Berlin: Trotz Virusausbrüchen Rückkehr zum Regelbetrieb an Schulen und Kitas

Von Carola Kleinert
25. Juni 2020

Unmittelbar vor den Sommerferien, die in diesen Tagen in den ersten Bundesländern beginnen, steigen die Covid-19-Infektionen bundesweit rasant an. Dennoch werden die Aufhebung von Schutzmaßnahmen und die Wiederaufnahme des Regelbetriebs in Schulen und Kindertagesstätten überall rigoros vorangetrieben.

Derzeit am schlimmsten betroffen ist Nordrhein-Westfalen mit über 2000 Neuinfizierten. Mitte dieser Woche musste in den beiden Landkreisen Gütersloh und Warendorf (wo sich der Betrieb Tönnies befindet) erneut ein Lockdown verhängt werden. 60 Schulen wurden allein in diesem Bundesland geschlossen.

Mit über 570 Neuinfizierten steht Berlin aktuell auf dem zweiten Platz, gefolgt von Niedersachsen mit rund 340 Neuinfektionen. Insgesamt haben sich in Deutschland in den letzten sieben Tagen rund 4500 Personen mit dem Virus neu infiziert.

Die explosionsartige Entwicklung der Infektionsrate geht nicht nur auf die Fleischfabrik Tönnies zurück, wo neben den sklavenähnlichen Wohn- und Lebensumständen auch die katastrophalen Arbeitsbedingungen die Verbreitung des Virus befeuern.

In Berlin mit mittlerweile rund 8000 infizierten Personen sind ebenfalls zunehmend Wohnblöcke und Schulen betroffen. Zum einen ist es den Familien in den Mietskasernen innerhalb der viel zu engen Wohnverhältnisse nicht möglich, Abstandsregeln zu wahren. Zum anderen trägt die Öffnung der Schulen und Kitas zur Einschleppung des Virus in die Familien unmittelbar bei.

Die verspäteten Schließungen von Betreuungs- und Schuleinrichtungen Mitte März sowie deren verfrühte schrittweise Öffnung seit Mitte April haben bereits zur Infizierung von fast 900 Kindern, Jugendlichen und Auszubildenden im Alter von bis zu 19 Jahren geführt. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher, da selbst bei Kontakt mit einer infizierten Person nicht zwangsläufig Tests durchgeführt werden.

Seit Ausbruch der Epidemie haben sich rund 190 Kinder unter vier Jahren sowie circa 180 Fünf- bis Neunjährige aus den Kitas, Tagesbetreuungsgruppen und Grundschulen infiziert. Unter den Zehn- bis Vierzehnjährigen stieg die Zahl der bekannten Infektionen auf über 230.

In der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen konnte man bei 280 Personen eine Infizierung nachweisen. Diese Altersgruppe befindet sich zum großen Teil in den Abschlussklassen der Schulen und Gymnasien, die in den letzten Tagen und Wochen die in der Öffentlichkeit hoch umstrittenen Abschluss- und Abiturprüfungen ablegen mussten.

Mitte Juni mussten im Berliner Bezirk Charlottenburg vier Schulen wegen Covid-19-Infektionen mehrtägig schließen. Das Kant-Gymnasium in Spandau, mit rund 700 Schülern, war ebenfalls wegen positiv getesteter 20 Schüler und Lehrer geschlossen. Über 100 Jugendliche und Lehrkräfte wurden unter Quarantäne gestellt.

Im Berliner Arbeiterbezirk Neukölln wurde Anfang Juni bei 36 Schülern verschiedener Schulen das Virus festgestellt, weshalb sich seit Mitte Juni sieben Wohnblocks mit insgesamt 369 Haushalten unter Quarantäne befinden.

Seit Anfang dieser Woche stehen die etwa 200 Bewohner eines Hochhauses am Berliner Ostbahnhof unter Quarantäne. Bei 44 Erwachsenen und Kindern wurde das Virus nachgewiesen.

Während ernsthafte Virologen längst vor den örtlichen und hygienischen Bedingungen in Tageseinrichtungen und Schulen warnten, zeigen die aktuellen Erfahrungen in Israel, dass ein Großteil der Neuinfektionen direkt von Schülern übertragen wird.

Doch Schulen und Kitas werden ohne Rücksicht auf die Sicherheitsbedenken von Fachleuten und Betroffenen schrittweise geöffnet. Das Tragen des Nasen-Mund-Schutzes in den Einrichtungen wurde empfohlen, jedoch nicht durchgesetzt. Lehrer, Eltern und Schüler haben vielfach berichtet, dass in ihren Einrichtungen „meist keine Maske“ getragen werde.

Desinfektionsspender sind überwiegend nicht kontaktlos, teilweise gar nicht vorhanden. Eine qualitativ hochwertige Desinfektion der Räumlichkeiten erfolgt nicht. Das Lehr- und Betreuungspersonal ist dafür selbst verantwortlich.

Der Mindestabstand von 1,50 Metern wurde zwar eingeführt, kann jedoch schon aufgrund räumlicher und örtlicher Bedingungen nicht überall konsequent durchgesetzt werden. „Es ist der Politik völlig egal, dass Abstandsregeln nicht eingehalten werden können“, empörte sich ein Erzieher aus Berlin gegenüber der WSWS.

Selbst umfassende und flächendeckende Testmaßnahmen zur Entdeckung von Infizierten sind bis zum heutigen Tag nicht durchgeführt worden. Eine Berliner Lehrerin berichtete, dass bisherige Teststrategien wieder „heruntergefahren wurden.“

Von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) haben Lehrer und Erzieher keine Unterstützung zu erwarten. Während sie die jahrelange Kürzungspolitik im Bildungssektor unterstützt und mit vorangetrieben hat, kämpfte sie weder gegen die verspäteten Schließungen noch gegen die verfrühten Öffnungen. Sie fordert lediglich eine Zusammenarbeit mit dem Senat zwecks Verhandlung über einen sogenannten Corona-Bildungspakt. Ziel des Paktes sei vor allem die Verkleinerung von Lerngruppen, die zusätzliche Einstellung von Lehrkräften und die Schaffung digitaler Lernplattformen.

Die Verwehrung qualitativ hochwertigen Schutzes der Kinder und des pädagogischen Personals ist Teil der heimlichen Durchseuchungsstrategie der Regierung, die die katastrophalen gesundheitlichen Folgen für die Betroffenen billigend in Kauf nimmt.

Dass sich die größte Menge von Infektionen derzeit auf einzelne Wohnblöcke konzentriert, ist kein Grund zur Beruhigung. Im Gegenteil. Wie der Virologe Christian Drosten in seinem aktuellen Podcast betont, handelt es sich nicht einfach um ein in die Schulen eingeschlepptes Infektionsgeschehen.

Er bezieht sich auf die Infektionsnachweise in Berlin-Charlottenburg, wo „mehrere Schüler und Schulbeschäftigte gleichzeitig betroffen“ sind, was eigentlich nur „durch eine Weiterübertragung in der Schule“ erklärbar sei.

Die Behauptung der Senatsverwaltung, dass bisher „einzelne Infektionen in die Schulen hineingetragen“ wurden, „jedoch durch Testung der Kontaktpersonen in Quarantäne weitere Ansteckungen verhindert“ worden seien, ist lächerlich. Mit Tests lassen sich keine Infektionen verhindern, sondern nur nachweisen.

Darüber hinaus ist – nicht zuletzt durch einen Offenen Brief der Berliner Gesundheitsämter an die Senatsverwaltung – bekannt, dass ausgerechnet die Ämter, die für Testung, Ermittlung von Kontaktpersonen und Erlass von Quarantänemaßnahmen verantwortlich sind, hoffnungslos überlastet sind.

Wie viele andere berichtete Philipp Hummel auf Twitter von seinen Erfahrungen: „Meine Frau arbeitet an einer Schule in Berlin, an der es Coronafälle gibt. Seit Freitag [vergangener Woche] ist bekannt, dass sie Erstkontakt mit einer infizierten Person hatte. Bis heute wurde sie nicht getestet, wie andere Erstkontakte auch. Das Gesundheitsamt sagt, es sei überlastet.“

Trotz des beunruhigenden Anwachsens der Covid-19-Fälle werden vom rot-rot-grünen Senat unter dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller und der Schulsenatorin Andrea Scheeres (beide SPD) die bisher geltenden Kontaktbeschränkungen ab diesen Samstag aufgehoben und die Wiederaufnahme des Regelbetriebs in den Kindertagesstätten und Ferienhorteinrichtungen ungebremst vorangetrieben.

Diese Maßnahmen werden ihrerseits dazu führen, dass sich das Virus noch schneller in der Bevölkerung verbreitet.

Bereits mit einem Rundschreiben vom 10. Juni hob die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie den schulischen Sicherheitsmindestabstand von 1,50 Meter auf und kündigte zugleich die Rückkehr zum Regelbetrieb in den Einrichtungen mit Beginn der Sommerferien am 25. Juni an. Damit stellt die Landesregierung sicher, dass alle Eltern ihre Kinder in die staatliche Ferienbetreuung geben und selbst ihrer Arbeit am Arbeitsplatz nachkommen können.

Nach den Sommerferien soll mit Ausnahme der Fächer Sport, Musik, Theater und Schwimmen der Regelbetrieb in allen Jahrgängen, Schularten und Ganztagsangeboten aufgenommen werden. Selbst die Einschulungsfeiern sollen stattfinden.

Um einen hohen Gesundheitsschutz „aller Mitglieder der Schulgemeinschaften und ihrer Angehörigen“ zu erreichen sowie Informationen über Häufigkeit und Ausbreitung des Virus zu gewinnen, werde derzeit die Umsetzung eines „Konzepts zur gemeinsamen Teststrategie“ vorbereitet, so die Behörde.

Unabhängig von der Überlastung der Gesundheitsämter bleibt die Frage völlig offen, wie die Ferienhorteinrichtungen, Kitas oder jeweiligen Schulen mit einem zukünftigen Infektionsgeschehen umgehen werden.

Tests verhindern keine Ausbreitung des Covid-19-Virus. Wie alle Eltern und Schüler, so fragt auch der Virologe Drosten in diesem Zusammenhang im Podcast vom vergangenen Dienstag: „Man kann einen Virus nicht wegtesten… Was ist, wenn wir plötzlich feststellen, dass wir überall die Schulen nochmal schließen müssen?“

Er warnt eindringlich: „Wir sehen jetzt, wie das Virus wieder kommt, und nicht nur um diesen Ausbruch herum [Fleischfabrik Tönnies], sondern wir haben auch in Berlin und anderen Orten in Deutschland eindeutige Anzeigen dafür.“ Er fährt fort: „Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemietätigkeit angeht.“

Während den Schul- und Kita-Einrichtungen selbst der Minimalschutz des Mindestabstands entzogen wird und sämtliche Kontaktbeschränkungen aufgehoben werden, appelliert der Regierende Bürgermeister Müller scheinheilig an die „Eigenverantwortung“.

Um sich vor Ansteckung wirkungsvoll zu schützen, müssen sich Schüler, Eltern und Lehrer in Aktionskomitees zusammenschließen, für umfangreiche Schutzmaßnahmen kämpfen und deren Durchführung überprüfen.

 

Siehe auch:

Nein zur Wiedereröffnung der Schulen!
[20. Juni 2020]

Menschenverachtende Quarantänebedingungen in Berlin-Neukölln
[24. Juni 2020]

Die gefährliche Wiederöffnung von Schulen und Kitas
[18. Juni 2020]

 

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