Tausende weitere Covid-19-Todesfälle in Europa, britischer Premierminister auf Intensivstation

Von Thomas Scripps und Alice Summers
8. April 2020

Am Dinestagabend waren in Großbritannien weitere 786 Menschen im Laufe eines Tages an Covid-19 gestorben. Bereits am Montag wurde bekannt, dass Premierminister Boris Johnson auf die Intensivstation im St. Thomas-Krankenhaus in London verlegt worden war. Vor 11 Tagen wurde bei Johnson eine Coronavirus-Infektion diagnostiziert und er kam am Sonntagabend mit anhaltenden Symptomen von Covid-19 ins Krankenhaus. Sein Zustand hatte sich bis Montagnachmittag nochmals verschlechtert.

Während in London die Zahl der registrierten Todesfälle an vier aufeinander folgenden Tagen gesunken ist und sich die Krankenhauseinweisungen in London angeblich stabilisiert haben, nehmen die Einweisungen in anderen Regionen des Landes rasch zu. Viele Beschäftigte im britischen Gesundheitswesen sind mit dem Virus infiziert und 12 sind gestorben, darunter auch der 24-jährige John Alagos. In den letzten Tagen sind in London 10 ÖPNV-Beschäftigte sowie zwei Postbeamte an Covid-19 gestorben. Ein Busfahrer in Bristol und ein weiterer in Nottingham sind ebenfalls gestorben. Am Montag wurde der erste Todesfall einer Pflegekraft gemeldet.

Unfassbar gruselig: Eine Anwaltskanzlei mit Sitz in London bietet den Mitarbeitern des National Health Service (NHS) an, kostenlos ihr Testament aufzusetzen.

Mehrere europäische Länder haben in den letzten Tagen einen Rückgang ihrer Coronavirus-Fälle und Todesfälle verzeichnet. Dies deutet darauf hin, dass verspätete und notwendige Maßnahmen der Regierungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit allmählich eine begrenzte Wirkung entfalten.

In Italien gab es Anfang der Woche wieder einen Anstieg der Todesfälle, nachdem die Zahl der Sterbefälle pro Tag am Sonntag den niedrigsten Stand seit zwei Wochen erreicht hatte. Die Zahl der neuen Fälle ist jetzt an fünf aufeinander folgenden Tagen gesunken und die Zahl der Patienten auf der Intensivstation hat an drei aufeinander folgenden Tagen abgenommen.

In Spanien ist die Zahl der Todesfälle an vier aufeinander folgenden Tagen auf den niedrigsten Stand seit zwei Wochen gesunken. Auch in Deutschland ist die Zahl der neuen Fälle in den letzten vier Tagen zurückgegangen.

Frankreich verzeichnet einen massiven Anstieg der Todesfälle, auch da eine neue Zählweise eingeführt wurde und jetzt Zahlen aus den Pflegeheimen des Landes miteinbezogen werden. Die Regierung von Macron hatte zunächst versucht, das wahre Ausmaß des Ausbruchs zu verschleiern, und sich bis letzten Donnerstag geweigert, die Todesfälle in Pflegeheimen in ihre offiziellen Zahlen einzubeziehen. Nahezu 4.000 Pflegeheime haben jedoch inzwischen mindestens einen Fall von Covid-19 registriert.

Die menschlichen Kosten sind brutal, und die Zahl der Todesopfer in Europa wird in den kommenden Wochen weiter steigen. Gestern wurden in Italien 604 Todesfälle gemeldet, womit sich die Gesamtzahl auf 17.127 erhöht hat. Die Zahl der neuen Todesopfer in Spanien belief sich auf 556, womit die Zahl der Todesopfer bisher auf 13.897 gestiegen ist. In Frankreich gab es 1.417 neue Todesfälle, wodurch die Zahl der Toten auf 10.328 angestiegen ist. In Deutschland (insgesamt 1.942 Todesfälle) starben 132. Insgesamt wurden in Europa 4.770 weitere Todesfälle verzeichnet, womit sich die schlimme Gesamtzahl auf 57.101 erhöhte.

Die tatsächlichen Zahlen sind weitaus höher, da die meisten staatlichen Aufzeichnungen nicht die außerhalb von Krankenhäusern auftretenden Todesfälle berücksichtigen.

Unter den Todesopfern befinden sich viele Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen, deren Leben einer kriminellen Nachlässigkeit der Regierungen zum Opfer fiel. Die Regierungen überall auf der Welt haben es versäumt, angemessene Maßnahmen zur Vorbereitung auf eine lange vorhergesagte Pandemie zu ergreifen. Schließlich reagierten sie mit großer Verzögerung auf den aktuellen Ausbruch und taten zu wenig, um die Ausbreitung zu verhindern. Gleichzeitig blieb das Frontpersonal im Gesundheitswesen ohne ausreichende Schutzkleidung.

Mehr als 12.000 Beschäftigte im Gesundheitswesen wurden in Italien bisher positiv auf Covid-19 getestet, und bereits 101 medizinische Mitarbeiter (80 Ärzte und 21 Pflegekräfte) haben ihr Leben verloren. Professor Francesco Castelli, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten in einem Krankenhaus in Brescia, Lombardei, sagte gegenüber Sky News: „Wir fragen uns, wer der nächste ist...“

Es gibt keine offizielle Gesamtzahl der Todesfälle unter den Beschäftigten im spanischen Gesundheitswesen, aber die Zahl der Infizierten liegt bei über 19.000. Das Gesundheitssystem des Landes ist von der Epidemie so überfordert, dass die Regierung das medizinische Personal mit Verdacht auf Coronavirus-Infektionen auffordert, sieben Tage nach dem Auftreten der ersten Symptome wieder an die Arbeit zu gehen. Die Anweisung lautet, dass sie während der Arbeit für die nächsten sieben Tage eine Maske tragen müssen, unabhängig davon, ob sie getestet wurden.

Der Verband der Allgemeinmediziner, Zahnärzte, Pflegekräfte, Apotheker und Tierärzte - die 700.000 Beschäftigte im Gesundheitswesen vertreten - haben ihre „absolute Ablehnung“ dieser Anordnung zum Ausdruck gebracht. Sie bezeichnen sie als „unakzeptable Rücksichtslosigkeit“, die ein „ernstes Risiko“ für die Gesundheit der medizinischen Mitarbeiter und ihrer Patienten darstellt.

In Schweden vertritt die Regierung die Politik der Herdenimmunität, von der Großbritannien vor zwei Wochen Abstand nehmen musste. Regierungsvertreter rechtfertigen sie vor dem Hintergrund einer relativ jungen und gesunden Bevölkerung und der Prävalenz von Einpersonenhaushalten und nehmen dies zur Grundlage eines „schwedischen Exzeptionalismus“.

Schulen für Schüler unter 16 Jahren bleiben geöffnet, ebenso wie Büros, Kinos, Fitnessstudios, Friseure, Bars und Restaurants. Erst am vergangenen Mittwoch verbot die Regierung Besuche in Pflegeheimen, beschnitt die maximale Größe von Versammlungen von zuvor 499 auf 49 Menschen und riet der Bevölkerung, eine nicht näher definierte „Distanz“ zu anderen zu wahren.

Schwedens staatlicher Epidemiologe Anders Tegnell sagte letzte Woche gegenüber der Zeitung Svenska Dagbladet, die Kernstrategie der Regierung sei es, „eine langsame Ausbreitung der Infektion zu gestatten und eine vernünftige Auslastung der Gesundheitsdienste zu gewährleisten“. Am vergangenen Donnerstag sagte er im staatlichen Rundfunk: „In einem Monat werden wir, glaube ich, ziemlich nahe an der Herdenimmunität sein.“

Über 2.000 Ärzte und Akademiker, darunter der Leiter der Nobel-Stiftung, prangern jedoch in einem offenen Brief diese Politik an. Cecilia Soderberg-Naucler, Professorin für mikrobielle Pathogenese am Karolinska-Institut, sagte zu Reuters: „Wir müssen die Kontrolle über die Situation erlangen. Wir dürfen nicht in eine Situation kommen, in der wir in ein völliges Chaos geraten. Niemand hat diesen Weg versucht, warum sollten wir ihn also zuerst in Schweden ohne informierte Zustimmung testen?“

Und weiter: „Wir testen nicht genug, wir verfolgen die Spuren des Virus nicht, wir isolieren nicht genug - wir lassen dem Virus freien Lauf. Sie führen uns in die Katastrophe.“

Insgesamt wurden in Schweden bis zum vergangenen Freitag 591 Personen als Todesopfer von Covid-19 gemeldet, deutlich mehr als doppelt so viele wie eine Woche zuvor. Die Zahl der Todesfälle hat sich in Schweden zuletzt dramatisch entwickelt, in den letzten Tagen verdoppelte sich die Anzahl täglich.

Ein Drittel der Kommunen des Landes hat berichtet, dass das Virus in Pflegeheimen vorhanden ist, und 100 Pflegeheime in Stockholm haben Fälle. Etwa 50 Bewohner der Pflegeheime in der Hauptstadt sind gestorben.

Das Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen hat vor einem Mangel an Schutzkleidung gewarnt. Die Intensivpflegebetten in Stockholm wurde in Vorbereitung auf eine Welle von Aufnahmen verdreifacht, und südlich des Stadtzentrums wird ein Feldkrankenhaus gebaut, das schließlich 600 Patienten aufnehmen wird.

Am Samstag musste der schwedische sozialdemokratische Ministerpräsident Stefan Löfven zugeben: „Wir werden mehr schwerkranke Menschen haben, die eine intensive Betreuung benötigen. Wir sind mit Tausenden von Todesfällen konfrontiert. Darauf müssen wir uns vorbereiten.“

Joacim Rocklöv, Professor für Epidemiologie und öffentliche Gesundheit in Umeå, fragte zurück: „Bedeutet dies, dass dies eine kalkulierte Konsequenz ist, die die Regierung und die Gesundheitsbehörde für in Ordnung halten? Wie viele Leben sind sie bereit zu opfern, um nicht... größere Auswirkungen auf die Wirtschaft zu riskieren?“

Obwohl sie schließlich gezwungen waren, Kontaktsperren und andere Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit einzuführen, sind alle europäischen Regierungen von den gleichen kalten wirtschaftlichen Erwägungen geprägt. Wichtiger als die öffentliche Gesundheit ist es für sie, die Beschäftigten wieder an die Arbeit zu bringen und Gewinne für die Unternehmen zu sichern.

Wie es im Magazin Forbes vorgestern hieß: „Italien kann nicht bis zur dritten Aprilwoche täglich tausend neue Fälle melden, sonst wird der Markt aus dem Ruder laufen... Hoffentlich kann Europa Anfang Mai mit der Öffnung beginnen.“

Der italienische Gesundheitsminister Roberto Speranza skizzierte eine Reihe von Maßnahmen, „um die Bedingungen für ein Leben mit dem Virus zu schaffen“. In der „zweiten Phase“ des Notstands sollen die Italiener wieder arbeiten, während die soziale Kontaktsperre bestehen bleibt, die stärkere Verwendung persönlicher Schutzkleidung gefördert wird, die lokalen Gesundheitssysteme gestärkt, mehr Tests durchgeführt und das Nachverfolgen von Ansteckungswegen ausgeweitet wird.

Laut dem britischen Boulevardblatt Sun arbeiten die Regierungsvertreter in Großbritannien an Plänen für eine gestaffelte Rückkehr an den Arbeitsplatz bis Juni. Wie es heißt, warnen Vertreter des Finanzministeriums davor, dass eine längere Schließungsperiode „normalerweise erfolgreiche Unternehmen“ zum Untergang verdammen würde.

Deutschland arbeitet an ähnlichen Verfahren.

Am Samstag kündigte der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez (Sozialistische Partei), an, dass viele Arbeiterinnen und Arbeiter auch in nicht-systemrelevanten Berufen, so im Baugewerbe und in der Produktion, nach Ostern wieder zur Arbeit gehen sollen. Es wird von ihnen erwartet, dass sie die verlorenen Stunden durch Überstunden am Abend und am Wochenende ausgleichen.

Die Forderungen nach einer raschen Rückkehr an den Arbeitsplatz werden von finanziellen Interessen, nicht von wissenschaftlichen Erkenntnissen oder der Frage der öffentlichen Sicherheit bestimmt. Die Financial Times schreibt: „In Bezug auf die Rückkehr an den Arbeitsplatz sollten die Regierungen auch den Rat von Wirtschafts- und Geschäftsexperten einholen, wie sie es bei Gesundheitsfragen auch tun.“

Am Samstag sagte Professor Graham Medley, Berater der britischen Regierung in Pandemie-Fragen, der Times: „Die Maßnahmen zur Kontrolle [der Krankheit] verursachen Schaden. Am wichtigsten dabei der wirtschaftliche... Wenn wir mit der Abschottung weitermachen, gewinnen wir mehr Zeit, wir können uns mehr Gedanken darüber machen, aber es löst nichts - es ist ein Platzhalter.“

Die Zeitung schreibt Medley die Aussage zu, dass „das Land sich dem Kompromiss zwischen der Schädigung der Jungen und der Schädigung der Alten stellen muss“.

 

Commenting is enabled but will only be shown on the live site.