Lehrermangel und Unterrichtsausfall verschärfen soziale Ungleichheit

Von Harold Hambacher
23. Januar 2020

Lehrermangel, zu große Klassen, Unterrichtsausfall und problematische Seiteneinsteigerprogramme – die Lage an den öffentlichen Schulen ist dramatisch. Alle Studien der letzten zwei Jahre belegen, dass die heranwachsende Generation keine qualitativ angemessene Bildung mehr erhält. Verantwortlich sind die Bildungs- und Finanzminister auf Landes- und Bundesebene, die die staatlichen Schulen seit Jahren verkommen lassen, und die Gewerkschaften, die eng mit ihnen zusammenarbeiten und deren Funktionäre oft derselben Partei angehören.

Die aktuelle Pisa-Studie vom Dezember 2019 bescheinigt den deutschen Schulen einen alarmierenden Abstieg bei den zentralen Kompetenzen. Besonders bei den Naturwissenschaften und in der Mathematik seien die Leistungen in auffälliger Weise zurückgefallen. Allerdings lastet die Studie diese Mängel zu Unrecht nur bestimmten Schulformen oder Bildungsbeschäftigten an.

Die Bertelsmann-Stiftung hat in ihrer Studie, die schon im September 2019 herauskam, darauf hingewiesen, dass allein an den Grundschulen in den nächsten fünf Jahren etwa 26.000 ausgebildete Lehrer fehlen werden. Das sind 11.000 fehlende Lehrer mehr, als die Kultusbehörden bisher veranschlagt hatten.

Wie der Lehrerverband schon im Jahr 2018 aufzeigte, fehlen mittlerweile deutschlandweit mindestens 40.000 Lehrkräfte. 30.000 dieser Stellen seien notdürftig mit befristeten Verträgen für Seiteneinsteiger besetzt, doch 10.000 Lehrerstellen sind verwaist. Dies sei der „schlimmste Lehrermangel seit Jahrzehnten“, kommentierte der Präsident des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger im Gespräch mit der Passauer Neuen Presse.

Ein Jahr später, also 2019, erklärt Meidinger, dass die Zahl der weiterhin unbesetzten Stellen noch einmal um 50 % gestiegen sei. Die Wochenzeitung Die Zeit berichtet von einem Anstieg der Schulen aller Schulformen, die regelmäßig nicht ausgebildete Seiteneinsteiger beschäftigen, von 37 % im Vorjahr auf 45 % in 2019.

Um die Löcher zu stopfen, setzen Bildungs- und Finanzpolitiker aller Parteien auf die sogenannten Seiteneinsteigerprogramme. Bewerber ohne pädagogische und ausreichend fachdidaktische Vorbildung werden als Ersatz eingestellt, um die schlimmsten Mängel in der Personalplanung auszugleichen. Die befristet eingestellten Seiteneinsteiger, die sich die nötige Fortbildung neben dem Unterricht aneignen müssen, werden höchst unzureichend bezahlt.

Seiteneinsteiger werden gegenwärtig überproportional in Regionen mit besonders hoher Arbeitslosigkeit oder Migrationsbevölkerung, in Ostdeutschland und in Städten wie Bremen, im Saarland und Berlin, aber auch besonders im Rhein-Ruhrgebiet eingestellt. Die damit geschmälerten Bildungschancen der Schüler aus diesen Regionen verstärken noch einmal die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft, wie auch die neueste Pisa-Studie beweist. Ärmere Regionen haben demnach die „schlechteren“ Schulen mit den „weniger qualifizierten Lehrern“.

Wie sehr die Schulmisere die soziale Ungleichheit verschärft, hat im März letzten Jahres der Verband Bildung und Erziehung (VBE) aufgedeckt. Gestützt auf eine Forsa-Umfrage unter deutschen Schulleitern wies er nach, dass die Politik mit dem vermehrten Einsatz von nicht voll qualifiziertem Personal eine doppelte Abwärtsspirale in Gang gesetzt hat.

Schüler mit besonderem Förderbedarf (z. B. Flüchtlingskinder, Kinder Arbeitsloser oder aus sogenannten „bildungsfernen“ Haushalten, etc.) werden deutlich zu wenig durch voll ausgebildete Lehrer betreut und unterrichtet, was deren Integrations- und Entwicklungschancen eindeutig schmälert. Gleichzeitig fallen immer mehr qualifizierte Lehrer wegen psychischen Erkrankungen auch längerfristig aus, weil sie für Vertretungszwecke und Integrationsaufgaben immer größeren Belastungen ausgesetzt werden.

Laut Lehrerverbandspräsident Meidinger werden zum Beispiel in Berlin schon 70 % aller freiwerdenden Grundschullehrerstellen mit Seiteneinsteigern besetzt. Ähnliche Entwicklungen wie an den Grundschulen gibt es überall im Bundesgebiet, und sie sind auch bei den älteren Schülern im Vormarsch. Doch im Primarbereich wirken sie sich besonders nachhaltig aus. Verantwortlich dafür sind natürlich nicht die Seiteneinsteiger selbst, die genauso darunter leiden wie ihre voll ausgebildeten Kollegen und die Schüler.

Der hessische Rundfunk zeigte vor kurzem an einem Experiment, bei dem eine Radiojournalistin zwölf Wochen lang an einer Wiesbadener Grundschule eine erste und eine vierte Klasse unterrichtete, dass diese Praxis in erster Linie auf Kosten der Kinder geht. „Ausbildung ist wichtig“, sagte die Schulleiterin in dem Film, „aber im Endeffekt sind wir einfach froh, wenn jemand da ist.“ Für die Aushilfslehrerin war es „brutal anstrengend“, wie sie fand. Immer wieder befiel sie „das Gefühl, alleine gelassen zu werden“. Ihr Gehalt für zwölf Unterrichtsstunden pro Woche belief sich brutto auf 1073,- Euro. Netto ergab das für sie knapp 660,- Euro im Monat.

Dies weist schon auf eine wichtige Ursache hin, warum es zu wenig Lehrer gibt: die stagnierenden Gehälter. Denn auch bei Lehrern mit voller Lehramtsbefähigung stagnieren die inflationär bereinigten Nettolöhne, die die Ministerien hinter dem Rücken mit den Gewerkschaften ausgehandelt haben. Zudem werden Lehrergehälter und Löhne angesichts steigender Mietpreise, vor allem in Metropolen wie Berlin, München, Hamburg, Frankfurt etc., noch zusätzlich entwertet.

Die Bezahlung der Grundschullehrer stagniert auf abschreckend niedrigem Niveau. Dazu fehlt es an den meisten Schulen am Geld für dringend benötigte Sozialarbeiter, Bibliothekare und Psychologen, wie auch für moderne Medien, Computertechnologie oder schlicht für das Reinigungs- und Hauswartpersonal. Seit Jahren setzen deshalb viel zu wenig junge Studierende auf eine Karriere als Pädagogen an den staatlichen Schulen.

Stagnierende Löhne sind aber nicht der einzige Grund. Ein weiterer besteht darin, dass es in beinahe allen Kultusministerien eine systematische Planungsverweigerung für den Lehrernachwuchs gibt. In keinem Bundesland (außer in Bayern) gibt es regelmäßig aktualisierte Plandaten für die Lehrerausbildung.

Dies, obwohl zahlreiche soziale Veränderungen neue Anforderungen stellen: Dazu gehören der Zuzug von jungen Arbeitskräften aus ländlichen Regionen Ostdeutschlands in die Großstädte, die innereuropäische Migration von Arbeitssuchenden, ein erhöhtes Geburtenwachstum und auch die nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge. All diese Faktoren erfordern mehr Lehrer, während die Babyboomer unter den jetzigen Lehrkräften gerade in Pension gehen.

All dies kann die Bildungsplaner der Kultusministerkonferenz (KMK) ja nicht völlig überrascht haben. Dennoch herrscht seit Jahren der Rotstift, obwohl streikende Lehrer immer wieder auf die Mängel in der Bildungspolitik und -finanzierung aufmerksam gemacht haben.

Die Schulmisere ist also eindeutig das Ergebnis einer bewussten Politik, der ideologische Konzepte wie die „schwarze Null“ oder das Wirken des ungeregelten „freien Marktes“ zugrunde liegen. Während Großkonzerne und Reiche (deren Kinder Privatschulen besuchen) immer weniger Steuern bezahlen, hat man systematisch dringend benötigte Bildungsausgaben abgewürgt. Das Ergebnis ist eine katastrophale Unterversorgung an ausgebildeten Lehrern, wie auch eine höchst mangelhafte professionelle Förderung für die Schulen.

Verantwortlich dafür sind nicht nur das Bundesbildungs- und die einzelnen Länderschulministerien, unabhängig davon welche Partei gerade den Schul- oder Bildungsminister stellt. Um die Sparprogramme durchzusetzen, arbeiten die Kultusminister aller politischen Couleurs, von der CDU/CSU bis hin zur Linkspartei, eng mit den Gewerkschaften zusammen.

Die Gewerkschaften Verdi und GEW haben seit Jahrzehnten die Bildungs- und Schulpolitik über ihre Tarifvereinbarungen mitgestaltet. Hinter dem Rücken der Lehrer haben sie eine folgenreiche Entwicklung akzeptiert, bei der die Lehrer in vielen Ländern zunächst nicht mehr den Beamtenstatus erhielten. Seither müssen sie sich als angestellte Kräfte teilweise in den Sommerferien sogar arbeitslos melden. Dementsprechend wenig junge Lehrer folgen nach, während die Lücken durch Seiteneinsteiger ohne adäquate Ausbildung gefüllt werden. Die Proteste der Lehrer gegen diese Situation sind in den letzten Jahren ein ums andere Mal ausverkauft worden.

Tatsächlich stellen die oben genannten Zahlen über Lehrermangel und Unterrichtsausfall das Bildungsproblem nur ganz unzureichend dar. Neben dem quantitativen Mangel hat die Unterversorgung eine qualitative Dimension.

Mittlerweile werden bei sehr vielen Schülern die elementaren Fertigkeiten nur noch höchst mangelhaft ausgebildet, oder sie fehlen ganz. Das betrifft so wichtige Fertigkeiten wie das Lesen, verständliches und regelgerechtes Schreiben und korrektes Rechnen, sowie ein systematisches Lernverhalten und grundlegende soziale Einsichten und Verhaltensweisen. Dass der Lehrermangel in den Grundschulen sich negativ auf den ganzen weiteren Bildungs- und Lebensweg der Kinder auswirkt, liegt auf der Hand.

Das veranschaulicht auch ein Online-Interview mit einer pensionierten Grundschullehrerin aus Köln. Im Gespräch mit dem IWD (Publikation des unternehmernahen „Instituts der Deutschen Wirtschaft“) schildert sie die Situation an ihrer Schule. Dort sitzen durchschnittlich 29–30 Kinder in der Klasse, und wie die Lehrerin sagt: „Keine Lehrkraft kann 30 Kinder ausreichend fördern.“ Sie ist wie viele Lehrer überzeugt, dass eine Klassengröße von 15 Schülerinnen und Schülern sinnvoll sei, um auch die vielen sogenannten „verhaltensoriginellen“ Kinder gezielt betreuen zu können.

Unter Annahme fördergerechter Lösungen (insbesondere der Bildung von Kleingruppen) dürfte allein der Bedarf an voll ausgebildeten Grundschullehrern deutschlandweit im Jahr 2025 doppelt so hoch liegen, wie von der Bertelsmann Stiftung angegeben. Das heißt, es fehlen eigentlich über 50.000 Pädagogen allein im Primarbereich. Und an allen Schulformen zusammen beläuft sich der Mangel schon heute insgesamt auf bis zu 80.000 Lehrer.

Die Leidtragenden dieser Situation sind gerade Kinder und Jugendliche aus ärmeren Arbeiterfamilien. Dies ist offensichtlich kein Zufall, sondern gewollte Politik.

Seit Jahrzehnten ist die zunehmende Unterqualifizierung und soziale Ungleichheit von Schulabgängern ein zusätzlicher Hebel für deren Beschäftigung im wachsenden Niedriglohnsektor. Davon profitieren Amazon und Co., wie auch schlecht bezahlte Bereiche der IT-Welt, der Auto- und Stahlindustrie, beim Reinigungspersonal bis hin zu einfachen Hilfstätigkeiten an den Hochschulen. Gesellschaftliche Ungleichheit hat System.

Um die Krise zu überwinden, ist es deshalb notwendig, sich von Verdi und GEW zu lösen und alle Beschäftigten an den Schulen, voll ausgebildete Lehrer wie Seiteneinsteiger, gemeinsam zu organisieren. Um den Kampf gegen die Schulmisere zu führen, müssen die Bildungsbeschäftigten gewerkschaftsunabhängige, schulform- und fachübergreifende Aktionskomitees aufbauen.

 

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