33 Londoner Busfahrer an Covid-19 gestorben: „Wir sind so entbehrlich wie Diesel“

Von Laura Tiernan
14. Mai 2020

Die Londoner Busfahrer fordern sofortige Sicherheitsmaßnahmen, nachdem ihr Kollege Ishrat Ali (65) an Covid-19 gestorben ist. Die Wiedereröffnung der Betriebe, die Premierminister Johnson am Sonntagabend verkündet hat, setze sie einem erhöhten Risiko aus. Das erklärten die Fahrer vom Busdepot Cricklewood im Nordwesten Londons und verwiesen auf die Umstände von Alis Tod.

Ali, der 28 Jahre lang für das Busunternehmen Metroline gefahren ist und von seinen Kollegen sehr geschätzt wurde, starb am 5. Mai. Ein Fahrer erklärte gegenüber der World Socialist Web Site: „Ali war aufgeschlossen und gutmütig, er war oft zu Scherzen aufgelegt und immer freundlich.“ Ein anderer berichtete: „Mit ihm kam jeder gut aus.“

Poster am Busdepot Cricklewood

Die Fahrer in Cricklewood reagierten wütend auf die Nachricht von Alis Tod. Sie fühlten sich „so entbehrlich wie Diesel“.

Ein langjähriger Fahrer sagte: „Es ist erbärmlich, dass das Unternehmen seine Krankheit verheimlicht hat. Wir haben es erst erfahren, als die Firma in ihrer App gepostet hat, dass Ali gestorben ist.“

Ein anderer erklärte: „28 Jahre in diesem Busdepot, und alles, was er bekommen hat, war eine erbärmliche kurze Mitteilung vom Manager... Wir haben gerade erst auf der Blink-Seite erfahren, dass er gestorben ist. Wir erfahren nicht einmal, wie.“

Das Busdepot in Cricklewood ist eines der größten in London. Seine 600 Fahrer sind auf 17 Linien unterwegs, darunter die stark frequentierte Linie 16 durch das Londoner Stadtzentrum, auf der Ali fuhr. Laut den Busfahrern kann es angesichts von fünf Schichten schwer sein, das Fehlen eines Kollegen zu bemerken: „Ich habe versucht, einen anderen Fahrer zu erreichen, der auf der gleichen Linie fuhr wie Ali. Er hat sich heute bei mir gemeldet – er lag vom 21. bis zum 31. März mit Covid-19 im Koma. Er ist mittlerweile wieder gesund, aber wie viele sind noch krank? Wir werden bewusst im Dunkeln gelassen.“

Ein anderer Fahrer sagte: „Wir waren erschüttert und traurig, als wir von Alis Tod hörten. Mein Gott, warum hat unser Unternehmen oder TfL [Transport for London, die Dachorganisation der Londoner Verkehrsbetriebe] uns nicht informiert? Sie haben doch die Möglichkeit. Immer mehr Fahrer tragen Masken. Einige Fahrer haben Erkältungs- oder Grippesymptome... es ist beunruhigend.“

Metroline bestätigte am Dienstag, dass sich Ali am 1. April krank gemeldet hatte. Am 21. April wurde er ins Northwick Park Hospital gebracht und auf die Intensivstation verlegt, wo er 14 Tage später starb. Auf Anfrage der WSWS bestätigte Metroline, dass 17 weitere Beschäftigte in Cricklewood in Zusammenhang mit Covid-19 fehlen, bei acht von ihnen wurde Covid-19 diagnostiziert. Drei Fahrer liegen im Krankenhaus.

Wie wir bereits vor zwei Wochen berichtet haben, hat TfL die Auskunft darüber verweigert, in welchen Busdepots Arbeiter an Covid-19 gestorben sind. Ebenso wenig wollen sie sagen, bei wie vielen Fahrern in ganz London das Virus diagnostiziert wurde und wie viele von ihnen im Krankenhaus liegen. Letzten Freitag stellte die WSWS die folgenden drei Fragen an die Pressestelle von TfL:

1) Wie viele Beschäftigte der Londoner Busbetriebe sind an Covid-19 erkrankt oder gestorben, aufgelistet nach Unternehmen und Busdepot?

2) Wie hoch ist die bestätigte Zahl der Toten und Erkrankten an Covid-19 unter sämtlichen TfL-Arbeitern, aufgelistet nach Unternehmen und Standort?

3) Welche Test- und Kontaktverfolgungsmaßnahmen wurden von TfL in Londoner Busdepots umgesetzt, um das Leben der Arbeiter zu schützen?

TfL verweigerte eine Antwort und verwies auf die „Kondolenzseite“. Diese besteht aus einer Erklärung von Verkehrskommissar Mike Brown, die nur neun Sätze umfasst. Auch die Gewerkschaft Unite schweigt und behauptet, Informationen über die Standorte der Todesfälle unter den Fahrern gehören „nicht zu unseren Aufgaben“.

Ähnlich wie nach dem Brand im Grenfell Tower haben die Fahrer ihre eigenen Listen der Todesopfer zusammengestellt. Eine davon, die auf Twitter kursiert, zeigt ein Cluster von vier Corona-Todesopfern im Busdepot Westbourne Park. Greenford, Holloway und Lea Valley Interchange haben jeweils zwei Todesopfer gemeldet. Die WSWS hat eine eigene Liste von Todesfällen unter Busfahrern zusammengestellt, die auch Corona-Tote im öffentlichen Nahverkehr außerhalb von London umfasst.

Liste von Corona-Todesfällen unter Londoner Busfahrern

Die Fahrer in Cricklewood erklärten, dass die unsicheren Arbeitsbedingungen tödliche Konsequenzen haben: „Das Unternehmen kümmert sich überhaupt nicht um unsere Gesundheit. Sie drängen kranke Arbeiter dazu, wieder zur Arbeit zu kommen, bevor sie vollständig genesen sind. Das Unternehmen nennt es ,in Kontakt bleiben‘, aber in Wirklichkeit ist das nur Schikane.

TfL und der [Londoner] Bürgermeister [Sadiq Khan, Labour] halten uns nicht für wichtig genug, um uns ausreichend zu schützen. Für sie sind wir nur eine entbehrliche Ware. Wenn man Schutzhandschuhe oder Handdesinfektionsmittel haben möchte, stellen sie sich an, als wolle man etwas Unmögliches, und fragen, warum man das braucht.“

Ein anderer Fahrer sagte, die derzeitigen Sicherheitsmaßnahmen seien „sinnlos und schlecht umgesetzt. Warum werden die Löcher um die Schutzscheibe für den Fahrer blockiert, wenn es so viele Lücken gibt? Wir sind in einer Kapsel, und die ganze Corona-verseuchte Luft zirkuliert um uns herum. Sie sagen, sie werden Handschuhe zur Verfügung stellen... aber leider sind sie gerade ausgegangen! Sie geben uns eine winzige Flasche Handdesinfektionsmittel, die nur ein paar Tage ausreicht, und wenn man eine neue will, heißt es: ,Wir haben Ihnen eine gegeben.‘ Danke, aber ich glaube, meine Sicherheit ist den Verkehrsbetrieben egal.“

Am Sonntag berichtete die Times über den Tod des Busfahrers Ranjith Chandrapala (64), der auf der Buslinie 92 in West London bis zum Ealing Hospital fuhr. Darin zitierte sie den regionalen Verantwortlichen der Gewerkschaft Unite, John Murphy, der erklärte: „Die Busfahrer sind starr vor Angst, was als nächstes passieren wird.“ Natürlich wurde Murphy nicht nach der engen Beziehung gefragt, die zwischen Unite, TfL und der Johnson-Regierung existiert. Tatsächlich hatte Murphy am 7. April gemeinsam mit Metroline und TfL einen Brief unterzeichnet, in dem die Busfahrer informiert wurden, dass sie keine Gesichtsmasken brauchen.

Ein Fahrer in Cricklewood erklärte: „Die Gewerkschaften tun nicht das, was sie behaupten. Es kommt einem vor, als wären sie die Personalabteilung des Unternehmens. Wo ist unsere Schutzausrüstung?“ Ein anderer Fahrer fügte hinzu: „Die Gewerkschaften singen das gleiche Lied wie die Bosse und sind mit allem einverstanden, was die sagen und wollen. Die Gewerkschaft heißt Unite [Vereint euch], aber sie vereinen sich mit dem Management gegen die Arbeiter. Aber egal, ob es Unite oder die Gewerkschaften GMB oder RMT sind, sie tun alle das Gleiche: Sie verteidigen ihre behagliche Beziehung mit dem Unternehmen.“

Die Times zitierte aus Berechnungen von Unite, laut denen „unter Berücksichtigung des Platzes und einem Mindestabstand von zwei Metern die maximale Fahrgastzahl in einem Doppeldeckerbus bei nur 15 liegt, bei einstöckigen Bussen sogar nur bei fünf bis sieben.“ Allerdings hat Unite nichts unternommen, um innerhalb des Londoner Busnetzwerks soziale Distanzierungsmaßnahmen durchzusetzen.

Bisher sind in London 33 Busfahrer am Coronavirus gestorben. Das britische Statistikamt ONS veröffentlichte am Montag Berufsgruppendaten, laut denen Busfahrer in England und Wales fünfmal häufiger an Covid-19 sterben als Beschäftigte des Gesundheitswesens National Health Service (NHS). Die Todesrate bei Bus- und Reisebusfahrern liegt bei 26,4 von 100.000 Fälle. Nur Taxifahrer haben eine höhere Todesrate (36,4 von 100.000) bei 76 Toten.

Diagramm des ONS, das die Todesrate unter Berufsfahrern zeigt

Im ganzen TfL sind weitere zehn U-Bahn- und Bahnarbeiter gestorben. Ein langjähriger Lokführer erklärte gegenüber der WSWS, er befürchte einen massiven Anstieg der Infektionen, nachdem die Johnson-Regierung am Sonntag eine „gestaffelte Aufhebung“ der Lockdown-Maßnahmen angekündigt hat. Er erklärte: „Wenn die Zahl der Fahrgäste erst wieder ansteigt, sind soziale Distanzierungsmaßnahmen nicht mehr durchsetzbar. Das Personal in Bahnhöfen und auf Bahnsteigen ist bereits jetzt total exponiert. Sie werden sich in nur wenigen Zentimetern Abstand unter Hunderte von Menschen mischen.“

Die Londoner Busfahrer berichten bereits jetzt von steigenden Fahrgastzahlen. In Cricklewood und anderen Depots geht die Geduld der Arbeiter zu Ende. Ein Fahrer sagte: „Wir sollten alle Buslinien einstellen und alle Taxis isolieren. Was hat man von dem ganzen Reinigen und Absperren, wenn man den Platz von einem infizierten Fahrer übernimmt? Sie sollten alle Fahrer testen. Ich mag meinen Job, aber warum soll ich deshalb mein Leben riskieren? Wir, die kohlenstoffbasierten Lebensformen am Lenkrad, sind kein Dieseltreibstoff, den man verbrennt und dann neuen kauft.“

Sein Kollege stimmte zu: „Wir müssen dafür sorgen, dass wir das Leben der Fahrer verteidigen, heute und morgen. Dazu müssen wir uns in allen Depots und über alle Depots und Unternehmen hinweg organisieren, um unser Leben zu schützen.“

Der Kampf für den Aufbau von Aktionskomitees muss in allen Busdepots aufgenommen werden. Sie müssen sich mit den Bahn- und U-Bahnarbeitern in ganz Großbritannien verbünden und die aktive Unterstützung und Zusammenarbeit mit Transportarbeitern in Europa und der Welt suchen.

Das Leben von Fahrern darf nicht geopfert werden, um die Profite der großen Transportkonzerne oder die mörderische Back-to-work-Politik der Johnson-Regierung zu verteidigen! Das Leben aller Fahrer ist wertvoll! Kein einziger Bus sollte ohne umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen das Depot verlassen. Die Socialist Equality Party stellt folgende Forderungen:

Diese Maßnahmen können nicht mit Hilfe der Gewerkschaften umgesetzt werden – egal ob es sich um Unite, RMT oder ASLEF handelt. Ebenso wenig helfen Appelle an die Tories, Labour, die Grünen oder die Liberaldemokraten, die allesamt gekaufte Verteidiger der Finanzoligarchie sind. Die Arbeiterklasse kann ihre grundlegendsten Rechte nur mit den Methoden des Klassenkampfs und durch den Kampf für Sozialismus verteidigen. Die öffentlichen Verkehrsbetriebe müssen in öffentliches Eigentum verwandelt und ihre Vermögen enteignet werden. Das ist nur im Kampf für eine Arbeiterregierung möglich und erfordert den Aufbau einer neuen revolutionären Führung in der Arbeiterklasse.

Wir rufen alle Arbeiter, die diese Ansicht teilen, dazu auf, sich mit der Socialist Equality Party in Großbritannien und der Sozialistischen Gleichheitspartei in Deutschland in Verbindung zu setzen.

 

Siehe auch:

Londoner Busfahrer fordern besseren Schutz oder Einstellung des öffentlichen Nahverkehrs
[27. April 2020]

New York: 61 U-Bahn- und Busfahrer an Covid-19 gestorben
[20. April 2020]

Kein Schutz, keine Arbeit! Für unabhängige Arbeiterkomitees im Nahverkehr!
[26. März 2020]

„Wir gefährden unsere Fahrgäste und uns selbst“
[18. März 2020]

 

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