Australien: Herrschende Klasse ohne Antworten auf katastrophale Buschbrände

Von James Cogan
6. Januar 2020

Momentan wüten in einem Großteil von Australien katastrophale Brände, vom Südwesten des Bundesstaates Western Australia, über South Australia, Victoria, den Inselstaat Tasmanien und New South Wales (NSW) bis in den Südosten von Queensland und auf einem Teil des tropischen Nordens. Eine weitere brutale Hitzewelle sucht den ganzen Kontinent heim.

Die Temperaturen werden möglicherweise die historischen Höchstwerte überschreiten, die erst vor wenigen Wochen erreicht worden sind. Vermutlich werden weitere Brände ausbrechen, während starke Winde die bereits bestehenden Brände weiter anfachen. Am Freitag wurden Hunderttausende Menschen aufgefordert, die am stärksten bedrohten Gebiete zu verlassen.

Buschbrände und dichte Rauchsäulen im australischen Bairnsdale (Glen Morey via AP)

Die Lage in NSW ist katastrophal, und die Buschbrände ziehen sich über die ganze Länge des Bundesstaates hinweg. Der stellvertretende Chef des Rural Fire Service (RFS), der größtenteils aus Freiwilligen besteht, fasste die Situation bei einer Pressekonferenz mit den Worten zusammen: „Wir können diese Brände nicht löschen. Die bereits bestehenden Brände können wir nicht löschen.“

Die sich anbahnende Katastrophe hat die Regierung Scott Morrison, eine Koalition aus Liberal und National Party, völlig diskreditiert. Diese hatte noch vor ein paar Monaten geprahlt, sie werde es nicht zulassen, dass Australien mehr zur Reduzierung der CO2-Emissionen tun müsse.

Im September warf Morrison der jungen Klimaaktivistin Greta Thunberg und ihrer Protestbewegung vor, sie würden „die Kinder in unserem Land verängstigen“. Noch während die Brände immer schlimmer wurden, leugnete er weiterhin den unbestreitbaren Zusammenhang zwischen der langfristigen Erderwärmung und der deutlich gestiegenen Brandgefahr im Land. (Siehe auch: „Australia. Climate change and the bushfire crisis“)

Allerdings beschränkt sich die Wut nicht auf Morrison und seine Regierung. Die oppositionelle Labor Party war in den vergangenen 37 Jahren 19 Jahre lang an der Macht und hat trotz aller Warnungen von Wissenschaftlern ebenfalls versucht, im Interesse der Geschäfte und Konzernprofite jeden Kampf gegen den Klimawandel zu verzögern oder abzublocken. In den Bundesstaaten haben sowohl die Koalition als auch Labor zugelassen, dass die Feuerwehren nahezu ausschließlich aus Freiwilligen bestehen; sie haben ihnen die Mittel gekürzt und die notwendige deutliche Aufstockung der Ausrüstung verweigert.

Auf allen Ebenen konzentriert sich die Regierungspolitik seit Jahren darauf, die Steuern für Konzerne und Reiche zu senken, die Löhne und Arbeitsbedingungen zu verschlechtern, Spekulationen auf den Aktien- und Immobilienmärkten zu fördern und jede Einschränkungen der Profite aus dem Weg zu schaffen. Um neue Konflikte und Kriege vorzubereiten, werden die Militärausgaben erhöht und die Ausgaben für wichtige Gesundheits- und Rettungsdienste zusammengestrichen. Diese kriminelle Gleichgültigkeit der australischen herrschenden Elite den Gefahren des Klimawandels gegenüber findet ihre Parallelen auf der ganzen Welt.

Der ehemalige Chef der Feuerwehr- und Rettungsdienste von NSW, Greg Mullings, erhob vor kurzem in einem Interview mit der Australian Broadcasting Corporation (ABC) eine vernichtende Anklage gegen Morrison und die Bundesstaatsbehörden.

Er erkläre: „Wir haben seit April versucht, ein Treffen mit dem Premierminister zu bekommen …Wir hatten ein paar einfache Fragen, über die wir mit der Regierung reden wollten. Gelder für große Löschflugzeuge. Die Leute haben kurz zuvor die Bilder gesehen, wie das Hercules-Flugzeug ankommt und 15.000 Liter Löschmittel über Turramurra abwirft. Das Feuer war sofort aus. Ich habe das mit großem Interesse beobachtet, weil ich hier 1994 für die Brandbekämpfung zuständig war, als 17 Häuser zerstört wurden. Wir sollen in diesem Jahr nur sieben Stück von diesen Flugzeugen bekommen. Ich bin gerade aus Kalifornien zurück, und da haben 30 Flugzeuge ein einziges Feuer bekämpft.“

Weiter erkläre Mullins: „Es war klar, dass diese Brandsaison schrecklich werden würde. Sie [die Flugzeuge] könnten eine entscheidende Waffe sein. Wenn sie [die Regierung] damals mit uns gesprochen hätte, dann hätte sie vielleicht mehr Geld für diese Flugzeuge bereitgestellt. Aber das hat sie nicht, und heute sind sie wahrscheinlich kaum zu kriegen.“

Seit Beginn dieser beispiellosen Brandsaison im September wurden alleine in NSW bereits bis zu fünf Millionen Hektar Land zerstört. In den ersten vier Tagen des neuen Jahres wurden an der Südküste des Bundesstaats schätzungsweise 500 Häuser zerstört, u.a. in der Kleinstadt Cobargo. Dort haben am Donnerstag wütende Einwohner gegen Premierminister Scott Morrison demonstriert.

Mittlerweile sind an der Südküste, dem Nationalpark Mount Kosciuszko, den Snowy Mountains und den Blue Mountains westlich von Sydney Menschenleben und Häuser in Gefahr. Der RFS hat die Warnung herausgegeben, dass der Wind Feuer und Funkenflug begünstigen könnte, was sogar die nordwestlichen Vororte von Sydney gefährdet.

Die Regierung des Bundesstaats Victoria beruft sich auf ihre Notstandsvollmacht, um die Evakuierung von mehr als 100.000 Menschen aus dem Südosten von Gippsland anzuordnen. Das ist die größte Evakuierung von Zivilisten seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Tourismusbehörden bewerben diese Region damit, sie biete „eine Fülle an Wildnis und Wildtieren, großartige Fahrstrecken und kulinarische Köstlichkeiten“ sowie das „größte Seensystem und einen der längsten Strände der südlichen Hemisphäre“. Heute stehen Gippsland und seine Naturschönheiten sowie ein Großteil des östlichen Victoria in Flammen. In der letzten Woche wurden etwa 600.000 Hektar durch Brände zerstört.

Letzte Woche wurden in Gippsland zwei Menschen durch die Buschbrände getötet, 21 weitere werden vermisst. Mehrere Gemeinden an der Küste sind nicht mehr mit Fahrzeugen erreichbar. Am Donnerstag wurde die Marine eingesetzt, um Einwohner und Touristen aus der Stadt Mallacoota zu evakuieren. Dort hatten sich 5.000 Menschen vor einem Feuersturm an den Strand geflüchtet.

Am Freitag wurden zwei Menschen bei Bränden auf der Känguru-Insel vor der Küste von Adelaide in South Australia getötet. Die Insel wird als eine der „großartigsten naturnahen Reiseziele“ beworben. Heute wüten dort „nahezu unaufhaltbare“ Brände, denen 100.000 Hektar Land, d.h. der Großteil des Buschlandes, zum Opfer gefallen sind.

Adelaide, Melbourne, Sydney, Canberra und andere große Bevölkerungszentren sind nach wie vor erneut in Rauch gehüllt und leiden unter „gefährlicher“ Luftqualität. Die Australian Medical Association (AMA) warnte am Freitag: „Die Länge und das Ausmaß der Rauchbelastung ist ein neues und möglicherweise tödliches Gesundheitsrisiko, mit dem viele unserer Mitbürger bisher noch niemals konfrontiert worden sind.“ Chris Moy von der AMA erklärte gegenüber dem Guardian: „Es gibt Menschen, die wegen dieser Bedingungen wahrscheinlich sterben werden.“

Die Brände 2019–2020 haben bisher landesweit nachweislich 24 Todesopfer gefordert und mehr als 1.500 Häuser zerstört. Hunderte von Farmhäusern und anderen Gebäuden gingen in Flammen auf. Die Verluste an landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Tieren sind enorm. Mehr als sechs Millionen Hektar Land sind zerstört. Laut wissenschaftlichen Schätzungen sind den Buschbränden wahrscheinlich mehr als 500 Millionen einheimische Tiere und Vögel zum Opfer gefallen. Und die heißesten Sommermonate, die historisch die schlimmste Zeit der Brandsaison sind, stehen erst noch bevor.

Genau wie bei allen „Naturkatastrophen“ auf der Welt zahlen die Arbeiterklasse und die Armen den höchsten Preis. Zehntausende von Arbeitern in der Agrar- und Tourismusbranche wurden bereits entlassen. Von den extremen Temperaturen und der gesundheitsschädlichen Luft sind am meisten diejenigen mit gesundheitlichen Problemen betroffen, die in armen Vororten der Groß- und Regionalstädte leben. Diese leiden auch normalerweise am stärksten unter der Hitze, während die dortigen Gesundheitsdienste unterbesetzt und unterfinanziert sind.

Die kapitalistische herrschende Klasse und ihr politischer Apparat haben den Folgen der Klimakrise, die durch ihre Gleichgültigkeit und Untätigkeit geschaffen wurde, nichts entgegenzusetzen.

Am Freitag kündigte die Morrison-Regierung die Mobilisierung von einigen Tausend Militärreservisten an – der jüngste und verzweifelte Versuch, den Anschein von Geschäftigkeit zu erwecken. Die Reservisten sind weder für die Brandbekämpfung noch für die Notfallversorgung in zivilen Kommunen ausgebildet.

Der Bankrott des offiziellen Establishments kommt seit einigen Tagen auch in den Äußerungen des Oppositionsführers Anthony Albanese von der Labor Party zum Ausdruck. Er erklärte, die Lage sei ein „nationaler Notstand“, der eine „für das Ausmaß des Notstands angemessene nationale Reaktion“ erfordere. Auf die Frage, wie diese Reaktion aussehen solle, beschränkte sich seine Antwort darauf, Labor werde „zuhören“ und habe eine Politik für die Parlamentswahl 2022 vorbereitet.

Der Klimawandel und seine Folgen sind in der Tat ein globaler Notstand. Diese Tatsache verstehen mittlerweile hunderte Millionen Arbeiter und Jugendliche auf der ganzen Welt. Er erfordert eine globale Reaktion, und diese muss den Zustand beenden, bei dem alle Aspekte des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens dem private Profitstreben einer schmalen kapitalistischen Oberschicht untergeordnet werden.

Die Brandkatastrophe in Australien muss ein weiteres starkes Motiv dafür sein, für den Aufbau einer internationalen unabhängigen Bewegung der Arbeiterklasse zu kämpfen. Sie muss sich über alle Landesgrenzen hinweg zusammenschließen, und ihre Perspektive muss es sein, Arbeiterregierungen zu errichten und weitreichendste sozialistische Maßnahmen umzusetzen.

Die großen Banken und Konzerne, vor allem die großen Energiekonzerne, deren Grundlage fossile Brennstoffe sind, müssen vergesellschaftet und unter demokratische Kontrolle gestellt werden. Ihre Mittel müssen dafür eingesetzt werden, die Gesellschaft auf die zahlreichen absehbaren Folgen der langfristigen Erderwärmung vorzubereiten und gleichzeitig die CO2-Emissionen zu reduzieren und weitere Bedrohungen einzudämmen.

Siehe auch: „Die Buschbrände in Australien und die Notwendigkeit einer entschlossenen Reaktion auf den Klimawandel

 

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