Corona-Hotspot Tönnies: Profit vor Gesundheit und Leben

23. Juni 2020

In den Fleischwerken Tönnies im Kreis Gütersloh (Nordrhein-Westfalen) sind bis zum Montag 1553 Arbeiter positiv auf Covid-19 getestet worden. Es handelt sich um die größte Masseninfektion in Deutschland, seitdem vor fünf Monaten der erste Corona-Fall nachgewiesen wurde.

Mindestens zwanzig infizierte Arbeiter werden bisher in einem der vier Krankenhäuser des Landkreises stationär behandelt, fünf davon auf der Intensivstation. Knapp 7000 Tönnies-Beschäftigte befinden sich in Quarantäne. Die Schulen und Kitas des ostwestfälischen Landkreises mussten wieder geschlossen werden.

Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück

Seit dem gestrigen Montag ruht auch die Produktion in Rheda-Wiedenbrück, die trotz hunderter positiver Tests bis zur Verarbeitung aller Fleischvorräte fortgeführt wurde. Ein anderer Tönnies-Schlachthof in Weißenfels (Sachsen-Anhalt) fährt jetzt die Produktion hoch, um dem geschlossenen Betrieb das Schlachtvieh abzunehmen.

Der massive Corona-Ausbruch ist das Ergebnis einer bewussten Politik, die die Profite der Wirtschaft höher stellt als die Gesundheit und das Leben der Arbeiter und die von allen im Bundestag vertretenen Parteien unterstützt wird.

Die skandalösen Zustände in den Schlachthöfen sind seit Jahren bekannt. Über Werkverträge und ein verschachteltes System von Subunternehmen werden dort vor allem osteuropäische Arbeiter zu Bedingungen ausgebeutet, die jeder Beschreibung spotten. Sie stehen zehn, zwölf oder mehr Stunden lang an den Fließbändern und verdienen nach Abzug von Vermittlergebühren, Transport- und Unterkunftskosten oft nur einen Bruchteil des gesetzlichen Mindestlohns.

In den Sammelunterkünften und Werkswohnungen fanden die Landesbehörden Überbelegungen, Einsturzgefahr, undichte Dächer, Schimmelpilz, katastrophale Sanitäreinrichtungen, Rattenbefall und Brandschutzmängel. Bei der Überprüfung von 650 Unterkünften, in denen mehr als 5300 Menschen leben, gab es 1900 mittlere und gravierende Beanstandungen. Dass sich hier die notwendigen Hygienemaßnahmen nicht durchführen lassen, ist offensichtlich.

Mit der Corona-Pandemie haben sich aber nicht nur die Unterkünfte, sondern vor allem die Schlachtbetriebe selbst in lebensgefährliche Hotspots verwandelt. Von den 6650 Arbeitern, die bei Tönnies getestet wurden, waren durchschnittlich etwas mehr ein Fünftel infiziert. In der Zerlegung, wo Schweinehälften zergliedert werden, waren es zwei Drittel. Hier stehen die Arbeiter Ellbogen an Ellbogen an den Fließbändern. Die Luft wird ständig heruntergekühlt und ist feucht. Die Arbeit ist körperlich äußerst anstrengend, was dazu führt, dass die Arbeiter tief ein- und ausatmen und sich ihre Aerosolwolken weit ausbreiten.

Die Gefährlichkeit von Fleischfabriken ist auch aus anderen Ländern bekannt. So haben sich allein in der US-amerikanischen Fleischindustrie 25.000 Arbeiter mit dem Coronavirus infiziert, von denen 91 gestorben sind. Trotzdem lief die Produktion bei Tönnies auch dann noch voll weiter, als Anfang Mai in mehreren deutschen Schlachthöfen hunderte Infektionen festgestellt wurden. Auch bei Tönnies selbst gab es schon im März einen Corona-Fall, und vor sechs Wochen wurden mehrere Arbeiter positiv getestet.

Die Politiker, die jetzt jammern, es werde „aus Gründen der Profitmaximierung mit der Gesundheit der Beschäftigten gespielt“ (NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, CDU), und Krokodilstränen über die „Ausbeutung von Menschen“ (Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, SPD) vergießen, sind direkt für die Katastrophe bei Tönnies verantwortlich.

Die SPD hat mit den Hartz-Gesetzen schon vor 15 Jahren die Voraussetzungen für die brutalen Ausbeutungsbedingungen in der Fleischindustrie geschaffen. Jetzt ist sie Teil einer Bundesregierung, die rücksichtslose Lockerungen befürwortet und anordnet. Zusammen mit den Landesregierungen aller politischen Couleurs – von AfD über CDU/CSU, FDP, SPD und Grüne bis hin zur Linkspartei – betreibt die Regierung die schnellstmögliche Aufhebung aller Pandemiegebote und Lockdowns.

Mit der Öffnung von Schulen und Kitas hat sie Konzernbossen wie Tönnies signalisiert, dass die Interessen der Wirtschaft trotz nach wie vor bestehender Corona-Gefahr an erster Stelle stehen. Auch in Ostwestfalen wurde der Lockdown bisher nicht wieder eingeführt, und dies obwohl die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner im Kreis Gütersloh mit 243 weit über der Marke von 50 liegt, die die Regierung selbst als Schwelle für eine Rückkehr zum Lockdown festgelegt hatte.

Firmenpatriarch Clemens Tönnies, der es dank rücksichtsloser Ausbeutungsmethoden vom Metzgerssohn zum Milliardär gebracht hat, ist bestens in der Politik vernetzt. Er ist seit 19 Jahren Aufsichtsratsvorsitzender des Erstligaclubs FC Schalke 04 und verfügt damit über ein dichtes Beziehungsgeflecht. Der CDU, die mit Armin Laschet in NRW den Ministerpräsidenten stellt, hat seine Firma insgesamt 147.000 Euro gespendet.

Prominentestes Mitglied im Beirat der Tönnies Holding ist Siegfried Russwurm, amtierender Aufsichtsratschef von Thyssenkrupp und Voith, sowie früheres Vorstandsmitglied von Siemens. Russwurm wurde vergangene Woche als neuer Präsident des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie) vorgeschlagen. Zur Corona-Pandemie zitiert ihn das Manager-Magazin mit den Worten, er wolle sich dafür einsetzen, „dass die Unternehmen in Deutschland und Europa die heftige Rezession möglichst rasch überwinden“ sollten, um an die Weltspitze zu gelangen.

Obwohl gegen Tönnies selbst und seine Firma zahlreiche Ermittlungsverfahren liefen – u.a. wegen Betrugs, Steuerhinterziehung, Preisabsprachen, Bestechung, Falschetikettierung und Videoüberwachung von Mitarbeitern –, sie mehrmals zu hohen Geldstrafen verurteilt wurden und die skandalösen Zustände in den Betrieben immer wieder für Schlagzeilen sorgten, schadete das ihrem Aufstieg nicht. Tönnies ist Deutschlands größter Schlachtbetrieb und beschäftigt weltweit rund 16.000 Arbeiter. 2019 verzeichnete die Unternehmensgruppe einen Rekordumsatz von 7,3 Milliarden Euro und hatte bei Schweineschlachtungen einen Marktanteil von 30 Prozent.

Der Corona-Ausbruch bei Tönnies gibt den Blick frei auf Verhältnisse, wie sie in immer größeren Teilen der Industrie gang und gäbe sind und zur Bereicherung einer dünnen Oberschicht von Milliardären beitragen. Unter ähnlichen Bedingungen arbeiten heute tausende Arbeiter in der Auto- und Metallindustrie, auf dem Bau, in der Pflege, in der Gastronomie, an den Flughäfen, im privaten und öffentlichen Transport, etc. Sie alle sind gezwungen, trotz anhaltender Corona-Gefahr weiter zur Arbeit zu gehen.

Obwohl die Corona-Neuinfektionen weltweit immer neue Rekorde erreichen und auch in Deutschland wieder ansteigen, sind die politischen Parteien entschlossen, alle Einschränkungen aufzuheben und keine neuen zu erlassen – auch wenn dies zu einem Ansteigen der Infektionen und zehntausenden Toten führt.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der den CDU-Vorsitz und die Nachfolge Angela Merkels im Kanzleramt anstrebt, ist seit langem ein Vorreiter dieser Öffnungspolitik, die auch von allen anderen Parteien unterstützt wird. So hob Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei als erster alle verbindlichen Regelungen auf.

In diesem Zusammenhang ist es ein Warnsignal, dass 65 Bundeswehrsoldaten zum Einsatz kamen, um die Lage bei Tönnies unter Kontrolle zu bekommen. Es handelte sich zwar vorwiegend um Sanitäter, die Corona-Tests durchführten, doch wird damit ein Präzedenzfall geschaffen. Die Herrschenden bereiten sich darauf vor, jeden Widerstand gegen ihre rücksichtslose Lockerungspolitik und die sozialen Folgen der Corona-Krise gewaltsam zu unterdrücken.

Im Kreis Gütersloh werden die Quarantänemaßnamen gegen die Tönies-Beschäftigten, die oft der deutschen Sprache nicht mächtig sind, schon jetzt mit einem martialischen Polizeiaufgebot und großer Rücksichtslosigkeit durchgesetzt. Ganze Häuserzeilen werden dabei mit Bauzäunen abgeriegelt. Ministerpräsident Laschet hat wiederholt versucht, feindliche Stimmungen gegen osteuropäische Arbeiter zu schüren. So behauptete er anfangs ohne jeden Beleg, das Virus sei von zurückkehrenden Rumänen und Bulgaren eingeschleppt worden.

Zu welchem brutalen Vorgehen dies führt, konnte man am Samstagabend im niedersächsischen Göttingen verfolgen. Dort ging die Polizei gewaltsam gegen die 700 Einwohner eines Hochhauseses vor, in dem knapp 120 Menschen infiziert sind, und das deshalb seit Tagen strikt abgeriegelt wird. Etwa 200 Einwohner protestierten, als sie ein zweites Mal getestet werden sollten und offenbar aus sprachlichen Gründen nicht verstanden, warum. Darauf gingen 300 Einsatzpolizisten gegen sie vor und setzten massiv Pfefferspray ein, auch gegen Frauen und Kinder.

Dabei sind die Zustände in dem Haus unerträglich. Die Wohnungen, in denen teilweise Familien mit mehreren Kindern leben, sind laut Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) lediglich zwischen 19 und 37 Quadratmeter groß. Für die 200 Kinder, die das Haus nicht verlassen dürfen, ist dies eine Tortur.

Vor 115 Jahren schrieb Upton Sinclair in seinem Roman „Der Dschungel“ über die Fleisch-Trusts von Chicago, sie seien „die Verkörperung blinder, gefühlloser Habgier“ und „ein mit tausend Rachen schlingendes, mit tausend Hufen stampfendes Ungeheuer – der inkarnierte Geist des Kapitalismus.“ Offensichtlich erleben wir heute eine Rückkehr dieser Zustände.

Die Sozialistische Gleichheitspartei und die World Socialist Web Site rufen deutsche wie ausländische Arbeiter in der Fleisch- und allen anderen Industrien auf, sich unabhängig von den Gewerkschaften gemeinsam in Aktionskomitees zusammenzuschließen, um den notwendigen Schutz der Beschäftigten und der Bevölkerung durchzusetzen.

Erkrankte Arbeiter, egal welcher Nation, müssen die bestmögliche Pflege und uneingeschränkte Lohnfortzahlung bekommen, ebenso alle Arbeiter, die jetzt durch die Quarantäne kein Geld verdienen können.

Um dies zu finanzieren, müssen Milliardäre wie Clemens Tönnies und seine Familie, aber auch mafiöse Subunternehmer, die von der Ausbeutung verarmter Arbeiter profitieren, entschädigungslos enteignet und entmachtet werden. Dies kann nur auf der Grundlage eines internationalen und sozialistischen Programms verwirklicht werden.

Marianne Arens und Peter Schwarz

 

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