine E-Mail an auto@gleichheit.de.

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In den USA nimmt die Zahl der Covid-19-Fälle rapide zu, und daher müssen Sofortmaßnahmen ergriffen werden.

Im Jeep-Montagekomplex von Toledo wurden bis Montag mehr als 40 Arbeiter positiv auf das Coronavirus getestet. Die tatsächliche Zahl der Infizierten wird von Fiat Chrysler und der Gewerkschaft United Auto Workers vertuscht. Es gibt Dutzende von Fällen in den General Motors-Werken Arlington (Texas) und Wentzville (Missouri). In Mexiko sind im GM-Werk von Silao schon sechs Arbeiter gestorben. Aus dem Tesla-Werk in Fremont (Kalifornien) wurden mehr als 130 Fälle gemeldet.

Die Covid-19-Fälle in Ohio nehmen zu, und allein am Freitag wurden 1.700 neue Fälle gemeldet, davon 89 in der Gegend von Toledo. Die Infektionen in Michigan haben sich seit Juni verdoppelt. Viele weitere Todesfälle werden daraus folgen.

Die Sicherheitsvorkehrungen des Managements sind völlig unzureichend. In vielen Betrieben ist es nicht einmal physisch möglich, 60 Zentimeter voneinander entfernt zu stehen, geschweige denn zwei Meter Abstand zu halten. Sie haben gerade das Nötigste getan, um uns wieder an die Arbeit zu treiben. Sie wollten die Medien im Glauben wiegen, als versuchten sie ernsthaft, die Ausbreitung des Virus zu stoppen, aber sie tun nur das Allernötigste. Sie geben keine Mitteilungen raus. Informationen erhalten wir überhaupt nur dadurch, dass wir untereinander kommunizieren.

Die Arbeiter müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen, um die Sicherheitsmaßnahmen durchzusetzen. Sicherheitskomitees, die wir selbst kontrollieren, müssen das letzte Wort darüber haben, ob es zum Arbeiten sicher genug ist.

Die Sicherheitskomitees in Jefferson North, Sterling Heights und den Jeep-Montagewerken von Toledo fordern, dass alle infizierten Werke geschlossen werden, bis sie gründlich gereinigt sind und eine sichere Arbeitsumgebung gewährleistet ist. Alle Arbeiter müssen regelmäßig getestet werden.

Außerdem haben wir folgende Forderungen erhoben:

1. Die Belegschaft muss über jeden Fall von Covid-19 unverzüglich informiert werden, auch darüber, welche Abteilungen genau betroffen sind. Diese Informationen vor den Arbeitern geheim zu halten, ist inakzeptabel.

2. Wenn ein Fall bestätigt wird, muss die Fabrik für mindestens 24 Stunden für eine gründliche Reinigung geschlossen werden. Das gilt nicht nur für den betroffenen Bereich, sondern für die ganze Fabrik. Vorbeugende Wartung ist erforderlich, um eine sichere und komfortable Arbeitsumgebung zu gewährleisten.

3. Alle Arbeiter, deren Test positiv ist, müssen für die Dauer ihrer Krankheit bezahlten Urlaub bekommen.

4. Beim Betreten und Verlassen des Werks und während der Toiletten-, Mittags- und sonstigen Pausenzeiten muss ein sicherer Abstand ermöglicht und eingehalten werden. Desinfektions- und Reinigungsmittel müssen den Arbeitern nach eigenem Ermessen zur Verfügung stehen.

5. Alle Arbeitsgeräte werden in jeder Pause von einer speziellen Reinigungsmannschaft mit entsprechenden Reinigungsmitteln gereinigt. Auch sie müssen ebenfalls die nötigen Abstandsregeln einhalten, Masken tragen und vom Unternehmen vernünftig bezahlt werden. Die FCA-Belegschaft ist weder für die Reinigung der Ausrüstung noch für die Bezahlung des Reinigungspersonals verantwortlich.

6. Geschultes, vom Management unabhängiges medizinisches Personal muss in jedem Betrieb anwesend sein und den Sicherheitskomitees über die Arbeitsbedingungen direkt Bericht erstatten.

7. Das Fließband muss stündlich für 10 Minuten angehalten werden, damit die Arbeiter ihre Masken abnehmen, sich ausruhen und abkühlen können. Wenn ein Arbeiter gewichtige Gesundheitsprobleme hat, die ihn daran hindern, in der Fabrik eine Maske zu tragen, muss er entweder einen anderen Gesichtsschutz bekommen, oder er wird während der Pandemie bei voller Bezahlung freigestellt und erhält danach wieder einen gleichwertigen Arbeitsplatz.

8. Die Arbeiter müssen sich regelmäßigen, flächendeckenden Tests unterziehen, deren Ergebnis innerhalb von 24 Stunden vorliegen muss. Temperaturkontrollen und Eigenberichte über Symptome reichen nicht aus.

9. Bei unsicheren Arbeitsbedingungen haben die Beschäftigten das Recht, ohne die Androhung von Vergeltungsmaßnahmen seitens der Unternehmensleitung und der Gewerkschaft die Arbeit zu verweigern.

10. Beschäftigte dürfen nicht ausgesondert, abgemahnt, gekündigt oder anderweitig belästigt werden, wenn sie sich frei nehmen, um auf die Testergebnisse zu warten. Falls Beschäftigte aus diesem Grund entlassen worden sind, müssen sie unverzüglich wieder eingestellt werden. Wer aus qualifizierten medizinischen und familiären Gründen gemäß dem „Family and Medical Leave Act“ (FMLA-Gesetz) Urlaub nimmt, darf deshalb keinerlei Nachteile erfahren.

Den Politikern, Unternehmern und Managern, die jetzt sagen: „Lasst uns zur Normalität zurückkehren“, geht es nur darum, ihre eigenen Investitionen zu schützen. Sie lügen, wenn sie behaupten, es sei kein Geld da für bessere Sicherheit, umfassende Tests oder Betriebs-Stillstand, um das Virus zu stoppen. Die Unternehmen und ihre Aktionäre haben Hunderte von Milliarden Dollar an staatlichen Zuwendungen erhalten.

Das Wohlergehen der Arbeiter ist ihnen schlicht und ergreifend egal. Unser Leben darf nicht als Bedingung für die Profiterzielung herhalten.

Niemand sonst wird für uns kämpfen. Die Gewerkschaften stehen nicht auf unserer Seite. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass sie sich für unsere Sicherheit einsetzen, also müssen wir es selbst tun.

Nicht nur die Autoarbeiter werden schlecht behandelt, nicht nur ihr Leben wird aufs Spiel gesetzt. Scharen von Beschäftigten führen den gleichen Kampf. Millionen von Lehrern erfahren diesen Herbst einen Alptraum, wenn die Regierung versucht, die Schulöffnung zu erzwingen. Unsere Kinder werden in große Gefahr gebracht, nur damit die Arbeiter weiter arbeiten und die Reichen immer reicher werden.

In diesem Kampf stehen nicht nur einzelne Arbeiter. Es handelt sich um eine globale Situation. Die Konzerne erklären unseren Kollegen in Mexiko, dass auch sie riskieren müssen, krank zu werden oder zu sterben, um die Produktion aufrechtzuerhalten. Bei der mexikanischen Ölgesellschaft PEMEX sind Hunderte von Arbeitern und ihre Familienmitglieder gestorben. Wir müssen gemeinsam den Kampf über die Grenzen hinweg aufnehmen.

Wir rufen alle Arbeiterinnen und Arbeiter, seien sie in der Automobilindustrie, im Bildungswesen, in der Fleischverpackungsindustrie, im Einzelhandel und im Dienstleistungssektor, in der Logistik, im Nah- und Fernverkehr und bei den Fluggesellschaften beschäftigt: Bildet Aktionskomitees für mehr Sicherheit! Alle Beschäftigten in unverzichtbaren Berufen müssen PPE-Ausrüstung, regelmäßige Tests und sichere Arbeitsbedingungen erhalten.

Es liegt an uns, den Arbeiterinnen und Arbeitern, dass wir uns verständigen und den Kampf gegen diese Pandemie gemeinsam aufnehmen. Die Gewerkschaften werden das nicht tun. Regierungspolitiker, wie die Gouverneurin Gretchen Whitmer in Michigan, werden es nicht tun. Sie wollen die Schulen wieder öffnen, was das Leben von Millionen von Schülern und Lehrern gefährdet. An uns liegt es jetzt, uns zu verteidigen.

Da die Pandemie jeden Tag mehr Menschenleben fordert, ist Handeln dringend geboten.

Gebt diese Erklärung an Eure Mitarbeiter weiter und diskutiert unsere Forderungen! Tretet unserer neuen Facebook-Gruppe bei, dem Ford/GM/Chrysler Rank-and-File Safety Committee Network, um Informationen auszutauschen und Aktionen mit Beschäftigten in anderen Werken zu koordinieren. Bildet an Eurem Arbeitsplatz ein Arbeiter-Sicherheitskomitee, schließt Euch uns an und nehmt den Kampf auf.

Wenn Ihr Hilfe bei der Gründung eines Sicherheitskomitees in Eurem Werk benötigt, schreibt eine E-Mail an auto@gleichheit.de. Tragt euch für den WSWS Autoarbeiter-Newsletter ein, der regelmäßig darüber berichtet.

 

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