Ein Trostpreis für das 1619-Projekt der T imes

Hannah-Jones gewinnt Pulitzer-Preis für persönlichen „Kommentar“ – nicht für Geschichtsschreibung

Von Tom Mackaman und David North
13. Mai 2020

Auch eine Auszeichnung kann eine Demütigung sein. So zum Beispiel im Falle von Nikole Hannah-Jones, die für den Leitartikel des 1619-Projekts der New York Times den Pulitzer-Preis in der Kategorie „Kommentar“ – also Meinungsäußerung – gewann.

Der Pulitzer-Preis in der prestigeträchtigen Kategorie „Geschichte“ ging an Professor W. Caleb McDaniel von der Rice University für Sweet Taste of Liberty: A True Story of Slavery and Restitution in America [Der süße Geschmack der Freiheit: Eine wahre Geschichte von Sklaverei und Restitution in Amerika].

Der „Kommentar“-Preis ist ein herber Rückschlag für die New York Times, hatte sie doch für ihre rassistische „Umdeutung“ der amerikanischen Geschichte immense redaktionelle Ressourcen, ungezählte Millionen von Dollar und ihre Glaubwürdigkeit als selbsternanntes „Leitmedium“ eingesetzt. Von dem 1619-Projekt selbst nahm das Pulitzer-Preis-Komitee nicht weiter Notiz. Den „Kommentar“-Preis zu gewinnen, ist angesichts der Kosten des Projekts etwa so, als ob ein millionenschwerer Hollywood-Blockbuster den Oscar für nichts weiter als das beste Make-up erhält.

Nikole Hannah-Jones

Der Pulitzer-Preis wurde ausschließlich Hannah-Jones zugesprochen – und nicht der Times oder dem 1619-Projekt, das anlässlich des 400. Jahrestages der Ankunft der ersten Sklaven im kolonialen Virginia am 13. August 2019 mit großem Getöse veröffentlicht worden war. Das Hochglanzmagazin zum Thema umfasste mehr als 100 Seiten und enthielt zehn Essays, einen Fotoessay sowie Gedichte und Belletristik von sechzehn weiteren Autoren. Darauf folgten Podcasts, eine Vortragsreise, Unterrichtspläne für Schulen und sogar ein Werbespot während der Oscar-Verleihung. Das 1619-Projekt war ein groß angelegtes und institutionalisiertes Unterfangen. Doch am Ende erhielt die New York Times nichts weiter als eine individuelle Auszeichnung für einen Kommentar. Dies ist ohne Zweifel der teuerste Trostpreis in der Geschichte der Pulitzer-Awards.

Unüblicherweise gewann Hannah-Jones den Kommentarpreis für einen einzigen Essay mit dem Titel: „Die Gründungsideale unserer Demokratie waren falsch, als sie niedergeschrieben wurden. Schwarze Amerikaner haben dafür gekämpft, sie zu verwirklichen.“ Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass die Times erheblichen Druck ausübte, um wenigstens diese minimale Anerkennung der Existenz des 1619-Projekts zu erwirken. Immerhin schlug Hannah-Jones andere Finalisten, deren gesamte Jahresarbeit beurteilt wurde. Ihre Mitbewerber waren Sally Jenkins, eine gestandene Sportjournalistin der Washington Post, und Steve Lopez von der Los Angeles Times, der eine Kolumnenreihe über Obdachlosigkeit in der zweitgrößten Stadt Amerikas verfasst hat.

Der Pulitzer-Ausschuss verwies auf Hannah-Jones‘ „mitreißenden, tiefschürfenden und persönlichen Essay“ (Hervorhebung hinzugefügt). Die Wortwahl ist ebenso aufschlussreich wie vernichtend. Der Aufsatz, der den Inhalt des 1619-Projekts definierte, reicht in den Augen des Ausschusses nicht an einen Beitrag zur Geschichtsschreibung heran. Dieses Urteil ist nicht unerheblich. Im Bereich wissenschaftlichen Arbeitens besteht ein tiefer und grundlegender Unterschied zwischen dem Verfassen eines historischen Werks und dem bloßen Verbreiten von Meinungen. Wie Hegel, einer der größten Geschichtsphilosophen, einmal schrieb: „Was kann unnützer sein, als eine Reihe bloßer Meinungen kennenzulernen, was langweiliger?“ Zwar mögen „persönliche“ Gedanken über die Geschichte einen „öffentlichen Diskurs“ auslösen, wie der Pulitzer-Ausschuss einräumt, doch bilden sie nicht die Grundlage für die Umwälzung der dokumentierten Geschichte, ganz zu schweigen von neuen Lehrplänen für die Schulen.

Der „öffentliche Diskurs“, auf den sich der Pulitzer-Ausschuss bezieht, wurde von der World Socialist Web Site in Gang gesetzt, die in der ersten Septemberwoche 2019 eine umfassende Widerlegung des 1619-Projekts veröffentlichte. Anschließend brachte die WSWS eine Reihe von Interviews mit führenden Historikern, die den extravaganten Ausflug der Times in die Menschheitsgeschichte einer vernichtenden Kritik unterzogen: Victoria Bynum, James McPherson, James Oakes, Gordon Wood, Adolph Reed, Jr., Dolores Janiewski, Richard Carwardine und Clayborne Carson.

Das zentrale Argument, das in den Essays und Interviews auf der WSWS dargelegt wurde, besagte, dass das 1619-Projekt eine Travestie der Geschichte darstellt. Die Enthüllung der schlampigen Forschung des Projekts sowie die Widerlegung zahlreicher sachlicher Irrtümer und regelrechter Fälschungen zogen ein riesiges Publikum an und wurden zum Gegenstand von Diskussionen in zahlreichen Publikationen.

Die Times reagierte, indem sie verzweifelt gegen ihre Kritiker auskeilte. Wie Carson, der Herausgeber der Martin Luther King Papers, betonte: „Das Traurigste daran [ist], dass die Antwort der New York Times darin besteht, blindlings ihr Projekt zu verteidigen.“

Am 20. Dezember 2019 behauptete Jake Silverstein, der Herausgeber des New York Times Magazine, das 1619-Projekt habe die verblüffende, bisher von Historikern unterdrückte Tatsache bewiesen, dass die gesamte amerikanische „Experience“ damals wie heute die unauslöschliche Ausgeburt „der Sklaverei und des dafür erforderlichen Rassismus gegen Schwarze“ sei. Dazu zählten, so Silverstein, Amerikas „wirtschaftliche Stärke, seine industrielle Macht, sein Wahlsystem, seine Ernährung und Volksmusik, die Ungleichheit im öffentlichen Gesundheits- und Bildungswesen, aber auch sein erstaunlicher Hang zur Gewalt, seine Einkommensungleichheit und das Vorbild, das es der Welt als Land der Freiheit und Gleichheit gibt, sowie seine Umgangssprache, sein Rechtssystem und die endemischen Rassenressentiments und der daraus resultierende Hass, die es bis heute plagen. Die Saat all dessen wurde lange vor unserem offiziellen Geburtsjahr 1776 gelegt, als die Männer, die wir unsere Gründer nennen, formell ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erklärten.“

Die zentralen Behauptungen des 1619-Projekts erstreckten sich auf praktisch alle Bereiche der historischen Forschung. Die Sklaverei wurde in eine besondere amerikanische „Erbsünde“ verwandelt und als Werkzeug für die Übertragung von Rassismus dargestellt – und nicht als ein weltweit verbreitetes System zur Ausbeutung der Arbeitskraft mit uralten Wurzeln. Die amerikanische Revolution wurde auf eine Verschwörung weißer Männer reduziert, die als Gründungsväter die Sklaverei gegen die aufgeklärte britische Aristokratie verteidigten.

Laut Hannah-Jones und der Times ging es im amerikanischen Bürgerkrieg nicht um die Abschaffung der Sklaverei, sondern um einen Bruderkrieg zwischen Rassisten, eine Interpretation, die erstmals vor mehr als einem Jahrhundert von Jim-Crow-Historikern entwickelt wurde. Es gab in ihren Augen weder einen interethnischen Abolitionismus noch die geringste Spur einer Arbeiterbewegung. Trotz des Anspruchs, „Schwarze in den Mittelpunkt stellen“ zu wollen, sind afroamerikanische Menschen als historische Akteure nirgendwo zu finden – lediglich als Opfer-Symbole weißer Unterdrückung. Frederick Douglass, Martin Luther King, die Harlem Renaissance und die Große Migration, all das gab es nicht. So wird der Rassismus in einen überhistorischen und biologischen Impuls verwandelt, der, wie Hannah-Jones schreibt, „in der DNA dieses Landes selbst steckt“. In diesem neuen Narrativ bleibt keinerlei Platz für amerikanische Indigene, Vertragsknechte, Einwanderer, Bauern und Lohnarbeiter.

Darüber hinaus bestanden Hannah-Jones und das 1619-Projekt in lautem und ungehobeltem Tonfall darauf, dass nur Afroamerikaner diese Geschichte intuitiv begreifen könnten. Bei der Herausgabe ihrer Sonderausgabe rühmte sich die Times: „Nahezu alle Mitwirkende des Magazins und der neuen Rubriken – Autoren, Fotografen und Künstler – sind schwarz. Dieser Aspekt des Projekts ist in unseren Augen nicht verhandelbar und trägt dazu bei, seine These zu unterstreichen.“ Hannah-Jones behauptete auf Twitter, „weiße Historiker“ würden sich niemals genügend vom Rassismus befreien können, um die afroamerikanische Geschichte zu verstehen, und könnten deshalb getrost ignoriert werden.

Das Pulitzer-Komitee war sich der Tatsache bewusst, dass zu den „weißen Historikern“, die Hannah-Jones und die Times anprangerten, auch die früheren Pulitzer-Preisträger Gordon Wood und James McPherson gehören – die führenden Historiker der amerikanischen Revolution bzw. des Bürgerkriegs. Beide Wissenschaftler haben ihr Leben dem Studium der amerikanischen Zwillingsrevolutionen gewidmet. Jahrzehnte vor der Veröffentlichung seines mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Werks Für die Freiheit sterben (Battle Cry of Freedom) verfasste McPherson als junger Historiker in seinen Zwanzigern eine bedeutende Studie über die Bewegung gegen die Sklaverei: The Struggle for Equality: Abolitionists and the Negro in the Civil War and Reconstruction [Die Abolitionisten und die Schwarzen im Bürgerkrieg und der Reconstruction-Ära].

Immerhin blieben durch den Ausschluss des 1619-Projekts aus der Kategorie „Geschichte“ die Integrität der Pulitzer-Auswahlkriterien und das Prestige der vorherigen Auszeichnungen für Wood und McPherson gewahrt.

Gemeinsam mit Victoria Bynum und James Oakes, zwei weiteren bedeutenden Historikern, die von der WSWS interviewt wurden, richteten Wood, McPherson und Sean Wilentz einen Brief an die Times, in dem sie auf unerhörte faktische Fehler im 1619-Projekt hinwiesen. In seiner verächtlichen und abweisenden Antwort bestand Silverstein darauf, dass das Projekt „sich mit zahlreichen Wissenschaftlern der afroamerikanischen Geschichte und verwandter Gebiete beraten“ habe und dass das gesamte Vorhaben „[von] Fachexperten sorgfältig geprüft“ worden sei.

Doch eine der „Fachexpertinnen“ des 1619-Projekts, Professorin Leslie Harris von der Northwestern University, enthüllte Anfang März, dass ihre Einwände gegen das zentrale Argument des Projekts – wonach die Amerikanische Revolution zur Verteidigung der Sklaverei gegen eine bevorstehende britische Emanzipationsbewegung geführt wurde – missachtet worden waren. Die offenkundig falsche Behauptung, dass die Revolution eine Konterrevolution zur Verteidigung der Sklaverei gewesen sei, war die wesentliche Grundlage von Hannah-Jones‘ These, der zufolge die „wahre Gründung“ der Vereinigten Staaten nicht 1776, sondern 1619 stattfand. Silverstein bot eine bescheidene Formulierungsänderung an, um diesen „Fehler“ zu „korrigieren“, doch was von der Glaubwürdigkeit des üppig finanzierten Unterfangens noch übriggeblieben war, lag nun endgültig in Trümmern.

Es lohnt sich, die Worte des Pulitzer-Komitees bei der Verleihung der Preise für „Geschichte“ und „Kommentar“ gegenüberzustellen. Während es Hannah-Jones für ihren „persönlichen“ Essay hervorhebt, nennt es McDaniels Sweet Taste of Liberty „eine meisterhaft recherchierte Betrachtung der Reparationsfrage, basierend auf der bemerkenswerten Geschichte einer Frau aus dem 19. Jahrhundert, die Entführung und Wiederversklavung überlebte, um ihren Häscher zu verklagen“ (Hervorhebung hinzugefügt).

McDaniels Buch ist ein beeindruckendes Beispiel für historische Forschung und vereint eine umfassende Kenntnis der Literatur mit der Entdeckung von Dokumenten über den Kampf einer ehemaligen Sklavin in der Auseinandersetzung mit mächtigen historischen Kräften. Das Werk enthält in seinen Anmerkungen zahlreiche Zitate aus den Werken McPhersons und bekräftigt die revolutionäre Bedeutung des Bürgerkriegs. Wie McPherson ist zufälligerweise auch McDaniel von der Rice University in Texas ein „weißer Historiker“. Wir sehen uns gezwungen, dieses ansonsten irrelevante Detail zu erwähnen, denn nach der reaktionären und nationalistischen Ideologie von Hannah-Jones und den rassenbesessenen Redakteuren der Times hätte McDaniel eigentlich nicht in der Lage sein dürfen, „die Nuancen dessen zu ergründen, was es bedeutet, in Amerika ein schwarzer Mensch zu sein“. Dieses rassistische Vorurteil wird von der preisgekrönten Arbeit des Historikers widerlegt. Die drei Akademiker, die beschlossen, Professor McDaniel den Pulitzer-Preis für Geschichte zu verleihen, ließen sich offenbar nicht von derlei zoologischen Kriterien beeinflussen, wie sie von Hannah-Jones und der Times verfochten werden.

Die gedämpfte Reaktion der Times selbst auf die Verleihung des „Kommentar“-Preises an ihre Autorin ist entlarvend und steht in krassem Gegensatz zu der schamlosen Selbstverherrlichung, dem „Pulitzer-Rummel“ und der arroganten Verunglimpfung von Kritikern, die die ersten Monate des 1619-Projekts kennzeichneten. Man kann sich das triumphierende Jauchzen vorstellen, das einem Pulitzer-Preis für die New York Times in der Kategorie „Geschichte“ gefolgt wäre. Stattdessen begnügt sich die auffallend beiläufige Berichterstattung der Times über die diesjährigen Pulitzer-Preisverleihung mit einem kurzen Absatz von rund 225 Wörtern zu der Auszeichnung, die ihre heftig umjubelte Star-Reporterin gewonnen hat.

Beim 1619-Projekt ging es nie um Geschichte – oder auch nur um ernsthaften Journalismus. Von Anfang an, so die durchgesickerten Worte von Times-Chefredakteur Dean Baquet, handelte es sich um eine „ehrgeizige und weitreichende“ Kampagne, die unter Bedingungen wachsender Opposition in der Arbeiterklasse die Frage der Hautfarbe zu „der amerikanischen Frage“ machen sollte (Hervorhebung hinzugefügt). Diese Bemühungen haben weitgehend Schiffbruch erlitten. Der Kontrast zwischen den prahlerischen Behauptungen der Times und dem tatsächlichen Inhalt des 1619-Projekts erinnert an das antike Epigramm:

„Mancher reißt den Mund gewaltig auf, doch seine Leistungen sind ganz unscheinbar; so gebiert der gewaltig stöhnende, kreißende Berg nur eine Maus.“

 

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