100 Jahre Kapp-Putsch

Wie die SPD die Rechtsextremen unterstützte

Von Peter Schwarz
14. März 2020

Am 13. März 1920 erschütterte ein Militärputsch die eineinhalb Jahre alte Weimarer Republik. Er wurde von General Walther von Lüttwitz, dem Oberbefehlshaber der Reichswehr in Berlin, angeführt. Lüttwitz hatte in der Nacht die wegen ihrer Grausamkeit berüchtigte Brigade Erhardt in die Hauptstadt beordert, um die gewählte Reichsregierung zu stürzen. Reichspräsident und Regierung ergriffen am frühen Morgen in Panik die Flucht. Darauf ernannten die Putschisten Wolfgang Kapp, ein Repräsentant der erzreaktionären ostelbischen Grundbesitzer, zum neuen Reichskanzler.

Putschisten in Berlin (Bundesarchiv, Bild 146-1970-051-65 / Haeckel, Otto / CC-BY-SA 3.0)

Kapp konnte sich nur vier Tage lang halten. Er scheiterte am größten Generalstreik, den Deutschland je erlebt hat. Millionen Arbeiter legten die Arbeit nieder, lähmten das gesamte Land, besorgten sich Waffen und lieferten konterrevolutionären Militäreinheiten erbitterte Gefechte.

Der Kapp-Putsch ist nicht nur von historischem Interesse. In einer Zeit, in der sich die deutsche Bourgeoisie wieder dem Militarismus zuwendet, eine rechtsextreme Partei im Bundestag und allen Landesparlamenten sitzt und rechtsextreme Terrornetzwerke im Staatsapparat und der Bundeswehr von oben gedeckt werden, ist er von brennender politischer Aktualität. Er zertrümmert den Mythos, dass sich die deutsche Bourgeoisie mit der Gründung der Weimarer Republik der Demokratie und den Werten der Aufklärung zugewandt habe.

Der Kapp-Putsch war das Ergebnis einer Verschwörung, die von faschistischen Gruppen über die Reichswehr bis tief in die etablierten Parteien hinein reichte. Es gibt unzählige organisatorische, politische und persönliche Fäden der Kontinuität, die von der blutigen Niederschlagung der Revolution der Arbeiter und Soldaten 1918/19 über den Kapp-Putsch bis zur Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 führen.

Diese Verschwörung beschränkte sich nicht auf die rechten und konservativen Parteien, die die Republik erklärtermaßen ablehnten. Beteiligt waren auch die gemäßigteren bürgerlichen Parteien sowie die Sozialdemokratie. Diese arbeiteten eng mit der Reichswehr und den faschistischen Freikorps zusammen, um die Kämpfe der Arbeiterklasse zu unterdrücken. So setzte die SPD, kaum hatte der Generalstreik sie vor den Putschisten gerettet, dieselben Putschisten ein, um den Generalstreik gewaltsam zu beenden.

Die Fäden der Kontinuität rissen auch nach dem Untergang des Dritten Reichs nicht ab. Sie wurden lediglich mit demokratischer Tünche übermalt. Die alten Seilschaften bestanden fort. Zahlreiche Beamten, Offiziere, Juristen, Professoren und Polizisten, die Kapitalverbrechen begangen oder unterstützt hatten, setzten ihre Karriere unbeschadet fort. Nun, da der deutsche Imperialismus zu einer Großmachtpolitik zurückkehrt und sich die Klassengegensätze verschärfen, blättert die demokratische Tünche ab.

Wer sich Illusionen darüber hingibt, zu welchen Verschwörungen, Intrigen und Verbrechen die deutsche Bourgeoisie fähig ist, sollte den Kapp-Putsch und die Geschichte der Weimarer Republik genau studieren.

Der Kapp-Putsch

Unmittelbarer Anlass des Putsches war die Begrenzung der Reichswehr von 400.000 auf 100.000 Mann, zu welcher der im Juni 1919 unterzeichnete Versailler Vertrag Deutschland verpflichtet hatte. Das schloss die Auflösung der konterrevolutionären Freikorps mit ein, die nach Kriegsende gebildet und in die Reichswehr integriert worden waren.

Angehörige der Marinebrigade Ehrhardt am 13. März während des Kapp-Putsches in Berlin (Bundesarchiv, Bild 183-R16976 / CC-BY-SA 3.0)

Als sich die Regierung – eine von Gustav Bauer (SPD) geführte Koalition aus Mehrheitssozialdemokraten, katholischem Zentrum und Liberaldemokraten (DDP) – unter dem Druck der Alliierten anschickte, eine Reihe von Freikorps, darunter die Brigade Erhardt, aufzulösen, leistete General von Lüttwitz Widerstand. Als er daraufhin entlassen wurde, entschloss er sich zum Umsturz und ließ die Brigade Erhardt nach Berlin marschieren.

Der Putsch war seit langem vorbereitet worden und genoss breite Unterstützung im Militär. Als Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) den ranghöchsten General Hans von Seeckt auffordert, die Regierung gegen die anrückenden Putschisten zu verteidigen, verweigert dieser den Befehl mit den Worten: „Truppe schießt nicht auf Truppe.“ Die Regierung und Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) fliehen darauf nach Dresden, wo sie General Georg Maercker um Schutz bitten. Doch dieser hat aus Berlin bereits den telegrafischen Befehl erhalten, die Regierung in „Schutzhaft“ zu nehmen, und lässt sich nur mit Mühe davon abbringen. Die Flucht geht weiter nach Stuttgart.

„Die Verschwörer besaßen die Sympathie schwerindustrieller und großagrarischer Kreise und fanden die offene Unterstützung der deutschnationalen und völkischen Rechten“, schreibt Hans Mommsen.[1] Sie alle lehnten den von der Regierung Bauer unterzeichneten Versailler Vertrag ab und bemühten sich um die Errichtung eines autoritären Regimes, das nach innen eine Diktatur errichten und nach außen eine aktive Revisionspolitik betreiben sollte.

Zu den treibenden Kräften des Putsches gehörte neben Lüttwitz und Kapp auch Hauptmann Waldemar Pabst, der im Januar 1919 die Ermordung der KPD-Führer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht angeordnet hatte. „Die Schaltstelle der Umsturzbewegung war die im Oktober 1919 unter dem Patronat Ludendorffs gegründete Nationale Vereinigung in Berlin“, schreibt Heinrich Winkler.[2] Erich Ludendorff war in der Endphase des Ersten Weltkriegs neben Paul von Hindenburg der einflussreichste deutsche General. Zwei Jahre nach dem Kapp-Putsch sollte er gemeinsam mit Adolf Hitler den Bürgerbräu-Putsch in München anführen.

Wolfgang Kapp

Auch Kapp hatte Verbindungen zu Hitler. Der ostpreussische Regierungspräsident hatte im September 1917, als die Kriegsunterstützung der SPD-Fraktion zu bröckeln begann und Forderungen nach einem Frieden ohne Annexionen laut wurden, die Deutsche Vaterlandspartei gegründet. Ihr Ziel: Den „Burgfrieden“ mit SPD und Gewerkschaften durch ein „rücksichtsloses militärisches Eingreifen“ gegen Protestdemonstrationen, Streiks und Versammlungen der Arbeiterklasse ablösen und mithilfe von Antisemitismus, Nationalismus und völkischer Ideologie eine antiparlamentarische Massenbewegung als Basis für eine Diktatur aufbauen.

Massenunterstützung gewann Kapps Partei zwar nie, und sie wurde nach einem Jahr wieder aufgelöst. Doch sie genoss massiven Rückhalt in Militär und Wirtschaft. Vorsitzender war neben Kapp auch Großadmiral Alfred von Tirpitz, Ehrenvorsitzender war Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg. Der neuen Partei gehörte eine große Zahl führender Industrieller an, die auch ihre wichtigsten Geldgeber waren: Max Roetger (ehemals Krupp, dann Interessenvertreter der Industrie), Carl Duisberg (Bayer AG, IG Farben), Wilhelm von Siemens, Carl Ziese (Werftindustrie), Ernst von Borsig (Metallindustrie), Hugo Stinnes (Bergbau- und Elektroindustrie), Emil Kirdorf (Montanindustrie), Alfred Hugenberg (Medien), Freiherr von Wangenheim (Landwirtschafts- und Gutsbesitzervertreter), Johann Christian Eberle (Sparkassen) und Hermann Röchling (Völklinger Hütte).

Zu Kapps engsten Vertrauten zählte Karl Mayr, der Hitler als V-Mann für den Nachrichtendienst der Reichswehr rekrutiert, in antibolschewistischer Agitation geschult und als politisches Talent entdeckt hatte. Hitler selbst, der kurz davor die noch weitgehend unbekannte NSDAP gegründet hatte, flog drei Tage nach dem Kapp-Putsch persönlich nach Berlin, kehrte aber schnell wieder um, als er merkte, dass der Putsch zum Scheitern verurteilt war.

Noch im September 1920, als Kapp längst nach Schweden geflohen war, berichtete Mayr seinem Freund stolz: „Ich habe sehr tüchtige junge Leute auf die Beine gebracht. Ein Herr Hitler z.B. ist eine bewegende Kraft geworden, ein Volksredner 1. Ranges. In der Ortsgruppe München haben wir über 2000 Mitglieder, während es im Sommer 1919 noch keine 100 waren.“ [3]

Unterstützung aus dem Regierungslager

Die Unterstützung für die Putschisten – oder die Bereitschaft, sich mit ihnen zu arrangieren – reichte bis weit ins Regierungslager hinein. Hans Mommsen gelangt zum Schluss: „Ohne den Generalstreik wäre es zu einem autoritär geprägten Kompromiss zwischen den Gruppen, die hinter dem Putsch standen, und den parlamentarischen Kräften gekommen.“ [4]

Es entbehrt nicht der historischen Ironie, dass sich ausgerechnet Reichspräsident Friedrich Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske vor den Putschisten in Sicherheit bringen mussten. Die beiden Sozialdemokraten hatten das Monster selbst gezüchtet, das nun gegen sie aufbegehrte.

Im November 1918 hatten sich Arbeiter und Soldaten in Massen gegen das kaiserliche Regime, das reaktionäre Offizierskorps und die Wirtschaftsbarone erhoben. Ausgehend vom Matrosenaufstand in Kiel verbreiteten sich Arbeiter- und Soldatenräte wie ein Lauffeuer über das ganze Land. Doch anstatt aus den Hunderttausenden bewaffneten Revolutionären eine neue republikanische Garde zu formen und die Stützen der alten Ordnung zu entmachten, verbündeten sich Ebert und Noske mit den Generälen und mobilisierten den Abschaum der Gesellschaft, um die kapitalistische Ordnung zu verteidigen und die revolutionäre Bewegung blutig zu unterdrücken.

Gustav Noske und Walter Lüttwitz (Bundesarchiv, Bild 183-1989-0718-501 / CC-BY-SA 3.0)

Die SPD-Parteizeitung Vorwärts veröffentlichte seitenweise Anzeigen, die entwurzelte Frontsoldaten und heruntergekommene Elemente aufriefen, Freikorps beizutreten, deren wichtigste Aufgabe die Einschüchterung und Ermordung revolutionärer Arbeiter war. Noske übernahm die Rolle des „Bluthunds“, ließ die rechtsextreme Soldateska auf Demonstranten schießen und ihre revolutionären Führer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermorden. Putschgeneral von Lüttwitz verdankte seinen Posten Ebert und Noske, die ihn 1918 zum Oberbefehlshaber der Vorläufigen Reichswehr in Berlin und Umgebung ernannt hatten. Im Januar 1919 leitete Lüttwitz die Niederschlagung des Spartakusaufstandes.

Während sich Ebert und Noske vor dem Kapp-Putsch in Sicherheit brachten, blieben andere Regierungsmitglieder in Berlin, um mit den Putschisten einen Deal zu vereinbaren. Vizekanzler und Justizminister Eugen Schiffer (DDP) bot ihnen in Anwesenheit der beiden sozialdemokratischen preußischen Minister Wolfgang Heine und Albert Südekum weitgehende Zugeständnisse an, darunter die Bildung einer neuen Koalitionsregierung und baldige Neuwahlen.

Auch die nationalliberale Deutsche Volkspartei (DVP) Gustav Stresemanns solidarisierte sich weitgehend mit Kapp und machte die „bisherige Regierung“ dafür verantwortlich, „dass der Weg der organischen Entwicklung, zu dem wir uns bekennen, durchbrochen worden“ sei.

Generalstreik

Doch keiner der Putschisten und Verschwörer hatte mit der Reaktion der Arbeiterklasse gerechnet, die mit einem deutschlandweiten Generalstreik auf den Putsch reagierte. Während die Regierung feige das Weite suchte und sich um einen Kompromiss mit den Putschisten bemühte, kämpften Arbeiter unter Einsatz ihres Lebens gegen den rechten Umsturz. Sie ließen sich auch nicht einschüchtern, als die schwer bewaffnete Sicherheitspolizei Bomben aus Flugzeugen und schwere Maschinengewehre gegen Streikende einsetzte und unbewaffnete Demonstranten über den Haufen schoss.

Soldaten einer Brigade des Generals von Lüttwitz (BArch, Bild 183-J0305-0600-003)

Den ersten Aufruf zum Generalstreik erließ Regierungssprecher Ulrich Rauscher (SPD) im Namen von Präsident Ebert und dem SPD-Vorsitzenden Otto Wels, als sich die Regierung auf der Flucht nach Dresden befand. In Dresden angekommen, distanzierte sich Ebert sofort von dem Aufruf, und auch Reichskanzle Bauer denunzierte den Streikaufruf als „Mystifikation“, für die er keine Verantwortung trage. Doch der Generalstreik ließ sich nicht mehr aufhalten. Angesichts des Tempos, in dem er sich ausbreitete, ist es fraglich, ob Rauschers Aufruf dabei überhaupt eine Rolle spielte.

Ungeachtet der bitteren politischen Auseinandersetzungen der vorangegangenen Zeit kämpften Mitglieder der SPD, der USPD, der KPD sowie christlicher und anarchistischer Strömungen gemeinsam gegen die rechte Gefahr. „Die Streikenden erblickten im Kapp-Putsch ein Symptom dafür, dass es der Revolution nicht gelungen war, die der Republik feindselig gegenüberstehenden militärischen und bürokratischen Apparate zu zerschlagen“, bemerkt Mommsen. [5]

Das zwang auch den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund und seinen stockkonservativen sozialdemokratischen Führer Carl Legien, sich hinter den Generalstreik zu stellen. „Die breite Solidarisierung, die christliche und liberale Gruppen einschloss, zwang den ADGB, aus seiner gewohnten Zurückhaltung herauszutreten, wenn er bei den arbeitenden Massen nicht vollends als unglaubwürdig erscheinen wollte“, kommentiert dies Mommsen.

Einen Eindruck, wie erbittert vor Ort gekämpft wurde, vermitteln die Erinnerungen von Oskar Hippe, eines Gründungsmitglieds des Spartakusbundes und der KPD und späteren führenden deutschen Trotzkisten, der zur Zeit des Generalstreiks in der Industrieregion Halle-Merseburg arbeitete.

Am 13. März 1920, in den frühen Nachmittagsstunden, kam die Nachricht durch, dass die Reichsregierung gestürzt worden sei und Freikorps sowie Reichswehrverbände in Berlin einmarschiert seien…

Noch am Abend kamen Betriebsräte der USPD und der KPD unter der Leitung des Genossen Scheibner zusammen, um zu beraten, was zu tun sei. Viele der Anwesenden waren der Auffassung, dass die Mehrheitssozialdemokraten die verdiente Quittung für ihren Verrat erhalten hätten. Die Mehrheit aber war der Meinung, dass es jetzt darum ginge, den Putsch der Generale abzuwehren, der sich gegen die gesamte Arbeiterklasse richte. …

An diesem Abend wurde beschlossen, zum Streik aufzurufen. Noch in der Nacht gingen Genossen und Kollegen der Gewerkschaften zusammen mit den Betriebsräten in die Fabriken, um die Aktion einzuleiten.

Hippe schildert dann, wie die Arbeiter Militäreinheiten, die sich den Putschisten angeschlossen hatten, bekämpften und entwaffneten:

Ich befand mich zusammen mit meinem Schwager in einer Hundertschaft. Etwa 15.000 Arbeiter hatten die Kaserne umzingelt. Wir hatten nur wenige Waffen – ein paar Karabiner und Jagdgewehre, die wir bei Bauern beschlagnahmt hatten, sonst nichts. Die Aufforderung der Kampfleitung an die eingeschlossenen Soldaten, die Waffen niederzulegen, wurde von den Offizieren des Bataillons abgelehnt. Erst als wir ihnen das Wasser abgegraben hatten, gaben sie auf, nachdem ihnen die Kampfleitung zugesichert hatte, dass sie ohne Waffen abziehen dürften. …

Mit den in Merseburg erbeuteten Waffen wurden vier Hundertschaften ausgerüstet. Es handelte sich um junge Arbeiter, die im Weltkrieg waffentechnische Kenntnisse erworben hatten. In unserer Hundertschaft waren zum größten Teil Bergarbeiter aus den Gruben „Cecilie“, „Elisabeth“ und „Leonhard“, die sich untereinander kannten. … [Von der Kaserne] wurden wir mit 7,5-cm-Geschützen beschossen, unsere Verluste waren beträchtlich. Neben mir wurde ein Genosse des Kommunistischen Jugendverbandes, der als Presser auf der Grube „Cecilie“ gearbeitet hatte, schwer verwundet. Ein Granatsplitter riss ihm einen Teil des Kinns weg. [6]

Mitglieder der Roten Ruhrarmee in Dortmund

Die heftigsten Kämpfe finden im Ruhrgebiet statt. Nirgendwo wird der Generalstreik konsequenter durchgeführt, als in den Stahlwerken und Kohlegruben des Reviers. Und er weitet sich zum Aufstand aus. Die Arbeiter bewaffnen sich, um die Reichswehr und die Freikorps zu verjagen. Es bildet sich eine „Rote Ruhrarmee“ mit über 50.000 Mitgliedern, die den Putschisten empfindliche Verluste zufügt. Ihre Vollzugsräte übernehmen faktisch die Macht. Die Rote Ruhrarmee hat keine zentrale Führung oder Perspektive. Syndikalisten, Kommunisten, Unabhängige Sozialdemokraten und auch einige Sozialdemokraten geben in unterschiedlichen Zusammensetzungen den Ton an.

Rückkehr zur Ordnung

Der Generalstreik isolierte die Putschisten. Es gibt keinen Bahnverkehr, keine Telefonvermittlung, keine Post und keine Zeitungen mehr. Die Fabriken stehen still und in der Hauptstadt sind selbst Wasser, Gas und Strom abgestellt. Die große Mehrheit der Militärmachthaber sympathisiert zwar mit Kapp, nimmt aber angesichts des ungewissen Ausgangs eine abwartende Haltung ein. Die höheren Staatsbeamten zögern, sich hinter die neuen Machthaber zu stellen.

Am 17. März, vier Tage nach dem Putsch, flieht Kapp in einem Doppeldecker nach Schweden. Lüttwitz übernimmt als Militärdiktator die Regierung. Am Abend tritt auch er zurück, nachdem ihm Justizminister Schiffer eine Amnestie versprochen hat. Begleitet von Ludendorff verlässt er die Reichskanzlei. Auch die Brigade Erhardt zieht ab und richtet auf dem Rückzug aus Berlin ein weiteres Blutbad unter Demonstranten an.

Die alte Regierung kehrt zurück, doch die streikenden Arbeiter geben sich damit nicht zufrieden. Sie wollen Garantien, dass die konterrevolutionären militärischen und bürokratischen Apparate zerschlagen werden. Um sie zum Abbruch des Generalstreiks zu bewegen, legt ADGB-Chef Karl Legien der Regierung ein Neun-Punkte-Programm vor. Es verlangt den Rücktritt von Reichswehrminister Noske, die Auflösung der mit dem Putsch sympathisierenden Truppenverbände, die Bestrafung der Putschisten, die Bildung republikanischer Sicherheitswehren, umfassende soziale Reformen, die Vergesellschaftung des Kohlebergbaus und die Bildung einer „Arbeiterregierung“ – womit eine Beteiligung der Gewerkschaften an der Regierung gemeint ist.

Legiens Initiative ist, so Mommsen, „ausschließlich taktisch motiviert und von der Absicht bestimmt, den Streik nicht in die Hände der Linksradikalen abgleiten zu lassen“. Die Regierung macht einige unverbindliche Zusagen, und das von den Gewerkschaften geführte Streikkomitee ruft am 20. März zum Streikabbruch auf. Doch viele Streikenden folgen dem Aufruf nicht.

Hans von Seeckt und Otto Geßler (Bundesarchiv, Bild 102-10883 / CC-BY-SA 3.0)

Der verhasste Noske tritt am 20. März zurück, und am 26. März folgt ihm Bauers gesamtes Kabinett. Eine neue Regierung aus denselben Parteien wird gebildet, mit dem Sozialdemokraten Hermann Müller als Reichskanzler. Müller ernennt Hans von Seeckt, der sich geweigert hatte, die Regierung gegen den Kapp-Putsch zu verteidigen, zum neuen Chef der Heeresleitung. Seeckt erhält die Aufgabe, die Arbeiter, die sich dem Streikabbruch der Gewerkschaften nicht gefügt haben, blutig zu unterdrücken. Er wird in den kommenden Jahren immer wieder blutige Massaker unter revolutionären Arbeitern anrichten und die Reichswehr zu einem unkontrollierbaren „Staat im Staat“ ausbauen.

Im Kabinett ist statt Noske nun der DDP-Politiker Otto Geßler für die Reichswehr zuständig. Er bleibt unter verschiedenen Kanzlern fast acht Jahre lang in diesem Amt und dient Seeckt, der ihn als „bloßen Zivilisten“ kaum respektiert, als Feigenblatt.

Zerschlagung der Roten Ruhrarmee

Am hartnäckigsten wehrt sich die Rote Ruhrarmee gegen den Abbruch des Generalstreiks. Sie fährt fort, Reichswehr und Freikorps aus dem Revier zu vertreiben. Ein Offizier, der aus Duisburg geflohen ist, berichtet später: „Auch kriegserfahrene Offiziere hatten dergleichen noch nicht mitgemacht. Auf die Truppen wurde andauernd aus Häusern und Kellerluken, von Halden und Baumstämmen, ja selbst aus Kessel- und Maschinenhäusern geschossen.“

Auch hier schickt die Regierung erst einen Sozialdemokraten vor, um die Bewegung zu spalten, bevor sie zu roher Gewalt greift. Der Reichskommissar für das Ruhrgebiet und spätere preußische Innenminister Carl Severing vereinbart am 24. März in Bielefeld mit den Arbeiterparteien ein Abkommen, das die Regierung in Berlin nur zum Schein akzeptiert. Es verpflichtet die kämpfenden Arbeiter, unter gemeinsamer Aufsicht von Vollzugsräten und Gemeindebehörden ihre Waffen abzugeben. Während die gemäßigteren Kräfte zustimmen, setzen die radikaleren den Kampf fort.

Oskar Hippe berichtet über die Auswirkungen des Bielefelder Abkommens:

Inzwischen erreichte uns die Meldung, dass in Bielefeld ein Abkommen geschlossen worden sei, worin die Reichsregierung zugesichert hatte, dass die Putschisten den Gerichten übergeben würden und dass die Arbeiter durch ihre Gewerkschaften entscheidenden Einfluss auf Wirtschafts- und Sozialpolitik erhalten sollten. Voraussetzung dafür war allerdings der Abbruch des Generalstreiks.

Sowohl in den Kampfleitungen wie in dem politischen Ausschuss von KPD und USPD, in dem auch die Betriebsräte vertreten waren, wurde darüber beraten, ob man sich den Forderungen des Bielefelder Abkommens unterwerfen oder den Kampf bis zum siegreichen Ende durchführen sollte. Der politische Ausschuss, in dem die USPD mit großer Mehrheit dominierte, entschied sich für die Annahme des Abkommens.

In der Kampfleitung war die Meinung geteilt. Neunzig Prozent der Arbeiter an der Front hatten erklärt, dass sie nicht bereit seien, die Waffen niederzulegen und wehrlos in ihre Reviere zurückzukehren. Doch die USPD setzte sich mit ihrer Auffassung durch: schließlich könne die Regierung nicht wortbrüchig werden. Die Vertreter der KPD verließen unter Protest die Sitzung und erklärten den Arbeitern an der Front und den Streikversammlungen im Revier, dass sie sich im politischen Ausschuss mit ihren Argumenten nicht hatte durchsetzen können. [7]

Kaum sind die radikaleren Elemente isoliert, setzen die Reichsregierung und von Seeckt dieselben Reichswehr- und Freikorpsverbände gegen sie in Bewegung, die zuvor Kapp und Lüttwitz unterstützt haben. Nun nehmen sie blutige Rache. Es kommt wiederholt zu Massenerschießungen und illegalen Standgerichtsverfahren. Die genaue Zahl der Toten wird nie ermittelt. Laut Winkler lag sie „bei den Ruhrbergarbeitern weit über 1000; die Reichswehr zählte 208 Tote und 123 Vermisste, die Sicherheitspolizei 41 Tote“. [8]

Während die Arbeiter, die den Putsch unter Einsatz ihres Lebens zum Scheitern gebracht haben, verfolgt, hart bestraft und getötet werden, gehen die Putschisten weitgehend straffrei aus. Am 2. August 1920 stellt eine Amnestie alle Putschteilnehmer straffrei, die nicht aus „Rohheit“ oder „Eigennutz“ gehandelt haben. Die Freikorpsoffiziere, die den Putsch unterstützt haben, werden in die Reichswehr übernommen. In der Reichswehr werden die Verfahren gegen die Putschteilnehmer mit wenigen Ausnahmen eingestellt oder enden mit einem Freispruch.

Führende Putschteilnehmer setzen sich nach Bayern ab, wo der oberbayrische Regierungspräsident Ritter von Kahr am 14. März ebenfalls geputscht und die sozialdemokratisch geführte Regierung zum Rücktritt gezwungen hat. Bayern entwickelt sich in der Folge zu einer Brutstätte rechtsradikaler und faschistischer Kräfte, in der auch Hitlers NSDAP heranwächst.

Herrmann Erhardt, der Kommandeur der nach ihm benannten Brigade, gründet nun in München die Organisation Consul, eine paramilitärische Terrororganisation, die auf rund 5000 Mitglieder zurückgreifen kann und vom Münchner Polizeipräsidenten Ernst Pöhner stillschweigend geduldet wird. Die Organisation Consul ist für zahleiche Morde verantwortlich – unter anderem 1921 am Zentrumspolitiker Matthias Erzberger und 1922 am deutschen Außenminister Walther Rathenau – und spielt eine bedeutende Rolle bei der Herausbildung von Hitlers SA.

Wolfgang Kapp, der nach Schweden geflohen ist, stellt sich schließlich todkrank dem Reichsgericht und stirbt vor Prozessbeginn in der Untersuchungshaft. Als einziger Putschteilnehmer wird der frühere Berliner Polizeipräsident Traugott von Jagow zur Mindeststrafe von fünf Jahren verurteilt. Das Gericht billigt ihm mildernde Umstände zu, weil er „unter dem Bann selbstloser Vaterlandsliebe und eines verführerischen Augenblicks dem Rufe von Kapp gefolgt“ sei.

Auch die sozialen Zusagen, die die Reichsregierung den Streikenden gemacht hat, werden nicht eingelöst. Es wird zwar eine Sozialisierungskommission einberufen, aber sie bleibt folgenlos.

Eine Kette der konterrevolutionären Verschiebungen

In einem Artikel, den er kurz nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler schrieb, bezeichnet Leo Trotzki die Geschichte der Weimarer Republik als „Kette konterrevolutionärer Verschiebungen“:

Die Novemberrevolution 1918, die die Macht den Arbeiter- und Soldatenräten übergab, war in ihrer Grundtendenz proletarisch. Doch die an der Spitze der Arbeiterschaft stehende Partei gab die Macht dem Bürgertum zurück. In diesem Sinne eröffnete die Sozialdemokratie die Ära der Konterrevolution, ehe es der Revolution gelang, ihr Werk zu vollenden. Solange die Bourgeoisie von der Sozialdemokratie und folglich von den Arbeitern abhängig war, enthielt das Regime aber immer noch Elemente des Kompromisses. Bald ließ die internationale und die innere Lage des deutschen Kapitalismus keinen Raum mehr für Zugeständnisse. Rettete die Sozialdemokratie die Bourgeoisie vor der proletarischen Revolution, so hatte der Faschismus seinerseits die Bourgeoisie vor der Sozialdemokratie zu retten. Hitlers Umsturz ist nur das Schlussglied in der Kette der konterrevolutionären Verschiebungen. [9]

Der Kapp-Putsch und die anschließende Niederschlagung des Generalstreiks waren ein wichtiges Glied in dieser Kette. Die anschließende Reichstagswahl vom 6. Juni führte zu einem Rechtsruck im bürgerlichen Lager, wo die rechtsliberale DVP und die nationalkonservative DNVP auf Kosten der DDP deutlich hinzugewannen. Die Arbeiterklasse rückte dagegen nach links. Die SPD verlor 16 Prozentpunkte und lag mit 21,3 Prozent nur noch knapp vor der USPD, die sich von 7,6 auf 17,9 Prozent steigerte. Die KPD, die erstmals zur Wahl antrat, erhielt 1,7 Prozent. Im folgenden Jahr schloss sich die Mehrheit der USPD mit der KPD zusammen, deren Mitgliederzahl sich dadurch von 78.000 auf 450.000 erhöhte.

Doch je mehr sich die Arbeiterklasse radikalisierte, desto enger rückte die Verschwörung von SPD und bürgerlichen Parteien zusammen. Im März 1921 verhängte Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) den Ausnahmezustand über Sachsen, um einen Generalstreik und Aufstand im mitteldeutschen Industriegebiet zu unterdrücken. Von Seeckts Truppen leisteten gründliche Arbeit. Sie beschossen die besetzten Leuna-Werke mit Artillerie und töteten insgesamt rund 150 Arbeiter. 6000 am Streik Beteiligte wurden verhaftet, 4000 zu insgesamt 2000 Jahren Gefängnis und vier zum Tode verurteilt.

1923, als die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen und die galoppierende Inflation ganz Deutschland in eine revolutionäre Krise trieben, übertrug Ebert die Exekutivgewalt im Reich an General von Seeckt. Dieser setzte die Regierungen von Sachsen und Thüringen – beides Koalitionen von SPD und KPD – gewaltsam ab, verfolgte revolutionäre Arbeiter und unterdrückte blutig den Aufstand in Hamburg. Eine siegreiche sozialistische Revolution war möglich, scheiterte aber, weil die KPD den vorbereiteten Aufstand in letzter Minute absagte. (Siehe dazu: „1923: Die verpasste Revolution“) Von Seeckts brutales Vorgehen gegen die Arbeiter ermutigte Hitler und Ludendorff zu ihrem faschistischen Putschversuch am 8. und 9. November in München.

Wie Trotzki korrekt bemerkt, führt eine gerade Linie von diesen Ereignissen zur Machtübergabe an Hitler im Januar 1933. Die SPD, die die Kräfte genährt und unterstützt hatte, die Hitler zur Macht verhalfen, wurde jetzt nicht mehr gebraucht und verboten.

Gelernt hat die SPD aus diesen Erfahrungen nichts, im Gegenteil. Sie verehrt Friedrich Ebert nach wie vor als Vorbild. Er ist Namenspatron ihrer Parteistiftung und unzählige Straßen und Plätze in deutschen Städten sind nach ihm benannt. Die SPD hat jede Verbindung zur Arbeiterklasse gekappt und unterscheidet sich in Nichts mehr von den anderen bürgerlichen Parteien. Sieben Jahre lang hat sie im Bündnis mit den Grünen und elf Jahre lang im Bündnis mit der CDU/CSU den Sozialabbau vorangetrieben, den Militarismus gefördert und der rechtsextremen AfD den Boden bereitet.

Angesichts wachsender Klassengegensätze und zunehmender internationaler Spannungen bereitet sich die herrschende Klasse wieder darauf vor, eine Diktatur zu errichten. Die Kette der konterrevolutionären Verschiebungen kann nur unterbrochen werden, indem sich die Arbeiterklasse unabhängig organisiert und – gestützt auf die Lehren und Erfahrungen aus dem vergangenen Jahrhundert – eine internationale, sozialistische Partei aufbaut, das Internationale Komitee der Vierten Internationale und seine Sektionen, die Sozialistischen Gleichheitsparteien.

Anmerkungen

1) Hans Mommsen, Aufstieg und Untergang der Weimarer Republik, Ullstein 2004, S. 112

2) Heinrich Winkler, Der lange Weg nach Westen, Band 1, München 2002, S. 409

3) Zitiert nach Ian Kershaw, Hitler 1889-1936, Stuttgart 1998, S. 166

4) Hans Mommsen, op.cit., S. 111-112

5) Hans Mommsen, op.cit., S. 113

6) Oskar Hippe, … und unsere Fahn‘ ist rot, Hamburg 1979, S. 45-46

7) Oskar Hippe, op.cit., S. 47

8) Henrich Winkler, op.cit., S. 414

9) Leo Trotzki, Porträt des Nationalsozialismus, Essen 1999, S. 303-304

 

Commenting is enabled but will only be shown on the live site.