Nein zur Wiedereröffnung der Schulen!

Gründet Aktionskomitees zum Schutz von Schülern und Lehrern!

Von den International Youth and Students for Social Equality
20. Juni 2020

Die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) lehnen die Wiedereröffnung der Schulen in Deutschland und Europa unter unsicheren Bedingungen inmitten der Covid-19-Pandemie strikt ab. Wir rufen Schüler, Lehrer, Schulpersonal und Eltern zur Bildung von Aktionskomitees auf, um Schüler und Personal vor der Bedrohung durch die Corona-Pandemie zu schützen.

Wenn es nach der großen Koalition und den Landesregierungen geht, sollen die meisten Schulen und Kitas noch im Laufe dieses Monats den „Normalbetrieb“ wieder aufnehmen. Abstandsregeln, Masken, Tests und Infektionsschutz bleiben dabei auf der Strecke. Spätestens nach den Sommerferien soll der Regelbetrieb in allen Bundesländern uneingeschränkt wieder laufen. Mit dieser Politik steuern die Verantwortlichen bewusst auf eine zweite Welle der tödlichen Pandemie zu.

Bereits in der letzten Woche gab es massive neue Ausbrüche von Covid-19. In Berlin-Neukölln breitete sich das Virus in sieben Wohnblöcken rasant aus. Innerhalb kürzester Zeit infizierten sich mindestens 70 überwiegend arme Menschen. Ans Licht kam der Ausbruch lediglich, weil die örtlichen Gesundheitsbehörden bei einer Testreihe auf infizierte Schülerinnen und Schüler gestoßen waren. Der jüngste Corona-Ausbruch im Schlachthof Tönnies in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh mit mehr als 800 infizierten Arbeitern ist der bisher größte seit Beginn der Pandemie.

Unter diesen Bedingungen hat die Wiedereröffnung der Schulen nichts mit echter Sorge um die Bildung und das Wohlergehen der Kinder zu tun. In Wirklichkeit ist die Öffnung der Schulen Teil einer umfassenden Rückkehr an die Arbeit. Millionen von Eltern werden wieder in Betriebe zurückgeschickt, die nicht systemrelevant sind. Lehrer, Schüler und sogar Kleinkinder werden einer unsicheren Umgebung ausgesetzt, die sich schnell zu neuen Brutstätten für Covid-19 entwickeln werden.

Die Behauptung, Kinder würden sich deutlich weniger anstecken als Erwachsene, ist mittlerweile widerlegt. Schon vor Wochen hatte der Charité-Virologe Christian Drosten nachgewiesen, dass sich im Rachen von Kindern eine ebenso große Virenlast wie bei Erwachsenen findet. In seinem Coronavirus-Podcast vom 16. Juni verwies Drosten außerdem auf eine Untersuchung aus Schweden, wo die Schulpflicht zu keinem Zeitpunkt ausgesetzt wurde. Unter Kindern und Jugendlichen bis 19 Jahren, so Drosten, sei der Anteil der Menschen mit entsprechenden Antikörpern dort höher gewesen als unter Erwachsenen. Dies deute darauf hin, dass junge Menschen vermutlich sogar stärker von Infektionen betroffen seien als ältere.

Weil die schwedische Regierung zuließ, dass sich das Virus ungehindert ausbreiten konnte, hat das Land mittlerweile – bezogen auf die Einwohnerzahl – viermal so viele Covid-19-Tote zu beklagen wie Deutschland. Doch die Äußerungen der Kultusminister und die Richtlinien der Landesregierungen zeigen, dass insgeheim auch in Deutschland die pseudowissenschaftliche und mörderische Strategie der „Herdenimmunität“ verfolgt wird, die in Schweden und Großbritannien bereits in die Katastrophe geführt hat.

Von CDU bis Linkspartei fordern sämtliche verantwortliche Politiker eine „Rückkehr in die Normalität“, um die Wirtschaft wiederzubeleben und die gigantischen Summen, die im Rahmen der sogenannten Corona-Rettungspakete vor allem an die Großunternehmen, Banken und Superreichen geflossen sind, aus der Arbeiterklasse herauszupressen. Dafür sind sie bereit, die Gesundheit und das Leben von Hunderttausenden zu opfern.

Die oberste moralische und berufliche Pflicht von Lehrkräften ist es, Kinder sicher zu betreuen und zu beschützen. Unter normalen Umständen kann jeder Verstoß gegen Sicherheitsregeln zum Anlass genommen werden, um eine Schule zu schließen, ihre Leitung abzusetzen oder Personal zu entlassen. Doch nun fordert die Regierung tausende Schulen auf, gegen diese Schutzpflicht zu verstoßen!

Auch das Beispiel Israel zeigt, welche Gefahren von dieser Politik ausgehen. Dort hatte die Regierung Anfang des Monats nach vorheriger Öffnung fast 130 Schulen und Kindergärten wieder schließen müssen. 347 Schüler und Lehrer hatten sich innerhalb weniger Wochen nachweislich infiziert – 56 Prozent davon in Jerusalem und davon wiederum drei Viertel (148) in einem einzigen Gymnasium.

In einem Bericht über solche „Superspreading“-Ereignisse – also Reihenansteckungen mit dutzenden und hunderten Infizierten – fasste die Süddeutsche Zeitung am Dienstag die Ergebnisse mehrerer internationaler Studien zusammen. Unter Verweis auf die Masseninfektionen in Israel und gestützt auf die Erkenntnisse führender Forscher aus Großbritannien und Japan schlussfolgerte die Zeitung: „Nähe, schlecht belüftete Räume, schnelles Atmen, lautes Sprechen oder Singen sind Risikofaktoren für Covid-19-Ausbrüche.“

Mit anderen Worten: Klassenzimmer, Umkleidekabinen und Turnhallen werden sich rasch zu den neuen Infektionsherden der Pandemie entwickeln – v.a. dann, wenn Schüler und Lehrer nicht ausreichend getestet werden.

Alle Lehrer, mit denen die World Socialist Web Site in den letzten Wochen sprach, berichteten übereinstimmend, dass Tests auf das SARS-Cov2-Virus selbst dann nicht durchgeführt werden, wenn Schüler oder Lehrer Symptome zeigen.

Unter Eltern, Lehrkräften und Arbeitern herrscht eine überwältigende Opposition gegen die Öffnung der Schulen. Diese gilt es nun zu organisieren. Lehrer und Schüler wissen aus bitterer Erfahrung, dass sie sich dabei nicht auf die Gewerkschaften stützen können. Verdi, GEW und Beamtenbund haben in den vergangenen Jahren immer wieder Lehrerproteste ausverkauft und massive Kürzungen bei Erziehung und Bildung unterstützt. Nun arbeiten sie eng mit den Landesregierungen zusammen, um die Schulöffnungen in den jeweiligen Bundesländern rücksichtslos durchzusetzen.

Lehrkräfte, Schüler und Eltern müssen unabhängig handeln und Aktionskomitees gründen, um die Sicherheit und das Wohlergehen von Kindern, Beschäftigten, Familien und Kommunen zu gewährleisten.

Die International Youth and Students for Social Equality schlagen folgende Forderungen als Grundlage für einen solchen Kampf vor:

Die Corona-Pandemie hat die Fäulnis der kapitalistischen Gesellschaft und die immense soziale Ungleichheit offengelegt. Die Behauptung, Lehrer würden sich nicht für benachteiligte Kinder interessieren, ist eine bösartige Verleumdung.

Bereits vor der Pandemie lebten mindestens 2,5 Millionen Kinder in Deutschland in Armut, d.h. sieben in einer 30-köpfigen Klasse. Im Zuge der geplanten Massenentlassungen in der Industrie, im Einzelhandel und anderen Wirtschaftsbereichen wird dieser Wert noch stark steigen. Psychische Gesundheitsprobleme und prekäre Familienverhältnisse werden dadurch weiter zunehmen.

Schon heute leben 1,5 Millionen Kinder in Familien, die von Hartz IV abhängig sind und oft nicht einmal genug zu essen haben. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts von 2018 zeigten 16,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland „psychische Auffälligkeiten“ wie „Aggressivität“, „Ängstlichkeit“ und „Depressivität“ – vor allem Kinder aus armen Familien sind betroffen.

Die IYSSE betonen, dass der Kampf gegen die Pandemie untrennbar mit dem Kampf der Arbeiter gegen die herrschende Klasse – die Wirtschafts- und Finanzoligarchie – und deren Diktatur über das wirtschaftliche und politische Geschehen verbunden ist. Es handelt sich um einen Kampf gegen den Kapitalismus und für den Sozialismus, d.h. für die vollständige Umgestaltung der Gesellschaft auf der Grundlage sozialer Bedürfnisse statt des Profitstrebens.

Wir rufen alle Schüler und Lehrkräfte auf, unser Programm zu studieren und sich mit uns und der Sozialistischen Gleichheitspartei in Verbindung zu setzen, wenn sie in ihren Schulen und Einrichtungen Unterstützung beim Aufbau von Aktionskomitees und der Umsetzung der von uns vorgeschlagenen Politik benötigen.

 

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