70. Berlinale: Eine Wiederentdeckung – „Hallelujah“ von King Vidor

Von Bernd Reinhardt
30. März 2020

Die Retrospektive der diesjährigen Berlinale war King Vidor (1894-1982) gewidmet. Vidor gehört zu den großen amerikanischen Filmregisseuren. Die Zeit seines kreativen Wirkens umfasst eine außergewöhnlich lange Zeitspanne. Er drehte seine ersten Filme in der Stummfilmzeit, beeinflusst von D. W. Griffith, dem frühen sowjetischen Film und dem Weimarer Kino. Er selbst wurde später ein wichtiger Inspirator für den italienischen Neorealismus. Sein letzter Film entstand 1980.

Hallelujah

International berühmt machten ihn so unterschiedliche Filme wie der Western „Duell in der Sonne“ (1946), die Romanverfilmung von Tolstois „Krieg und Frieden“ (1956) oder „Unser täglich Brot“ (1934). Sein Film „Die große Parade“(1925) beeinflusste Antikriegsfilme wie „Im Westen nichts Neues“. Was ihn als Künstler auszeichnete, war ein nie nachlassendes Gespür für substantielle Themen und Konflikte. Oft griff er kritisch zeitaktuelle Stoffe auf. Zu den Filmen, die der sowjetische Regisseur Sergei Eisenstein schätzte, gehörte Vidors Musikfilm „Hallelujah“ (1929).

Der Film spielt im Süden der USA. Wie zur Zeit der Sklaverei arbeiten auf den Baumwollplantagen schwarze Arbeiter. Sie zählen zu den Ärmsten der Gesellschaft. Zeke (Daniel L. Haynes), ein junger Baumwollarbeiter, lebt mit vielen jüngeren Geschwistern noch bei der Mutter (Fanny Belle DeKnight). Er fährt die Baumwolle zum Verkauf in die Stadt und macht später in einer Tanzbar der Tänzerin Chick (Nina Mae McKinney) schöne Augen. Sie lacht den Hungerleider aus, bis sie merkt, dass er Geld hat. Sie bringt ihn dazu, gegen den Ganoven Hot Shot (William Fountaine) zu würfeln. Als Zeke das gesamte Erntegeld verliert, beschuldigt er Hot Shot des Falschspiels. Beim Streit erschießt er aus Versehen seinen kleiner Bruder Spunk (Everett McGarrity), der ihm heimlich gefolgt war. Zeke gelobt an dessen Grab, ein guter Mensch zur werden, und wird Prediger.

Während einer Predigt unter freiem Himmel kommt Chick die Straße entlang und verhöhnt ihn, er sei ein Heuchler. Doch dann hört sie zu und gelobt schließlich, selbst ihr Leben zu ändern. Am Ende gelingt es nicht, und sie landet bei ihrem alten Kumpan Hot Shot. Zeke verfolgt die beiden eifersüchtig. Hot Shot wird getötet, während Chick durch einen Unfall ums Leben kommt. Der zu Zwangsarbeit verurteilte Zeke überlebt den Steinbruch und kehrt zur Familie zurück. Seine Braut Missy Rose (Victoria Spivey) hat die ganze Zeit auf ihn gewartet. Es ist Erntezeit, wie zu Beginn des Films.

„Hallelujah“ ist ein früher Tonfilm und einer der ersten Hollywood-Filme mit rein afro-amerikanischer Besetzung. Man sieht den Darstellern den Spaß an der Sache an, wie in der Szene, wo die vielen Kinder der Mutter Gute Nacht sagen – es nimmt kein Ende. Es gibt viel Musik, darunter populäre Spirituals, Blues und rasante Tanzszenen: Während einer Predigt imitiert Zeke mit den Füßen Zuggeräusche (es ist der Zug in die Hölle). Manchmal entfaltet die Film-Musik eine oratorienhafte Dimension. Das

Das Gesamtkunstwerk aus Bild, Musik und Rhythmus, das Vidor geschaffen hat, ist heute noch grandios. Der Film, 1930 für den Oskar nominiert, vibriert geradezu vor Energie.

Für King Vidor war der Film eine Herzensangelegenheit. Das Studio war skeptisch, bis er auf sein Honorar verzichtete. Sein Anspruch war, so realistisch wie möglich zu sein. Er hatte seine Kindheit im Süden verbracht, kannte schwarze Arbeiter von den Sägewerken seines Vaters und ihre Spirituals. Er drehte in verschieden Orten im Süden, so in und um Memphis. Für die religiöse Taufszene mit 200 Statisten engagierte Vidor eine Reihe babtistischer Geistlicher und Kirchgänger aus der Umgebung von Memphis. Bei den Dialogen berieten ihn seine schwarzen Mitarbeiter.

Dennoch betrachtet das Buch zur Retrospektive den Film als „nicht unproblematisch“. Er verbinde, heißt es in dem Artikel von Lisa Gotto, „das revolutionäre Potential der Tontechnologie mit einer reaktionären Auffassung von afroamerikanischen Lebenswelten“. Die Rassentrennung, „die Alltagserfahrung der rassistischen Diskriminierung, die Ausbeutung afroamerikanischer Baumwollpflücker durch weiße Pächter“, kämen in dem Film nicht vor. Während es Millionen von Afroamerikanern aus dem Elend des Südens in die Großstädte des Nordens zog, „entwirft Vidor ein rückwärtsgewandtes, nostalgisch verklärtes Szenario von selbstgenügsamen und schicksalsergebenen Plantagenarbeiter/-innen, die ihre Situation weder in Frage stellen noch gegen sie aufbegehren“.

„Hallelujah“ ist im Wesentlichen ein Film-Musical. Dementsprechend spielen Musik und Tanz eine herausragende Rolle. Das ist außerordentlich mitreißend. Spätestens die Steinbruch-Szene zeigt, dass die Musik nicht die Funktion hat, unmenschliche Zustände zu verklären (es wäre zu unglaubwürdig). Religion und Musik sind eher Ausdruck der starken Sehnsucht nach Erlösung. Ebenso die knisternde Erotik, die sich mitunter mit religiöser Inbrunst zu vermischen scheint. Religion und Musik helfen das schwere Leben zu ertragen. Das ist nicht dasselbe wie „Selbstgenügsamkeit“.

Es gibt in „Hallelujah“ Szenen von großer Tragik, wie Spunks Beerdigung. Doch bevor Trauer zu destruktiver Lähmung werden kann, erfolgt ein Umschlag in Musik und Tanz, die sich bis zu gemeinschaftlich religiöser Verzückung steigern. Gleichzeitig hat man nicht „zu viel“ Religion, sondern nur, was für die seelische Gesundheit nötig ist. Während der religiösen Hochzeitszeremonie auf dem Hof zwingt Zeke parallel dazu im Haus der jungen Frau am Harmonium, die Richard Wagners Hochzeitsmarsch intoniert hat, einen sehr unfeinen Kuss auf (später werden sie allerdings heiraten). Das Gegenteil hiervon ist die religiöse Strenge der bekehrten Chick, die ihr niemand glaubt und die auch nicht lange anhält.

Interessanterweise erinnert das spontane Lebensfeeling mancher afro-amerikanischer Figuren an osteuropäische Film-“Gipsys“: Derselbe scheinbar pragmatisch-naive Genuss des Augenblicks ohne sorgevollen Blick zurück oder nach vorn. Singen und Tanzen, das Leben im Jetzt zählt. Es ist nicht nur ein Klischee. Es ist die Lebensphilosophie von Menschen ohne Perspektive. Früher Leibeigene, gehören viele Roma heute zu den Ärmsten. Manches hat sich vom alten Lebensgefühl erhalten. Das gilt auch für die formal freien schwarzen Landarbeiter im Film. Sie singen, aber sie beten auch, dass sie einen annehmbaren Preis für die Baumwolle bekommen.

Der Artikel bemerkt richtig, dass die Interpretation von „Gospels, Spirituals, Blues und Jazz“ in der Art erfolgte, die anschlussfähig war mit der „von Weißen geprägte(n) Unterhaltungsindustrie“. Unübersehbar ist die Art, wie Chick singt, wie ihre Gestik und Mimik beim Tanzen von den großen populären Revuen geprägt sind. Was ist daran schlimm? Die Darstellerin Nina Mae McKinney wirkte in der Broadway-Show „Blackbirds of 1928“ mit. Soll eine ethnische Jury über kulturelle „Echtheit“ oder „Gemachtheit“ bestimmen, darüber, welche Musik Afroamerikaner lieben dürfen – den schwarzen Louis Armstrong: ja, den weißen Irving Berlin: nein (einige Songs im Film stammen von ihm). Der Jazz selbst war nie allein „schwarz“, sondern entstand auf der Grundlage kultureller Vielfalt.

King Vidor legt in „Hallelujah“ eine ausgesprochen humane Haltung an den Tag, einen Antirassismus, der auch in seinem Film „Die japanische Kriegsbraut“ (1952) sichtbar wird, der auf der Retrospektive zu sehen war. Dort setzt sich Vidor sensibel mit Spannungen zwischen angestammten US-Amerikanern und japanischen Einwanderern vor dem Hintergrund des Koreakriegs und den Nachwirkungen der Japan-Feindschaft während des Zweiten Weltkriegs auseinander.

In „Hallelujah“ beschreibt Vidor die schwarze Gefühlswelt universell-menschlich: Zekes Hin- und Hergerissenheit angesichts der aufregend erotischen Chick. Das schreckliche Gefühl, das ihn befällt, als ihm klar wird, dass das leichtsinnig verzockte Geld unwiederbringlich weg ist. Diese starken Gefühle kann jeder nachvollziehen. Letztendlich ist die Frage der Unterdrückung eine Klassenfrage, nicht der Hautfarbe. In Friedrich Wilhelm Murnaus Filmklassiker „Sunrise“ (1927) ist es ein kleiner weißer Farmer, den Bodenspekulanten mit schmutzigen Tricks in die Stadt locken wollen, um ihm die Farm abzuluchsen. Er hat Glück. Aber wie viele andere sind hoffnungslos in den Städten des Nordens gestrandet?

King Vidor bemerkt soziale Unterschiede und Unterdrückung auch innerhalb der schwarzen Bevölkerung. Der schwarze ehrbare Kleinbürger gibt sich eitel wichtig, der schwarze christliche Prediger im Film warnt die Gemeinde (wie außerhalb des Films sein weißer Kollege) vor der teuflischen Jazzmusik.

Das Filmende ist wie der Anfang. Das Leben ist ein Kreis. Solche Tragödien werden wieder passieren. Zeke kehrt zur Familie zurück, nachdem sein individueller Erlösungsversuch gescheitert ist. Die schwerfällige „Big Mama“ sollte man nicht als rassistisches Stereotyp aus der Minstrel-Show betrachten, das den „weißen“ Blick Vidors verrät, sondern als einen bestimmten, humorvoll gezeichneten Muttertyp, der überall auf der Welt zu finden ist, wo Armut und Arbeitslosigkeit existieren und erwachsene „Kinder“ auf Hotel-Mama angewiesen sind.

Die universell-menschliche Botschaft des Films ist auf den Punkt gebracht, als Zeke singend auf dem Dach des Zuges sitzt, der ihn nach Hause bringt. Das Lied scheint ihm gerade durch den Wind zugflogen zu sein und drückt nur eines aus: Es geht nach Hause. Die weltberühmte Melodie stammt aus dem 2. Satz der 9. Sinfonie (Aus der Neuen Welt, 1893) des tschechischen Komponisten Antonin Dvorak (1841-1904). Der Legende nach soll sie indianischen Ursprungs sein.

Der engagierte Film, der zum großen Teil in einem der damaligen Zentren von „Jim Crow“ gedreht wurde, ist eine echte Entdeckung und seit 2014 als DVD (nur in Originalsprache) zu haben.

Videos aus und zu “Hallelujah”

Filmszene „Swanne Shuffle“

Filmszene “Going Home”

Antonin Dvoraks 9. Sinfonie, Largo, mit der Melodie von “Going Home”

Victoria Spivey, Darstellerin von „Missy Rose“, live in Paris 1973. Sie war eine bedeutende Bluessängerin, die u.a. mit Armstrong spielte und in den 1970er Jahren auch mit Bob Dylan.

Nina Mae McKinney, Darstellerin von Chick, blieb Schauspielerin und Sängerin, sie war als the black Greta Garbo bekannt.

 

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