Zum 200. Geburtstag von Theodor Fontane

Teil 3: Autor realistischer Gesellschaftsromane

Von Sybille Fuchs
8. Februar 2020

Buchbesprechung: Iwan-Michelangelo D´Aprile, Fontane Ein Jahrhundert in Bewegung, Rowohlt Verlag 2019, 544 S.

Endlich konnte Fontane, mittlerweile 60 Jahre alt, mit der Romanproduktion beginnen, in die er letztlich all seine Erfahrungen als Journalist, passionierter Zeitungsleser, als Reisender und Teilnehmer an den Diskursen in literarischen Zirkeln einbringen konnte. D´Aprile beschreibt anschaulich, wie Fontane seinen „Romanschriftseller-Laden“ mit zahlreichen Notizbüchern, Zettelkästen unter tätiger Mithilfe von Ehefrau und Kindern systematisch aufbaut. Er sammelt interessante Notizen und Nachrichten über das Berliner Wissenschafts-, Kultur- und Theaterleben und entwickelt daraus seine Romanentwürfe, die er in der Regel erst vervollständigt, wenn er einen Abnehmer dafür gefunden hat.

Theodor Fontane an seinem Schreibtisch, 1896

Letzteres war keineswegs ein Selbstläufer. Buchverlage waren sehr zögerlich bei der Annahme. Die meisten seiner Romane und Novellen kann er, wenn überhaupt, nur in Zeitschriften als Fortsetzungsromane unterbringen. Und auch dies ist recht schwierig, weil die populären Blätter mit hohen Auflagen, wie die Gartenlaube, nur Geschichten nach einem festgelegten Muster annehmen. Sie müssen Liebesabenteuer, dürfen aber keine zu erotischen Andeutungen enthalten, Ehebruch und Suizid sind tabu und die Liebesgeschichten müssen gut ausgehen.

Bei Fontane gibt es Liebe, Ehebruch, Herz und Schmerz, aber immer auch einen gesellschaftlichen Hintergrund, der gewissermaßen die Hauptrolle spielt. Gesellschaftskritik in Romanform, wie sie Fontane vorschwebt, ist vor allem in den Familienblättern, den damals wichtigsten Publikationsorganen für ein breiteres Publikum, nicht gefragt. Was er schreibt, entspricht eher dem Gegenteil des Gartenlaube-Schemas. Dennoch gelingt es ihm – nicht ohne Mühe und Trickserei – in den Jahren seiner Tätigkeit als Romanautor 17 Romane in diversen Zeitschriften mit unterschiedlichem Erfolg und Honorar zu veröffentlichen. In Buchform erscheinen sie immer erst im Nachhinein und mit erheblich geringerer Vergütung. Dazu kommen die beiden autobiografischen Schriften.

Mit seinem ersten Roman, mit dem Fontane an seine „Wanderungen“ anknüpfen möchte, hofft er auf ein an preußisch-brandenburgischer, „vaterländischer“ Geschichte interessiertes Publikum. Es ist der historisch-zeitgeschichtliche Roman „Vor dem Sturm“, der um die Zeit der napoleonischen Kriege 1813 spielt. Er ist ausgesprochen handlungsarm und besteht hauptsächlich aus Gesprächen der um die hundert Personen. Von Kriegs- und Schlachtendarstellungen, „diesem ganzen patriotischen Krempel“, hatte Fontane genug, entsprechend friedlich fällt die Handlung aus. Die wenigen Leser von „Vor dem Sturm“, die womöglich dramatische und kriegerische Beschreibungen der antinapoleonischen Kriege erwarteten, waren meist ziemlich enttäuscht. Jedenfalls erleichterte dieser Einstieg es Fontane nicht gerade, seine weiteren Projekte zu vermarkten.

Auch sein zweiter Roman „Schach von Wuthenow“ spielt nicht in der Gegenwart sondern in den 1840er Jahren. Dennoch handelt es sich um einen auch zu Fontanes Zeiten noch durchaus aktuellen Konflikt um gesellschaftliche Konventionen und Fragen der „Ehre“, der tragisch endet. Er greift darin eine authentische Geschichte auf und ändert die Namen der Protagonisten und Protagnistinnen nur jeweils um einen Buchstaben.

Schach – die historische Figur hieß Schack – schwängert die Tochter einer Witwe, die einen beliebten Salon führt. Da das Gesicht der ehemals für ihre Schönheit berühmten jungen Frau infolge einer Pockenkrankheit entstellt ist, wird er von seinen Regimentskameraden durch in Umlauf gebrachte Karikaturen verspottet, zumal er zunächst ein Auge auf die schöne Mutter geworfen hatte. So entschließt er sich, vom Königshaus unter Druck gesetzt, die Schwangere zu heiraten. Er verabschiedet sich mit dem Versprechen einer Hochzeitsreise von der Braut, erschießt sich aber unmittelbar danach in seiner Kutsche.

Notizbuch Fontanes (Miriam Guterland CC-BY-SA 4.0)

Die nächsten Romane spielen eher in Fontanes unmittelbarer Gegenwart, die meisten davon ganz oder zu großen Teilen in Berlin, der aufstrebenden Hauptstadt des deutschen Kaiserreichs. Dabei liefert ihm das gründerzeitliche Berlin aktuelle Stoffe gleichsam frei Haus. Immer wieder macht er sich Zeitungsnotizen über zeittypische Konflikte, gesellschaftlichen Klatsch, Kriminalfälle, Gerüchte usw. zunutze.

Auch bei Fontane geht es um Liebe „soviel wie möglich, aber auch so dünn wie möglich“, schreibt er an den Verleger von Westermanns Monatsheften. In der Regel handelt es sich um Beziehungen, die an Klassenschranken oder Konventionen scheitern. „Der Gesellschaftszustand, das Sittenbildliche, das versteckt und gefährlich Politische, das diese Dinge haben … das ist es, was mich so sehr daran interessiert.“ (S. 346) Das gilt auch für Fontanes Kriminalromane „Unterm Birnbaum“ und „Quitt“, die nicht nur spannend zu lesen sind, sondern auch viel Zeitgeschichtliches enthalten.

„Quitt“ entsprach eigentlich ganz und gar nicht dem gewünschten Schema der Gartenlaube, die ihn dennoch abdruckte. Dabei handelt es sich um die Geschichte des jungen Stellmachers Lehnert Menz, der liberale Blätter liest und unter seinen Freunden und Bekannten für Demokratie und Gleichheit wirbt, die er in Amerika verwirklicht glaubt. Er lebt in ständigen Auseinandersetzungen mit seinem Nachbarn, dem gräflichen erzkonservativen Förster Opitz. Dieser verkörpert für ihn den preußischen Obrigkeitsstaat. Opitz hatte ihn bereits in seiner Militärzeit übervorteilt und diskriminiert. Er schikaniert Menz ständig weiter, weil der ihm angeblich die ihm zustehende Ehrerbietung schuldig bleibt und immer wieder wildert. Eines Tages erschießt Menz ihn voller Wut.

Als sich die Schlinge der Strafverfolger um ihn zu schließen droht, flieht er in sein Traumland Amerika. Dort wird er in einer deutschstämmigen Mennonitengemeinde aufgenommen, in der auch der ehemalige Pariser Communarde Camille L’Hermite lebt, mit dem er Freundschaft schließt. Kurz vor seiner Hochzeit mit der Tochter des Gemeindeoberhaupts sucht er in der Wildnis nach dessen bei einer Jagd vermisstem Sohn. Er verunglückt und verblutet ähnlich wie der von ihm ermordete Förster und hinterlässt einen Zettel, auf dem er mitteilt, dass er jetzt für seine Tat gesühnt habe. Jetzt sei er mit Opitz „quitt“.

Titelblatt der ersten Buchausgabe von Effi Briest

Gerade das „versteckte Gefährlich-Politische“ ist es, was Fontanes Romane immer noch spannend und auch für heutige Leser interessant macht. Auch wenn sich die Gesellschaft ziemlich gewandelt hat und die Spannungen heute, in der Phase des kapitalistischen Niedergangs zum Teil zwischen anderen Schichten verlaufen, sind es immer noch die Klassenschranken und die gesellschaftliche Ungleichheit, die Menschen ausgrenzen, ihnen jede sinnvolle und gut bezahlte Tätigkeit im Leben unmöglich machen und Konflikte und Verzweiflung erzeugen.

Es würde zu weit führen, in diesem Rahmen die einzelnen Romane Fontanes vorzustellen. Aber allein die Tatsache, dass Fontanes Romane bis heute immer wieder erfolgreich verfilmt worden sind, spricht dafür, dass sie heutigen Lesern durchaus einiges zu sagen haben. Sicher duelliert man sich heute nicht mehr, aber dass Frauen oder Männer unter Trennungen, menschlicher und gesellschaftlicher Kälte leiden, ihnen wie Effi Briest ihre Kinder durch Gerichtsurteile oder Behörden entzogen und entfremdet werden, all das gibt es immer noch. Fontanes Menschen sind in dem Sinne nicht nur Kinder ihrer Zeit, sondern moderne Menschen.

Fontane und der Antisemitismus

Auch wenn Fontane sich einen großen Teil seines Lebens beim preußischen Staat verdingt hat, ist er doch nie in den Hurrapatriotismus verfallen oder hat den Militarismus verherrlicht. Im Gegenteil, im Alter wurde er dem Bismarck- und Kaiserreich gegenüber immer kritischer. Das heißt aber nicht, dass seine Ansichten ohne Widersprüche waren. Auch wenn Fontane nie einen so ausdrücklich gegen Juden gerichteten Roman geschrieben hat wie Gustav Freytags „Soll und Haben“, lassen sich bei ihm antijüdische Bemerkungen finden.

In den letzten Jahren wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Fontane sich in seinen Briefen wiederholt antisemitisch geäußert habe. Das ist nicht zu bestreiten. In einem Brief, den Fontane an den Philosophen Friedrich Paulsen schrieb, stellt er z. B. eine Unvereinbarkeit zwischen Deutschen und Juden fest. Die Juden seien, so erklärt er, „ein schreckliches Volk“, das sich mit der „arischen Welt nun mal nicht vertragen kann“ (12. Mai 1898).

Ambivalent ist wohl auch sein Gelegenheitsgedicht zu seinem 75. Geburtstag einzuschätzen, obwohl es von seinen jüdischen Gästen mit Beifall bedacht wurde. Er beklagt darin ironisch-sarkastisch, dass der märkische Adel, „die Stechows, Bredows, Quitzows, Rochows und Itzenplitze“ nicht zum Gratulieren erschienen seien. Anders dagegen die Vertreter des „prähistorischen Adels“, wie er die Juden nannte. „Die Pollocks, die Mayers und Isaaks sowie diejenigen, deren Namen mit ‘-berg’ oder ‘-heim’ enden.“ Sie erschienen, wie es in dem Gedicht heißt, in Scharen. „Alle haben sie mich gelesen, Alle kannten mich lange schon,/ Und das ist die Hauptsache ... kommen Sie, Cohn!“ Friedrich Cohn war der Geschäftspartner im Verlag von Fontanes Sohn Friedrich. Er gehörte zu den jüdischen Bekannten, die Fontane sehr schätzte.

Wie D´Aprile schreibt, verwiesen die inkriminierten Zitate aus Fontanes Briefen aber „weniger auf seine besonders exponierte Stellung als Antisemit, sondern eher darauf, wie weit verbreitet und allgegenwärtig antisemitische Vorurteile, Ressentiments und Stereotypen waren. Diese konnten von den alten Herrschaftseliten in der Auseinandersetzung um Demokratie, Liberalisierung und Nationalstaatsbildung seit der napoleonischen Zeit über die 1848er Revolution bis hin zu den Sozialistengesetzen immer wieder politisch instrumentalisiert und geschürt werden.“ (S. 448) Er weist dann auf die Untergangsszenarien von einer jüdischen Weltverschwörung hin, die Fontanes Kreuzzeitungskollegen George Hesekiel und Hermann Goedschen in ihren Sensationsromanen verbreiteten. Sie fantasierten von einer Übernahme Berlins durch die Juden. (S. 449)

Ganz anders geartet ist Fontanes prinzipielles Eintreten für den Kollegen Paul Marx, der von der liberalen Vossischen Zeitung seiner jüdischen Herkunft wegen entlassen wird. Fontane engagiert sich zusammen mit seinen Freunden und Bekannten von der Freien Bühne, wie Paul Schlenther und Otto Brahm, für Marx, der sich vor Gericht gegen die Entlassung wehrt. Auch Franz Mehring schreibt im Januar 1892 in der Neuen Zeit über den Fall Marx einen langen Leitartikel, in dem er die Vossische Zeitung und deren Herausgeber geißelt – übrigens einen Enkel des Bruders der Aufklärers und Verfechters religiöser Toleranz Gotthold Ephraim Lessing. Mehring zieht in dem Artikel zugleich gegen den Widersinn des Antisemitismus zu Felde.

Als Fontanes „letztes geschriebenes Wort gilt eine Randnotiz auf der Abendausgabe der Vossischen Zeitung vom 20. September 1898, mit der er einen kritischen Artikel gegen die antisemitische Verleumdungskampagne französischer Adels- und Militärkreise gegen Alfred Dreyfus mit dem Prädikat ‘Ausgezeichnet!’ kommentiert hat“. (S.424)

Fontanes Stechlin

Fontanes letztes Werk „Stechlin“, dessen Veröffentlichung in Buchform er nicht mehr erlebte, hat er selbst als „politischen Roman“ bezeichnet. Er hat von 1895 bis kurz vor seinem Tod daran gearbeitet. Er versucht in gewisser Weise darin eine Synthese der beiden Welten, in denen er sich bewegt und die er immer wieder dargestellt hat: Die Krisen und Umbrüche des ländlichen Adels und der Landbevölkerung auf der einen und die großstädtische Gesellschaft Berlins auf der anderen Seite.

Theodor Fontane 1897, Portrait von Hanns Fechner

Er beginnt den Roman mit der Beschreibung der geheimnisvollen Eigenschaft des Sees Stechlin in der Grafschaft Ruppin, an dem sich das Schloss des alten Dubslaw Stechlin befindet. Er liege still da, doch „von Zeit zu Zeit wird es an ebendieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit draußen in der Welt sei´s auf Island, sei´s auf Java zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der Hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich´s auch hier und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe.“ Mit diesem genialen Bild deutet Fontane an, wie sich im Lokalen die explosiven und revolutionären Veränderungen der weltweiten Gesellschaft widerspiegeln und gleichsam die Globalisierung der kapitalistischen Welt ausdrücken, die in den Gesprächen und Plaudereien seiner Protagonisten über scheinbar unbedeutende Ereignisse aufscheint.

D`Aprile beschreibt den „Stechlin“ so: „Ein ‘politischer Roman’ in dem Sinn, dass es keine nennenswerte Handlung gibt, sondern stattdessen die Spannungsverhältnisse von Altem und Neuem, Traditionellem und Modernem, Lokalem und Globalem, Provinz und Metropole, Nähe und Ferne, Enge und Weite selbst zum zentralen Gegenstand des Romans werden. So entsteht das vielstimmige Epochenbild einer Gesellschaft im Umbruch. Thema des Stechlins sind alle Lebensbereiche – Sozialstruktur, politische Ordnung, Moralvorstellungen, Sprache, Kleidung, Geschlechterverhältnisse, Alltagsleben und ästhetische Standards – und selbst die hintersten ‘Waldwinkel’ der Provinz tangierenden beschleunigten Prozesse des sozialen Wandels.“ (S. 425f)

Um alle vorkommenden Anspielungen zu verstehen, müsste der moderne Leser am besten Folianten, Digitalisate oder Mikrofiche zeitgenössischer Zeitungen, bzw. ausführliche Chroniken der Zeit danebenliegen haben. Einen Großteil dieser Arbeit nimmt uns D´Aprile mit seinem Fontane-Buch ab, indem er uns gleichzeitig mit der Biografie viele der politischen Ereignisse und Umbrüche erklärt, die das Leben dieses Autors bestimmt haben und auf die er reagierte.

Es geht sowohl um Weltereignisse, die im „Stechlin“ kommentiert werden, als auch aktuelle politische Berliner Debatten, wie z. B. die „Umsturzvorlage“, mit der der Kaiser am liebsten die Sozialistengesetze Bismarcks wieder in Kraft gesetzt hätte, um die erstarkende Sozialdemokratie zu unterdrücken, ein Vorhaben, das er jedoch im Parlament nicht durchsetzen konnte.

Auch die in den Seiten „Vermischtes“ oder auf Reklame- und Anzeigenseiten der Presse vorkommenden Ereignisse werden im Roman ebenso besprochen wie technologische Neuerungen. Telefon und Telegraphie. Neue Verkehrsmittel werden mit den alten langsamen Kommunikations- und Fortbewegungsmöglichkeiten kontrastiert, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse werden auf den Menschen übertragen und in medizinischen Behandlungsmethoden erprobt. Die gleichsam erstarrte Vergangenheit drückt sich in den verfallenden Mauern des Klosters Wutz und seinen Bewohnerinnen aus, während der Graf Barby oder der Journalist Doktor Pusch die „weltpolitischen Herausforderungen“ erklären. D´Aprile konstatiert: „Ganze Figurengruppen repräsentieren die durch die Weltvernetzung entstehende Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.“ (S. 430)

All das wird im Bild des seismographischen Sees gefasst und spiegelt sich in den Gesprächen, Beziehungen und Reaktionen der Personen des Romans. „Der ‘Stechlin’ des Titels bezeichnet in diesem Sinne auch den Roman selbst“, schreibt D´Aprile. Er zitiert die Worte von Melusine, eine von Fontanes Lieblingsfiguren, die ein Resumée nicht nur dieses, sondern eines großen Teils von Fontanes Romanwerk überhaupt ausdrücken: „Ich respektiere des Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollten wir eigentlich leben.“ (S. 433)

Ende

 

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