Großbritannien: Covid-19-Todesrate unter Arbeitern mehr als doppelt so hoch wie unter Reichen

Von Simon Whelan
19. Juni 2020

Anfang Mai kommentierte die Financial Times Daten der britischen nationalen Statistikbehörde (ONS): „Dass sich Prinz Charles und Premierminister Boris Johnson mit dem Virus infiziert haben könnten, hat gezeigt, dass niemand dagegen immun ist. Die Studie des ONS ist jedoch zu dem Ergebnis gekommen, dass die Infizierten in den sozial benachteiligten Gebieten der Innenstädte viel eher daran sterben.“

Die jüngsten Daten des ONS zeigen, dass die Coronavirus-Todesrate in den sozial am stärksten benachteiligten Regionen Englands mehr als doppelt so hoch ist wie in den am wenigsten benachteiligten Gebieten.

Der neue Bericht „Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 nach Gebieten und sozioökonomischer Benachteiligung: Todesfälle zwischen dem 1. März und dem 31. Mai 2020“ zeigt, dass die Todesrate in den Arbeitervierteln von England und Wales doppelt so hoch ist wie in den reichsten Regionen.

Das ONS nennt 46.687 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus in England und Wales zwischen dem 1. März und dem 31. Mai, was einem Viertel aller Todesfälle in diesem Zeitraum entspricht. Insgesamt bedeutet dies, dass in England und Wales 81,2 Tote auf 100.000 Einwohner kamen.

Im beobachteten Zeitraum lag die Todesrate im Zusammenhang mit dem Coronavirus in den am wenigsten benachteiligten Gebieten (oberste 10 Prozent) bei 58,8 pro 100.000 Einwohner. In den am stärksten benachteiligten Gebieten (unterste 10 Prozent) lag sie bei 128,3 Toten pro 100.000 Einwohner, d.h. 118 Prozent höher als in den am wenigsten benachteiligten Gebieten.

In den am wenigsten benachteiligten Gebieten des Landes lag die Sterblichkeitsrate insgesamt altersstandardisiert bei 242,6 Toten auf 100.000 Einwohner. In den am stärksten benachteiligten Gebieten lag sie bei 466,2 Toten pro 100.000 Einwohner, d.h. 92,2 Prozent höher als in den am wenigsten benachteiligten Gebieten.

Der Index multipler Benachteiligungen, den das ONS benutzt, ist ein allgemeiner Maßstab für Benachteiligung auf der Grundlage von Faktoren wie Einkommen, Beschäftigung, Gesundheit, Bildung, Kriminalität, Lebensumfeld und Zugang zu Wohnraum in einem Gebiet. Nick Stripe, der Chef für Gesundheitsanalyse des ONS, erklärte: „In den stärker benachteiligten Gebieten ist die allgemeine Sterblichkeitsrate auch normalerweise höher, doch bisher scheint es, als sei sie durch Covid-19 noch weiter angestiegen.“

Die Pandemie verstärkt die Auswirkungen der ohnehin zunehmenden sozioökonomischen und städtischen Ungleichheit. Arbeiterviertel, die am stärksten von der Pandemie betroffen sind, befinden sich eher in den Innenstädten. Diese Gebiete leiden schon seit Jahrzehnten unter Vernachlässigung und Austerität, endlosen Kürzungen der Sozialleistungen und des öffentlichen Wohnungsbaus. Diese Zustände werden größtenteils von Stadträten durchgesetzt, in denen die Labour Party den Ton angibt.

Es besteht eine eindeutige Verbindung zwischen der Sterblichkeitsrate durch Covid-19 und der Bevölkerungsdichte eines Stadtgebietes. Zwischen März und Mai gab es in den am dichtesten besiedelten Gebieten wie Greater Manchester und den West Midlands, die offiziell als „urbane Großballungsgebiete“ bezeichnet werden, 124 Corona-Tote auf 100.000 Einwohner. In kleineren „urbanen Städten und Kleinstädten“ wie Preston und Brighton gab es 74 Corona-Tote pro 100.000 Einwohner.

In Dörfern schrumpfen die Werte auf 48 von 100.000, in den am dünnsten besiedelten Gebieten von England und Wales auf 23 von 100.000. Allgemein gesagt: je mehr die Menschen in einem bestimmten Gebiet miteinander in Kontakt kommen, desto mehr verstärkt das Virus die vielseitige Natur der sozioökonomischen und urbanen Benachteiligung.

Der nationale medizinische Leiter des NHS England erklärte, viele der Risikofaktoren bei Covid-19 wie Diabetes, Übergewicht und Lungenkrankheiten, fänden sich „häufiger in stärker benachteiligten Gebieten“. Professor Stephen Powis erklärte: „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir die Ungleichheit im Gesundheitsbereich verringern.“

Die Analyse des ONS enthüllt die unverhältnismäßige Verteilung der Todesfälle in Arbeitervierteln, vor allem in den ärmsten. Stadtteile im Zentrum von London mit hoher sozioökonomischer Benachteiligung wurden von dem Virus hart getroffen. Die Hauptstadt hatte die meisten Corona-Toten zu verzeichnen. Seit Anfang März spielte das ansteckende und tödliche Virus bei vier von zehn Todesfällen eine Rolle.

Im weniger verstädterten und wohlhabenderen Südwesten Englands, wo allerdings auch das Durchschnittsalter höher ist, stand nur einer von zehn Todesfällen im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Neun der zehn Gebiete mit der höchsten altersstandardisierten Sterblichkeitsrate durch Covid-19 finden sich in den überwiegend von Arbeitern bewohnten Gebieten Londons. Der Stadtteil Brent hatte die insgesamt höchste altersstandardisierte Rate mit 210,9 Toten pro 100.000 Einwohner, gefolgt von Newham (196,8 Tote) und Hackney (182,9 Tote).

Das einzige Gebiet außerhalb Londons in den „Top 10“ war die nordenglische Industriestadt Middlesbrough. Die Stadt Salford und der Bezirk Hertsmere gehörten zu den zwanzig am stärksten von Covid-19 betroffenen Gebieten.

Sarah Caul, die beim ONS für Sterblichkeitsanalyse zuständig ist, erklärte gegenüber dem Guardian: „London hatte zwar im März und April eine der höchsten Sterblichkeitsraten durch Covid-19, doch jetzt liegt sie im Vergleich zu den meisten Gebieten niedrig. Im Mai war der Nordosten die Region mit den höchsten altersbereinigten Sterblichkeitsraten, doppelt so hoch wie in London. Der Südwesten hatte in den letzten drei Monaten weiterhin die insgesamt niedrigste Sterblichkeitsrate.“

Dann bekräftigte Caul die Aussagen von Nick Stripe, dem Chef für Gesundheitsanalyse des ONS: „Gleichzeitig haben die Bewohner von stärker benachteiligten Gebieten weiterhin unter Sterblichkeitsraten durch Covid-19 zu leiden, die doppelt so hoch sind wie in weniger benachteiligten Gebieten. Allgemein sind die Sterblichkeitsraten in stärker benachteiligten Gebieten höher, doch Covid-19 scheint diesen Effekt zu verstärken.“

Die Region mit der größten Zahl von Toten war der Bezirk Crabtree and Fir Vale in Sheffield. Zwischen März und Mai starben in diesem Distrikt laut den jüngsten Daten des ONS insgesamt 66 Menschen an Covid-19. Die zweithöchste Zahl von Todesopfern, einschließlich der Todesfälle in Krankenhäusern, Pflegeheimen, etc. hatte Church End in Brent (London) zu verzeichnen; hier starben 36 Menschen.

In Crabtree and Fir Vale gab es fast doppelt so viele Todesfälle wie im Gebiet mit der nächsthöchsten Rate.

In Sheffield, wo die sozioökonomische und urbane Ungleichheit besonders stark ausgeprägt ist, lag die Zahl der Corona-Toten im gleichen Zeitraum in den wohlhabenderen südwestlichen Vororten wie Ecclesall und Greystones bei Null.

In Crabtree and Fir Vale befinden sich mehrere Pflegeheime. Die kriminelle Nachlässigkeit und die mörderische Politik der Herdenimmunität der Regierung haben allein in England und Wales bis zum 13. Juni zu 14.022 Todesfällen durch Covid-19 in Pflegeheimen geführt.

Viele Arbeiter in Sheffield müssen in einem Wohnungssektor überleben, der von Immobilienhaien durchsetzt ist. Private Vermieter fordern hohe Mieten für elende Behausungen. In den Innenstädten herrscht Überbelegung in den Wohnungen, weil diese Bedingungen dazu geführt haben, dass sich in den ärmsten Gebieten mehrere Familien eine Wohnung teilen müssen. Angesichts dieser Bevölkerungsdichte hat sich die Pandemie dort ausgebreitet. Crabtree and Fir Vale ist ein solches Gebiet mit mehrfach vermieteten Wohnungen, öffentlichen Wohnungsbausiedlungen und heruntergekommenen, privat vermieteten und winzigen Reihenhäusern, von denen viele überfüllt sind.

Laut Professor Nishi Chaturvedi, dem Direktor des MRC, einem medizinischen Forschungszentrum für lebenslange Gesundheit und Altern am University College in London, erhöht Benachteiligung die Auswirkungen von Covid-19 durch eine ganze Reihe von Faktoren, darunter überbelegte Wohnungen, Einkommen, Arbeit, Behinderung und Gesundheitsstatus. Chaturverdi wies darauf hin, dass es bei früheren Grippeausbrüchen eine ähnliche Erhöhung des Risikos gab und in geringerem Ausmaß bei chronischen Krankheiten.

Sie erklärte gegenüber dem Guardian: „Soziale Benachteiligung geht sowohl mit einer höherer Belastung durch das Virus als auch mit höherer Anfälligkeit für die Krankheit aufgrund eines schlechten allgemeinen Gesundheitszustands einher.“

 

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