Pianist Igor Levit erhält antisemitische Morddrohungen

Von Marianne Arens
7. Januar 2020
Igor Levit

Im November 2019 erhielt der weltbekannte Pianist Igor Levit eine Mail mit antisemitischen Morddrohungen. Dies hat der Künstler selbst Ende Dezember im Tagesspiegel am Sonntag in einem Gastbeitrag thematisiert. Zwar spielte er sein nächstes Konzert trotz der konkreten Hinweise in den Drohungen, wenn auch unter Sicherheitsvorkehrungen, zu Ende. Doch allein die Tatsache, dass ein jüdischer Pianist nicht ohne Personenschutz auftreten kann, macht das ganze Ausmaß der aktuellen Rechtswende deutlich.

Der 32-jährige Igor Levit wird zu den weltweit größten Pianisten der Gegenwart gezählt. Der vielfache Preisträger und herausragende Beethoven-Interpret ist seit dem 1. Oktober 2019 auch Professor für Klavier an der Hochschule für Musik, Theater und Medien, Hannover (HMTMH). Dort hatte er einst studiert und ist heute ihr jüngster Professor.

Im vergangenen Jahr erschien Igor Levits Gesamteinspielung aller 32 Beethoven-Sonaten bei Sony Classical. Ab heute, 7. Januar 2020, wird er diese Klaviersonaten bei BR-KLASSIK in 32 Podcast-Folgen in Wort und Ton vorstellen. Er werde, wie er sagte, an faszinierenden Beispielen demonstrieren, wie aktuell der vor 250 Jahren geborene Beethoven für unsere heutige Zeit noch sei.

In seinem Gastbeitrag im Tagesspiegel am Sonntag weist Levit darauf hin, dass sich Deutschland „mitten in einer massiven Normverschiebung innerhalb unserer Demokratie“ befinde, „die nicht mehr dieselbe sein wird, wenn wir geschehen lassen, dass Antisemitismus, Rassismus und Frauenhass immer weiter Raum gewinnen“. Es gehe nicht einfach um „Fälle“, sondern „um Opfer, um Täter und ein System! Um systematischen Antisemitismus und Rassismus, um Rechtsextremismus, Terror und völkische Gewalt.“ Und der Staat, fügt er hinzu, „ist auf dem rechten Auge blind.“

Damit macht er deutlich, dass die Rechtswende keineswegs von ein paar muslimischen Einwanderern ausgeht, wie die offizielle Propaganda behauptet, im Gegenteil. Tatsächlich hat der deutsche Staat wieder ein Faschismus-Problem. Die AfD als größte Oppositionspartei im Bundestag, rechtsradikale Hetzjagden in Chemnitz, die NSU-Morde, der Mord an Walter Lübcke, der Anschlag auf die Synagoge in Halle, auch die unaufgeklärten, mit „NSU-2.0“ unterzeichneten Drohungen gegen die Anwältin Seda Başay-Yıldız, sowie das Aberkennen der Gemeinnützigkeit für die VVN (Verein der Verfolgten des Naziregimes) durch das Finanzamt – alles dies weist auf einen tiefbraunen „Staat im Staat“ hin.

Es ist, wie Christoph Vandreier in seinem Buch „Warum sind sie wieder da?“ minutiös aufgezeigt hat: Die Rechtswende ist mit der deutschen Bourgeoisie, ihrem Staat und ihrer Rückkehr zum Militarismus verbunden. Die Herrschenden benötigen und fördern die AfD als starke Partei im Bundestag. Der tiefere Grund liegt in der Tatsache, dass der Kapitalismus „keins der Probleme gelöst [hat], die in den 1930er Jahren in die Katastrophe führten“, wie Vandreier schreibt. „Noch nie war die Kluft zwischen den Klassen so tief wie heute.“

Immer offener treten alte Nazi-Seilschaften und rechte Netzwerke im Staatsapparat, in Militär und Polizei, aber auch in der Politik, in den Medien und an den Hochschulen auf. Professoren wie Jörg Baberowski von der Humboldt-Uni zu Berlin können Sätze wie „Hitler war nicht grausam“ offiziell verkünden. Sie werden (wie Baberowski) von der Bundesregierung gegen Kritik in Schutz genommen und auf der Website der Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) offiziell verteidigt.

Ihre Kritiker dagegen werden, wie die Sozialistische Gleichheitsparti (SGP) in ihrer Klage aufzeigt, vom Verfassungsschutz als „linksextremistisch“ bezeichnet. Das einzige „Verbrechen“ der SGP besteht darin, dass sie für ein sozialistisches Programm eintritt, das sich (so der Verfassungsschutz) „gegen die bestehende, pauschal als ‚Kapitalismus‘ verunglimpfte staatliche und gesellschaftliche Ordnung, gegen die EU, gegen vermeintlichen Nationalismus, Imperialismus und Militarismus“ richtet. Erst kürzlich hat Hans-Georg Maaßen, der frühere Verfassungsschutzpräsident, in einem ZDF-Talk mit Markus Lanz Flüchtlinge aufs Übelste verunglimpft und den Rechtsterrorismus verharmlost.

„Der Tag, an dem Hans-Georg Maaßen egal sein wird, wird ein guter Tag sein“, twitterte der Pianist Levit zu Maaßen. „Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer“, sagte er in Deutschlandfunk-Kultur, „die deutsche Bevölkerung muss verstehen, dass die Rechtsextremen nicht nur – und es klingt furchtbar, ich hasse es, das sagen zu müssen – uns Minderheiten im Visier haben. Nein: die haben alle im Visier, die denen nicht passen. Jeder ist ein potentielles Opfer, jede und jeder. Siehe Lübcke …“

Immer wieder hat sich Levit, der seine Website mit den Worten „Citizen, European, Pianist“ einleitet, für politische Themen engagiert. Er setzt sich gegen Rassismus und Krieg ein, spielt für Flüchtlinge, für die #unteilbar-Demo in Berlin und für Fridays for Future.

In einem Interview betont er, politisiert habe ihn die Griechenland-Krise, und auf seiner Twitter-Seite (die wegen zahlreicher Musik-Ausschnitte sehens- und hörenswert ist) stehen oft ganz nebenbei Sätze wie dieser: „PS: warum nochmal braucht die Welt Millionäre? Warum? Wozu? Für wen?“ Den Vorschlag des CDU-Politikers Carsten Linnemann, Kinder, die kein Deutsch können, nicht einzuschulen, kommentiert er mit dem Satz: „Wo bitteschön habe ich als Kind von russischen Kontingentflüchtlingen Deutsch gelernt, und zwar sehr schnell? Für so was ist Schule doch da.“

Vier Tage nach dem grauenhaften Anschlag von Halle spielte Levit bei einer #unteilbar-Demonstration in Berlin vor der Neuen Synagoge die „Goldbergvariationen“ von Johann Sebastian Bach. Am gleichen Abend wurde ihm der Musikpreis Opus Klassik 2019 verliehen. Er widmete diesen Preis den Opfern von Halle und erklärte: „Nach dem NSU, nach unzähligen Angriffen auf Moscheen, Synagogen, jüdische Friedhöfe, Flüchtlingsheime etc. ist das, was hier passiert, keine Überraschung.“

In der Sendung „Sternstunden“ des Schweizer Fernsehens macht er seine Kritik an der Politik der EU deutlich und nennt in dieser Hinsicht „das Nichtvorhandensein einer Klimapolitik, das Abstürzen demokratischer Werte und die albtraumhafte Migrationspolitik“. Das Preisgeld einer andern Auszeichnung, des Internationalen Beethovenpreises, in Höhe von 10.000 Euro spendete er der Organisation HateAid für ihren Kampf gegen Hass und Hetze im Netz.

Dass er selbst antisemitische Drohungen erhalten hat, das hat Levit damals nicht an die große Glocke gehängt. Auf seinem Twitter-Account ist lediglich eine Notiz vom 2. November zu finden, wo er ironisch schreibt: „Hey Twitternazis, ihr habt recht: meine Karriere hab ich ausschließlich einer mächtigen jüdischen Weltlobby zu verdanken, die alle Fäden zieht …“ Bei anderer Gelegenheit betonte Levit, dass Hasstiraden gegen ihn, etwa auf Twitter, ihn höchstens abhärteten und ihn nur noch aktiver machten. In seinem Gastbeitrag im Tagesspiegel am Sonntag betont er: „Habe ich Angst? Ja, aber nicht um mich, sondern um dieses Land. Mein Land. Unser Land.“

In einer Maybrit-Illner-Sendung „Worte, Wut, Widerspruch – Hass verbieten, Meinung aushalten?“ erwähnte Levit am 14. November nur kurz, dass auch er selbst Hassmails erhalten habe, und betonte dann: „Rassismus ist keine Meinung, es ist eine Einstellung“. Damit trat er auch all denjenigen entgegen, die beispielsweise das Auftreten des AfD-Gründers Bernd Lucke an der Universität Hamburg als „von der Meinungsfreiheit gedeckt“ verteidigten. „Man sollte nicht jede solche [rechte] Einstellung zur Meinung hochstilisieren“, so Levit bei Maybrit Illner. Die AfD führe „eine Art von Krieg gegen den Islam mit denselben Waffen und Worten wie der klassische, moderne Antisemitismus“.

Als Levit Ende Dezember die Morddrohungen gegen sich öffentlich bekanntgab, schlug die CDU Hannover als Antwort darauf vor, eine Städtepartnerschaft mit einer israelischen Stadt einzugehen. Allerdings stammt Levit überhaupt nicht aus Israel, sondern ist im russischen Nishni Nowgorod geboren und seit seinem 8. Lebensjahr in Hannover aufgewachsen.

In seinen Ansichten distanziert er sich konsequent von der Propaganda, wie sie z.B. auch die Bild-Zeitung vertritt, die den Kampf gegen Antisemitismus sofort mit einer Verteidigung Israels gleichsetzt. In einem Twitter-Kommentar von Levit steht: „[M]ich ekelt es an, als Juden und als Bürger, wie Teile der Springer-Welt subtil und weniger subtil versuchen, ihren Kampf gegen Antisemitismus zu verbinden mit ihrer eigenen Islamophobie. Nee Leute, ich spiele nicht in eurem Team. Ihr sprecht nicht in meinem Namen.“

 

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