Australien: Nach einem verheerenden Wochenende drohen weitere wochenlange Buschbrände

Von James Cogan
7. Januar 2020

Am letzten Wochenende haben extreme Hitze und Winde die Feuer weiter angefacht, die seit September in immer größeren Teilen Australiens wüten. Zuletzt besonders betroffen waren der Südosten des Kontinents, u.a. der Distrikt Gippsland und der Nordosten des Bundesstaats Victoria, die Südküste, die Southern Highlands und die Snowy Mountains von New South Wales, wie auch Kangaroo Island vor der südaustralischen Küste.

Zehntausende mussten vor den tobenden Großbränden in Notfallzentren oder an die Küste flüchten, während sich erschöpfte Feuerwehrmannschaften darauf beschränkten, die Wohnhäuser vor den unberechenbaren Feuern zu retten. Die Buschbrände sind so heftig, dass sie ihr eigenes Wetter erzeugen. Gemeinden im Inland und Küstenstädte, die als Sommerurlaubsorte oder produktive Agrarregionen bekannt sind, waren zeitweise völlig isoliert, weil die Straßen versperrt und die Strom- und Handynetze zusammengebrochen waren.

In New South Wales (NSW) erklärte der Leiter der Rural Fire Services (RFS), Shane Fitzsimmons, am Sonntagabend, es habe „große Schäden und Zerstörungen“ gegeben. Er erklärte, mindestens 60 Wohnhäuser seien zerstört, allerdings könnte diese Zahl am Wochenende dreistellig werden. In Victoria wurden mindestens 110 Wohnhäuser zerstört, diese Zahl wird jedoch vermutlich ebenfalls in die Höhe schießen, wenn in den derzeit unerreichbaren Gebieten Schadenseinschätzungen gemacht werden.

Lake Conjola, Australien, 2. Januar: Boote werden an Land gezogen, im Hintergrund der Rauch der lodernden Buschbrände (Robert Oerlemans via AP)

Die Zahl der Todesopfer durch die lange Feuersaison 2019–2020 liegt derzeit bei 24. Zwei Personen wurden auf Kangaroo Island getötet, eine weitere am Wochenende bei Löscharbeiten in NSW. Mindestens 1.600 Wohnhäuser wurden zerstört, dazu kommen Hunderte von Farmgebäuden und Fahrzeugen. Laut dem Dachverband australischer Versicherungen sind bei den Mitgliedsorganisationen bisher 5.850 Ansprüche wegen Buschbränden im Wert von insgesamt 375 Millionen Dollar eingegangen. Die Versicherungen rechnen mit Tausenden weiteren Ansprüchen. Vermutlich wird auch die Zahl der getöteten Nutztiere in mehreren von Buschbrand betroffenen Agrarregionen sehr hoch sein.

Bisher wurden etwa sieben Millionen Hektar Buschland durch Brände zerstört, und die heißesten Sommermonate der Brandsaison stehen erst noch bevor. Im Vergleich dazu wurde bei den Bränden am Amazonas Mitte 2019 etwa eine Million Hektar zerstört. Bei den Waldbränden in Kalifornien im Jahr 2018 waren es etwa 765.000 Hektar, bei denen im Jahr 2019 etwa 105.000 Hektar.

Zu Beginn der Woche haben sich die Bedingungen leicht entspannt. Die Temperaturen sind etwas gesunken, und in einigen Gebieten ist etwas Regen gefallen, allerdings viel zu wenig, um die Brände zu löschen. Zum Ende der Woche werden Hitze und Winde jedoch wieder heftiger werden. Der Chef der Notfallmanagementbehörde von Victoria, Andrew Crisp, erklärte am Sonntag gegenüber Journalisten ganz offen, dass die Feuer „wieder schlimmer werden“.

Aufgrund der schieren Menge an Rauch, die fast ganz Australien einhüllt, atmet ein Großteil der Bevölkerung gesundheitsschädliche Luft. Die Hauptstadt Canberra wurde letzte Woche als die am stärksten verschmutzte Stadt der Erde eingestuft, da der Rauch von Bränden im Norden, Süden und Osten in die Stadt eindringt. Die Regierungsbehörden forderten am Sonntagabend Tausende von öffentlich Beschäftigten schriftlich auf, in den nächsten 48 Stunden zu Hause zu bleiben. Die National Art Gallery und die Universitäten wurden geschlossen.

Die Feuerkrise ist das beispiellose, von der Wissenschaft vorhergesagte Ergebnis der langfristigen Erderwärmung. Der Anstieg der Temperaturen und die damit einhergehenden Klimaveränderung haben im Süden Australiens in den letzten dreißig Jahren für heißeres Klima, geringere Regenmengen und häufige schwere Dürren gesorgt.

Das Jahr 2019 ist in Australien jetzt offiziell das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die zehn heißesten Jahre fielen in den Zeitraum ab 2005. Am Samstag war Penrith, ein nordwestlicher Vorort von Sydney, einer der heißesten Orte der Welt, die Temperaturen lagen bei bis zu 48,9 Grad. Bisher lag der Hitzerekord in dem ausgedehnten Arbeiterviertel bei 47,3 Grad im Jahr 2018.

Die immer stärkeren Auswirkungen von Hitze, Dürre und Bränden im Süden Australiens sind nur ein Teil der Veränderungen, die auf die Erderwärmung zurückzuführen sind. Im tropischen Norden des Landes bereiten sich die Kommunen erneut auf eine katastrophale Regensaison vor. Diese wird Regenfälle von historischem Ausmaß sowie größere, intensivere und noch verheerendere Wirbelstürme mit sich bringen. Die Überschwemmungen im Norden von Queensland im Januar und Februar 2019 waren die schlimmsten je dokumentierten.

In der breiten Bevölkerung zeichnet sich ein deutlich erkennbarer Sinneswandel bezüglich der Parteien und Institutionen ab, die die Realität des Klimawandels verharmlost oder geleugnet haben. Eine Regierung nach der anderen, egal ob konservativ oder Labor, haben auf die immer eindringlicheren Warnungen der Experten, die verstärkte Vorbereitungen forderten, mit Gleichgültigkeit und Untätigkeit reagiert. Da sie die Interessen der australischen kapitalistischen Elite vertreten, haben sie alles getan, um die Profite der Konzerne aus dem Einsatz fossiler Brennstoffe zu verteidigen. Gleichzeitig sind sie fast jeder Forderung der Reichen nach Steuersenkungen nachgekommen. Immense Mittel wurden für den Aufbau des Militärs aufgewandt, während sie sich nicht einmal mehr den Anschein gaben, eine internationale Zusammenarbeit zur Eindämmung der Erderwärmung anzustreben.

Momentan richtet sich die wachsende Wut der Bevölkerung gegen den australischen Premierminister Scott Morrison und seine konservative liberal-nationale Koalitionsregierung. Noch im Dezember erklärten Morrison und seine Kabinettsmitglieder, es gebe „keinen Grund für Besorgnis“. In Australien habe es schließlich schon immer Buschbrände gegeben. Während das Land schon brannte, flog Morrison nach Hawaii in den Urlaub. Der Vorsitzende der National Party und stellvertretende Premierminister, Michael McCormack, bezeichnete diejenigen, die auf einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen und dem Klimawandel hinwiesen, als „Innenstadt-Spinner“.

Morrison verbrachte das Wochenende mit Versuchen, das Gesicht zu wahren und die Kritik an seiner Regierung zu entkräften. Am Samstag kündigte er die größte Einberufung von Militärreservisten an – etwa 3.000 Mann, die die Feuerwehren (RFS) unterstützen sollen. Die Entscheidung löste einen öffentlich Ausbruch von Frustration beim RFS-Chef von New South Wales, Fitzsimmons, aus, der erst aus den Medien davon erfahren hatte. Er musste Personal abstellen, um überhaupt festzustellen, welche Art von Militärpersonal da mobilisiert werden sollte, und ob sie überhaupt eine Hilfe sein würden.

Die Mobilmachung des Militärs hat außerdem gezeigt, wie sehr der zivilen Feuerwehr und dem Gesundheits- und anderen Diensten die notwendigen Mittel, die Ausrüstung und das Personal fehlen, weil sie bisher systematisch verweigert worden sind. Für Kriegsvorbereitung werden Milliarden ausgegeben, aber bei den lebenswichtigen Behörden fehlt es an allem.

Im April 2019 erhielt die Morrison-Regierung einen Brief von 23 ehemaligen hohen Feuerwehr- und Rettungsdienstbeamten, die vor einer bevorstehenden katastrophalen Feuersaison warnten. Sie forderten einen nationalen Gipfel, um sich darauf vorzubereiten und die dringendsten Maßnahmen zu beschließen, zum Beispiel den Ankauf neuer Feuerlöschflugzeuge, die bis zum Beginn der Brandsaison einsatzbereit hätten sein müssen.

Obwohl Australien der Kontinent mit dem größten Feuerrisiko ist, besitzt es keine eigene nationale, von Fachkräften geführte Flotte von Löschflugzeugen und Hubschraubern. Stattdessen muss das National Aerial Firefighting Centre (NAFC), die gemeinsame bundesstaatliche und nationale Regierungsbehörde, Flugzeuge von Privatunternehmen mieten, hauptsächlich aus den USA, sofern sie überhaupt verfügbar und bezahlbar sind. Das NAFC fordert schon seit mindestens 2016 eine finanzielle Aufstockung an, hat jedoch nur geringe zusätzliche Mittel erhalten.

Die staatlichen Einrichtungen, die für die Brandbekämpfung außerhalb der Metropolregionen verantwortlich sind, bestehen größtenteils aus Freiwilligen. Wie die letzten Tage erneut gezeigt haben, sind kommunale Feuerwehreinheiten unverzichtbar, die gründlich mit dem Gelände und den Brandbedingungen vertraut sind, aber der RFS in New South Wales und der Country Fire Authority (CFA) in Victoria fehlt es an ausreichend Personal und Ausrüstung.

Die Gleichgültigkeit, welche die Morrison-Regierung den Buschbränden und ihren Opfern gegenüber an den Tag legt, ist nur der deutlichste Ausdruck der Haltung des gesamten politischen Establishments, einschließlich der oppositionellen Labor Party. Regierungen auf bundesstaatlicher und nationaler Ebene, egal ob Labor oder liberal, sind dafür verantwortlich, dass nicht genug Geld für Feuerwehren vorhanden ist und dass keine Katastrophenplanung durchgeführt wurde. Wie die Regierungen auf der ganzen Welt sind sie außerdem für den Klimawandel verantwortlich, der entscheidend zu den Bedingungen für die großen Buschbrände beigetragen hat.

Alle diese Regierungen verteidigen das kapitalistische System, das die Profite höher bewertet als die Menschenleben und das Wohlergehen der arbeitenden Bevölkerung. Nur eine internationale und unabhängige Bewegung der Arbeiterklasse kann den Sozialismus schaffen und die immensen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Veränderungen im Weltmaßstab herbeiführen, die nötig sind, um adäquat auf den Klimawandel zu reagieren.

 

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