„Lasst die Pflegekräfte nicht im Stich!

Pandemie in Italien: Suizide von Krankenschwestern nehmen zu

Von Allison Smith
1. April 2020

Letzte Woche erfuhr die 34-jährige Krankenschwester Daniela Trezzi, dass sie sich mit COVID-19 infiziert hatte. Sie arbeitete auf der Intensivstation des San-Gerardo-Krankenhauses Monza bei Mailand. Verzweifelt über die Vorstellung, dass sie seit einiger Zeit das Coronavirus auf andere übertragen haben könnte, und angesichts ihrer unerträglichen Arbeitsbedingungen im Epizentrum der Pandemie nahm Trezzi sich das Leben.

Der nationale Verband italienischer Krankenschwestern und -Pflegern (FNOPI) sagte in einer kurzen Erklärung zu ihrem Tod, dass viele Pflegekräfte, die COVID-19-Pantienten behandelten, wie Frau Trezzi „wegen der Angst, andere angesteckt zu haben, stark unter Stress stehen“. Wie der Verband mitteilte, hatten seine Mitglieder die Nachricht von ihrem Tod „mit Schmerz und Betroffenheit“ aufgenommen.

Trezzi hatte an der Universität Mailand-Bicocca studiert und wohnte in Brugherio bei Monza (Lombardei). Sie hinterlässt einen Bruder und zahlreiche Freunde und Kollegen. Aus ihrer Facebook-Seite, die am Mittwoch noch zugänglich war, spricht ihre Liebe zu ihrem Hund und zu Natur und Reisen, wie auch die Hingabe an ihren Beruf.

Daniela Trezzi

Nach Trezzis Suizid betonte das FNOPI eindringlich: „Jeder von uns hat diesen Beruf im Guten und leider auch im Schlechten gewählt: Wir sind Pflegekräfte. Und keine Krankenschwester, kein Pfleger überlässt irgendjemanden seinem Schicksal, auch wenn wir dabei – und das ist hiermit bewiesen – unser Leben aufs Spiel setzen. Aber jetzt reicht‘s. Wir fordern: Lasst die Pflegekräfte nicht im Stich!“

Diese Tragödie weist auf die schrecklichen menschlichen Kosten der COVID-19-Pandemie hin. Und nicht nur der Pandemie: Jahrzehntelange Sparmaßnahmen im sozialen Bereich haben dazu geführt, dass heute die Krankenhäuser in ganz Europa unterbesetzt und überlastet sind, dass lebenswichtige Schutzanzüge und Masken fehlen und das medizinische Personal sich nicht ausreichend schützen kann.

Jetzt, inmitten der größten Pandemie seit der Spanischen Grippe von 1918–1919, arbeiten Millionen von Krankenschwestern und -pflegern weltweit rund um die Uhr mit wenig oder gar keiner Schutzausrüstung. In ganz Europa haben sich Zehntausende Pflegekräfte mit der Krankheit angesteckt. Das Pflegepersonal macht 18 % der inzwischen fast 100.000 COVID-19-Fälle in Spanien aus. Sie teilen die Fotos von erschöpften Kollegen, während ihre Krankenhäuser unter der tagtäglichen Last Tausender COVID-19-Intensivpatienten einknicken.

Der Stress, dem die Pflegekräfte ausgesetzt sind, ist unerträglich. Hilflos müssen sie zusehen, wie COVID-19-Patienten alleine sterben. Auf Euronews berichtet die Ärztin Francesca Cortellaro, Leiterin der Notaufnahme am San Carlo Borromeo Krankenhaus in Mailand: „Stellen Sie sich die Notaufnahme vor. Dort gehen COVID-19-Patienten allein hinein, ohne Angehörige, die Anteil nehmen. Sie spüren genau, wenn der Tod naht. Sie sind bei klarem Verstand, sie werden nicht etwa bewusstlos.“

Was den Stress für die Pflegekräfte noch steigert, sind die widersprüchlichen Aussagen und das politische Vorgehen der europäischen Regierungen. Immer wieder gibt es welche, die COVID-19 mit einer saisonalen Grippe vergleichen und die Krankheit herunterspielen. Sie versuchen, Arbeiter für dumm zu verkaufen und an die Arbeit zu zwingen, um mitten in der Pandemie die Profite zu steigern.

Monica Trombetta, eine Krankenschwester, die in Como in der Nähe von Monza arbeitet, sagte der Presse: „Wir sind sehr müde und wir haben Angst. Die Regierungsdekrete ändern sich jeden Tag. Das Personal hat keine klaren Richtlinien für den Umgang mit diesem neuen Virus und fühlt sich im Stich gelassen – aber nicht von unserem Krankenhaus, es ist eher ein allgemeines Gefühl. Die Krankenschwestern haben Angst, nach Hause zu gehen und möglicherweise ihre Angehörigen anzustecken.“

Pflegekräfte, die aufgrund ihres Berufs die meiste Zeit mit Patienten verbringen, sind für Selbstmordgedanken besonders anfällig. Suizide von Krankenschwestern werden zu einer globalen Epidemie. In den USA wurde schon im letzten Jahr eine hohe Suizidrate erreicht. So begingen dort noch vor der COVID-19-Pandemie zwölf Krankenschwestern von 100.000 und fast 40 Pfleger von 100.000 Suizid. Der extrem hohe Druck und die Anforderungen ihres Berufs sind ein entscheidender Faktor, der das Gefühl von Not und Depression verschärft.

In Großbritannien hat sich letzte Woche eine zwanzigjährige Krankenschwester während der Arbeit das Leben genommen. Sie arbeitete am King's College Hospital in London mit COVID-19-Patienten. Ihre Kollegen fanden sie auf der Station, als sie schon nicht mehr ansprechbar war. Die Ärzte konnten sie nicht wiederbeleben und mussten ihre nächsten Angehörigen benachrichtigen. Das Krankenhaus gab ihre Identität jedoch nicht bekannt.

Mehrere britische Krankenhaustrusts berichten, dass bis zu 50 Prozent ihres medizinischen Personals an COVID-19 erkrankt sei. Weil sie alle krankgemeldet sind, fragt sich das restliche Personal besorgt, wer sich dann noch um sie kümmern soll – wie auch um den massiven täglichen Zustrom von COVID-19-Patienten – wenn auch sie an dem Virus erkranken.

Da sich jetzt schon Hunderttausende Menschen infiziert haben, treibt COVID-19 in ganz Europa die Krankenhäuser in den Kollaps. Dies zeigt die verantwortungslose Nachlässigkeit der Regierungspolitiker, die die breite arbeitende Bevölkerung ihrem Schicksal überlassen. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte die Deutschen auf, zu akzeptieren, dass 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung erkranken. Britische Politiker fordern, dass die Briten eine „Herdenimmunität“ entwickeln müssten, indem fast die gesamte Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert werde. Gleichzeitig bestehen sie alle darauf, dass die Arbeiter weiter arbeiten müssen, damit „die Wirtschaft“ weiter läuft und die Profite weiter fließen.

Eine solche Politik wird dazu führen, dass Hunderte Millionen Menschen an COVID-19 erkranken werden. Sie wird eine Krise auslösen, die die heutige Katastrophe in Norditalien noch um das Hundert- oder Tausendfache übersteigt. Dass führende europäische Regierungen solche Vorschläge unterbreiten, verdeutlicht die politische und moralische Verkommenheit des Gesellschaftssystems. Es zeigt die Gleichgültigkeit der herrschenden Klasse den menschlichen Tragödien gegenüber, die sich jetzt abspielen.

Ebenfalls letzte Woche brachte sich in Italien eine 49-jährige Krankenschwester um, die auf der COVID-19-Station von Jesolo bei Venedig gearbeitet hatte. Sie warf sich in Cortellazzo in den Fluss Piave und ertrank.

Die Krankenschwester mit den Initialen S.L. hatte sich freiwillig für die Arbeit mit Coronavirus-Patienten gemeldet und mutig geholfen, das Krankenhaus von Jesolo in eine reine COVID-19-Station umzuwandeln. S.L. lebte allein, und als sie sich das Leben nahm, war sie schon zwei Tage lang mit Fieber zu Hause, um auf das Ergebnis eines COVID-19-Tests zu warten.

Ihr Krankenhausdirektor betonte in einem Nachruf auf S.L.: „Sie hatte sich als Mensch der gewählten Aufgabe verschrieben. Sie war eine unersetzliche Stütze für die Kollegen und für unsre Gesundheitsbehörde. Es gibt am Krankenhaus von Jesolo keine Kollegen, die nicht zutiefst betroffen und schockiert auf die Nachricht von ihrem Tod reagiert hätten. Wir alle, die wir in diesen Tagen an der Coronavirus-Front kämpfen, fühlen mit den Angehörigen unserer Krankenschwester S.L., und ich spreche ihnen mein tiefstes Beileid aus.“

 

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