Die mexikanischen Arbeiter und der Kampf gegen die Wiederaufnahme der Produktion

Von Andrea Lobo
13. Mai 2020

Wir veröffentlichen hier die Rede, die Andrea Lobo auf der Online-Maikundgebung 2020 gehalten hat. Zu der Kundgebung hatten die World Socialist Web Site und das Internationale Komitee der Vierten Internationale am 2. Mai eingeladen. Andrea Lobo lebt in Costa Rica und berichtet regelmäßig für die World Socialist Web Site über die Kämpfe der Arbeiter in Lateinamerika.

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Die Kampagne zur Rückkehr an die Arbeitsplätze in den mexikanischen Produktionsstätten hat gerade für den US-Imperialismus einen besonders dringenden Charakter angenommen, denn diese sind für die Wiederaufnahme der US-Produktion unerlässlich. Dabei meldet Mexiko weiterhin fast täglich Rekordzahlen an bestätigten Covid-19-Todesfällen und Infektionen.

Ein honduranischer Arzt, der kürzlich von der WSWS interviewt wurde, bemerkte, dass ihn die Nachrichten über die Pandemie an den Kriminalroman Chronik eines angekündigten Todes von Gabriel García Márquez erinnern. In dieser Geschichte wird von fast jeder Figur eine Gelegenheit nach der anderen verpasst, um das Opfer vor einem Mordkomplott zu warnen, bis es zu spät ist. Auch die Regierungen heute reagieren mit Vernachlässigung und Lügen und beschränken sich auf allgemeine Warnungen vor der Pandemie. Es wäre jedoch ein Fehler, die herrschende Klasse und ihre politischen Vertreter als neutrale Zuschauer zu betrachten, die es einfach vorziehen, „nichts zu sagen“. Tatsächlich sind sie selbst die Protagonisten, die eigene Interessen an der Ausführung und Vertuschung haben.

Im Falle der Pandemie entfaltet sich das Verbrechen direkt vor den Augen der Opfer, die mit zahlreichen Verlusten und wirtschaftlichen Entbehrungen konfrontiert sind. Den Rest des Mordkomplotts können sie von selbst entschlüsseln. Dieser Protagonist – die soziale Kraft, die die Macht hat, den Oligarchien und ihren Staaten entgegenzutreten und dieses anhaltende Verbrechen zu stoppen – ist die Arbeiterklasse.

Die Rede von Andrea Lobo beginnt bei Minute 1:56:44 im Video.

Wie bereits in ganz Europa und den Vereinigten Staaten geschehen, streikten auch in Mexiko Tausende von Arbeitern in Zulieferbetrieben – genannt Maquiladoras. Sie forderten die Schließung nicht lebensnotwendiger Betriebe und Schutzausrüstung für wesentliche Anlagen. Die Streiks in Mexiko begannen in Matamoros, jenseits der Grenze zu Brownsville, Texas. Die Arbeiter dort legten einen Tag, nachdem die Regierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador („AMLO“) die Schließung der nicht lebensnotwendigen Produktion angeordnet hatte, die Arbeit nieder. Grund war die Weigerung der Betriebe, der Anordnung zur Schließung nachzukommen. Die Unternehmen konnten sich dabei auf die absichtlich vagen Formulierungen des offiziellen Erlasses berufen.

In Matamoros fand bereits im vergangenen Jahr die größte Streikwelle der Beschäftigten seit Jahrzehnten in Nordamerika statt. Sie protestierten gegen die Niedriglöhne von 8 Dollar pro Tag bei 12-Stunden-Schichten und die Versuche der Unternehmen, ihnen auch ihre Zulagen wegzunehmen. Nach dieser Erfahrung war für viele klar: Die lokalen und föderalen Behörden und die Gewerkschaften unterstützen bedingungslos die Unternehmen, und die Arbeiter können sich nur auf ihre eigene Initiative verlassen.

Als sich die Ausbrüche und Todesfälle von Covid-19 ausbreiteten, wurde dies auch für die Beschäftigten in Städten wie Ciudad Juarez, Tijuana, Mexicali und Reynosa deutlich, die sich der Streikwelle anschlossen.

Mit den internationalen Streikwellen beginnt sich das gewaltige revolutionäre Potenzial der Arbeiterklasse zu zeigen. Es zeigt sich die Notwendigkeit, ihre Macht über ethnische, geschlechtsspezifische und nationale Grenzen hinweg zu vereinen, denn alle Arbeiter haben die gleichen Interessen.

Der Vater des russischen Marxismus, Georgi Plechanow, schrieb: „Ein Arzt darf seinen Kranken nicht nur bemitleiden; er muss die physische Wirklichkeit des Organismus in Betracht ziehen, sich im Kampf gegen sie auf sie selbst stützen. Sollte es einem Arzt einfallen, sich mit einer moralischen Entrüstung über die Krankheit zu begnügen, so würde er Hohn und Spott verdienen.“

Die Arbeiter müssen die physische Realität der Situation, mit der sie konfrontiert sind, verstehen. In nur drei Jahrzehnten erlebte Mexiko eine starke Veränderung seiner Klassenzusammensetzung. Nach Angaben der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik entfielen 1986 70 Prozent der Exporte auf landwirtschaftliche, mineralische und Low-Tech-Produkte. Seitdem sind die Exporte jährlich um 10,4 Prozent angestiegen. Heute machen Güter der Hoch- und Mitteltechnologie 75 Prozent der Ausfuhren aus. Die meisten gehen in die Vereinigten Staaten und nach Kanada.

Die Belegschaften der Maquiladoras wuchsen auf etwa drei Millionen Arbeiter an. Sie arbeiten in wichtigen und hochprofitablen Bereichen der globalen Lieferketten und in Branchen, die für die amerikanische herrschende Elite von existenzieller Bedeutung sind. Die nordamerikanische Industrie wurde aufgebaut und weiter vernetzt. Damit reagierte der US-Imperialismus auf seine sinkende wirtschaftliche Position, die in Konkurrenz mit Europa und Japan und jetzt auch mit China steht.

Während die Finanzmärkte mit Billionen von der Federal Reserve gerettet werden, versucht die Oligarchie verzweifelt, den realen Wert aus der Arbeiterklasse herauszupressen. Hierfür sind Mexikos Maquiladoras unverzichtbar. Auf der anderen Seite ist die Rentabilität der niedrigen Löhne Mexikos ein wichtiger Anreiz für kriegsbezogene Produktion, um sie von potenziellen amerikanischen Rivalen abzuziehen.

Die Beschäftigten eines Amphenol-Werks in Ciudad Juarez, das Drähte und Steckverbinder für die Automobil- und Rüstungsindustrie herstellt, streikten am 17. April, nachdem mehrere Arbeiter erkrankt waren. Das Unternehmen sah sich gezwungen, das Werk zu schließen. Es öffnete aber nur eine Woche später wieder. Denn es wusste, dass es de factodie Erlaubnis der mexikanischen Regierung und die Unterstützung des US-Imperialismus hatte, die Arbeiter zu gefährden. Die Amphenol-Aktien stiegen in dieser Woche um fast 15 Prozent und in dem Monat um 19 Prozent. CEO Richard Norwitt erhielt 2018 10 Millionen Dollar, hauptsächlich aus Aktienoptionen.

Ray Scott, der CEO des Herstellers von Autositzen und elektrischen Systemen Lear Corp., bei dem mindestens 14 Arbeiter in Ciudad Juarez aufgrund der verspäteten Schließung der Fabrik an Covid-19 starben, erhielt ebenfalls fast 10 Millionen Dollar – mehr als das 3.500-fache des aufgeführten Jahresgehalts für einen dortigen Arbeiter.

Wenige Tage, nachdem Donald Trump seinen Plan für eine „erneute Öffnung Amerikas“ veröffentlicht hatte, rief er den mexikanischen Präsidenten López Obrador persönlich an, um ihn zu drängen, auch die Zulieferwerke für US-Firmen wieder zu öffnen. Das Pentagon, der US-Botschafter in Mexiko, eine überparteiliche Gruppe von Senatoren und mehrere Unternehmensgruppen beteiligten sich an dieser Kampagne, um Druck auszuüben.

AMLO hat nun eine Wiedereröffnung ab dem 16. Mai angekündigt, und Wirtschaftsminister Arturo Herrera sagte El Pais, die Regierung suche nach „einem Mechanismus, um Unternehmen auf mexikanischer Seite, die an US-Lieferketten gebunden sind, früher zu öffnen“. Die Regierung strebt die sogenannte „Herdenimmunität“ an, erklärte er, denn „was die Pandemie tötet, ist nicht die Vermeidung von Infektionen“. Selbst bei der Annahme, dass eine erstmalige Infektion vor einer zweiten Infektion schützt – wofür es im Fall von Covid-19 keine wissenschaftliche Grundlage gibt – würde eine „Herdenimmunität“ voraussetzen, dass mehr als die Hälfte der 135 Millionen Mexikaner infiziert wird. Hunderttausende, wenn nicht Millionen würden sterben.

Es wäre naiv zu glauben, dass eine Regierung, die bereit ist, so viele zu opfern, um dem US-Imperialismus zu dienen, nicht auch die mit Hilfe der USA ausgebildeten bewaffneten Truppen und Spezialeinheiten einsetzen würde, um die Rückkehr zur Arbeit zu erzwingen. Ein kürzlich von AMLO selbst verfasstes internes Memorandum der Nationalgarde weist darauf hin, dass sie sich auf den Einsatz gegen „soziale Unruhen“ vorbereitet.

Die korrupten und nationalistischen Gewerkschaften und ihre Apologeten in jedem Land stehen hinter der Kampagne ihrer Regierungen zur Rückkehr an den Arbeitsplatz. Die Arbeiter müssen neue Organisationen und Fabrikkomitees aufbauen, um demokratisch und unabhängig von den Gewerkschaften zu entscheiden, wann und unter welchen Bedingungen sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Sie müssen ihre Kämpfe über Arbeitsbereiche und Grenzen hinweg koordinieren.

Vor achtzig Jahren, kurz vor seiner Ermordung durch einen stalinistischen Agenten in der Nähe von Mexiko-Stadt, schrieb Leo Trotzki: „Nur unter seiner eigenen revolutionären Führung ist das Proletariat der Kolonien und Halbkolonien imstande, die unbesiegbare Zusammenarbeit mit dem Proletariat in den Weltzentren und der ganzen internationalen Arbeiterklasse zustande zu bringen. Nur diese Zusammenarbeit kann den unterdrückten Völkern durch den Sturz des Imperialismus auf der ganzen Welt völlige und endgültige Emanzipation bringen.“

 

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