Warum fördert die Princeton University den rechtsextremen Professor Baberowski?

Von David North
26. Februar 2020

Dies ist die leicht gekürzte Übersetzung eines englischen Artikels, der auf der World Socialist Web Site erschienen ist.

Vor knapp einem Jahr, am 3. April 2019, schrieb ich an Professorin Deborah Kaple in Bezug auf ein Seminar der Princeton University zum Thema „Diktaturen im Wandel“, zu dem sie Professor Jörg Baberowski von der Humboldt-Universität zu Berlin eingeladen hatte. Kaple, die maßgeblich an der Organisation dieser Veranstaltung beteiligt war, teilte sich damals mit Baberowski ein von Princeton gewährtes Forschungsstipendium in Höhe von 300.000 Dollar.

In meinem Brief hieß es:

War der Princeton University bei der Ausrichtung des Seminars/der Konferenz und der Organisation eines gemeinsamen Forschungsprojekts bekannt, dass Professor Baberowski zu den bekanntesten revisionistischen rechten Historikern in Deutschland gehört? Er ist ein erklärter Anhänger von Ernst Nolte, der mit seiner Relativierung der NS-Verbrechen den berühmten „Historikerstreit“ der späten 1980er Jahre auslöste.

Außerdem ist Baberowski ein führender Gegner der Einwanderungspolitik von Bundeskanzlerin Merkel. Mit seinen rechtsextremen Ansichten zu diesem Thema hat er dazu beigetragen, die Fremdenfeindlichkeit der neofaschistischen Alternative für Deutschland zu legitimieren. Baberowskis Äußerungen zur Einwanderung sind regelmäßig von Breitbart News und, schlimmer noch, vom Daily Stormer, der führenden amerikanischen Nazi-Website, aufgegriffen worden ...

Mich würde interessieren, ob Sie oder andere Teilnehmer des jüngsten Seminars/der Konferenz mit den Kontroversen um die Ansichten von Professor Baberowski vertraut sind. Es geht hier nicht einfach um die privaten politischen Meinungen des Professors. Vielmehr ist die Verteidigung von Ernst Nolte, der die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens damit zubrachte, Nazi-Verbrechen zu rechtfertigen, ein integraler Bestandteil von Baberowskis geschichtstheoretischem Projekt. Den Kern der von Nolte und Baberowski geteilten Konzeption bildet die Behauptung, dass die nationalsozialistische Barbarei, einschließlich des Holocaust, eine Reaktion war, die dem Hitlerregime von der Sowjetunion aufgezwungen wurde. Es ist schwer vorstellbar, dass der rechtsextreme Charakter und die gefährlichen Implikationen der Ansichten Professor Baberowskis – die überdies mit einer nicht geringfügigen Fälschung historischer Tatsachen verbunden sind – von den wissenschaftlichen Teilnehmern des jüngsten Seminars/der Konferenz übersehen wurden. Wurden die Ansichten von Professor Baberowski während des Seminars/der Konferenz zu irgendeinem Zeitpunkt in Frage gestellt?

Professorin Kaple hat den Erhalt meines Briefes nicht bestätigt, geschweige denn die von mir aufgeworfenen Fragen beantwortet. Weder Kaple noch die Universität haben erklärt, zu welchem Zweck sie einer Person finanzielle Förderung und Zusammenarbeit angedeihen lassen, die politisch mit der Alternative für Deutschland (AfD) verbunden ist und deren öffentliche Auftritte – Hetze gegen Immigranten und Relativierung von Naziverbrechen – in bedeutendem Maße dazu beigetragen haben, das geistige Klima zu schaffen, in dem das Wiederaufleben des Faschismus in Deutschland legitimiert wird. Weder erschien ein Bericht über die Tagesordnung und den Ablauf des Seminars, noch wurden die wissenschaftlichen Ziele und der Zweck des Projekts „Diktaturen im Wandel“ („Dictatorships in Transition“) erläutert.

Angesichts der gefährlichen politischen Lage in Deutschland schulden Professorin Kaple und die Princeton University ihren Studierenden, der wissenschaftlichen Community und der breiten Öffentlichkeit Rechenschaft über ihre Zusammenarbeit mit Baberowski. Der rasch wachsende politische Einfluss der AfD und die explosionsartige Zunahme antisemitischer und ausländerfeindlicher Gewalt, die zuletzt am 19. Februar zum Mord an neun Menschen in Hanau führte, hat die Implikationen von Baberowskis Äußerungen gegen Flüchtlinge nur allzu deutlich gemacht. Warum sah man über Baberowskis Apologetik für Hitler ebenso hinweg wie über seine flüchtlingsfeindliche Hetze, um ihm ein sechsstelliges Forschungsstipendium zu gewähren und ihn nach Princeton einzuladen? Baberowski hatte unter anderem behauptet, aufgrund der Einwanderer würde den Europäern alles genommen, „was uns lieb und teuer war“. In meinem Brief vom 3. April 2019 hatte ich Kaple Links zu den Artikeln in Breitbart und der Neonazi-Publikation Daily Stormer geschickt, die Baberowskis Tiraden zitierten, und auch einen Link auf den Artikel im Spiegel, in dem er versuchte, Hitler von der Verantwortung für den Holocaust reinzuwaschen.

Seit der Veröffentlichung meines Briefes im April letzten Jahres sind neue und beunruhigende Informationen über einen weiteren Teilnehmer des letztjährigen Princeton-Seminars aufgetaucht.

Der Name eines seiner Begleiter, der außerdem Mitarbeiter an seinem Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte ist, taucht in einer Veröffentlichung vom Dezember 1998 auf. Darin wird berichtet, dass sich der Betreffende an prominenter Stelle an einer Demonstration beteiligte, die von der neonazistischen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) organisiert worden war. Diese Demonstration richtete sich gegen eine Ausstellung über Kriegsverbrechen der Wehrmacht von 1939 bis 1945.

Von den 170 Nazis, die an der Demonstration teilnahmen, werden in dem Bericht nur acht namentlich identifiziert, darunter der Betreffende und sein Bruder. Dies deutet darauf hin, dass die beiden Männer prominente Rechtsextremisten waren und den Antifaschisten, die die Aktivitäten der Neonazis beobachteten, gut bekannt waren. Andere Personen, die in diesem Bericht genannt wurden, waren später in größere Vorfälle rechter Gewalt verwickelt.

Um diesem Bericht nachzugehen, fragte Sven Wurm, Masterstudent am Institut für Geschichte und gewählter Abgeordneter des Studierendenparlaments der Humboldt-Universität, im Dezember 2019 schriftlich bei der Universitätsleitung an, ob es sich bei dem im Bericht von 1998 Genannten um dieselbe Person handele, die als wissenschaftlicher Mitarbeiter Baberowskis angestellt ist.

Der Pressesprecher der Universität, Hans-Christoph Keller, antwortete bewusst zweideutig, dass ihm zu dieser Angelegenheit keine Informationen vorlägen. Im Januar 2020 richtete Wurm ein weiteres Schreiben an Herrn Keller und an die Präsidentin der Universität Sabine Kunst, in dem er betonte, dass es sich um eine sehr ernste Angelegenheit handele und die Universitätsleitung um eine eindeutige Antwort auf seine Frage bat.

Auch in seiner zweiten Antwort wich Herr Keller der Frage offenkundig aus:

Zu Personalangelegenheiten kann die HU aus rechtlichen Gründen gegenüber Dritten grundsätzlich keine Auskunft erteilen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Die Weigerung der Universität, eine direkte Antwort zu geben, lässt wenig Zweifel daran, dass es sich bei der als Neonazi-Demonstrant identifizierten Person um dieselbe handelt, die zusammen mit Baberowski am Seminar der Princeton University teilnahm.

Wenn Professorin Kaple Zweifel daran hegt, ob der im Bericht von 1998 identifizierte Neonazi mit der gleichnamigen Person identisch ist, die an ihrem Seminar teilgenommen hat, sollte sich Princeton selbstredend an die Humboldt-Universität und an den betreffenden Mitarbeiter wenden und sie auffordern, die Angelegenheit mit einer eindeutigen Antwort zu klären.

Die Erkundigungen von Sven Wurm hatten ein verstörendes Nachspiel. Am 30. Januar 2020 ertappte Wurm, der für einen Sitz im Studierendenparlament kandidierte, Baberowski dabei, wie er seine Wahlplakate illegal von dem Schwarzen Brett riss, an dem sie rechtmäßig aufgehängt worden waren. Dieser Vandalismus war ein offener Verstoß gegen die vorgeschriebene Nichteinmischung von Universitätspersonal in studentische Aktivitäten. Baberowski war sichtlich erbost über Wurms führende Rolle bei der Bekämpfung des wachsenden Einflusses der AfD und über seine Erkundigungen, ob der Lehrstuhl für die Geschichte Osteuropas einem Neonazi Unterschlupf bietet. Als Baberowski von Wurm aufgefordert wurde, keine Wahlplakate herunterzureißen, griff er den Studenten tätlich an. Der Vorfall wurde gefilmt und auf YouTube veröffentlicht, wo das Video mehr als 22.000 Mal aufgerufen wurde.

Wenn an der Princeton University ein Professor einen Studierenden so angreifen würde, wie es auf diesem Video aufgezeichnet ist, dann würde er sofort suspendiert. Er würde gekündigt und höchstwahrscheinlich strafrechtlich verfolgt. Aber das gegenwärtige politische Umfeld in Deutschland ist so stark vom Einfluss der AfD geprägt, dass die Universitätsleitung nach eigenem Bekunden nicht einmal beabsichtigt, Baberowski eine Rüge zu erteilen. Die Präsidentin der Universität, Sabine Kunst, erklärte, sie halte Baberowskis Tat für „menschlich verständlich“. Die Angst von Frau Kunst, Baberowski zu nahe zu treten, zeugt von seinen engen Verbindungen zu einflussreichen rechten Netzwerken. Diese Verbindungen sind in einer maßgeblichen Studie über die extreme Rechte in Deutschland dokumentiert. Nur wenige Tage nach dem Angriff auf Sven Wurm teilte Baberowski ein Podium mit der Bildungsministerin der Großen Koalition, die bemüht ist, die AfD durch die Übernahme wesentlicher Teile ihres rechtsextremen Programms zu besänftigen.

Mit ihrer Einladung verschaffte die Princeton University Baberowski ein internationales Ansehen, das er als Wissenschaftler nicht verdient hat. Baberowski betreibt in wissenschaftlich unredlicher Weise einen pronazistischen Geschichtsrevisionismus, der in seiner Aussage gipfelt, dass Hitler „nicht grausam“ gewesen sei oder, wie er jüngst erklärte, „nichts von Auschwitz habe wissen wollen“.

Darüber hinaus ist das Thema des Forschungsprojekts von Kaple und Baberowski – die Untersuchung von „Diktaturen im Wandel“ – angesichts der rechtsradikalen Politik und der Verachtung demokratischer Rechte vonseiten Baberowskis sowohl zweifelhaft als auch verdächtig. Baberowskis Bemühungen um die Finanzierung eines ähnlichen Projekts mit dem provokanten Titel „Diktaturen als alternative Ordnungen“ wurden vom Akademischen Senat der Humboldt-Universität, in dem die rechtsextremen Ansichten des Professors bekannt sind, abgelehnt. Unabhängige externe Gutachter, die von der Universität mit der Prüfung seines Finanzierungsantrags beauftragt wurden, kritisierten das Projekt scharf.

In einer Zeit, in der der Nationalsozialismus in Deutschland wiederauflebt, in der Morde und andere brutale Gewalttaten durch Rechtsradikale an der Tagesordnung sind, ist die finanzielle Unterstützung und die Zusammenarbeit mit Leuten wie Baberowski wissenschaftlich unverantwortlich und politisch verwerflich.

Princeton muss die Art seiner Beziehung zu Jörg Baberowski offenlegen. Besteht diese Beziehung weiterhin? Forschungsgelder in Höhe von 300.000 Dollar stellen eine beträchtliche finanzielle Förderung dar. Was ist Gegenstand dieses Projekts? Wofür genau wird das Geld verwendet? Welche Kontrolle hat Baberowski über die Auszahlung der Mittel? Welche Rolle spielt der oben genannte Mitarbeiter in diesem Projekt?

Schließlich sollte Princeton erklären, warum es Baberowskis Bemühungen um die Rechtfertigung von Diktaturen der Art, wie es sie in Chile unter General Pinochet gab, für die heutigen politischen Bedingungen in den Vereinigten Staaten und international für relevant hält.

 

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