Nordamerika: Angesichts Corona-Horror weiten Autoarbeiter ihren Kampf für mehr Sicherheit aus

Von Shannon Jones
13. Juli 2020

Der Autoarbeiter-Newsletterder WSWS wird Arbeiter der Autoindustrie und anderer Branchen bei der Gründung von Sicherheitskomitees unterstützen. Setzt euch mit dem Autoarbeiter-Newsletter in Verbindung (siehe unten) oder schreibt eine E-Mail an auto@gleichheit.de".

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Unter den Autoarbeitern in Nordamerika wächst der Widerstand gegen die verfrühte Rückkehr an die Arbeit, die von den Konzernen mit der Unterstützung der Gewerkschaften durchgesetzt wird. Covid-19 breitet sich in Fabriken, Lagerhäusern und Betrieben aus, weil grundlegende Sicherheitsvorschriften ignoriert werden, um die Produktion zu steigern. Arbeiter, die dagegen Widerstand leisten, werden vom Management drangsaliert – auch dies mit offener Unterstützung der Gewerkschaften.

In dem Fiat-Chrysler Montagewerk in Toledo (Ohio) haben Arbeiter angesichts der zunehmenden Zahl von Corona-Infektionen in ihrem Werk beschlossen, ein Sicherheitskomitee ins Leben zu rufen. Bereits im Vorfeld dieses mutigen Schrittes hatten Fiat-Chrysler-Arbeiter des Montagewerks Jefferson North in Detroit (Michigan) und des benachbarten Montagewerks in dem nördlichen Vorort Sterling Heights Sicherheitskomitees gebildet, die sich jeweils aus Kollegen aus ihrer Mitte zusammensetzen.

Fiat-Chrysler Montagewerk Toledo North

Der amerikanischen Autoworker-Newsletter der World Socialist Web Site hat erfahren, dass sich auch Beschäftigte des Ford-Lastwagenwerks in Louisville für die Gründung eines solchen Komitees aussprechen. Letzte Woche hatten die Mitarbeiter dort gegen fehlende Sicherheitsmaßnahmen protestiert.

Obwohl sich das tödliche Virus weiter ausbreitet, verheimlichen die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) und das Management den Beschäftigten grundlegende Informationen und arbeiten gemeinsam daran, die Produktion um jeden Preis zu steigern.

Wie die Zeitung Toledo Blade am Freitag mitteilte, wurden seit der Wiederöffnung des Werkes im Mai 31 Arbeiter positiv getestet. Diese Zahl unterschätzt sehr wahrscheinlich die wirklichen Infektionszahlen bei weitem, da sich das Management weigert, das Auftreten von Infektionen zu bestätigen. In dem 1,2 Quadratkilometer großen Komplex, wo rund 6.500 Arbeiter die Jeep-Modelle Gladiator und Wrangler montieren, wurde die Produktion nicht einmal für eine Grundreinigung unterbrochen.

In Ohio stieg die Zahl der Corona-Fälle am Freitag mit 1.525 so stark an wie noch nie seit Beginn der Pandemie; die Gesamtzahl stieg dadurch auf 62.856. Die Zahl der gemeldeten Todesfälle stieg um 26 auf über 3.000 im ganzen Bundesstaat.

Ein FCA-Arbeiter aus Toledo erklärte gegenüber dem Autoworker-Newsletter: „Heute habe ich zehn Stunden lang direkt neben jemand anderem gearbeitet, und als Schutz hatte ich nur eine dünne Gesichtsmaske. Davor hat diese Person nur drei Tage in Quarantäne verbracht, ehe sie nach einer Reise wieder an die Arbeit kommen musste. Was sollen wir auch tun? Weder das Unternehmen noch die Gewerkschaft legen Wert darauf, dass es uns gut geht.“

Weiter sagte der Arbeiter: „Ich bitte euch, die Probleme und Gefahren in dem Fertigungswerk in Toledo aufzudecken und weiter darauf aufmerksam zu machen. Wir alle versuchen nur, uns zu schützen, bekommen aber von niemandem Hilfe oder ehrliche Antworten.“

Ein anderer Jeep-Mitarbeiter erklärte gegenüber dem Autoworker-Newsletter: „In meinem Bereich der Produktionsstraße wurde einer meiner Kollegen abtransportiert, und die Belegschaft wurde angewiesen, nichts darüber nach draußen dringen zu lassen. Eine Kollegin hat deshalb gekündigt und uns von der Sache erzählt, bevor sie den Betrieb verließ. Sie haben die Produktion nicht unterbrochen und keine Tiefenreinigung durchgeführt – sie haben nur gewartet, bis sie einen Ersatz gefunden haben, und weiter ging’s …“

Über die Reaktion der Konzernleitung und der UAW-Funktionäre in dem Werk sagte er: „Unsere Gesundheit und Sicherheit und die Sicherheit unserer Familien sind ihnen egal.“

Ein dritter Jeep-Mitarbeiter berichtete dem Autoworker-Newsletter: „Sie geben dir eine Flasche mit 70-prozentigem Waschbenzin und ein paar Lumpen, und damit sollst du die Maschinen saubermachen. Die Lumpen sind so alte T-Shirts, die aussehen, als ob jemand sie im Auto rumliegen hatte. Es gibt überhaupt keine Sicherheit. Wir stehen uns gegenseitig quasi auf den Füßen. Social-Distancing ist in dem Werk unmöglich.“

„Es geht ihnen nur ums Geldscheffeln“, fährt er fort. „Sie geben niemandem Bescheid, wenn er Kontakt mit einem Infizierten hatte. Eine Freundin von mir wurde positiv getestet. Woher wollen sie wissen, wer mit wem Kontakt hatte? Sie haben nicht mal ihre Gruppe informiert. Sie selbst hat es dem Rest der Gruppe sagen müssen.“

In den Autowerken und Zulieferbetrieben herrschen erschütternd unsichere Bedingungen. Ein Arbeiter des Ford-Fertigungswerks in Louisville schrieb am Donnerstag auf Facebook über die Entwicklung: „Sie haben die ganze Karosserie-2 geschlossen, um die Leute auf die Stellen zu verteilen, wo es Covid-Fälle gab, weil sich dort die meisten krankgemeldet haben. Aber 90 Prozent der Leute von Karosserie-2 sind raus und haben sich ebenfalls krankgeschrieben, statt in den infizierten Bereich zu gehen. DAS nenne ich SOLIDARITÄT!“

Ford Montagewerk in Louisville

Eine langjährige Arbeiterin des General Motors-Montagewerks in Wentzville bei St. Louis berichtete der WSWS, die Zahl der gemeldeten Fälle sei dort am Donnerstag auf fast zwanzig angestiegen und sei seither noch weiter gestiegen. Sie erklärte, GM betrachte die Infektionen als „Außerhalb-Fälle“ und leugne, dass sie sich in dem Werk ereignet haben. „Wie kommen sie dazu zu sagen, dass das nichts mit GM zu tun hat, wenn wir dem Virus doch täglich ausgesetzt sind?“ fragt sie. „Warum wird bei uns nicht auch nach Feierabend Fieber gemessen, wie bei Schichtbeginn?“

In den Zulieferbetrieben ist die Lage noch schlimmer. Ein Mitarbeiter von Flex-N-Gate in Detroit schreibt: „Man bekommt Punkte [d.h. Strafpunkte für Abwesenheit], auch wenn man ein ärztliches Attest hat. Das haben sie vorher nicht gemacht. Ich bin hier seit fast zwei Jahren und es bricht mir das Herz, dass so viele von uns solche Bedingungen haben.“

Ein anderer Zulieferer-Arbeiter schreibt: „Ich habe von einem Beschäftigten bei Piston Automotive [außerhalb von Detroit] gehört, dass sich ein Kollege bei der Arbeit übergeben musste und nach Hause geschickt wurde. Bevor er ging, erklärte er noch, seine Mutter sei positiv auf Covid-19 getestet worden. Ein anderer Kollege kam zur Arbeit und erklärte, er habe mit einem Erkrankten Kontakt gehabt. Ich schreibe euch, um zu fragen, ob man das untersuchen könnte. Wir haben eine Familie zu Hause, eins der Kinder hat Asthma. Ihr werdet also verstehen, dass ich mir große Sorgen mache.“

In Mexiko, wo die Zahl der Corona-Infektionen regelrecht explodiert, tun Arbeiter was sie können, um Widerstand gegen den „Back-to-Work“-Kurs des mexikanischen Präsidenten Andres Manuel Lopez Obrador zu leisten. Mit über 282.000 bestätigten Fällen hat die Pandemie in dem Land bislang mehr als 33.500 Todesopfer gefordert.

Arbeiter des GM-Komplexes in Silao im mexikanischen Bundesstaat Guanajuato berichteten dem Autoworker Newsletter von siebzehn Covid-19-Fällen und fünf Todesopfern in ihrem Betrieb. Das Management und die Gewerkschaft weigern sich, mutmaßliche oder bestätigte Fälle anzuerkennen, und haben die Belegschaft gezwungen, in diesem Jahr insgesamt drei „Vertraulichkeitsvereinbarungen“ zu unterzeichnen. Diese verbieten es ihnen, mit irgendjemandem über die Bedingungen im Werk zu sprechen.

Mitglieder von Generando Movimiento im GM-Werk von Silao

Das Werk in Silao arbeitet bei etwa 80 Prozent seiner Kapazität, obwohl im Bundesstaat Guanajuato offiziell „Alarmstufe rot“ herrscht. Das bedeutet, dass Autowerke eigentlich nur mit 30 Prozent ihrer Kapazität in Betrieb sein dürften. Die Krankenhäuser des Bundesstaats sind von der Pandemie völlig überfordert.

Die Gruppe „Generando Movimiento“ ermutigt Arbeiter des Werks, Infektionen und unsichere Bedingungen zu melden. Seine Mitglieder haben dem Autoworker-Newsletter berichtet, dass am letzten Donnerstag erneut ein Kollege, Gilberto Medrano Ramirez (57)¸ gestorben sei. Am 2. Juli war Ramirez von GM nach Hause geschickt worden, wie es in einem vom Betriebsarzt unterzeichneten Dokument heißt. Dasselbe Dokument stellt „eine Infektion der Atemwege“ und „Verdacht auf Covid-19“ fest. Die staatliche Gesundheitsbehörde IMSS hatte Ramirez fortgeschickt, ohne ihn auf das Virus zu testen.

 

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