Chicago: Amazon-Arbeiter demonstrieren für besseren Schutz gegen Covid-19

Von George Gallanis
6. April 2020

Am Freitag demonstrierten die Beschäftigten des Chicagoer Amazon-Versandzentrums DCH1 im Südwesten der Stadt unter der Parole „Unser Leben zählt!“ Im Vorfeld der Demonstration vor dem Gebäude hatte das Management bekannt gegeben, dass zwei der Arbeiter positiv auf Covid-19 getestet wurden. Davor hatten bereits am Montag 30 Beschäftigte die Arbeit niedergelegt. Sie hatte ihre Kollegen dazu aufgerufen, das Gebäude nicht zu betreten, um nicht ihr Leben zu riskieren.

Die Arbeiter von DCH1 bringen die wachsende Wut darüber zum Ausdruck, dass den Konzernen Profite wichtiger sind als das Leben der Arbeiter. Diese Wut hat bereits in der Autoindustrie, bei Instacart, Whole Foods und auch bei Amazon zu zahlreichen Streiks geführt.

Logistikangestellte Breana Avelar mit Plakat vor dem Logistikzentrum DTW1 in Romulus (Michigan), 1. April 2020 [AP Photo/Paul Sancya]

Die Arbeiter im Versandzentrum DCH1 sind für den letzten Schritt des Bestellprozesses verantwortlich: die Lieferung der Pakete an ihr endgültiges Ziel. Obwohl sie weiterhin Millionen von Menschen im ganzen Land beliefern, die sich in Quarantäne befinden, bekommen sie nicht einmal eine grundlegende Schutzausrüstung wie Gesichtsmasken und Handschuhe. Das erhöht die Gefahr, dass sie sich mit der Krankheit infizieren und sie weiterverbreiten. Die Arbeitsweise im Betrieb erfordert, dass die Arbeiter in engem Kontakt stehen und ohne Minimalschutz arbeiten müssen. Das schafft die Bedingungen dafür, dass das Virus sich rapide ausbreitet.

Die Beschäftigten von DCH1 fordern die Schließung ihres Betriebs für zwei Wochen und eine gründliche Reinigung sowie volle Lohnfortzahlung. Zudem soll Amazon die vollen Kosten für die medizinische Behandlung von Arbeitern und deren Familienmitgliedern zahlen. Außerdem fordern sie die Beschränkung der Lieferung auf lebensnotwendige Güter, die Aussetzung des verhassten Stufensystems, mit dem das Unternehmen die Arbeitshetze verschärft, und die sofortige Bekanntgabe aller neuen Covid-19-Fälle im Betrieb durch das Management.

Laut der Gruppe DCH1 Amazonians United, die den Streik von Freitag organisiert hat, erfuhren die Arbeiter am 27. März vom Management, dass einer ihrer Kollegen positiv auf Covid-19 getestet worden sei. Auf ihrer Facebook-Seite erklärt die Gruppe dazu: „Sie haben die Arbeiter dieser Schicht erst über den Corona-Fall informiert, nachdem sie fast die gesamte Arbeit für diese Nacht erledigt hatten. Die anderen Arbeiter haben sie erst am nächsten Tag mit einem automatischen Anruf informiert, nachdem bereits drei weitere Schichten im Versandzentrum gewesen waren.“

Letzte Woche gab das Management zu, dass ein weiterer Arbeiter positiv getestet worden sei.

Streikende Amazon-Arbeiter in Chicago [Quelle: DCH1 Amazonians United]

Chicago ist gerade dabei, zu einem der nächsten Hotspots von Covid-19 zu werden. Am Freitag meldete die lokale Presse, dass bereits zwei Beschäftigte von Wal-Mart im Raum Chicago an dem Virus gestorben seien. Bis Samstag wurden in Chicago 3.836 Menschen positiv getestet, im Rest des Bundesstaates Illinois waren es 8.904. Da es zu wenige angemessene Tests gibt, ist die tatsächliche Zahl zweifellos sehr viel höher.

Es ist nicht das erste Mal, dass Arbeiter in der Niederlassung DCH1 Widerstand gegen die schlechte Behandlung durch Amazon leisten. Im Juli 2019 forderten etwa 30 Arbeiter von DCH1 eine Lohnerhöhung von 15 auf 18 Dollar die Stunde für den Amazon Prime Day und die Tage davor. Der Prime Day ist der Tag, an dem Amazon massive Produktivitätssteigerungen durchsetzt. Daneben forderten sie eine vollständige Gesundheitsversorgung und Klimaanlagen im Betrieb, da im Sommer dort drückende Hitze herrscht.

Die Pandemie hat anschaulich gezeigt, wie brutal Amazon seine Arbeiter ausbeutet, um so viel Profit wie möglich aus ihnen herauszuquetschen. Schon vor der Pandemie waren Amazon-Arbeiter weltweit mit Missachtung der Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen, Arbeitshetze, immer größerem Arbeitspensum, Schikanen und Verletzungen konfrontiert. Im Jahr 2018 nahm die US- Arbeitsschutzbehörde Amazon in seine Liste von Arbeitgebern auf, die für unsichere Arbeitsplätze bekannt sind.

Letzten Monat schrieb der Multimilliardär und reichste Mann der Welt, Jeff Bezos, in einem offenen Brief an die Amazon-Arbeiter, sie müssten angesichts des landesweiten Mangels an Schutzmasken „warten, bis sie dran sind“. Zweifellos genießt Bezos persönlich den weltbesten Schutz vor Corona. Angesichts der ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen – ein Logistikkonzern, ein Lieferkonzern und ein Softwareunternehmen, um nur einige zu nennen – könnte er durchaus Schutzausrüstungen für seine Arbeiter produzieren lassen. Dennoch ist Amazon entschlossen, seine Profite nicht mit der Rettung von Menschenleben zu vergeuden.

Den streikenden Amazon-Arbeitern drohen Vergeltungsmaßnahmen durch das Management, das höchstwahrscheinlich in direktem Kontakt mit den oberen Etagen der Konzernleitung steht. Dieses beobachtet die aufkommenden Streiks mit Nervosität.

Chris Smalls, der den Amazon-Streik im New Yorker Stadtteil Staten Island organisiert hatte, wurde unter dem fadenscheinigen Vorwand entlassen, er habe gegen Quarantänebeschränkungen verstoßen, als er mit einem Covid-19-Infizierten in Kontakt gekommen war. Die Gruppe DCH1 Amazonians United schrieb auf ihrer Facebook-Seite über Schikanen des Managements wegen der Streiks: „Amazon betreibt subtile und offene Vergeltungsmaßnahmen gegen uns, weil wir den Mund aufmachen und uns aktiv wehren.“

Die internationale Arbeiterklasse muss streikende Beschäftigte in wichtigen Branchen wie dem Einzelhandel, dem Transport und anderen wichtigen Bereichen unterstützen, egal in welchem Land. Jeder Arbeiter braucht einen sicheren Arbeitsplatz, angemessene Schutzausrüstung und eine garantierte Gesundheitsversorgung im Krankheitsfall.

Die offizielle Reaktion der kapitalistischen Regierungen und Konzerne auf die Pandemie verbindet kriminelle Gleichgültigkeit angesichts von Millionen Toten mit grotesker Inkompetenz. Sie steht in scharfem Gegensatz zur Reaktion der Arbeiterklasse, die weltweit für eine rationale und organisierte Reaktion kämpft.

Die Socialist Equality Party, die in den USA sozialistische Kandidaten für die Präsidentschaftswahl aufgestellt hat, ruft alle Amazon-Arbeiter auf, diesen Kampf aufzugreifen. Sie müssen an ihren Arbeitsplätzen Aktionskomitees bilden, die von den Arbeitern selbst demokratisch kontrolliert werden. Nur so können sie die Kontrolle über die Arbeitsbedingungen übernehmen und die Interessen der Arbeiter verteidigen. Sie müssen zudem den Kampf gegen die bürgerlichen Politiker aufnehmen, egal ob Demokraten oder Republikaner, die als Reaktion auf die Pandemie Billionen Dollar an die Banken und Konzerne verteilen.

 

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