The Lancet veröffentlicht Aufruf von Ärzten: „Beenden Sie die Folter und medizinische Vernachlässigung von Julian Assange“

Von Laura Tiernan
19. Februar 2020

Das Magazin Lancet, die weltweit bedeutendste medizinische Fachzeitschrift, veröffentlicht diese Woche einen Appell von 117 Ärzten aus 18 Ländern, die erneut sofortige Maßnahmen fordern, um das Leben von WikiLeaks-Herausgeber Julian Assange zu retten. Ihr Brief erscheint somit kurz vor Beginn der Anhörung über den Auslieferungsantrag der USA, die über Assanges Schicksal entscheiden könnte.

Der zweiseitige Brief der Ärzte wurde in der Rubrik „Korrespondenz“ unter der Überschrift „Beenden Sie die Folter und medizinische Vernachlässigung von Julian Assange“ veröffentlicht. Er wurde von Dr. Stephen Frost (Großbritannien), der klinischen Psychologin Dr. Lissa Johnson (Australien), Dr. Jill Stein (der ehemaligen Vorsitzenden der amerikanischen Grünen) und William Frost (Großbritannien) verfasst.

Graffiti am Amtsgericht von Westminster in London (AP Photo/Kirsty Wigglesworth)

Die Ärzte schreiben: „Assanges Fall hat viele Aspekte. Er betrifft die Rechtsprechung, die Meinungs- und Pressefreiheit, den Journalismus, die Publizistik und die Politik. Allerdings geht es eindeutig auch um Medizin und das öffentliche Gesundheitswesen. Der Fall wirft mehrere beunruhigende Fragen auf, die die besondere Aufmerksamkeit und ein gemeinsames Vorgehen von Medizinern erfordern.“

Vor fast drei Monaten, am 22. November, verurteilten mehr als 65 Ärzte in einem offenen Brief an die britische Regierung die illegale und willkürliche Inhaftierung Assanges. Am 16. Dezember folgte ein weiterer Brief an die australische Regierung. Bisher hat keine der beiden Regierungen darauf reagiert.

Der Aufruf an Mediziner auf der ganzen Welt – der Lancet hat 1,8 Millionen Abonnenten – schildern verschiedene Menschenrechtsverletzungen der britischen, US-amerikanischen, schwedischen, ecuadorianischen und australischen Regierung gegen Assange. Er wird seit fast zehn Jahre lang „rechtswidrig und willkürlich“ festgehalten und ist einer unablässigen staatlichen Verfolgung ausgesetzt, die einer „fortgesetzten psychologischen Folter“ gleichkommt.

Die Leser des Lancet werden vermutlich entsetzt sein, wenn sie erfahren, dass Ärzte, die Assange in London behandelten, eingeschüchtert und vom Staat überwacht wurden, wie es ansonsten in Militärdiktaturen üblich ist. In dem Brief heißt es dazu: „Es herrschte... ein Klima der Angst bei der Behandlung innerhalb der Botschaft.“ Behandelnde Ärzte mussten der Polizei ihre Identität preisgeben.

Weiter heißt es: „Beunruhigenderweise scheint diese Atmosphäre von Unsicherheit und Einschüchterung, die die Behandlung Assanges weiter erschwert, bewusst geschaffen worden zu sein. Mittlerweile sind geheime Video- und Audioaufzeichnungen aufgetaucht, die belegen, dass Assange in der Botschaft 24 Stunden am Tag überwacht wurde.

Er wurde überwacht, wenn er alleine war und wenn er Besucher hatte, u.a. Familienmitglieder, Freunde, Journalisten, Anwälte und Ärzte. Es wurde nicht nur sein Recht auf Privatsphäre, das Anwaltsprivileg und die Meinungsfreiheit verletzt, sondern auch sein Recht auf Vertraulichkeit zwischen Arzt und Patient.“

Die Unterzeichner erklären eindringlich: „Wir verurteilen die Folter an Assange. Wir verurteilen, dass ihm sein Grundrecht auf eine angemessene Gesundheitsversorgung verweigert wird. Wir verurteilen das Klima der Angst, das bei seiner Behandlung herrscht. Wir verurteilen die Missachtung seines Rechts auf vertrauliche Gespräche mit Ärzten. Die Politik darf sich nicht in das Recht auf Gesundheit und die Ausübung der ärztlichen Tätigkeit einmischen.“

„Doctors for Assange“ (wie sich die Ärzte nennen) haben eine neue Website ins Leben gerufen, zu der auch in ihrem Brief an den Lancet verlinkt wird. Dazu heißt es: „Wir laden unsere Ärztekollegen ein, unseren Brief ebenfalls zu unterzeichnen und unsere Forderung durch weitere Stimmen zu ergänzen. Obwohl die weltweit führenden Autoritäten in Fragen von willkürlicher Inhaftierung, Folter und Menschenrechten die Warnungen der Ärzte unterstützen, missachten die Regierungen die medizinische Autorität und Ethik sowie das Menschenrecht auf Gesundheit.

Diese Politisierung grundlegender medizinischer Prinzipien erfüllt uns mit größter Besorgnis, da sie Auswirkungen weit über den Fall Assange hinaus haben wird. Misshandlung durch politisch motivierte medizinische Vernachlässigung schafft einen gefährlichen Präzedenzfall dafür, den Berufsstand der Mediziner als politisches Werkzeug einzusetzen. Letztlich wird die Unparteilichkeit unseres Berufsstandes, der Einsatz für die allgemeine Gesundheit und die Verpflichtung, kein Leid zu verursachen, kompromittiert.“

Die Ärzte warnen eindringlich: „Falls Assange in einem britischen Gefängnis sterben sollte, wovor der UN-Sonderberichterstatter für Folter gewarnt hat, wäre er faktisch zu Tode gefoltert worden. Ein Großteil dieser Folter hätte im Krankenflügel eines Gefängnisses unter der Aufsicht von Ärzten stattgefunden. Der Berufsstand der Mediziner darf bei Folter nicht untätig zusehen und auf der falschen Seite der Geschichte stehen, wenn es zu einer solchen Verzerrung kommt.“

Am Montag schickten Doctors for Assange Kopien ihres Briefs an die britische Innenministerin Priti Patel und die australische Außenministerin Marise Payne: „Assanges Menschenrechte auf Gesundheitsversorgung und Freiheit von Folter müssen verteidigt werden. Wir rufen Sie dazu auf, in dieser späten Stunde entschieden zu handeln.“

Ihr Brief im Lancet endet mit der Erklärung: „Unsere Forderung ist einfach: Wir rufen die Regierungen auf, die Folter Assanges zu beenden und sicherzustellen, dass er Zugang zu der besten verfügbaren Gesundheitsversorgung hat, bevor es zu spät ist. Unsere Forderung an Andere lautet: Unterstützt uns bitte.“

 

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