Arbeiter-Sicherheitskomitee fordert sofortige Schließung

Covid-19 in Jeep-Werk in Toledo außer Kontrolle

Von Jerry White
17. Juli 2020

Der Autoarbeiter-Newsletter der WSWS wird Arbeiter der Autoindustrie und anderer Branchen bei der Gründung von Sicherheitskomitees unterstützen. Setzt euch mit dem Autoarbeiter-Newsletter in Verbindung (siehe unten) oder schreibt eine E-Mail an auto@gleichheit.de.

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Die Zahl der Covid-19-Fälle in amerikanischen Autowerken steigt rapide an. Der Fiat-Chrysler-Fertigungskomplex in Toledo im Nordwesten des US-Bundesstaats Ohio entwickelt sich zu einem Epizentrum. In dieser Woche gaben örtliche Funktionäre der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) zu, dass es in dem Werk in Toledo 40 bestätigte Fälle gibt. Die Arbeiter selbst geben an, dass die tatsächliche Zahl weitaus größer sei.

Ein junger Arbeiter des Jeep-Werks in Toledo erklärte gegenüber der WSWS: „Die Situation im Werk ist verrückt. Jeder hier hatte Kontakt mit jemandem, der das Virus hat. Wenn man sagt, man hat es, wird man eine Zeit lang in unbezahlten Urlaub geschickt. Ich habe Frau und Kinder und kann das nicht riskieren.“ Weiter erklärte er, das Unternehmen und die UAW würden den Arbeitern nichts sagen: „Wir informieren uns untereinander über Facebook. Wir machen es selbst.“

Arbeiter im Jeep-Werk in Toledo (FCA Media)

Er fügte hinzu: „Sie haben gesagt, sie würden alle möglichen Dinge machen, damit die Werke sicher öffnen können. Aber sie haben sich nie daran gehalten. Sie haben das nur gesagt, damit alle wieder zur Arbeit kommen. Gleichzeitig sind sie total kleinlich. Wenn einem wegen des Mundschutzes die Sicherheitsbrille herunterfällt, wird das notiert. Wenn du Fragen zur Sicherheit stellst, hängen sie dir was an. Sie rächen sich, ganz klar. Denk mal darüber nach, wie übel es ist, hier einen Mundschutz zu tragen. Hier drin sind über 30 Grad, wir schwitzen alle.“

Seit der Wiederöffnung der nordamerikanischen Autoindustrie am 18. Mai sind zwei Monate vergangen. Sie war ein zentraler Bestandteil der rücksichtslosen Kampagne, die von der Trump-Regierung vorangetrieben wird, um die amerikanische Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die tödlichen Folgen zeigen sich in der Rekordzahl der täglichen Neuinfektionen und dem Anstieg der Gesamtzahl der Infizierten in den letzten zwei Monaten von 1,5 Millionen auf mehr als 3,6 Millionen. Die Zahl der Toten ist von 90.000 auf über 140.000 angestiegen.

Die Wiederöffnung der Autowerke, die von demokratischen und republikanischen Gouverneuren gleichermaßen unterstützt wird, hat im ganzen Land zu Corona-Ausbrüchen in den Werken geführt. In dem Tesla-Werk in Fremont (Kalifornien), das von Tesla-CEO Elon Musk trotz geltender Lockdown-Bestimmungen wieder geöffnet wurde, gab es 130 bestätigte Fälle. Die Wiederöffnung des Werks hat zu einem steilen Anstieg der Aktienkurse von Tesla geführt und das persönliche Vermögen von Musk um 30 Milliarden Dollar vergrößert. Laut einer internen Mitteilung von Tesla sind 1.550 der 10.000 Beschäftigten des Werks von Covid-19 „betroffen“, d.h. sie haben sich infiziert oder hatten Kontakt zu einem Infizierten.

Weitere Ausbrüche gab es in GM-Werken in den Bundesstaaten Missouri, Texas, Indiana und Michigan. Laut einem Bericht in der Detroit Free Press vom Mittwoch verlegt GM zuvor entlassene Arbeiter in mehrere dieser Werke, weil sich Hunderte aus Angst vor dem Virus krankgemeldet haben.

In dem GM-Fertigungswerk in Fort Wayne (Indiana) haben sich fast 1.000 der 4.100 Beschäftigten aus verschiedenen Gründen krank gemeldet, 200 davon wegen Covid-19. In dem Fertigungswerk in Flint fehlen 600 Arbeiter aus verschiedenen Gründen, weitere 100 wegen „Covid-Urlaub“. Zu letzteren gehören laut Free Press Arbeiter, die „eine Immunerkrankung haben und nicht arbeiten können, die nach Kontakt mit eine positiv Getesteten in Quarantäne sind oder einen Erkrankten pflegen müssen.“

In dem Fertigungskomplex in Silao (Mexiko), in dem die hochprofitablen GM-Pickup-Trucks gebaut werden, sind laut Aussagen der Arbeiter sechs Kollegen an Covid-19 gestorben. Darüber hinaus haben sich viele weitere infiziert.

Am Mittwoch warnte die demokratische Gouverneurin von Michigan Gretchen Whitmer, dass die Autowerke aufgrund der Ausbreitung des Virus möglicherweise wieder geschlossen werden. Sie räumte indessen nicht ein, dass die Wiederöffnung der Fabriken, die sie Anfang Mai genehmigt hatte, die Ausbreitung beschleunigt hat. Stattdessen warf sie Einzelpersonen vor, sie hätten im Freien keine Masken getragen: „Wenn Michigans Einwohner in der Öffentlichkeit keine Masken tragen, könnte die Zahl der Fälle steigen, und wir könnten gezwungen sein, mehr Firmen zu schließen. Das betrifft auch Autowerke, in denen Tausende beschäftigt sind.“

Die Autokonzerne und die UAW haben versucht, das Ausmaß der Infektionen geheim zu halten und Arbeiter, die erkrankt sind, schnell zu ersetzen, um jegliche Unterbrechung der Produktion zu verhindern. Doch die Arbeiter haben begonnen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Nachdem Arbeiter von Fiat-Chrysler in den beiden Fertigungswerken Jefferson North und Sterling Heights im Raum Detroit unabhängige Streiks organisiert hatten, gründeten sie ein von der UAW unabhängiges Sicherheitskomitee. Daraufhin wurde auch in Toledo ein solches Komitee gegründet.

Das Sicherheitskomitee des Jeep-Werks in Toledo veröffentlichte am Mittwoch eine Erklärung, in der es dem FCA-Management und der UAW-Regionalstelle 12 vorwarf, sie hätten „vorsätzlich wichtige Informationen über Covid-19-positive Arbeiter zurückgehalten“. Das Komitee rief die Arbeiter auf, „sich gegen diese unsicheren und gefährlichen Arbeitsbedingungen zu wehren.“

Das Komitee nannte eine Reihe von Forderungen, darunter: „Der Fertigungskomplex Toledo MUSS geschlossen und alle Angestellten, die sich testen lassen wollen, müssen kostenfrei getestet werden. Niemand darf an die Arbeit zurück, bis alle Testergebnisse vorliegen. Nur ‚Verdachtsfälle‘ zu testen, ist unsicher und birgt weiter eine Gefahr für die Sicherheit anderer.“

Zu weiteren Forderungen gehören:

1. Wir fordern eine Auflistung aller positiven Covid-19-Fälle auf der HUB-Homepage mit Arbeitsort, Schicht und Gruppennummer.

2. Wir fordern ein sofortiges Ende des Missbrauchs von Hilfsarbeitern als Ersatz für Covid-19-Erkrankte. Diese Beschäftigten sind Menschen und dürfen nicht zu Opfern von Kollateralschäden werden.

3. Wenn ein Covid-19-Fall bestätigt wird, muss die Produktion für mindestens 24 Stunden unterbrochen und eine gründliche Reinigung des gesamten Werks durch ausgebildete und lizenzierte Fachkräfte durchgeführt werden.

4. Wenn die Belegschaft mit Mundschutz arbeiten muss, fordern wir nach jeder vollen Stunde zehn Minuten Pause, um frei zu atmen, Flüssigkeit aufzunehmen und uns abzukühlen.

5. Reduzierung der Schichtdauer auf acht Stunden, damit ausgebildete und lizenzierte Fachkräfte alle Werkzeuge, Pausenräume, Toiletten und Wasserspender zwischen den Schichten reinigen können. Alle Drehkreuze müssen täglich 30 Minuten nach Schichtbeginn, Ende der Mittagspause und Schichtende gereinigt werden.

6. Keine Benachteiligungen, Abmahnungen, Entlassungen oder sonstige Disziplinarmaßnahmen oder Schikanen gegen Arbeiter, die Auszeiten nehmen, um auf Tests oder deren Ergebnisse warten.

7. Alle Arbeiter, die entlassen wurden, weil sie sich wegen eines Tests freigenommen haben, müssen mit vollem Lohn und unter Anrechnung der Zeit für Vorteile aus langjähriger Betriebszugehörigkeit wieder eingestellt werden.

8. Abschaffung aller Einschränkungen für die Bereitstellung von Maskenalternativen, die von lizenzierten Ärzten genehmigt wurden.

Am Schluss der Erklärung heißt es: „Wir, das Sicherheitskomitee von Toledo Jeep, erklären uns solidarisch mit Arbeitern der gesamten Autoindustrie in den USA und auf der ganzen Welt und ermutigen jeden von euch, mit uns gemeinsam Widerstand gegen die Versuche der Autokonzerne und Gewerkschaften zu leisten, die Produktion um den Preis unseres Lebens am Laufen zu halten. Wir erklären unsere Solidarität mit unseren Brüdern und Schwestern in den Sicherheitskomitees der FCA-Fertigungswerke in Jefferson North (JNAP) und Sterling Heights (SHAP)! Es ist Zeit, unser Leben wieder zurückzuerobern und nicht mehr zu dulden, dass die Gier der Konzerne uns und unsere Angehörigen und Freunde gefährdet!“

Die Ausbreitung des Virus im Werk in Toledo hat die Arbeiter überall alarmiert. Viele andere rufen ebenfalls zur Einrichtung von Sicherheitskomitees auf. Ein Arbeiter schrieb dem WSWS Autoworker Newsletter: „Im Blechwerk von Sterling Heights haben wir drei bestätigte Fälle. Ich bin mir sicher, dass es in Toledo auch so angefangen hat, und jetzt ist die Lage außer Kontrolle. Das Gleiche wird auch hier passieren, wenn wir nichts unternehmen.“

„Wir sprechen darüber, hier ein solches Komitee wie in Toledo, SHAP und Jefferson zu gründen. Die UAW und das Management tun nichts, um einem Ausbruch entgegen zu wirken. Mit Fiebermessen findet man keine Infizierten ohne Symptome. Warum können sie uns nicht ständig testen, wie sie es mit den Basketball-Profis tun. Gouverneurin Whitmer schützt uns nicht, der Präsident erst recht nicht. Das Unternehmen ignoriert außerdem die Richtlinien der [US-Seuchenschutzbehörde] CDC, laut denen ein Werk nach einem bestätigten Fall geschlossen und gründlich gereinigt werden muss. Die CDC gibt den Unternehmen sämtliche Spielräume, um die Richtlinien zu umgehen.“

„Wir, die Beschäftigten in der Produktion, müssen unseren Schutz selbst in die Hand nehmen. Das Management will nicht, dass wir die Produktion stilllegen, um seine Profite zu schützen. Aus der UAW-Hierarchie wird da nichts kommen, bei der ganzen Korruption und Käuflichkeit. Unser Gewerkschaftsvertreter hat gerade mehreren Leuten gesagt, er hält Covid weder für real noch für gefährlich. Und dieser Mann soll für unsere Sicherheit sorgen.“

Weiter erklärte der Arbeiter: „Wir müssen als Arbeiter für uns selbst einstehen, genau wie es die Kollegen bei JNAP und SHAP und die Arbeiter in den Schlachthöfen in Colorado getan haben. Es wird nicht aufhören, bevor die Arbeiter nicht überall solche Komitees wie in Toledo gegründet haben.“

 

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