Geschichtsfälschung im Dienst der Identitätspolitik: „Antisemitism and the Russian Revolution“ von Brendan McGeever

Teil 2

Von Clara Weiss
18. Mai 2020

Brendan McGeever
„Antisemitism and the Russian Revolution“
Cambridge University Press 2019, 260 Seiten.
Alle Seitenangaben (wenn nicht anders vermerkt) beziehen sich auf dieses Buch und sind aus dem Englischen übersetzt.

Dies ist der Schluss einer zweiteiligen Buchbesprechung. Der erste Teil erschien am 16. Mai 2020.

Marxismus und der Kampf gegen Antisemitismus

McGeevers ständige Verweise darauf, der Antisemitismus sei der „sozialen Basis des Bolschewismus“ inhärent, sollen die Grundorientierung des Marxismus in Misskredit bringen. Dieser besteht darauf, dass der Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus sich auf den Klassenkampf und besonders auf die Arbeiterklasse stützen muss.

Nachdem er seine Leser durch erschreckende Beschreibungen von Pogromen eingestimmt hat, widmet McGeever einen Großteil seiner politischen und theoretischen Argumentation im zweiten Teil seines Buches expliziten Angriffen auf den Marxismus und den Bolschewismus. Er prangert vor allem Lenin an, der angeblich versucht habe, die Beteiligung von Arbeitern und Bauern an antisemitischer Gewalt herunterzuspielen, und dessen Betonung der Verbindung zwischen Antisemitismus und den Interessen der Bourgeoisie Ausdruck einer „beschränkten und vereinfachenden“ Sichtweise gewesen sei.

McGeever schreibt:

„Klassenkonzepte wie ‚Bourgeoisie‘ beinhalteten häufig ethnische (und manchmal spezifisch antisemitische) Überdeterminierungen. Nach landläufiger Meinung stand „der Jude“ häufig für eine dem ‚arbeitenden Volk‘ (trudjaschtschiesja oder trudowoj narod) feindlich gegenüberstehende Klasse … die Kategorien des Klassenkampfs waren anfällig für antisemitische Verwendung und Interpretation, insbesondere im früheren Ansiedlungsrayon … Wie konnte die bolschewistische Führung sicher sein, dass ein so schwammiger und dehnbarer Begriff wie ‚Spekulant‘ im marxistischen und nicht im antisemitischen Sinne verstanden wurde? Oder wenn im Jahr 1919 im Zentrum Kiews Poster der Roten Armee aufforderten: ‚Schlagt die Bourgeoisie!‘ (‘burschujew bit!’) – wie konnten die Bolschewiki sicher sein, dass diese Botschaft nicht die Erinnerung an den uralten und berüchtigtsten aller antisemitischen Slogans in Russland wachrufen würde: ‚Schlagt die Juden!‘?“ (S. 183–184)

Lenin 1919

Gemäß dieser Logik würde jeder, der als Marxist argumentiert, den Antisemitismus „stärken“, nur weil Menschen mit antisemitischen Vorurteilen Klassenterminologie als antisemitische Begriffe missdeuten könnten. Ein solches Argument ist unhaltbar und unseriös. Es kann leicht zur Denunzierung jeglicher Politik benutzt werden, die von Rassisten und Antisemiten missverstanden und rassistisch und antisemitisch gedeutet werden könnte. Tatsächlich wird dieses Argument heute (unter dem Vorwand, das leiste dem Antisemitismus Vorschub) eingesetzt, um die marxistische Kritik am Kapitalismus und ihre Betonung der Mobilisierung der Arbeiterklasse zum Sturz der bürgerlichen Herrschaft pauschal zu diskreditieren.

In Wirklichkeit konnte einzig das Beharren des Marxismus auf dem Klassenverständnis die verhängnisvolle Vorstellung untergraben, es gäbe ein geeintes Volk oder eine geeinte Rasse, die im Gegensatz zu den Juden und anderen Nationalitäten und Ethnien stehen würde. Das war umso wichtiger, weil die antisemitische Argumentation behauptete, „reiche Juden“ stünden „armen“ „Ukrainern“ oder „Russen“ gegenüber. In seiner berühmten Ansprache „Über die Pogromhetze gegen die Juden“ aus dem Jahr 1919 – dem einzigen offenen Angriff eines Staatsoberhaupts auf den Antisemitismus in der damaligen Zeit und für lange Zeit danach – verurteilte Lenin diesen nachdrücklich:

„Feindschaft gegen die Juden hält sich zäh nur dort, wo die Knechtung durch die Gutsbesitzer und Kapitalisten die Arbeiter und Bauern in stockfinsterer Unwissenheit gehalten hat … Nicht die Juden sind die Feinde der Werktätigen. Die Feinde der Arbeiter sind die Kapitalisten aller Länder. Unter den Juden gibt es Arbeiter, Werktätige: sie bilden die Mehrheit. Was die Unterdrückung durch das Kapital anbelangt, sind sie unsere Brüder, im Kampf für den Sozialismus sind sie unsere Genossen. Unter den Juden gibt es Kulaken, Ausbeuter, Kapitalisten; wie es sie unter allen Nationen gibt. Die Kapitalisten sind bemüht, zwischen den Arbeitern verschiedenen Glaubens, verschiedener Nation, verschiedener Rasse Feindschaft zu säen und zu schüren. Die Nichtarbeitenden halten sich durch die Stärke und die Macht des Kapitals. Die reichen Juden, die reichen Russen, die Reichen aller Länder unterdrücken und unterjochen im Bunde miteinander die Arbeiter, plündern sie aus und entzweien sie. Schande über den verfluchten Zarismus, der die Juden gequält und verfolgt hat. Schmach und Schande über den, der Feindschaft gegen die Juden, Hass gegen andere Nationen sät. Es lebe das brüderliche Vertrauen und das Kampfbündnis der Arbeiter aller Nationen im Kampf für den Sturz des Kapitals.“ [10a]

McGeever weist diesen klassenbasierten Ansatz für den Kampf gegen den Antisemitismus zurück und beharrt energisch darauf, dass die „sowjetische Antwort auf den Antisemitismus“ nicht in den „assimilatorischen und internationalistischen Strömungen“ im Marxismus begründet war (S. 8). Vielmehr seien lediglich jüdische Sozialisten, die eine „Nähe zu einem jüdischen sozialistisch–nationalen Projekt“ aufwiesen, konsequente Kämpfer gegen den Antisemitismus gewesen, weil sie einem „ethischen Imperativ“ folgten (S. 171).

Leo Trotzki im Bürgerkrieg

Den Beweis für diese Behauptung, so McGeever, liefere die entscheidende Rolle der Jewsekzija (jüdische Parteisektion) und der Jewkom (Jüdisches Kommissariat) im Kampf gegen den Antisemitismus. Beide Institutionen bestanden überwiegend aus sozialistischen Zionisten, die der Linken Poale Zion (LPZ) oder dem Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund angehörten und an einer spezifischen Form jüdisch-kulturellen Nationalismus‘ festhielten. Ihre Politik, schreibt McGeever, „wirkte den Fallstricken eines rassenblinden Klassenreduktionismus entgegen“.

In Wirklichkeit ist die wichtige Rolle, die diese Institutionen im Kampf gegen den Antisemitismus spielten, wohlbekannt, und McGeevers Argument macht, historisch gesprochen, keinen Sinn. Diese Institutionen hatte die bolschewistische Regierung geschaffen, und die ihnen zugewiesene Aufgabe bestand ausdrücklich darin, ihre Aufmerksamkeit auf die Bedingungen der jüdischen Massen zu richten und sie für die Revolution zu gewinnen. Wenn sie den Kampf gegen den Antisemitismus anführten, dann taten sie genau das, womit sie beauftragt waren.

Die staatliche und politische Macht indessen, die für die Institutionalisierung des Kampfes gegen den Antisemitismus und seine Erhebung zur Staatspolitik notwendig war, ist erst durch die bolschewistische Machtergreifung und die Errichtung eines Arbeiterstaates geschaffen worden.

Diese Einschätzung bestätigt McGeever nur, wenn er die entscheidende Rolle des Sowjets (Rates) der Arbeiter- und Soldatendeputierten als „Dreh- und Angelpunkt der sozialistischen Antwort auf den Antisemitismus im Jahr 1917“ thematisiert. Damit konterkariert er seinen eigenen Versuch, die angeblich „nichtbolschewistische“ Grundlage des sowjetischen Kampfs gegen den Antisemitismus nachzuweisen.

Die Sowjets, die im Jahr 1917 im Russischen Reich entstanden, schufen bewaffnete Einheiten, um die lokale jüdische Bevölkerung zu schützen, und bildeten Kommissionen für den Kampf gegen den Antisemitismus. Bereits wenige Tage nach seiner Gründung bildete der Petrograder Sowjet am 3. März 1917 eine Kommission unter Führung des Bundisten Mische Rafes und beauftragte sie damit, die „Schwarzhunderter“ daran zu hindern „nationalen Hass in der Bevölkerung“ zu säen (S. 22). Nur wenige Tage, nachdem er ins Leben gerufen worden war, begann der Moskauer Sowjet damit, antisemitische Vorfälle zu registrieren. „In dem ehemaligen Ansiedlungsrayon“, schreibt McGeever, „trugen die lokalen Sowjets maßgeblich dazu bei, antisemitische Pogrome zu verhindern.“ (S. 26)

Selbst McGeever muss zugeben, dass die hauptsächlichsten Dokumente von führenden Bolschewiki verfasst wurden. So beauftragte der Erste Sowjetkongress im Juni 1917 Jewgeni Preobraschenski, einen engen Genossen Leo Trotzkis, mit der Ausarbeitung einer Resolution gegen den Antisemitismus, die einstimmig angenommen wurde. McGeever selbst nennt sie die „bis dahin fraglos bedeutendste Erklärung der sozialistischen Bewegung zum Antisemitismus“. (S. 25) Eine zweite Resolution gegen den Antisemitismus verabschiedete der historische Zweite Sowjetkongress (7.–9. November 1917), auf dem der Sturz der Provisorischen Regierung und die Errichtung der Sowjetmacht verkündet wurde.

Die Rolle, die die Sowjets im Jahr 1917 im Kampf gegen den Antisemitismus übernahmen, unterstreicht nur die Richtigkeit der Forderung der Bolschewiki: „Alle Macht den Sowjets“. Diese Forderung wurde sowohl von den Menschewiki als auch den Bundisten zurückgewiesen. Beide passten sich an bürgerliche Kräfte an und waren überzeugt, dass es ohne eine vorherige lange Periode bürgerlich-demokratischer Entwicklung „verfrüht“ sei, die Arbeitermacht zu errichten.

Jewgeni Preobraschenski

Welche Absichten diese politischen Organisationen auch verfolgten, und wie aufrichtig sie den Antisemitismus bekämpfen wollten – hätte sich die opportunistische Linie der Menschewiki und Bundisten durchgesetzt, wäre die Staatsmacht an die Konterrevolution gefallen. Dann hätten rabiat antisemitische und faschistische Figuren vom Schlage General Kornilows in der neuen Regierung den Ton angegeben. Die Geschichte liefert genügend Beispiele für konterrevolutionäre Gräuel von der Art, wie sie dann die Folge gewesen wären. Dazu zählen etwa die Gewaltorgien, die diese Kräfte gegen Juden und die Zivilbevölkerung im russischen Bürgerkrieg entfesselten, oder die Barbarei der Nazis, die für ihren Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und ihren Genozid an den Juden viele Veteranen der ukrainischen Nationalisten und der Weißen mobilisieren konnten.

McGeevers Behauptung ist nicht nur historisch unbegründet, sie stellt auch eine Verleumdung gegen Marxisten als Rassisten dar. Diese schlossen sich in Wirklichkeit ungeachtet ihrer jeweiligen Herkunft dem revolutionären Kampf gegen Antisemitismus, Nationalismus und Rassismus an. Indem McGeever das marxistische Kriterium der Klasse zurückweist, folgt er faktisch der reaktionären Logik von Rassismus und Nationalismus – namentlich der Vorstellung, dass nur Juden allein sich wirklich um die Interessen und das Überleben von Juden kümmern könnten.

Die schlagkräftigste historische Widerlegung dieser Auffassung ist die tatsächliche Bilanz der Oktoberrevolution und der Kampf der Bolschewiki gegen Antisemitismus. McGeevers Interpretation wirft zudem eine andere Frage auf: Wie will er die Politik eines rechten Zionisten wie Wladimir Jabotinsky erklären, der sich im Jahr 1925 anerkennend über einen der schlimmsten Pogromtäter des russischen Bürgerkriegs, den ukrainischen Nationalisten Symon Petljura, äußerte? Oder die Rolle antibolschewistischer russisch–jüdischer Politiker wie Maxim Winawer, der bei Imperialisten um Unterstützung für die Koltschak- und Denikin-Regierungen warb und diese als Hort der Demokratie und Toleranz darstellte, selbst als sie grauenvolle Pogrome durchführten. [11]

Der Kampf gegen Antisemitismus war letztlich eine Klassenfrage, und die Betonung dieses Aspekts durch die Sowjetregierung und die Bolschewistische Partei war untrennbar verbunden mit ihrer Orientierung auf eine internationale sozialistische Revolution der Arbeiterklasse. In einem Artikel, den Leo Trotzki unmittelbar vor der Machteroberung schrieb, beharrte er darauf, dass der Kampf gegen den Antisemitismus von einem revolutionären Wandel in den sozialen Beziehungen und der Verbesserung der sozialen Lage der arbeitenden Bevölkerung als Ganzer abhing:

„Worauf stützt sich die Pogrom-Agitation? Auf die Unwissenheit, und vor allem auf die Armut, den Hunger und die Verzweiflung der unteren Schichten der Arbeitermassen … Natürlich müssen wir mit Wort und Überzeugung gegen die Pogrom-Agitation kämpfen. Aber das allein ist sehr wenig. Wir brauchen eine Revolution, die ihr Gesicht den Armen zuwendet, und nicht umgekehrt. Es ist notwendig, dass der unwissendste, am meisten in die Enge getriebene und betäubte Arbeiter in seinem Innersten fühlt, dass die revolutionäre Macht ihn beschützt und nicht den Reichen … Der einzige ernstzunehmende Weg, den Einfluss der Schwarzhunderter auf die Unterdrückten zu bekämpfen, ist die Übertragung aller Macht an die Sowjets. Je länger ein solcher Übergang dauert, desto verheerender wird die Pogrombewegung sein.“ [12]

Wie Trotzki in seiner Theorie der Permanenten Revolution nachgewiesen hatte, war eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft in Russland ohne eine internationale Ausweitung der Revolution, vor allem in Europa, undenkbar. Letztlich war das Schicksal der Juden, eine der unterdrücktesten Bevölkerungsgruppen, untrennbar mit der Entwicklung der internationalen sozialistischen Revolution verbunden. Die jüdischen Sozialisten, die McGeever hervorhebt, verstanden das. Ihre aktive Rolle in der Sowjetregierung war das Ergebnis einer Linksentwicklung bedeutender Teile der jüdischen Arbeiterbewegung, die sich später, in den Jahren 1918–1919, wegen unterschiedlichen Bewertungen der Oktoberrevolution spaltete.

Ihre Annäherung an die Bolschewiki wurde durch den Ausbruch der Revolution in Deutschland 1918 beschleunigt, der als Bestätigung der bolschewistischen Machtergreifung und Ausrichtung auf eine Weltrevolution angesehen wurde. Mitglieder der LPZ und des Bundes spielten weiterhin eine wichtige Rolle im Bürgerkrieg und später im frühen Sowjetstaat.

Das Wiederaufleben des Antisemitismus in der Sowjetunion war nicht, wie McGeever am Ende behauptet, das Ergebnis einer Art „sowjetischen Antisemitismus‘“, der nie überwunden wurde und „den Stalinismus überlebte“ (S. 215). Ursächlich dafür, und untrennbar damit verbunden, war die stalinistische Reaktion gegen das Programm der sozialistischen Weltrevolution, das die Grundlage für den Oktoberumsturz gebildet hatte.

In ihrem Bestreben, das konterrevolutionäre Programm des „Sozialismus in einem Land“ gegen die Linke Opposition unter Führung Leo Trotzkis zu verteidigen, bediente sich die Sowjetbürokratie des alten konterrevolutionären Feindbildes des „jüdischen“ und „internationalen Revolutionärs“, um in Teilen der Bauernschaft und der Intelligenz antisemitische Gefühle gegen die authentischen Marxisten und Verteidiger der bolschewistischen Prinzipien zu mobilisieren.

McGeevers Darstellung, die darauf basiert, den konterrevolutionären Charakter des Antisemitismus explizit zu leugnen, macht es unmöglich, die tatsächliche Rolle des Antisemitismus in der sozialistischen Revolution in Russland zu verstehen. Damit untergräbt sie auch jedes Verständnis dafür, wie er heute bekämpft werden kann.

Es handelt sich um eine Darstellung, die nicht auf historischen Daten und Tatsachen beruht, sondern ein politisches und ideologisches Ziel verfolgt: die Förderung einer antimarxistischen Identitätspolitik. Letztlich dient sein Buch als pseudohistorischer Deckmantel für die verlogenen Kampagnen gegen „Antisemitismus“, die kapitalistische Regierungen in Großbritannien (die Anti-Corbyn-Hexenjagd), Deutschland (die Kampagne gegen den „Linksextremismus“) und anderswo führen. Diese Regierungen, die rechtsextreme Kräfte aktiv fördern, versuchen gleichzeitig, jede linke Kritik am politischen Establishment als antisemitisch zu diskreditieren.

Ende

[10a] Wladimir I. Lenin, Werke, Bd. 29, Berlin 1961, S. 239–240.

[11] Vgl. Budnizki, Russian Jews Between the Reds and the Whites, S. 296–332.

[12] Leo Trotzki, „Pogromnaja agitazija“ [Pogrom-Agitation], in: Rabotschij i Soldat, Nr. 2, 18. Oktober 1917, S. 31. Online einsehbar hier: http://www.1917.com/Marxism/Trotsky/CW/Trotsky-1917-II/6-0-D.html (aus dem Russischen).

 

Commenting is enabled but will only be shown on the live site.