Wie viele sollen für die Wall Street sterben?

27. März 2020

Die Zahl der Todesfälle durch die globale Coronavirus-Pandemie stieg am Donnerstag auf über 24.000 und wächst weiter exponentiell an. In den Vereinigten Staaten wurden am Mittwoch mindestens 247 neue Todesfälle gemeldet und die Zahl der Neuinfizierten stieg um mehr als 13.000. Am Donnerstag wurden bereits bis 18 Uhr New Yorker Ortszeit weitere 14.000 neue Fälle und 150 Tote gemeldet.

Jeden Tag sterben weltweit über 2.000 Menschen. „Vom ersten gemeldeten Fall dauerte es 67 Tage, um 100.000 Fälle zu erreichen, 11 Tage für die zweiten 100.000 Fälle und nur vier Tage für die dritten 100.000 Fälle", erklärte Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

In wenigen Tage werden in den Vereinigten Staaten mehr Fälle von COVID-19 auftreten als in jedem anderen Land, einschließlich China und Italien, den ersten Epizentren der Krankheit. In New York bilden sich Schlangen von kranken Menschen, die sich um die Wohnblöcke winden, während vor dem New Yorker Bellevue-Krankenhaus eine provisorische Leichenhalle gebaut wird. An anderen Krankenhäusern in New York City werden Kühlwagen zur Lagerung von Leichen eingesetzt. Die Bedingungen werden von Ärzten als „apokalyptisch“ beschrieben.

Experten haben wiederholt davor gewarnt, dass die Vereinigten Staaten erst am Anfang des Ausbruchs stehen und dass die Zahl der Fälle weiter rapide ansteigen werde. Doch schon jetzt sind die Krankenhäuser im ganzen Land am Rande ihrer Kapazitätsgrenzen – auch solche, die weit von den Hauptinfektionszentren entfernt sind, wie die Beaumont- und Henry-Ford-Krankenhausnetzwerke in Detroit.

Trotz der weit verbreiteten Behauptung, dass von der Pandemie nur ältere Menschen betroffen seien, hat sich die Krankheit für weite Teile der Bevölkerung als gefährlich erwiesen. 38 Prozent der Menschen, die in den USA ins Krankenhaus eingewiesen wurden, waren zwischen 20 und 54 Jahre alt.

Unterdessen sind trotz der Appelle von Gesundheitsexperten viele Betriebe im ganzen Land weiterhin offen. Es wird immer deutlicher, dass sich die Krankheit in amerikanischen Betrieben und Fabriken mit hoher Geschwindigkeit ausbreitet. An vielen Arbeitsplätzen stehen dabei nicht einmal die grundlegendsten Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Arbeiter bereit.

Zwei Arbeiter von Fiat Chrysler in den USA sind gestorben, nachdem sie sich mit COVID-19 infiziert hatten. Einer von ihnen arbeitete im Montagewerk in Sterling Heights nördlich von Detroit, der andere im Kokomo-Getriebewerk in Indiana.

In den Warenverteilungszentren von Amazon wurden neun Arbeiter positiv auf das Virus getestet. Doch trotz der wachsenden Zahl der Infizierten hat Amazon klargestellt, dass das Unternehmen weder seine Verteilungszentren schließen noch Lagerarbeiter und Auslieferungsfahrer mit der notwendigen Schutzausrüstung ausstatten werde.

Obwohl die Auswirkungen der Pandemie immer heftiger werden, verstärkt die Trump-Regierung ihre Kampagne für eine rasche Rückkehr an die Arbeitsplätze. Trump ignorierte die Warnungen seiner eigenen Gesundheitsexperten und rief dazu auf, dass Amerika bis Ostern „für Geschäfte öffnet“. Er wolle „brechend volle Kirchen im ganzen Land“ sehen. Das rechtsextreme Online-Magazin Federalist, dessen Artikel Trump wiederholt auf Twitter beworben hat, brachte die Perspektive des Präsidenten auf die vielleicht gestörteste Art und Weise zum Ausdruck. In einem Artikel fordert es seine Leser dazu auf, sich und ihre Kinder absichtlich mit dem Virus zu infizieren, um eine „Herdenimmunität“ herzustellen.

Doch das Leugnen der Gefahren, die von COVID-19 ausgehen, und der Drang, Menschenleben für die „Wirtschaft“ zu opfern, geht weit über Trump und seine Unterstützer in den Vereinigten Staaten hinaus.

Trumps Haltung wurde von seinem politischen Verbündeten, dem brasilianischen Präsidenten und rechtsextremen Ideologen Jair Bolsonaro aufgegriffen. „Das Volk wird bald sehen“, erklärte Bolsonaro, „dass es beim Thema Coronavirus von diesen Gouverneuren [einiger brasilianischer Bundesstaaten] und dem Großteil der Medien ausgetrickst wurde“. Er bezeichnete die Krankheit als „kleine Grippe“.

In Deutschland brachte das Handelsblatt an prominenter Stelle ein Interview mit dem Finanzinvestor Alexander Dibelius. Darin erklärte er, der „nahezu diskussionslose und mit dem zusätzlichen moralischen Zeigefinger implementierte kollektive Shutdown der Wirtschaft und des Sozialwesens“ mache ihm „mehr Angst als diese Virusinfektion“.

Diese Forderungen spiegelten ähnliche Aussagen amerikanischer Oligarchen wider, darunter zwei ehemalige Führungskräfte bei Goldman Sachs, Lloyd Blankfein und Gary Cohn. Letzerer erklärte, es sei an der Zeit, „jetzt darüber zu sprechen, dass wir ein Datum brauchen, an dem die Wirtschaft wieder in Gang gesetzt wird.“

Mit Blick auf „gesunde Arbeitnehmer unter etwa 55 Jahren“ erklärte der ehemalige Vorstandschef von Wells Fargo, Dick Kovacevich: „Wir werden diese Menschen nach und nach zurückbringen und schauen, was passiert. Einige von ihnen werden krank werden, einige vielleicht sogar sterben, ich weiß es nicht.“

Der Milliardär Tom Golisano beschwerte sich im Interview mit Bloomberg News, bei dem er laut den Reportern „auf seiner Terrasse in Florida eine Padron-Zigarre“ rauchte: „Der Schaden, der durch die derzeit stillgelegte Wirtschaft entsteht, könnte schlimmer sein, als wenn wir noch ein paar Menschen mehr verlieren.“

Man müsse „die Vor- und Nachteile abwägen“, erklärte Golisano.

Forscher der Northwestern University haben diese „Nachteile“ klar umrissen. Sollten Unternehmen geöffnet werden, bevor die Pandemie unter Kontrolle ist, droht der Verlust von 600.000 Menschenleben allein in den USA.

Unter Bedingungen, in denen sich die Zahl der Fälle in weiten Teilen der Vereinigten Staaten täglich verdoppelt und es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass die Pandemie unter Kontrolle ist, sind derartige Vorschläge absolut rücksichtslos. Diejenigen, die sie aussprechen, zeigen damit nicht nur ihre Ignoranz, sondern dass sie für Menschenleben nur Verachtung übrig haben.

Tatsächlich wird die Diskussion in der amerikanischen Presselandschaft über den „Wert“ von Menschenleben immer lauter. Die New York Times veröffentlichte am Donnerstag einen Artikel unter dem Titel "Shutdown Spotlights Economic Cost of Saving Lives" („Shutdown verdeutlicht wirtschaftliche Kosten der Rettung von Menschenleben“). Der Artikel zitiert den ehemaligen Obama-Berater Cass Sunstein. „Ein Programm zur Rettung jüngerer Menschen ist in diesem Sinne besser als ein ansonsten identisches Programm, das ältere Menschen rettet“, so Sunstein.

Auch ein weiterer Berater Obamas, Ezekiel Emanuel, kommt während der Pandemie wiederholt in den Medien zu Wort, obwohl er im Jahr 2014 für Kürzungen im Gesundheitswesen argumentiert hatte. Er rechtfertigte dies damit, dass die Menschen seiner Meinung nach nicht älter als 75 werden sollten, weil „die Gesellschaft und die Familien – auch Sie persönlich – besser dran wären, wenn die Natur zügig und unmittelbar ihren Lauf nimmt.“

Das erste und einzige Anliegen der Gesellschaft muss darin bestehen, die Pandemie so schnell wie möglich einzudämmen. Maßnahmen zur „sozialen Distanzierung“ wie die Schließung von Schulen und Arbeitsplätzen sind ein entscheidendes Element der Bemühungen, die Krankheit einzudämmen. Es wird dadurch möglich, Tests und Maßnahmen zur Kontaktverfolgung durchzuführen und die Neuinfektionen so zu verzögern, dass die Krankenhäuser nicht überlastet werden.

Die Vereinigten Staaten und ein Großteil Westeuropas setzen die Maßnahmen, die von der WHO empfohlen wurden, jedoch nicht um. In den USA testen die Krankenhäuser ausschließlich die Schwerkranken, was es unmöglich macht, ein Großteil der Fälle aufzuspüren und Personen, die mit Infizierten in Kontakt waren, zu informieren.

Und da die Krankenhäuser in weiten Teilen des Landes bereits ausgelastet sind, werden die meisten Fälle – wiederum entgegen den WHO-Richtlinien – nicht ins Krankenhaus eingeliefert, wodurch ihre Familienmitglieder der Gefahr einer Infektion ausgesetzt werden.

Indem er die Bundesstaaten zur Aufhebung der obligatorischen Quarantänebestimmungen auffordert, droht Trump, der für das Finanzkapital spricht, indirekt damit, dass die Arbeiter durch Drohungen und Sanktionen zur Arbeit gezwungen werden. Wer sich dann weigert, unter unsicheren Bedingungen zu arbeiten, läuft Gefahr, entlassen zu werden und damit keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld zu haben. Die Arbeiter werden vor die üble Wahl gestellt, entweder die Gesundheit ihrer eigenen Familien aufs Spiel zu setzen oder Hunger, den Verlust ihrer Wohnungen und Obdachlosigkeit zu riskieren.

Doch während die Oligarchen fordern, dass die Arbeiter unter unsicheren Bedingungen schuften müssen, beginnen die Arbeiter, sich zu wehren. Eine Welle von wilden Streiks erzwang Anfang des Monats die Schließung der Autofabriken in Detroit. Arbeiter in der gesamten Logistikbranche, darunter die Beschäftigten bei Amazon, haben sicherere Arbeitsbedingungen gefordert und die Postangestellten in Brooklyn haben sich Berichten zufolge geweigert, die Post zuzustellen. Die Hashtags #notdyingforwallstreet („Ich werde nicht für die Wall Street sterben“) und #generalstrike gehören zu den am weitesten verbreiteten auf Twitter.

Bei der Reduzierung der Neuinfektionen und der Rettung von Leben dürfen weder Kosten noch Mühen gescheut werden. Die Arbeiterklasse muss von den Regierungen und Arbeitgebern verlangen, dass sie Sofortmaßnahmen zur Bewältigung der Krise ergreifen:

Nicht lebensnotwendige Betriebe schließen! Alle Arbeitsplätze, die nicht direkt mit der medizinischen Versorgung sowie der Herstellung von medizinischen Produkten oder lebenswichtigen Gütern zu tun haben, müssen für die Dauer der Pandemie geschlossen werden! Die Beschäftigten, die in dieser Zeit nicht zur Arbeit gehen können, müssen ihr volles Einkommen weiter beziehen. Den von Schulschließungen Betroffenen müssen alle Mittel zur Verfügung gestellt werden, einschließlich bezahlter Freistellung und Nahrungsmittelhilfe.

Sichere Arbeitsbedingungen! Alle Arbeiter müssen eine sichere Arbeitsumgebung haben und vor der Verbreitung des Virus geschützt werden.

Verfügbare und universelle Tests! Es dürfen keine Kosten gescheut werden, um all jenen, die Symptome zeigen, kostenlose Tests zur Verfügung zu stellen.

Kostenlose und hochwertige Behandlung und Gleichheit in der Krankenversorgung! Unabhängig von Einkommen oder Versicherungsschutz müssen alle Menschen die fortschrittlichste medizinische Versorgung erhalten.

Geflüchtete, Gefängnisinsassen und Obdachlose müssen geschützt werden! Jeder muss Zugang zu qualitativ hochwertigen und sauberen Lebensbedingungen haben, um die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern.

Es ist notwendig, dass die Arbeiter Betriebs- und Nachbarschaftskomitees bilden, um ihre Aktivitäten zu koordinieren, ihre kollektive Stärke zu mobilisieren, die Arbeitsbedingungen zu überwachen, um sichere Arbeitsplätze zu gewährleisten, und um sicherzustellen, dass Kranke soziale Unterstützung erhalten.

Die Reaktion auf die Krankheit kann nicht den kapitalistischen Politikern überlassen werden. Deren Hauptziel besteht darin, die Profite der herrschenden Elite durch das Aufblähen des Aktienmarktes abzusichern.

Am Mittwoch machte Trumps Wirtschaftsberater im Weißen Haus, Larry Kudlow, deutlich, dass das zwei Billionen Dollar schwere „Konjunkturpaket“, das demnächst vom US-Kongress verabschiedet werden wird, zu den rund vier Billionen Dollar für den Ankauf von Vermögenswerten, durch den der Wert der Kapitalanlagen gesteigert werden soll, noch hinzukommt. Der von Demokraten und Republikanern gleichermaßen unterstützte Gesetzentwurf des Kongresses sieht direkte Subventionen in Höhe von dutzenden Milliarden für Großunternehmen und noch einmal hunderte Milliarden für Kredite vor.

Die Behauptung, dass sich die Gesellschaft entscheiden müsse, ob sie die Arbeiter sterben lässt oder sie dem wirtschaftlichen Elend aussetzt, ist falsch. Sie setzt bereits voraus, dass die gegenwärtige kapitalistische Form der gesellschaftlichen Organisation bestehen bleibt, in der der Staat den Unternehmen Billionen gibt, den Arbeitern aber kein ausreichendes Einkommen sichern kann, wenn sie in einer Notlage nicht arbeiten.

Millionen von Leben können gerettet werden, wenn die Gesellschaft die notwendigen gesellschaftlichen Mittel zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie bereitstellt und gleichzeitig sicherstellt, dass alle Arbeiter die soziale Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um zu Hause zu bleiben und damit die Sicherheit ihrer Familien und der Öffentlichkeit zu gewährleisten. Anstatt die großen Banken und Unternehmen mit Billionen von Dollar aus öffentlichen Kassen zu retten, müssen diese unter die demokratische Kontrolle der Bevölkerung gestellt werden, um die Gesundheit und Sicherheit ihrer Beschäftigten und der gesamten Menschheit zu gewährleisten.

Die Alternative zur dystopischen Welt des Kapitalismus, in der die „Kosten“ für Menschenleben dem Profitstreben gegenübergestellt werden, ist der Sozialismus – eine globale Gesellschaft, die darauf basiert, die Weltwirtschaft zur Befriedigung sozialer Bedürfnisse zu reorganisieren.

Andre Damon

 

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